Bodo Kirchhoff : Widerfahrnis

Widerfahrnis
Widerfahrnis Originalausgabe: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 2016 ISBN: 978-3-627-00228-2, 224 Seiten ISBN: 978-3-627-02238-9 (eBook) dtv, München 2018 ISBN 978-3-423-14641-8, 221 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In einer Seniorenwohnanlage im Allgäu begegnen sich zwei Menschen, die alles verloren bzw. aufgegeben haben. Mitten in der Nacht steigen Julius Reither und Leonie Palm spontan ins Auto und fahren los. Nach zwei Tagen erreichen sie Sizilien. Dort fällt ihnen ein verwahrlostes, etwa zwölf Jahre altes Mädchen auf, das ihnen eine Scherbe zum Kauf anbietet. Sie wollen helfen, aber ihre Bemühungen werden von dem Kind als Freiheitsberaubung empfunden ...
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Kritik

Die Geschichte, die Bodo Kirchhoff in "Widerfahrnis" erzählt, ist nicht besonders wirklichkeitsnah. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Gestaltung ist die Novelle lesenswert.
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Nach 30 Jahren gab Julius Reither im letzten Herbst seinen Kleinstverlag und seine Buchhandlung in Frankfurt am Main auf und zog in die Seniorenwohnanlage Wallberg-Apartments im Weissachtal im Allgäu.

Nachts glaubt er Geräusche vor seiner Tür zu hören. Es dauert eine Weile, dann klingelt es. Der 64-Jährige öffnet. Draußen steht Leonie Palm, die „treibende Kraft“ des Lesekreises, in einem viel zu leichten Sommerkleid. Vor ein paar Stunden beobachtete sie, wie er das von ihr unter dem Pseudonym Ines Wolken geschrie­bene und selbst verlegte Buch aus der Bibliothek zum Lesen mitnahm.

Leonie Palm ist ein paar Jahre jünger als Julius Reither. Die gelernte Kostümbildnerin hatte sich autodidaktisch zur Hutmacherin ausgebildet, aber vor einiger Zeit musste sie ihren Hutladen in der Hauptstadt aufgeben, weil die Kunden ausblieben. Ihr Hund wurde überfahren. Ihr Ehemann verschwand Richtung Indien, als die Tochter noch keine fünf Jahre alt war. Die Tochter legte sich später bei Eiseskälte ans Ufer eines Waldsees, betrank sich mit Wodka und erfror. Vermutlich hatte sie Liebeskummer. Die Mutter imitierte es am Abend nach der Beerdigung und zog sich sogar nackt aus, stand jedoch wieder auf, solange es noch möglich war. In dem Buch ohne Titel schrieb sie darüber.

Reithers Vater war Studienrat für Latein und Geschichte am Rotteck-Gymnasium in Freiburg. Er starb, als der Sohn elf Jahre alt war. Die Witwe Anne Reither zog mit dem Jungen nach Kirchzarten südöstlich von Freiburg und arbeitete dort als Bibliothekarin. Sieben Jahre nach dem Tod ihres Mannes eröffnete sie ihrem 18-jährigen Sohn, dass sie unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war, und ein paar Wochen später starb sie.

Seine einzige ernsthafte Liebesbeziehung begann, als er 30 Jahre alt war. Christine war einige Jahre jünger und damals noch Schauspielschülerin. Im Alter von 43 Jahren wollte Reither mit ihr nach Sizilien, aber in Reggio Calabria sprachen sie darüber, dass sie im dritten Monat schwanger war. Er meinte, ein Kind mache keinen Sinn.

[…] wir hatten an dem Abend beschlossen, das Kind nicht zu wollen. Es passte weder in ihr noch in mein Leben.
So etwas kann man einfach beschließen?
Ja. Mit zwei zu null Stimmen, das Kind konnte ja nicht mitentscheiden. Und deshalb ging Christine, Hals über Kopf. Sie fand es ungeheuerlich, dass wir beide das werdende Leben in ihrem Bauch einfach überstimmt haben.

Christine stand auf, ging zum Bahnhof und fuhr mit dem Zug nach Hause. Später las Reither noch einmal ihren Namen im Abspann eines Films, bei dem sie als Synchronsprecherin mitgewirkt hatte.

Die Kirchturmuhr am Rietberg hat Mitternacht geschlagen, der 21. April begonnen, als Leonie Palm vorschlägt, eine Spritztour zum Aachensee zu unternehmen, um dort den Sonnenaufgang anzuschauen. Sie zeigt Reither durchs Fenster ihr eingeschneites Cabrio.

Aster aus Eritrea, die sich nachts mit Marina aus Bulgarien an der Pforte der Wallberg-Apartments abwechselt, hilft Leonie Palm beim Anschieben des Autos, dessen Batterie zu schwach ist. Reither fährt.

