Michel Houellebecq : Karte und Gebiet

Karte und Gebiet
Originalausgabe: La carte et le territoire Flammarion, Paris 2010 Karte und Gebiet Übersetzung: Uli Wittmann DuMont Buchverlag, Köln 2011 ISBN: 978-3-8321-9639-4, 416 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine schöne Russin sorgt dafür, dass Jed Martin als Künstler Karriere macht und viel Geld verdient. Das Vorwort für den Katalog einer Ausstellung soll Michel Houellebecq schreiben. Als Honorar werden 10 000 Euro vereinbart, und Jed schenkt dem Schriftsteller außerdem ein Porträt, das er von ihm gemalt hat. Einige Zeit später wird Houellebecq bestialisch ermordet, und weil danach Jeds Gemälde fehlt, geht die Polizei von einem Kunstraub aus ...
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Kritik

Michel Houellebecq veranschaulicht die Sinnlosigkeit des kapitalistischen Kulturbetriebs. "Karte und Gebiet" ist ein Abgesang auf die Kunst, ein grotesker Künstlerroman. Nach zwei Dritteln mutiert das Buch darüber hinaus zu einer Parodie auf das Genre des Thrillers.
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Jed Martin ist der Sohn des Pariser Bauunternehmers Jean-Pierre Martin und dessen Ehefrau Anne. Die Mutter stammte aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie; ihr Vater betrieb ein kleines Juweliergeschäft in Paris. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren heiratete sie den sieben Jahre älteren Architekten Jean-Pierre Martin. Mit vierzig, kurz vor dem siebten Geburtstag ihres Sohnes, nahm sie sich das Leben [Suizid].

Jean-Pierre Martin hatte ursprünglich künstlerische Pläne, aber dann verlegte er sich aufs Baugeschäft und verdiente mit schlüsselfertig übergebenen Ferienwohnungen beispielsweise in Portugal, auf den Malediven und in der Dominikanischen Republik eine Menge Geld. Um Jed kümmerten sich Kindermädchen, und von der siebten Klasse an lebte er in einem Internat, im Jesuitenkolleg in Rumilly. Später studierte er an der École des Beaux-Arts in Paris. In dieser Zeit hatte er eine erste Geliebte, die Kommilitonin Geneviève, die sich prostituierte, um ihr Studium zu finanzieren.

Seine ersten künstlerischen Arbeiten werden von einem Einfall beherrscht, den er hatte, als er mit seinem Vater zum Begräbnis seiner Großmutter nach Châtelus-le-Marcheix in der Creuse fuhr und unterwegs eine Michelin-Straßenkarte kaufte. Er kombiniert jeweils einen Ausschnitt aus der Michelin-Karte mit einem entsprechenden Satellitenfoto. Damit beteiligt er sich unter dem Motto „Die Karte ist interessanter als das Gebiet“ an der Sammelausstellung „Lasst uns höflich bleiben“, die von der Stiftung der Firma Ricard finanziert wird.

Jed Martins Bild fällt der überaus attraktiven Russin Olga Sheremoyova auf. Die Tochter eines Entomologie-Professors in Moskau lebt seit zwei Jahren in Paris und arbeitet in der PR-Abteilung von Michelin. Sie ist zwei Jahre älter als Jed. Olga überzeugt ihren Vorgesetzten Patrick Forestier, den Künstler unter Vertrag zu nehmen – und wird seine Geliebte. Durch sie wird er zu zahlreichen Vernissagen, Vorpremieren und literarischen Cocktails eingeladen. Bei der Verleihung eines Literaturpreises lernt er Frédéric Beigbeder („Neununddreißigneunzig“) kennen. Jed bringt es zu Wohlstand. Aber das Liebesglück ist nicht von langer Dauer: Olga soll bei der Expansion von Michelin in Russland eine entscheidende Rolle spielen. Diese Karrierechance, die mit einer Versetzung nach Moskau verbunden ist, will sie sich nicht entgehen lassen. Ohne den Versuch zu machen, sie davon abzuhalten, bringt Jed sie zum Flughafen.

