Thomas Hürlimann : Fräulein Stark

Fräulein Stark
Fräulein Stark Originalausgabe: Amman Verlag, Zürich 2001
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während der Sommerferien in einer weltberühmten Bibliothek erlebt der zwölfjährige Neffe des Stiftsbibliothekars nicht nur bei Leseabenteuern aufregende Wochen. Seine Aufgabe, den Besucherinnen des Bibliothekssaals in Filzpantoffel zu helfen, damit der kostbare Fußboden geschont wird, konfrontiert ihn darüber hinaus mit bisher ungeahnten Perspektiven unter den Damenröcken.
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Kritik

Aus der naiven Sicht eines Zwölfjährigen wird in "Fräulein Stark" erzählt, wie er die geheimnisvolle Aura der Frauen erschnuppert und ausspäht. Die Vielfalt der Geruchs-erlebnisse und die Unterschiedlichkeit der unter den Röcken entdeckten Herrlichkeiten ist höchst einfallsreich, originell und mit viel Liebe zum Detail beschrieben 
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Die Bibliothek des Klosters St. Gallen ist der ehrwürdige Schauplatz der Novelle, die in den sechziger Jahren angesiedelt ist. Der Stiftsbibliothekar und Prälat, Jacobus Katz, ist sich seiner prominenten Stellung durchaus bewusst. Mit der stehenden Redewendung: „Im Anfang war das Wort, dann kam die Bibliothek und erst an dritter und letzter Stelle stehen wir, wir Menschen und die Dinge. Nomina ante res – Die Wörter zuerst“, begrüßt er die Besucher, die zur Besichtigung des prächtigen Saales kommen. Und er weist darauf hin: „An Bord unserer Bücherarche haben wir einfach alles, von Aristoteles bis Zyste.“

Für seinen Neffen hat er während der Sommerferien vor dessen Eintritt in die Klosterschule Einsiedeln in der Bibliothek Verwendung. Der Zeitpunkt für das Weggehen von Zuhause passt dem Zwölfjährigen ganz gut, denn seine Mutter erwartet wieder mal ein Baby.

Es geschah zum dritten oder vierten Mal, und alle ahnten wir, dass es auch diesmal schiefgehen würde, nur Totes würde Mama gebären, einen blutig verschleimten Klumpen, den man an der Hintertür der Klinik an die Schweinemäster abgab. (Seite 13)


Zum besseren Verständnis ist hier die Geschichte der Familie Katz, über die immer so abwertend gesprochen wird:

Aus Polen wandert der jüdische Schneider Sender (= Alexander) Katz nach Zürich aus. Er stirbt an Heimweh und hinterlässt seiner Frau sieben Kinder. Der Witwe wird die Wohnung gekündigt und sie macht sich mit Sack und Pack auf, um eine neue Heimstatt zu finden. Während des Trecks ertrinkt sie und der älteste Sohn, Joseph, muss zusehen, wie Nonnen die sechs jüngeren Geschwister ins Waisenhaus stecken. Vier kann er noch herausholen, die beiden anderen findet er nicht.

Mit siebzehn tritt Joseph eine Stelle als Posthalter an. Zwei Brüder helfen beim Postausteilen. Joseph macht Abitur und studiert Jura. Die drei Brüder arbeiten dann in der Textilfabrik Zellweger. Als der Besitzer der Fabrik stirbt, heiratet Joseph Katz die vermögende Witwe. Die Brüder zerstreiten sich untereinander, und zwei von ihnen ziehen fort. Joseph sorgt sich um die zwei vermissten Geschwister und zwei seiner Schwestern, die aber so hässlich sind („zwischen den Augen wuchs ihnen ein böser Finger hervor, der sich bis zum fliehenden Kinn hinabzukrümmen versuchte“), dass sie wohl keinen Mann finden würden.

Bei einem Häuserkampf 1933 wird die Fabrik kaputtgeschossen – von der Firmenaufschrift „Katz-Zellweger“ bleibt nur noch das „Zellweger“ über –, und die Villa wird ihnen weggenommen. Josephs Frau stirbt, die Firma geht in Konkurs.

