Kalt ist der Abendhauch

Kalt ist der Abendhauch

Kalt ist der Abendhauch

Originaltitel: Kalt ist der Abendhauch - Regie: Rainer Kaufmann - Drehbuch: Kathrin Richter und Ralf Hertwig, nach dem Roman "Kalt ist der Abendhauch" von Ingrid Noll - Kamera: Klaus Eichhammer - Schnitt: Ueli Christen - Musik: Niki Reiser - Darsteller: Fritzi Haberlandt, Gisela Trowe, August Diehl, Heinz Bennent, André Hennicke, Ingo Naujoks, Georgia Stahl, Vadim Glowna, Elisabeth Trissenaar, Gisela Schneeberger, Fabian Busch, Devid Striesow, David Stoy u.a. - 2000; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Die 16-jährige Berliner Schuhmachertochter Charlotte verliebt sich in Hugo, einen romantischen jungen Mann, der jedoch nicht sie, sondern ihre Schwester zur Frau nimmt. Der 15 Jahre ältere Lehrer, den Charlotte heiratet, scheint im Zweiten Weltkrieg gefallen zu sein. Hugo kommt unversehrt zurück und beginnt ein Verhältnis mit seiner Schwägerin. Da steht plötzlich ihr totgeglaubter Mann in der Tür ...
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Kritik

Genreübergreifende Verfilmung des Romans "Kalt ist der Abendhauch" von Ingrid Noll. Die eigentliche Geschichte wird in Rückblenden erzählt: Die Aussicht auf den ersten Besuch der großen Liebe ihres Lebens seit fünfzig Jahren ist für die 83-jährige Charlotte der Auslöser, sich wehmütig an früher zu erinnern.
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Berlin in den Dreißigerjahren. Mit 16 lernt Charlotte Hoffmann (Fritzi Haberlandt) Hugo Wimmer (August Diehl) kennen und verliebt sich in ihn. Doch Hugo bevorzugt ihre ältere Schwester Ida (Georgia Stahl), und als diese schwanger wird, heiratet er sie. Während der Hochzeitsfeier liegt Charlotte krank im Bett. Ihr jüngster Bruder Albert (David Stoy) zieht ihr Festkleid an und sorgt an der Hochzeitstafel für einen Skandal. Der Vater (Vadim Glowna) tobt. Albert erhängt sich.

Der Vater ist Schuhmacher. Er möchte, dass sein Schwiegersohn in seinem Geschäft mithilft und es später übernimmt, aber Hugo würde lieber Schriftsteller werden und eröffnet nach einiger Zeit eine kleine Buchhandlung in der Nähe des Schuhgeschäfts.

Obwohl Charlottes Bruder Ernst-Ludwig (Devid Striesow) unter Heuschnupfen leidet, heiratet er eine Bauerntochter und übernimmt mit ihr zusammen den Hof des Schwiegervaters.

Charlotte heiratet einen 15 Jahre älteren Lehrer namens Bernhard Schwab (André Hennicke). Während der Hochzeitsfeier betrinkt Hugo sich, zitiert Ringelnatz-Gedichte und versucht, seine Schwägerin zu küssen.

Nachdem der Vater gestorben ist, heißt es, dass Ida sich scheiden lassen wolle, weil Hugo ihr untreu sei.

Ernst-Ludwig fällt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das Elternhaus in Berlin wird bei einem Bombenangriff zerstört. Die Mutter (Elisabeth Trissenaar) zieht mit Ida und deren Tochter Heidemarie zu ihrer verwitweten Schwiegertochter aufs Land. Charlotte bleibt mit ihren beiden Kindern Veronika und Ulrich in der Stadt. Die letzte Nachricht von Bernhard stammt aus Odessa.

Hugo kehrt unversehrt aus dem Krieg zurück. Er findet Arbeit als Hotelportier in Berlin, wohnt während der Woche bei seiner Schwägerin und fährt am Wochenende zu seiner Familie. Im Keller unter den Trümmern des Elternhauses finden Hugo und Charlotte das Schuhlager. Die Schuhe bringen auf dem Schwarzmarkt eine Menge Geld. Als Hugo zufällig sieht, wie Charlotte nackt aus der Dusche kommt, umarmt er sie. Darauf hat Charlotte seit Jahren gewartet. Hugo verspricht, sich scheiden zu lassen.