Danach kündigt er seinen Vertrag mit Michelin und wendet sich der figurativen Malerei zu. Die Werke tragen Titel wie „Der Ingenieur Ferdinand Piëch besucht das Werksgelände in Molsheim“, „Der Journalist Jean-Pierre Pernaut leitet eine Redaktionskonferenz“ oder „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Information. Das Gespräch in Palo Alto“. Das Gemälde „Jeff Koons und Damien Hirst teilen den Kunstmarkt unter sich auf“ will ihm nicht gelingen. Er zerstört es.

In dieser Phase wendet sich der Galerist Franz Teller an ihn. Er plant eine Ausstellung. Für die Werbung wäre es optimal, wenn der berühmte Schriftsteller Michel Houellebecq das Vorwort für den Katalog schreiben würde.

Jed arbeitet gerade an „Der Architekt Jean-Pierre Martin gibt die Leitung seines Unternehmens ab“. Als er am Heiligen Abend seinen Vater in der mit Mauer, Elektrozaun und Videoüberwachungssystem gesicherten Villa in Le Raincy besucht, einer unsicheren Gegend, in die sich kein Taxifahrer wagt, erzählt er ihm von der geplanten Ausstellung und der Absicht, Michel Houellebecq das Vorwort schreiben zu lassen. Da meint Jean-Pierre Martin:

„Das ist ein guter Autor, wie mir scheint. Liest sich sehr angenehm, und er zeichnet ein ziemlich zutreffendes Bild unserer Gesellschaft.“

Obwohl Jed seit Jahren mit Frédéric Beigbeder keinen Kontakt mehr hatte, bittet er den koksenden Schriftsteller, sich bei Michel Houellebecq für ihn zu verwenden.

Zu Beginn des neuen Jahres fliegt Jed nach Irland, um das Vorhaben mit Michel Houellebecq zu besprechen. Er erkennt das Haus des Schriftstellers am ungepflegtesten Rasen der Umgebung, genauso wie dieser es erklärt hatte. Obwohl Houellebecq seit drei Jahren dort wohnt, sind die Räume noch nicht eingerichtet. Die Monate von April bis August verbringe er ohnehin jeweils in Thailand, erzählt er. Houellebecq ist bereit, das Vorwort für den Katalog zu verfassen. Da die Ausstellung für Mai geplant ist, will er den Text bis Ende März liefern.

Sobald Jed wieder in Paris ist, ruft er Houellebecq an und bietet ihm zusätzlich zu den 10 000 Euro Honorar ein Porträt an, das er von ihm malen will. Der Schriftsteller sträubt sich zunächst mit der Begründung, nicht lange still sitzen zu können, aber Jed beruhigt ihn: Er werde Fotos von ihm machen und diese als Vorlage benützen.

Also fliegt er mit einer Kamera erneut nach Shannon.

Houellebecq verrät ihm:

„Ja, es stimmt, ich empfinde nur wenig Solidarität mit der menschlichen Gattung […] Ich muss sogar sagen, dass mein Zugehörigkeitsgefühl zu den Menschen mit jedem Tag ein wenig abnimmt.“

Einige Zeit später besucht Jed den Schriftsteller ein drittes Mal. Der ist inzwischen in das Haus seiner Großmutter im Dorf Suppes im Departement Loiret gezogen. Weil Houellebecq den Abgabetermin nicht einhalten kann, wird die Ausstellung auf Dezember verschoben.

Am 31. Oktober erhält Jed als Anhang einer E-Mail das fünfzig Seiten lange Vorwort für den Katalog. Er leitet den Text gleich weiter an Franz Teller und Marilyn Prigent, die Organisatorin der Ausstellung. Die Vernissage soll nun am 11. Dezember stattfinden. Auch das Porträt „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ ist rechtzeitig fertig.