Die jüngere Tochter Theres besucht das Gymnasium, und der ältere Sohn, Jacobus, fühlt sich zum Priestertum hingezogen. Dr. phil. Dr. theol. Jacobus Katz wird bald nach Rom berufen. Seine eher sinnesbetonte Einstellung (und seine jüdische Herkunft?) ist aber mit der asketischen Lebenshaltung und den scholastischen Spitzfindigkeiten der katholischen Kirche nicht vereinbar. 1938 findet er als Hilfsbibliothekar der Stiftsbibliothek eine Anstellung.

Jacobus macht seinen arbeitslosen Vater auf Klosterweiher aufmerksam, in denen früher Fische gehalten wurden. Der ehemalige Textilfabrikant Dr. jur. Joseph Katz erfasst die Gelegenheit und baut die Weiher als Reservoir für die Kriegsfeuerwehr und zur Badeanstalt aus. Nachdem alles fertiggestellt ist, beginnt der Krieg, und Badegäste gibt es kaum noch. Aber der „Bademeister Dr. jur. Joseph Katz“ und seine junge Gehilfin Magdalena Stark harren aus. Fräulein Stark hatte als Seidenspinnerin in Katzens Textilfabrik gearbeitet und wollte nach dem Konkurs nicht mehr zu ihrem knurrigen Vater zurückkehren. In der Badeanstalt hatte sie erfolgreich einen Kiosk betrieben.

Zur Instandhaltung der Löschwasser-Weiher beschäftigt Joseph Flüchtlinge – Juden und Kommunisten. Der Ortsgruppenleiter prophezeit, dass bald die Deutschen einmarschieren werden und dann „der Jud, dieser Bazillus im Volkskörper“ bald verschwunden sein wird. Im ersten Kriegsjahr hilft Joseph Katz Flüchtlingen über die Grenze.

Joseph lässt die Badeanstalt geöffnet, und weil man von hier eine gute Sicht auf das deutsche Ufer des Bodensees hat – wo die Bomben einschlagen –, kommen viele Leute aus der Stadt, die das Spektakel sehen wollen. Das belebt das Geschäft am Kiosk. Eines Abends als sich wieder Beobachter der Bombenabwürfe eingefunden haben, steht Theres, die Tochter von Joseph Katz, am Würstchengrill; ein Leutnant aus der Schweizer Armee verguckt sich in sie und sie heiraten bald. (Der Leutnant und Theres sind die Eltern des „Neffen“, Joseph Katz ist sein Großvater.)

Es gibt nichts mehr zu tun für Joseph Katz; er sitzt mit heruntergekommenen Trinkern unter seinem Sonnenschirm, wird immer stummer, hockt „versteint in der Landschaft“ und nimmt seine Umgebung nicht mehr wahr. Aber wenn in der Stadt die Glocke schlägt, gibt Joseph Katz „mit drei langen, die Wasservögel aufschreckenden Pfiffen“ bekannt, dass die Anstalt geschlossen sei.


Der Neffe ist nun also bei seinem Onkel, dem Prälat, der eine wichtige Aufgabe in der Stiftsbibliothek für ihn hat. Der Fußboden ist so empfindlich, dass er nur mit Filzpantoffeln betreten werden darf. Der Junge soll den Besuchern – es sind vorwiegend Besucherinnen – in die Schlappen helfen. Der Onkel schmeichelt ihm:“ Du arbeitest nicht […], du bekleidest ein Amt.“ Er sei nun der „Pantoffelministrant am Portal zur Bücherkirche“. Dementsprechend stolz ist der Neffe.