Charlotte ist überzeugt, dass Bernhard gefallen ist. Doch eines Tages steht er ausgemergelt und lungenkrank in der Tür. Nachdem er in der Küche eine Pfanne voll Bratkartoffeln verschlungen und aus einer Whiskyflasche getrunken hat, will er Charlotte küssen. Sie ekelt sich vor ihm, sträubt sich; er zerreißt ihr das Kleid und versucht, sie zu vergewaltigen. Aber viel Kraft hat er nicht: Als Charlotte ihn zurückstößt, stürzt er, schlägt mit dem Kopf auf und stirbt.

Noch in der Nacht mauern Hugo und Charlotte die Leiche im Keller ein.

Charlotte ist schwanger. Als sie es Hugo sagen will, kommt er ihr mit der Nachricht zuvor, dass Ida unter multipler Sklerose leide und er sie deshalb nicht verlassen könne.

Monate später taucht ein Blinder bei Charlotte auf und fragt nach seinem Kriegskameraden Bernhard. Anton (Ingo Naujoks) kann kaum glauben, dass Bernhard nicht nach Hause gekommen ist und für tot erklärt wurde. Er zieht als Untermieter bei Charlotte ein, schult auf Masseur um, hilft im Haushalt und kümmert sich liebevoll um die drei Kinder Veronika, Ulrich und Regine. Dass Charlotte und Hugo ein Verhältnis haben, merkt er. Hugo nimmt dagegen an, dass Charlotte auch mit ihrem Untermieter schläft und Anton der Vater von Regine ist.

Als das kleine Mädchen einmal auf die Straße läuft, folgt der Blinde ihm voller Sorge — und gerät selbst unter einen Lastwagen. Charlotte kommt gerade von Hugo, als Anton in den Krankenwagen getragen wird. Er stirbt auf dem Weg in die Klinik. Charlotte weiß, dass er sie liebte, macht sich Vorwürfe und trennt sich von Hugo.

Fünfzig Jahre später erhält Charlotte (jetzt: Gisela Trowe) einen Brief: Hugo schreibt aus Darmstadt und kündigt seinen Besuch an. Einige Tage später steigt er (jetzt: Heinz Bennent) vor ihrer Berliner Villa tattrig aus dem Taxi.

Veronika ist in Kalifornien, Ulrich bei einem Sinologenkongress in Peking. Nur die inzwischen 51 Jahre alte Regine (Gisela Schneeberger) lebt mit ihrem Sohn Felix (Fabian Busch) in Berlin. Zum ersten Mal sieht Regine ihren Vater, der bis dahin nicht wusste, dass Charlotte von ihm schwanger war.

Heimlich holen Hugo und Charlotte die im Keller versteckte Leiche heraus und verstecken sie in einem Wäschekorb. Felix soll den schweren Korb ins Auto zu tragen. Der Junge, der bei der Überprüfung schadhafter Elektroleitungen im Keller bereits Verdacht geschöpft hatte, lässt sich nicht täuschen, aber er hilft den beiden alten Menschen, die sterblichen Überreste Bernhards im See zu bestatten.

Während der Heimfahrt zitiert Hugo wieder einmal Ringelnatz:

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum — noch stundenlang —
Wartete auf Bumerang.

Dann stirbt er auf dem Rücksitz in Charlottes Armen. Der Enkel hält gerade vor ihrer Villa, aber sie bittet ihn, noch eine Runde zu fahren …

„Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um fünf Minuten glücklich sein zu können“.

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Nach „Die Apothekerin“ verfilmte Rainer Kaufmann auch den Roman „Kalt ist der Abendhauch“ von Ingrid Noll (Diogenes, Zürich 1996). Die eigentliche Geschichte wird in Rückblenden erzählt: Die Aussicht auf den ersten Besuch der großen Liebe ihres Lebens seit fünfzig Jahren ist für die 83-jährige Charlotte der Auslöser, sich wehmütig an früher zu erinnern. Das gibt Rainer Kaufmann die Gelegenheit, mit viel Liebe zum Detail die Atmosphäre der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre zu inszenieren. Die Geschichte selbst bringt er ein bisschen schwerfällig und genreübergreifend mal als Lovestory, Melodram oder Familiensaga, zwischendurch als Krimi und in der Rahmenhandlung als makabre Komödie. Das wirkt unentschieden, passt nicht wirklich gut zusammen und lässt keine stilistische Einheit zu.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

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