Schon bei der Vernissage tauchen die ersten zahlungskräftigen Interessenten wie Roman Abramowitsch auf. Und der Galerist erklärt Jed:

„Schon seit langem wird der Kunstmarkt von den reichsten Geschäftsleuten der Welt beherrscht. Und heute haben sie zum ersten Mal die Gelegenheit, nicht nur etwas zu kaufen, was vom ästhetischen Gesichtspunkt an der Spitze der Avantgarde steht, sondern noch dazu ein Bild, das sie selbst darstellt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Angebote ich von Geschäftsleuten oder Industriellen bekommen habe, die sich von dir porträtieren lassen wollen. Wir sind in die Epoche der Hofmalerei des Ancien Régime zurückgefallen … also, ich will damit nur sagen, dass im Moment verdammt großer Druck auf dich ausgeübt wird. hast du noch immer die Absicht, Houellebecq sein Porträt zu schenken?“
„Selbstverständlich. Das habe ich ihm versprochen.“
„Wie du willst. Das ist ein schönes Geschenk. Ein Geschenk, das siebenhundertfünfzigtausend Euro wert ist … Aber na ja, er verdient es. Sein Vorwort hat eine wichtige Rolle gespielt. Dadurch, dass er den systematischen, theoretischen Charakter deiner Vorgehensweise hervorgehoben hat, hat er verhindert, dass man dich mit den Anhängern der neuen figurativen Malerei in einen Topf wirft, diesen miesen Typen …“

Mit seinem Vater trifft Jed sich diesmal zu Weihnachten nicht in der Villa in Le Raincy, sondern in einem Restaurant. Jean-Pierre Martin leidet inzwischen unter Darmkrebs.

Olga wohnt wieder in Paris. Sie hat es zur Programmdirektorin von Michelin France gebracht. Jed ruft sie an. Sie hat zwar keine Zeit, sich mit ihm zum Essen zu verabreden, nimmt ihn aber mit zu einem Empfang bei dem Journalisten Jean-Pierre Pernaut am Silvesterabend in Neuilly. Mit ihren zweiundvierzig Jahren ist sie noch immer schön. Nach dem Empfang schlafen sie miteinander. Aber es bleibt diesmal bei einem One-Night-Stand.

Bald darauf werden der zweiunddreißigjährige Pariser Kriminalkommissar Christian Ferber und sein Vorgesetzter, Hauptkommissar Jean-Pierre Jasselin, in das Haus des Schriftstellers Michel Houellebecq in Suppes gerufen.

Der Kopf des Opfers war unverletzt. Sauber abgetrennt ruhte er auf einem Sessel vor dem Kamin, eine kleine Blutlache hatte sich auf dem dunkelgrünen Samt gebildet; auf dem Sofa ihm gegenüber, lag der Kopf eines großen schwarzen Hundes, der ebenfalls sauber abgetrennt war. Der Rest war ein einziges Blutbad, ein unglaubliches Gemetzel, der Fußboden war mit Fleischbrocken und Hautfetzen übersät. Doch weder das Gesicht des Mannes noch das des Hundes war in einem Ausdruck des Entsetzens erstarrt, sie spiegelten eher Ungläubigkeit und Wut wider. Zwischen den vermischten Fleischstücken des Mannes und des Hundes führte ein fünfzig Zentimeter breitet sauberer Gang bis zum Kamin, in dem sich Knochen stapelten, an denen noch Fleischreste hingen.

Der Tatort wird Quadratmeter für Quadratmeter möglichst senkrecht von oben fotografiert. Michel Houellebecq und sein Hund wurden offenbar zunächst mit einem Baseballschläger oder ähnlichem betäubt und dann mit jeweils einem einzigen Schuss aus nächster Nähe getötet. Zum Zerstückeln benutzte der Mörder seltsamerweise einen teuren Argon-Laser wie er von Chirurgen im Krankenhaus bei schwierigen Amputationen eingesetzt wird. Der Gerichtsmediziner schätzt, dass der Mörder damit über sieben Stunden zu tun hatte.

Die Ermittlungen ergeben, dass Houellebecq einsam war. Kontakt hatte er nur noch mit seiner Verlegerin Teresa Cremisi und – allerdings nur bis vor zwei Jahren – mit seinem Kollegen Frédéric Beigbeder.

Zwei Scheidungen und ein Kind, das er aus den Augen verloren hatte. Er hatte seit über zehn Jahren keinerlei Kontakt mehr zu seiner Familie. Liebesbeziehungen hatte er offensichtlich auch nicht.

