Hildegard Knef : Der geschenkte Gaul

Der geschenkte Gaul

Hildegard Knef

Der geschenkte Gaul

Vorabdruck unter dem Titel"Menschenskind" in "Jasmin", 1970 Der geschenkte Gaul Originalausgabe: Molden, Wien / München / Zürich 1970 Taschenbuch: Ullstein, Frankfurt/M / Berlin / Wien 1972 7. Auflage: 2005 ISBN 3-548-36376-8, 447 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der Produzent David O. Selznick 1948 die Film- und Bühnenschauspielerin Hildegard Knef mit einem 7-Jahres-Vertrag nach Hollywood holte, wurde sie als zweite Greta Garbo und erster deutscher Weltstar der Nachkriegszeit gefeiert. 1954 bis 1956 hatte sie am Broadway einen sensationellen Erfolg als Hauptdarstellerin in dem Cole-Porter-Musical "Silk Stockings". 1962 begann sie eine zweite Karriere als Chansonsängerin, und 1970 mit "Der geschenkte Gaul" eine dritte als Schriftstellerin.
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Kritik

"Der geschenkte Gaul. Bericht aus einem Leben" kann man als Autobiografie oder Roman lesen. Hildegard Knef war klug und hatte wirklich etwas zu erzählen, und das tat sie in prägnanten Szenen, ohne Sentimentalität, aber mit viel Berliner Humor.

Hildegard Knef (Kurzbiografie)

Das Buch „Der geschenkte Gaul. Bericht aus einem Leben“ von Hildegard Knef (1925 – 2002) kann man als Autobiografie (Sachbuch) oder Roman (Belletristik) lesen.

Locker chronologisch erzählt die Knef, was sie bis 1970 erlebte, und das war eine ganze Menge. Im ersten Teil des Buches geht es darum, was sie und andere Frauen während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach in Deutschland durchmachten. Die zweite Hälfte „spielt“ in den Fünfzigerjahren in Hollywood und New York; Hildegard Knef nimmt uns mit hinter die Kulissen der amerikanischen Film- und Theaterwelt, stellt uns auch andere Berühmtheiten vor, die ihren Weg kreuzen oder mit ihr befreundet sind wie etwa Marlene Dietrich.

Schon der Inhalt des Buches ist fesselnd, denn Hildegard Knef ist klug und hat wirklich etwas zu erzählen. Aber sie versteht sich auch auf Form und Sprache: Mit wenigen Strichen charakterisiert sie Figuren und macht sie lebendig. Sie beobachtet gut, erkennt das Besondere und gibt es in präganten Szenen und Dialogen pointiert wieder. Da steht kein Wort zu viel; und obwohl die Sprache eher schnoddrig ist, evoziert Hildegard Knef damit sehr viel Atmosphäre. Vollends zum Vergnügen wird die Lektüre durch lapidare Ironie und Berliner Humor. Sentimentalität wird ebenso vermieden wie Selbstbeweihräucherung, Exhibitionismus oder Sensationslust.

Mit den Jahreszahlen nimmt es Hildegard Knef allerdings nicht so genau. Und der Biograf Jürgen Trimborn glaubt nachgewiesen zu haben, dass einige Episoden schlichtweg erfunden sind, so zum Beispiel die Gefangenschaft in einem sowjetischen Lager: „Hildegard Knef. Die Biografie“.

Das Leben war nicht immer gut zu ihr, aber die Film- und Theaterschauspielerin, Chansonsängerin, Malerin und Schriftstellerin hält es wie mit einem „geschenkten Gaul“: Dem schaut man auch nicht ins Maul. Der Vorabdruck in „Jasmin“ lief noch unter dem Titel „Menschenskind“. Im letzten Augenblick wählte Hildegard Knef den Titel „Der geschenkte Gaul“ und griff damit auf ein Zitat aus der am 31. Januar 1953 in »The New Yorker« veröffentlichten Kurzgeschichte »Teddy« von J. D. Salinger zurück: „Life is a gift horse in my opinion.“

Das Musical „Der geschenkte Gaul“ wurde am 22. Februar 2003 am Stadttheater Wilhelmshaven uraufgeführt (Text: Hildegard Knef, Udo Becker, Paul von Schell und Reinhardt Friese, Musik: Udo Becker, Regie: Reinhardt Friese, Hauptrolle: Franca Berlin).

Auf der Grundlage der Autobiografie „Der geschenkte Gaul“ entstand auch der Film „Hilde“ mit Heike Makatsch in der Titelrolle.