Vom Aachensee aus fahren sie weiter nach Süden. An einer Tankstelle kauft Leonie Palm eine österreichische Mautplakette, und zwar gleich für ein ganzes Jahr. Sie überqueren den Brenner.

Reither wollte das Buch aufschlagen, aber die Palm trat auf die Bremse, sie zog den Wagen nach rechts und fuhr auf den Standstreifen, bremste noch weiter ab und stoppte so ruckartig, dass er mit der Stirn an die Sonnenblende kam; sie machte den Motor aus und die Warnlichter an. Das Ganze kann auch schon hier enden, sagte sie. Was glauben Sie, warum wir in diesem Auto sitzen, Sie und ich, wegen eines Buchs? Glauben Sie das wirklich?

Am Morgen des nächsten Tages verlassen sie bei Affi die Autobahn und schlafen vier Stunden im Auto. Mit der Fähre setzen sie nach Messina über. In Catania mieten sie am Abend eine Ferienwohnung.

Vom Balkon aus sieht Reither ein um die zwölf Jahre altes Mädchen in einem roten Kleiderfetzen mit Flipflops an den Füßen. Auf dem Weg zu einem Restaurant begegnen er und Leonie Palm dem Mädchen. Stumm bietet es ihnen seine Halskette mit einer Scherbe an. Reither findet nur einen 20-Euro-Schein in seinen Taschen, und während Leonie Palm nach Münzen kramt, geht das Kind weg.

Zum Essen setzen sie sich ins Freie. Das Mädchen kommt zu ihnen an den Tisch und hält ihnen erneut die Scherbe an ihrer Halskette hin. Der Wirt will die ver­wahr­loste Bettlerin vertreiben, aber Reither behauptet, das Kind gehöre zu ihm und seiner Begleiterin. Statt der Kleinen Geld zu geben, bieten Reither und Leonie Palm ihr den freien Stuhl an ihrem Tisch an und bestellen Cola und frittierte Sardinen für sie. Das Mädchen hat noch nicht aufgegessen, als ein Streifenwagen hält und zwei Polizisten aussteigen, die vermutlich vom Wirt gerufen wurden. Das Kind läuft weg.

Vor der Ferienwohnung wartet es auf die beiden Deutschen. Das Mädchen sagt kein einziges Wort, aber die Erwachsenen nehmen es mit hinein und überlassen ihm die Couch.

In dieser Nacht schlafen Leonie Palm und Julius Reither miteinander.

Als er sie fragt, welchen Titel sie für ihr Buch gewählt hätte, wenn es von ihm verlegt worden wäre, antwortet sie: Widerfahrnis.

Mit dem Kind auf dem Rücksitz fahren sie weiter nach Taormina. Es ist der 23. April. Noch am selben Tag kehren sie zum Fährhafen von Messina zurück.

Auf dem Parkdeck meint Reither: „Besser, wir bleiben im Auto.“ Weil auch Polizei an Bord ist, fordert er das Mädchen auf, sich flach auf die Rückbank zu legen. Es weigert sich jedoch. Plötzlich wirft es sich nach vorne und drückt die Fahrertür auf. Als Reither die Kleine festhalten will, zieht sie ihm die Scherbe wie eine Messer­klinge durch die Hand. Das Mädchen rennt weg. Leonie Palm steigt ebenfalls aus. Reither nimmt an, dass sie nach dem Kind sucht. In seiner rechten Hand klafft eine Wunde. Er zieht sein Baumwollhemd aus und wickelt es um die Hand, um die Blutung zu stillen.

Beim Herunterfahren von der Fähre in Reggio Calabria entdeckt Reither weder Leonie Palm noch das Mädchen unter den Passagieren, die zu Fuß von Bord gehen. Aber in der Fahrzeugschlange hätte er auch gar nicht anhalten können.

Er stellt den Wagen im Hafenbereich ab, setzt sich auf eine Steintreppe am Wasser und versucht, eine Weinflasche zu entkorken. Mit einer Hand ist es unmöglich. Reither legt sich auf den Rücken und weint.

Ein noch keine 30 Jahre alter Afrikaner fragt: „Can I help you, man?“ Taylor, so heißt der Flüchtling, hat eine Blechschachtel mit Erste-Hilfe-Material bei sich. Er reinigt Reithers Wunde und näht sie mit mehreren Stichen zu. Dann ruft er seine mehrere Jahre jüngere Frau, die mit dem Baby im Dunkeln gewartet hat. Taylor ist kein Arzt, nicht einmal ein Sanitäter, sondern ein nigerianischer Fischer. Vor einem Jahr verließ er Lagos mit seiner Frau. Seither sind sie unterwegs. Sie wollen nach Deutschland.

Reither fährt sie zum Bahnhof, wo Taylor eine Reisetasche aus einem Schließfach holt.