Jasselin kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen „verdammt eingebildeten Kerl“ gehandelt haben müsse. Aber Ferber widerspricht ihm:

„Da tust du ihm unrecht. Er war kein schlechter Schriftsteller, weißt du.“

Guillaume Lorrain, ein einfacher Kriminalobermeister mit fotografischem Gedächtnis, dem Jasselin und Ferber Fotos von der Beerdigung auf dem Friedhof Montparnasse nicht weit vom Grab Emmanuel Boves vorlegen – Houellebecqs Überreste passten in einen Kindersarg – erkennt unter den Trauergästen den Künstler Jed Martin.

Als Jasselin erfährt, dass Jed Martin den Schriftsteller einmal in Suppes besuchte, fährt er mit ihm hin und bittet ihn, sich im Haus umzusehen. Der Kommissar hofft, dass dem früheren Besucher Houellebecqs etwas auffällt. Tatsächlich vermisst Jed Martin das Gemälde „Michel Houellebecq, Schriftsteller“. Wie viel das wert sei, fragt Jasselin. Schätzungsweise 900 000 Euro, meint Jed. Da ist für den Kommissar klar, dass mit dem Mord ein Kunstraub vertuscht werden sollte.

Am 17. Dezember ruft Jed die Leiterin des Seniorenheims in Le Vésinet an, in das sein Vater sich vor einiger Zeit zurückzog. Als sie ihm sagt, Monsieur Martin sei vor einer Woche nach Zürich gereist, erinnert Jed sich daran, dass sein Vater ihm anvertraute, dass er sich mit einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation in Verbindung gesetzt habe. Er fliegt sofort nach Zürich und wendet sich an Dignitas. Aber er kommt zu spät: Die Asche seines Vaters wurde bereits verstreut.

Jean-Pierre Jasselin geht ein paar Monate später in den Ruhestand. Er hatte übrigens zunächst Medizin studiert, aber nach zwei Semestern zur Juristischen Fakultät gewechselt, um Rechtsanwalt zu werden. Schließlich war er zur Polizei gegangen und hatte die Polizeiakademie von Saint-Cyr-au-Mont-d’Or besucht. Seit fünfundzwanzig Jahren ist er mit Hélène verheiratet. Wegen seiner Oligospermie haben sie keine Kinder. Mit seinem Einverständnis ließ Hélène sich vor zehn Jahren die Brüste vergrößern. Nun verlassen Jean-Pierre und Hélène Jasselin Paris und ziehen in das verwaiste Haus seiner Eltern in der Bretagne.

Weil das Bild „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ nicht auf dem Kunstmarkt auftaucht, bleibt der Fall lange Zeit ungelöst. Erst ein Zufall bringt die Polizei drei Jahre später auf die Spur des Täters: Zwischen Nizza und Marseille fällt der Gendarmerie ein Porsche Carrera auf, der doppelt so schnell wie erlaubt fährt. Am Steuer sitzt Patrick Le Braouzec. Der leicht alkoholisierte Fahrer ist mehrfach vorbestraft, wegen Zuhälterei, Körperverletzung und illegalem Insektenhandel. In seinem Kofferraum stellt die Polizei Insekten im Wert von 100 000 Euro sicher. Le Braouzec legt ein Geständnis ab und nennt als Abnehmer den Chirurgen Adolph Petissaud aus Cannes. Er habe sich mit ihm nicht über den Preis einigen können, berichtet er, und bei dem Streit sei es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Dabei stürzte Petissaud so unglücklich mit dem Hinterkopf auf die Kante eines Marmortisches, dass er sofort tot war. Le Braouzec geriet in Panik und floh mit dem Porsche des Toten.

Adolph Petissaud gehörten achtzig Prozent einer auf plastische und rekonstruktive Chirurgie für Männer spezialisierten Klinik. In seinem Keller stößt die Polizei auf eine makabre Sammlung.

Der Raum von zwanzig mal zehn Metern war an allen vier Wänden mit zwei Meter hohen Glasschränken möbliert. Im Inneren dieser Schränke reihten sich, von Spots beleuchtet, in regelmäßigen Abständen abscheuliche menschliche Schimären aneinander. Oberkörper mit darauf verpflanzten Geschlechtsorganen, Nasen, die mit den winzigen Armen von Föten rüsselförmig verlängert waren […] All diese Gebilde waren durch Konservierungsmethoden, die den Beamten unbekannt waren, so gut erhalten, dass sie unerträglich realistisch wirkten.