Hildegard Knef (Kurzbiografie)

Leseproben aus Hildegard Knef: Der geschenkte Gaul

Über Hildegard Knefs Vater Hans Theodor Knef, der sechs Monate nach ihrer Geburt starb:

Er hieß Hans Theodor, war groß, war wild, war rastlos, war rothaarig – durcheilte Leben, durcheilte Berufe wie Schnellzüge Stationen – gewann Wettschwimmen gegen die Rheinströmung, gewann Fußballpokale, gewann Amateurboxkämpfe.
War verzweifelt.
Ich hätte ihn gern kennen gelernt.
Mit 17 bekam er sein EK II – mit 17½ sein EK I. Er hatte sich freiwillig gemeldet, war an der Somme, war in Verdun und war einmal im Bordell. Und als der Krieg vorbei war, rissen sie ihm am Anhalter Bahnhof in Berlin die Schulterstücke runter und die Orden ab – was ihm blieb, war die Krankheit. »Geheilt«, sagte der Arzt nach einem Jahr – »ham Se noch mal Glück jehabbt.«
Er konnte sich nicht mehr zurechtfinden in dem nach Kohlrüben riechenden Deutschland. Suchte Kriege, suchte Streit – bis er seine Frieda Auguste traf. Sie heirateten. Packten ein, packten aus, zogen hin, zogen her, führten eine Umzugsehe. manchmal verdiente er, hatte Auto samt Chauffeur, verlor beides, landete in Ulm. Da kam die nächste große, einmalige, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellende Chance: Türkei, eigene Fabrik, Unabhängigkeit. Die vermasselte ich. Mein Auftritt fand im Dezember statt. Mein Vater raste durch die Wohnung, schrie: »Ist ihr Blut in Ordnung, Doktor, ist das Blut auch in Ordnung?« Es war.
Einen Monat später fand Mutter die Spritze. Im Flur war ein Hängeboden, auf dem Hängeboden ein Karton, im Karton die Spritze. Sie fragte ihn: Was soll die Spritze?
Sie ist wiedergekommen, die Krankheit von damals. Ich bin in Behandlung, mache mir die Spritzen, sie sagen, es ginge wieder vorbei.
Es ging nicht. Er bekam Fieber, bekam Angina. Ob das eine mit dem anderen zusammenhing, wussten sie nicht, die Ärzte. Er kam ins Krankenhaus. Mutter auch. Sie hatte eine Blinddarmentzündung. Er lag im zweiten, sie im ersten Stock. Nach zehn Tagen schrie er nach seiner Auguste, sie holten den Pfarrer. Der sprach, ihn sanft bei der Hand nehmend: Mein Sohn, sprach er, es ist Gottes Wille, wir müssen den Weg zu IHM finden. ER wird sich unser annehmen in seiner großen Güte, lass uns beten.
Hans Theodor stand auf, würgte den Trostsprechenden, Sanften, bis er bewusstlos war. Schrie und schrie: Ich bin 28 hab‘ eine Frau hab‘ ein Kind ein sechs Monate altes Kind es ist nicht wahr es ist nicht SEIN Wille kann nicht SEIN Wille sein du lügst … dann fiel er über den bewusstlosen Pfarrer und starb.
Mutter sagten sie es vier Stunden später. Sie hatten sie einfach vergessen.
(Seite 32f)

Über ihre erste Begegnung mit dem Regisseur Boleslaw Barlog am Bahnhof Babelsberg während des Zweiten Weltkriegs:

Vor mir schaukelt ein Mann mit zu Berge stehendem Kraushaar, von unsichtbarem Föhn hochgeblasen […] Sein Zeigefinger nagelt mich an die Tür. »Wie heißen Sie?«, fragt er laut. Das »heißen« lässt einen Lispler erzischen, ein Zisch, einer in Sommersonne geöffneten Seltersflasche gleich. Ich flüstere: »Hilde Knef.« – »Sind Se Schauspielerin, ick brauchn Mädchen wie Sie, ja jenau wie Sie, ick heiße« – wieder sprudelt die Flasche – »Barlog … Boleslav, ick machn Film für die Terra, Der jrüne Salong, jrüüne Salong, schön unverfänglich, aber kriegswichtig, enorm kriegswichtig.« […] Wie ein Könnten-wir-das-mal-nach-Drehschluss-besprechen-Regisseur sieht der nicht aus. Ich stottere was von Ufa-Nachwuchs. »Na, denn wer ick die Bongers mal frajen […] Wenn der Scheißkrieg, diese ganze Scheißzeit« – dabei detonierte ein Siphon – »vorbei is, denn mack ick Theata, und wenn du was aufn Kasten hast, kannste bei mir spieln, da kommste einfach vorbei, und denn machen wa endlich anständjes Theata.« (Seite 66f)