Sicher, ich trug eine hohe Verantwortung, denn der Geigenholzboden mit seinen Intarsien galt als derart wertvoll, dass schon die winzigste Schädigung, beispielsweise ein Hüflein, vom Spitzenabsatz eines Stöckelschuhs in das hautweiche Kirschholz gedrückt, beim Onkel und seinen Hilfsbibliothekaren ein entsetztes Aufjaulen ausgelöst hätte […] (Seite 16)

Der den weltlichen Genüssen nicht abgeneigte, teuer gekleidete Stiftsbibliothekar beschäftigt eine Haushälterin, Fräulein Stark. Magdalena Stark wuchs im Appenzellischen in einer kinderreichen Familie eines knorrigen Bergbauern auf. Als die Mutter „im achten oder neunten Kindbett“ früh starb, zog der Vater ganzjährig ins Tal. „In einer buchstabenfeindlichen, bilderlosen Stube“ groß geworden, kann sie kaum lesen und nur ihren Namen schreiben. Fräulein Stark ist groß und kleidet sich leger: „ihr Alpendécor, Kordhose und kariertes Hemd“.

Dem Jungen macht es Spaß, den Besucherinnen die Pantoffel anzuziehen, denn dabei eröffnen sich ganz neue Perspektiven. Das resolute Fräulein Stark bemerkt das mit Missfallen und wendet sich an den Prälat:

Die Pantoffeln […] sind nichts für den Buben.
[…] Ist ihm ein Lapsus unterlaufen, fragte der Onkel.
Nein, meinte die Stark, er macht seine Sache gut […] – vielleicht ein bisschen zu gut!
[…] Worum geht’s?
Um sein Seelenheil. Um das, was im Katechismus steht. […]
Ihr Neffe, Monsignore, versündigt sich gegen das Sechste!
Wie bitte?
Unkeusche Blicke. (Seite 18ff).

Und sie schlägt vor, den Neffen zu den Hilfsbibliothekaren zu versetzen. Aber der Onkel verteidigt den Jungen:

Fräulein Stark, hic est nepos praefecti, das ist der Neffe des Chefs –
Ja, unterbrach sie ihn, eben! Ihr Neffe ist ein kleiner Katz, da müssen wir besonders aufpassen. […] Das Fräulein zeigte ihr Madonnenlächeln, und der Onkel [ …] sagte tonlos: Der Junge trägt den Namen seines Vaters. (Seite 20) [Er heißt also gar nicht Katz.]

Mama war eine geborene Katz, so hieß auch der Onkel, aber beide schienen ihren Geschlechtsnamen verloren zu haben, Mama durch Heirat, der Onkel durch sein Priestertum – Monsignore wurde er genannt. (Seite 20)

Und noch etwas ist Fräulein Stark aufgefallen: Sein besonders feiner Geruchssinn; als einziger roch er die Spezialmischung Kaffee, die sie einmals ausnahmsweise kochte („du mit deiner Nase!“).

Der Neffe darf weiterhin die Pantoffeln verteilen und er beobachtet die aus den Bussen strömenden Besucher.

Da jeder Verein, wie mir inzwischen aufgefallen war, eine ähnliche Figur an seine Spitze setzt, nämlich eine Resolute mit hochtoupiertem Haar, kam es mir vor, als würde dieselbe Person immer wieder gegen mich und mein Pantoffellager anrennen. Natürlich war es nicht dieselbe, sondern mit jeder Gruppe eine andere, da aber jede dieser Resoluten in der gleichen Funktion, in der gleichen Haltung, mit den gleichen Gesten und Schritten und Gummischuhen durch den langen Flur dahergeknirscht kam, streng der Blick, steif der Rücken, die Frisur ein Turm, die Bluse weiß, Krausen an den Ärmeln, Krausen am Hals, Krausen am Busen, glockig und grün der Faltenrock, die Waden kräftig, die Nylons dunkelbraun, war ich überzeugt, mehrmals am Tag ein- und dieselbe Gruppenführerin mit einen Paar Schutzpantoffeln ausrüsten zu müssen. Die nächste bitte! (Seite 31)