Ein junger Kriminalmeister entdeckt in der Villa des perversen Arztes das Gemälde „Michel Houellebecq, Schriftsteller“.

Aufgrund einer testamentarischen Verfügung Michel Houellebecqs erhielt Jed Martin das Gemälde zurück. Franz Teller verkauft es für ihn an einen indischen Mobiltelefonanbieter, und sie teilen sich die 12 Millionen Euro Erlös.

Ein halbes Jahr nach der Aufklärung des Kriminalfalls zieht Jed in das Haus seiner Großeltern in Châtelus-le-Marcheix. Ohne über die Preise zu verhandeln, kauft er dort Land auf, insgesamt 700 Hektar. Das Areal wird mit einem drei Meter hohen Elektrometallzaun gesichert. Um das Haus herum lässt Jed einen zehn Meter breiten Asphaltstreifen anlegen, außerdem wird eine Straße von einem Ende seines Besitzes zum anderen gebaut. Von einem der beiden Tore gelangt er schnell auf die Straße nach Limoges, wo er seine Einkäufe erledigt, ohne zu riskieren, jemandem aus dem Dorf zu begegnen.

Etwa um die gleiche Zeit begann er Fotos von allen Menschen, die er gekannt hatte, abzufilmen, von Geneviève, Olga, Franz, Michel Houellebecq, seinem Vater und anderen – tatsächlich allen, von denen er Fotos besaß. Er heftete sie an eine neutral graue, wasserdichte Leinwand, die auf einen Metallrahmen gespannt war, filmte sie direkt vor seinem Haus und überließ sie diesmal dem natürlichen Verfall. Die Fotos, die der abwechselnden Einwirkung von Regenschauern und Sonnenlicht ausgesetzt waren, wellten sich, verwitterten, rissen in Stücke und waren nach ein paar Wochen zerstört. Noch erstaunlicher war es, dass er kleine Spielfiguren erwarb, schematische Darstellungen menschlicher Wesen, die er der gleichen Behandlung unterzog. Die Figuren waren widerstandsfähiger, und er musste, um ihren Verfall zu beschleunigen, wieder seine Säureflaschen benutzen.

Als Jed nach zehn Jahren erstmals wieder ins Dorf kommt, staunt er: Es ist dreimal größer geworden. Die Einheimischen sind verschwunden, und die Zugezogenen aus der Stadt haben nicht nur in Châtelus-le-Marcheix, sondern auch in der Umgebung alles verändert. Ein geostationärer Satellit sorgt für schnelle Internetverbindungen. Asiatische Unternehmer bieten regionale Besonderheiten an, die seit einiger Zeit hoch im Kurs stehen. Frankreich ist nach mehreren Weltfinanzkrisen inzwischen zum bevorzugten Reiseziel des Sextourismus in der Welt geworden.

2036 erfährt Jed, dass Frédéric Beigbeder im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben ist.

Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Er kann sich nur noch von Milchprodukten und Desserts ernähren. Seine Befürchtung, an Darmkrebs zu leiden, wird durch eine medizinische Untersuchung bestätigt. Gegen die Schmerzen gibt ihm eine Krankenschwester jeden Abend eine Morphiumspritze.

Einige Monate vor seinem Tod gewährt er einer jungen Journalistin ein Interview, in dem er unter anderem erklärt:

„Ich will die Welt darstellen … ich will ganz einfach die Welt darstellen …“

Und er erzählt ihr von einer Reise ins Ruhrgebiet, die er vor dreißig Jahren anlässlich einer Retrospektive seiner Werke unternahm.