Auf dem Bahnhofsvorplatz entdeckt Reither die Besitzerin des Autos. Als Erstes erkennt er nicht sie, sondern seine von ihr getragene Jacke. Er geht hin. Leonie Palm beabsichtigt, mit dem Zug über Neapel und Rom nach Florenz zu fahren. Falls ihr noch genügend Zeit bleibe, sagt sie, wolle sie auch Lucca, Ravenna und Triest sehen. Reither erklärt ihr kurz, wer die Personen in ihrem Auto sind und weist darauf hin, dass noch ein Platz frei sei. Aber Leonie Palm hält nichts von dem Vorschlag, mit dem Auto nach Florenz zu fahren, denn für die Flüchtlinge würde das nur eine Verzögerung auf ihrem Weg nach Deutschland bedeuten. Sie gibt Reither die Schlüssel ihres Apartments und fordert ihn auf, die Nigerianer dort unterzubringen. Dann holt sie noch ihr Buch aus dem Kofferraum.

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Das Wort Widerfahrnis, das Bodo Kirchhoff für den Titel der Novelle gewählt hat, steht nicht im Duden. Abgeleitet ist es vom Verb widerfahren, und das wird auf ein Ereignis angewandt, das einem Menschen zustößt und dessen Leben verändert.

In der Novelle „Widerfahrnis“ erzählt Bodo Kirchhoff von einer dreitätigen Reise. Zwei ältere Menschen, die alles verloren bzw. aufgegeben haben, verlieben sich. Aber diese Liebe ist zu schwach für einen Neuanfang und einen gemeinsamen Lebensabend. Be­rüh­ren­der als diese melancholische Romanze ist die Konfrontation des Paares mit einem minderjährigen Flüchtlingsmädchen in Sizilien. Bodo Kirchhoff veranschaulicht in „Widerfahrnis“ unsere Hilflosigkeit angesichts des Elends. Julius Reither und Leonie Palm wollen dem verwahrlosten, beharrlich schweigenden Kind helfen, aber ihre durchaus auch egoistisch motivierten Bemühungen werden von dem Mädchen als Freiheitsberaubung empfunden. Als es sich wehrt und Reither verletzt, ist es wiederum ein Flüchtling, der Erste Hilfe leistet.

Die Geschichte, die Bodo Kirchhoff in „Widerfahrnis“ erzählt, ist nicht besonders wirklichkeitsnah. Er setzt sich auch nicht weiter mit der Flüchtlings-Thematik auseinander. Lesenswert ist „Widerfahrnis“ vor allem wegen der Gestaltung.

Beispielsweise ist es virtuos, wie sich die beiden Hauptfiguren auf den ersten Seiten des Buches an der Tür eines Apartments umtanzen.

Die Besucherin – auch wenn sie, strenggenommen, noch gar keine war – stand nun mit beiden Schuhen halb auf der Matte, und zutreffender wäre es, von beiden Füßen zu sprechen, weil nur ein paar minzfarbene Riemchen darum lagen, das hieß, sie stand dort in Sandalen, die aber nichts Gesundheitliches hatten, vielmehr etwas nervös Libellenhaftes, von dem Reither nur langsam den Blick hob.

Würden Sie mich hereinbitten, würde ich eine mitrauchen. Obwohl ich aufgehört habe, seit ich hier wohne.
Dann sollten Sie es auch dabei belassen.
Ist das Ihr letztes Wort?
Was weiß ich, sagte Reither. Außerdem mag ich keine langen Dialoge. Ich mochte sie auch in Büchern nie. Sie zeugen meist nur von Erzählfaulheit.
Aber Sie und ich, wir sind hier nicht in einem Buch. Wir stehen an Ihrer Wohnungstür.
Nein, nur Sie. Ich stehe in der Wohnung. Außer Sie kommen herein. Und wir rauchen eine.

Mehrmals fügt der Erzähler selbstreflexive Kommentare aus der Sicht eines Autors oder Verlegers ein:

Kein Erzähler hat gleich seinen Fuß in einer Geschichte, erst nach und nach; wenn aber alles erzählt ist und man noch einmal von vorn anfängt, kann man freilich so tun, als hätte man gleich den Fuß darin gehabt, schon beim ersten Satz, nur ist es ein Mogeln und verwischt das Werden, das sich aus Zufällen am Wegrand des Erzählens ergibt, ganz nach dem Vorbild des Lebens.

Die Novelle „Widerfahrnis“ beginnt mit dem Satz:

Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?

Der Konjunktiv könnte darauf hinweisen, dass sich die Handlung lediglich in der Vorstellung des Autors abspielt.

Für die Novelle „Widerfahrnis“ wurde Bodo Kirchhoff 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Die Novelle „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Frank Arnold (ISBN 978-3-95862-023-0).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Frankfurter Verlagsanstalt

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