Wieder dieselbe? Nein, nicht ganz. Heute rochen sie […] Die vielfältige Person, die in allen Varianten stets die gleichen Gummischuhe und die gleichen braunen Nylons trug, brachte an diesem schwüldumpfen Morgen verschiedene Gerüche mit. Die Hochtoupierte aus Passau ließ mich merken, dass sie die Nacht im Plastiksessel eines Busses verbracht hatte, und die aus Kellmünz an der Iller, dass sie sich soeben mit Eau de Cologne überschüttet haben musste. Die winterlich vermummten Nonnen aus St. Maria am Berg zogen in einer milchdampfigen Wolke daher, und die Gebetsführerin Frau Dr. Hilbig schien sich auf der Herfahrt in einen säuerlich riechenden Schweiß gebetet zu haben. Unter den Achseln hatte sie graunasse Flecken, groß wie Elefantenohren. […]
Ein Nylonfuß streift den Schuh ab, und zum ersten Mal erlebe ich das Wunder eines aufblühenden Geruchs, diesen Frauenfußduft, eine Spezialmischung aus frischem Schweiß, Flieder und Leder. […]
Die nächste bitte! (Seite 32)

Nicht nur seine Nase schwelgt in Hochgenüssen, Auch seine Augen wagen sich in unbekannte Regionen, „sie kletterten hinauf, in den zwielichtigen taubenzartgrauen Abgrund ihrer Stoffglocken“. Das „Dunkel unter den Röcken“ verlockte ihn; „fremd war es und voller Reize“.

Sicher, bei den ganz Dicken und den ganz Dünnen gab es hin und wieder ein kleines Problem, ei guck, dieses Ferkel, hatte eine gerufen, eine andere, die Knie zusammenpressend, war x-beinig zurückgewichen, aber das waren Ausnahmen.[…] (Seite 41)

War er verpetzt worden? Fräulein Stark setzt Monsignore von einer Beschwerde über den Buben in Kenntnis. Der nimmt ihn in sein Studierzimmer mit. Eine Standpauke erfolgt wider Erwarten nicht, aber das Wohlwollen von Fräulein Stark muss er zurückgewinnen. Wenn er zur Beichte ginge, das könnte sie vielleicht versöhnen. Aber was sollte er bekennen?

[…] etwa eine „unkeusche Handlung“? War Riechen eine Handlung? Wer atmet, riecht, eine Sünde war das nicht […] „Unkeusche Gedanken“? Schon eher, ja, aber war es unkeusch, von der taubenzartgrauen Dämmerung unter ihren Stoffglocken angelockt zu werden, war es unkeusch, im leisen Knistern der Strümpfe ein liebliches Flüstern zu vernehmen? (Seite 51)

Beim Beichtvater sieht er sich dann doch an der falschen Adresse. Wenn er sich beeilte, wäre er noch rechtzeitig da, wenn die „Abendschöne“ kommt. Sie ist an jedem Abend die letzte Besucherin.

Warum sie immer wieder kam, wusste niemand […] Sie war unsere Dämmerung, glitt auf den Filzpantoffeln wie eine Eisprinzessin über den leis knarrenden Bodenhimmel, drehte Kreise, zeigte Figuren, flatterte und schwebte […] bis dann, ihre Hände in die Hüften gestemmt, die Stark unseren Tag beendete: Die Bibliothek ist geschlossen! (Seite 63)

Bevor der Neffe in die Klosterschule muss, will ihm der Onkel noch eine Freude machen: Er nimmt ihn in sein Stammlokal mit, eine ziemlich heruntergekommene Wirtschaft. Die Schweinsbratwurst, deren „Gummihaut zu zersägen“ nicht gelingt, stößt dem Jungen noch lange säuerlich auf, wobei wohl das für ihn ungewohnte, dazu getrunkene Bier seinen Teil beiträgt. Die derben Sprüche der Herrenrunde am Stammtisch gefallen ihm auch nicht. Spät löst sich die bezechte Gesellschaft auf, und er folgt dem singend vorausmarschierenden Onkel nach Hause. Dort werden sie von Fräulein Stark bereits mürrisch erwartet. Nach bewährter Methode schleppt sie Monsignore in seine Gemächer und legt ihn aufs Bett. Auch um den betrunkenen Jungen kümmert sie sich, der geweint hatte, weil er sich so ausgeschlossen vorkam, dabei will er doch so sein, wie die „Altherren“, eine „Normalseele, die nur dann eine Schweinsbratwurst bestellt, wenn sie Schweinsbratwürste wirklich mag.“ (Seite 84)