Von Duisburg bis Dortmund und von Bochum bis Gelsenkirchen waren die meisten ehemaligen Stahlwerke in Freizeitzentren verwandelt worden, in denen Ausstellungen, Theatervorführungen und Konzerte veranstaltet wurden, und gleichzeitig bemühten sich die Kulturinstanzen, einen industriellen Tourismus ins Leben zu rufen, der die Nachbildung der Lebensweise der Arbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Rahmen hatte. Tatsächlich glich die ganze Gegend mit ihren Hochöfen, Abraumhalden, stillgelegten Bahngleisen, auf denen Güterwagen endgültig verrosteten, und Siedlungen mit blitzsauberen, identischen kleinen Häusern, die manchmal über einen kleinen Gemüsegarten verfügten, einem Museum für das erste Industriezeitalter in Europa. Jed war damals beeindruckt von den bedrohlich dichten Wäldern, die nach knapp hundert Jahren der Untätigkeit die Fabriken umgaben. Nur jene, die ihrer neuen kulturellen Bestimmung angepasst werden konnten, waren saniert worden, die anderen verfielen allmählich. Diese industriellen Kolosse, in denen sich früher der Großteil der deutschen Produktionskapazität konzentriert hatte, waren inzwischen verrostet oder halb eingestürzt, Pflanzen nahmen von den ehemaligen Werkstätten Besitz, überwucherten die Ruinen und verwandelten das Ganze nach und nach in einen undurchdringlichen Dschungel.

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In „Karte und Gebiet“ erzählt Michel Houellebecq zunächst vom Aufstieg, dann von der Vereinsamung und dem körperlichen Verfall eines Künstlers. Dieser zentralen Figur Jed Martin steht die Romanfigur des Schriftstellers Michel Houellebecq gegenüber. Bemerkenswert ist die Selbstironie, mit der Michel Houellebecq sich in den beiden einander ähnlichen Charakteren spiegelt.

Die Handlung spielt in unserer Zeit und in der nahen Zukunft. Nach mehreren Weltfinanzkrisen ist der Kapitalismus gescheitert. Eine von Asiaten beherrschte postindustrielle Tourismus- und Unterhaltungsbranche verwandelt das Ruhrgebiet und französische Landstriche in eine Art Freilichtmuseum. Verfall ist das zentrale Thema des Romans „Karte und Gebiet“.

Dem Autor gelingt in diesem Buch das Unwahrscheinliche, den zeitgenössischen Kunst- und Marktbetrieb, den keine Finanzkrise zu bremsen vermag, in seinem ganzen Wahnsinn zu zeigen und doch nie in die Karikatur verfallen. Hinter aller Groteske der Rituale, Diskurse und Verkaufszahlen steht immer ein Kern Authentizität. (Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung, 8. September 2010)

Michel Houellebecq veranschaulicht die Marktmechanismen des kapitalistischen Kulturbetriebs und demonstriert damit dessen Sinnlosigkeit. „Karte und Gebiet“ ist ein Abgesang auf die Kunst, ein grotesker Künstlerroman. Nach zwei Dritteln mutiert das Buch darüber hinaus zu einer Parodie auf das Genre des Thrillers.

Wo andere Autorinnen bzw. Autoren sprachliche Schnörkel anbringen, setzt Michel Houellebecq auf präzise Details. Da hat alles seinen genau festgelegten Preis, gleichgültig, ob es sich um ein Kunstwerk, eine Handwerkerrechnung oder den Aufschlag einer Prostituierten für Analverkehr handelt. Wenn Jed Martin sich eine Kamera kauft, dann lesen wir:

Er wandte sich von der analogen Fotografie ab, die er bisher ausschließlich praktiziert hatte, und kaufte ein BetterLight-6000-HS-Scanrückteil, das es erlaubte, 48-Bit-Dateien im RGB-Modus mit einer Auflösung von 6000 x 8000 Pixeln zu erstellen.

Joseph Hanimann zeigt sich von „Karte und Gebiet“ begeistert:

La Carte et le Territoire (Flammarion) ist ein großer Wurf, sein bisher bester Roman. Michel Houellebecq hat Stoffe, er hat eine unverwechselbare Sicht auf die Welt, er hat einen Stil, und in diesem Buch beweist er zum ersten Mal auch kompositorisches Geschick. (Joseph Hanimann, a.a.O.)

Für „Karte und Gebiet“ wurde Michel Houellebecq mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

Falk Richter schrieb eine Bühnenfassung, die unter seiner Regie am 16. Oktober 2011 im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

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