Den nahenden Eintritt in die Klosterschule für Augen, wo er nur noch auf Knaben und Mönche treffen wird, möchte er nochmal „aus dem Knistern von Unterröcken das Innere der Geheimnisse flüstern“ hören. Er schnuppert weiterhin mit Wollust, und seine Augen lässt er unter den Röcken immer höher an den Damenbeinen hochwandern. Er treibt es tatsächlich soweit, mit einem Handspiegelchen bisher unerforschte Details einzufangen. Das bleibt bei den Damen nicht unentdeckt. Fräulein Stark wird informiert, und die meldet es Monsignore. Die strengen Blicke des Fräuleins verstören den Jungen und das zu erwartende Donnerwetter des Onkels fürchtet er.

Es bedrückt ihn schon länger, nicht beachtet zu werden, und so kommt ihm der Vorschlag von Fräulein Stark, einen Ausflug mit ihr zu machen, gerade recht. Ins Appenzellische, in die Berge geht es. In jeder Hütte, an der sie beim Aufstieg vorbeikommen, kehren sie ein. Fräulein Stark wird immer zugänglicher, und sie freuen sich über den schönen Tag.

Noch immer steht das Strafgericht des Onkels wegen des Spiegeldelikts aus. Der Tadel fällt aber milde aus:

Du spekulierst neuerdings?
[…] lateinisch speculor heißt auf deutsch: ich spähe, ich beobachte. Auch ist speculor mit speculum verwandt, und das heißt […] Spiegel.
Interessant, bemerkte ich.
Lassen wir das, versetzte der Onkel mit einem gütigen Grinsen, lassen wir das Spekulieren, lieber Nepos! (Seite 121)

Ihr altes fröhliches Verhältnis ist wieder hergestellt; nur „das Fräulein [ist] sauer“.

Vom vielen Lesen tun dem Jungen die Augen weh. Eine Brille muss her, bestimmt Fräulein Stark. Sie gehen in die Stadt zum Optiker und kehren im „Porter“ ein, der Stammwirtschaft des Onkels. Versehentlich stößt der Neffe unter dem Tisch an das Bein von dem Fräulein.

Katastrophe? Gellendes Geschrei? Aufschnellen vom Stuhl? Nein, zu meinem grenzenlosen Erstaunen schleckte das Fräulein mit einer großen, grauroten Zunge den Glasrand ab und lud mich dann madonnensüß lächelnd ein, mit ihr […] anzustoßen. Ja, da war er wieder, der schöne Zwiespalt im Fräulein Stark! Ausgerechnet sie, die all ihr Sinnen und Trachten dem Sechsten geweiht hatte, die mir jedes Blicken verbot und sogar das Riechen verübelte, beantwortete die Berührung ihrer sündenreinen Haut mit einer Belohnung, sie griff zum Glas, hieß mich anstoßen, ich trank und trank ein weiteres Glas, und als mein Kopf, von einem dritten Likörchen angeschlagen, gegen ihre pflaumenweiche Achsel taumelte, tätschelte sie meine Wange und flüsterte: Kannst schon bleiben, wenn du magst. (S. 131)

So wie sie sonst den Monsignore in einem derartigen Zustand zu Bett bringt, so verfährt sie jetzt mit dem Jungen.

Wenn dein Bett schwankt, betest ein Gegrüßetseistdumaria. Willst einen Gutenachtkuss?
Ich glaube, es schwankt schon.
Dann bete. (Seite 133)

Die Brille tut gute Dienste bei seinen voyeuristischen Eskapaden.

[…] wirkliche Schlüpferschnallen und wirkliche Nylonstrümpfe, Fersen, Stöckelschuhe, Unterröcke, Höschen Öschen Döschen, […] alles wirklich, alles zu sehen, klar zu sehen, zum Greifen nah, zum Sterben schön, unter dem Trachtenrock unserer Hochzeitsreisenden zeigt sich mir in grandioser Deutlichkeit der gesteppte Saum eines fleischfarbenen Schlüpfers, kurz danach in ungewohnter Schärfe der Rüschenrand eines Höschens, und dann […] erscheint mir unter dem Jupe einer hoch gestiefelten, schön prallen Nachmittagsschönen ganz oben am schneeweißen Oberschenkel ein seltsames, mich heftig erregendes Ding, das mir das Herz bis zum Halszapfen springen lässt… (Seite 138)

Am nächsten Tag ist sein Laken abgezogen. Die Stark zerrt ihn vor die Tür des Tabulariums – der Onkel hätte ihm wohl etwas zu sagen. Die Sache sei delikat, sagt der Onkel, aber er werde „ohne jede Schweifung“ auf das Wesentliche kommen. Das Wesentliche bleibt dann doch eher abstrakt und abschweifend, bis er dann konstatiert, für ihn, den Neffen und seine Altersgenossen, habe es bei den alten Griechen für „die Kraft, sich fortzuzeugen und weiterzuwirken […] höchst bedeutsame Namen gegeben, nämlich logoi spermatikoi, lateinisch rationes seminales, oder auf gut deutsch […]: Vernunftspermien. (Seite 142)

Was raus muss, muss raus, und es versteht sich wohl von selbst, mein Lieber, dass so ein Prozess, zumals er sich des Nachts wiederholen dürfte, unsere Stark ein wenig überfordert. (Seite 142)

Nach dem Geschlechtlichen hatte der Onkel eigentlich noch vor, ihn über das Geschlecht der Katzen (also der Familie Katz) aufzuklären, aber er liest dann lieber in seinem Buch weiter, wobei er im Übrigen immer Seidenhandschuhe zum Umblättern der Seiten trägt.

Der Neffe erschnuppert „billiges Pafüm der Hurenhäuser“ – diesen Ausdruck hat er in einem Buch gelesen – und geht dem Duft nach, der ihn in die Küche führt. Fräulein Starik sitzt ausgehfertig mit Hut am Tisch. Sie gehe, verkündet sie trotzig und verheult. Es sei nämlich so: „Katz hat ein Mäuschen“, eine Geliebte, und sie wisse auch, wie sie heißt: Nares. Hatte die Schreibstube aus „purem Katzenhass“ ein Gerücht geboren?

Denkbar, gewiss, […] und wenn ich es mir recht überlegte – eigentlich hatte ich schon immer geahnt, dass Onkel Katz ein doppeltes Spiel spielte. […] wer sein Priestergewand als Sonderanfertigung aus einer Römer Exclusiv-Boutique bezieht und mit Schnallenschuhen, die er unter dem rotgefütterten Rocksaum hervortanzen lässt, den vornehmen Prälaten markiert, der versucht doch, mit all diesem halbseidenen Aufwand etwas zu verbergen, oder nicht? (Seite 156)

Der Junge versucht, das Fräulein zu trösten: „Sie sind nicht allein auf dieser Welt, ich werde Ihnen helfen. […] Ich nehme Sie mit. Wir gehen zusammen.“ (S. 157ff)

Die Sache mit dem Mäuschen des ehrwürdigen Stiftsbibliothekars klärt sich folgendermaßen auf.

Nares ist eine unter uns Gelehrten gebräuchliche Abkürzung. Das N steht for Nomina, das a für ante, res für res. Na-res. Ein Philosophenscherz! […] meine Geliebte heißt tatsächlich Nares, und ich hätte geschworen, du würdest die Pointe erfassen. (Seite 165)

Sein Verhältnis mit dem Fräulein Stark ist immer noch gespannt. Aber sie bietet ihm immerhin an, beim Packen seines Koffers behilflich zu sein.

Der Abschied vom Onkel verläuft verhalten herzlich:

Ich zog die linke Braue in die Stirn, er ahmte mich nach, da grinsten wir beide. Ja, ganz konnten wir unser Geschlecht nicht wegschummeln. Die Katzenbraue stand in die Stirn hinaus wie ein Seidenstrumpf, den ein Strapsbändelchen am Oberschenkel in die Höhe zurrt. (S. 191)

Und das Adieu von Fräulein Stark? Sie zeichnet ihm ein Kreuz auf die Stirn. Es ist nicht deutlich zu sehen, ob sie Tränen in den Augen hat.

Kurz vor der Abreise erfährt er noch, dass die Stark vor dem Bibliothekseingang einen Kiosk eröffnen will. Monsignore ist kategorisch dagegen. Aber die erste Post, die der Junge in der Klosterschule erhält, ist eine Ansichtskarte der Stiftsbibiliothek und stammt aus dem Kiosk. Das Geschäft laufe zunehmend besser, steht da, von fremder Hand geschrieben. Die Unterschrift „mit einer girlandenartig eine hauchdünne Bleistiftlinie umrankenden Kinderschrift: Frl. Stark“. (Seite 186)

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Die Novelle „Fräulein Stark“ ist eine Geschichte über das Suchen und Finden. Ein Zwölfjähriger erfährt mehr über die jüdische Herkunft seiner Familie (das Geschlecht der Katz), über die immer naserümpfend und abwertend gesprochen wird. Und durch den indirekten Kontakt mit dem weiblichen Geschlecht eröffnen sich seiner pubertären Neugier ungeahnte Perspektiven. Die Erkenntnisse über das Trauma der Familie Katz und die zunehmende Aktivität seiner Erkundungen unter den Damenröcken sind geschickt miteinander verwoben. Fräulein Stark, die lebenstüchtige und sittenstrenge Haushälterin des Stiftsbibliothekars Jacobus Katz, leitet ihn resolut durch die Turbulenzen bei dem aufregenden Abenteuer seiner Selbstfindung.

Die Vielfalt der Geruchserlebnisse und die Unterschiedlichkeit der unter den Röcken entdeckten Herrlichkeiten ist höchst einfallsreich, originell, streckenweise komisch, immer humorvoll und mit viel Liebe zum Detail beschrieben.

Die Geschichte zur Huldigung des langjährigen Direktors der Stiftsbibiliothek St. Gallen, des alten Prälaten Dr. D. Johannes Duft, ist von ihm und anderen als solche nicht wahrgenommen worden. Prälat Duft hat sich in Jacobus Katz wiedererkannt, und das hat ihm nicht gefallen. Er hat eine Streitschrift mit „Bemerkungen und Berichtigungen“ verfasst, in der er Fiktion und Realität trennen und sich der „unnötigen Boshaftigkeiten“ gegen sich selbst und seine Haushälterin verwahren wollte. (Fräulein Stark heißt nicht Magdalena, sondern Maria; sie scheint nicht so erzürnt gewesen zu sein.) In der Schweiz wurde der Protest teils mit Spott, teils mit Bedauern aufgenommen. Er mache sich damit zum Objekt einer Provinzposse, hieß es. Aber auch manche Schweizer sahen ihr Nest beschmutzt. Macht Thomas Hürlimann doch dem Land heftige Vorwürfe im Umgang mit den Juden und prangert deren Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus an. Überdies wurde in der katholischen Bevölkerung die schelmenhafte Darstellung des Jungen bei der Erkundung des weiblichen Geschlechts nicht gerne gesehen.

Übrigens: Eine Fortsetzung der Geschichte erzählt Thomas Hürlimann in „Das Innere des Himmels“.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2004
Textauszüge: © Amman Verlag – Die Seitenangaben beziehen sich
auf eine Taschenbuch-Ausgabe (Fischer, Frankfurt/M 2003).

Thomas Hürlimann: Das Innere des Himmels
Thomas Hürlimann: Das Gartenhaus

T. C. Boyle - Talk Talk
Bei der Figurenzeichnung hat sich T. C. Boyle in "Talk Talk" keine Mühe gegeben, und die weitschweifig erzählte, abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven entwickelte Handlung lässt sich nicht in allen Details nachvollziehen.
Talk Talk

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