Nach ihrer Flucht aus einem russischen Kriegsgefangenenlager wandte sich Hildegard Knef 1945 an die Mutter ihres Geliebten Ewald von Demandowsky in Berlin, die ihr von russischen Soldaten erzählt:

»Sie sind wie die Tiere«, sagte seine Mutter unbeirrt, »die ersten, die in den Keller kamen, waren noch annehmbar, das waren wohl die Elitetruppen, aber dann …« Sie seufzte, sah an die Decke, »Tiere, anders kann man es nicht nennen, der jungen Frau im Nebenhaus haben sie die Hand zerschossen; sie wollten Kartoffeln waschen und warfen sie in die Toilette, dann zogen sie an der Spülung, die Kartoffeln waren natürlich weg – Sabotage, brüllten sie und schossen herum. Das Lächerliche war, wir hatten kein Wasser mehr, nur in dem Spülbehälter hatte sich noch etwas gesammelt, Sabotage!!« (Seite 112f)

Über ihr erstes Haus bei Los Angeles, 1948:

Sie gaben uns die Adresse eines deutschen Regisseurs, der sein Haus im Benedict Canyon vermieten wollte. Es lag an einen Hügel geklebt, von wildem Gestrüpp umwachsen, war groß und billig. Dass es Klapperschlangen hatte, merkten wir erst, als wir eingezogen waren […] Dass ich allnächtlich die Laken herunterreißen musste, um manche sanft Schlummernde zu verscheuchen […] dass ihre Kinder im Briefkasten lebten und jedes Herausnehmen der Post zum täglich neuen Abenteuer gestalteten, hätte ich noch ertragen, dass jedoch die Katzen, die inzwischen ihre Zahl auf vierzehn erhöht hatten, nähmaschinengroße Eidechsen apportierten, die in Sesseln, Sofas und Heizung verschwanden, ließ mich in unbeherrschten Augenblicken in Tränen ausbrechen. (Seite 204f)

Über den Skandal, den ihre kurze Nacktszene in dem Film »Die Sünderin« 1951 in der Bundesrepublik Deutschland auslöste:

Ich begriff nichts, hatte die Jahre der sittlichen Aufrichtung, der ersten wetterleuchtenden Zeichen eines Wirtschaftswunders und seiner nach Instandsetzung von Ordnung und Moral strebenden Gesellschaft verpasst, verstand nicht, dass mit Währungsreform, regelmäßiger Nahrung, geheiztem Schlafzimmer eine auf Keuschheit bedachte Betulichkeit Einzug gehalten und das Unfassliche des Vorhergegangenen ignoriert, abgeschrieben und verdrängt hatte. (Seite 281f)

[…] totales Ausgeliefertsein […] Angst vor Drohbriefen, vor Irrem im Kleiderschrank, vor Pfiffen, kreischenden Kindern, zwinkernden Knaben im Stimmbruch begriffen, zweideutigen Anspielungen rundlicher Herren mit Luftschutzwartgesichtern, vor dem »Komm Fritz wir gehen« säuerlicher Ehefrauen in Restaurants, vor Geschlechtsteilwedlern und »Nu ziern Se sich mal nicht, haben Sie doch alle nackt gesehn«. (Seite 283)

Über ihr Leben während der Dreharbeiten für einen Film von Carol Reed 1953 in Berlin:

Mutter sieht sich in dem Hotelzimmer um. Ich folge ihrem Blick, nehme durch sie wahr, was vor sich geht: Ilse Müller hat ein Brett über zwei Stuhlrücken gelegt und bügelt ein Filmkleid, Jupp Paschke räumt seinen Schminkkoffer aus, der Plattenspieler dudelt, die Agentin telefoniert, zwei Zimmermädchen bitten um Autogramme, Hubmann fotografiert noch immer, ein englischer Aufnahmeleiter bringt den Dispositionsplan für den nächsten Morgen, ein Versicherungsarzt der Firma schreibt ein Rezept. Mutter sagt leise: »In dem Irrenhaus kann man doch nicht leben.« Die Agentin legt den Hörer auf, strahlt. »Das verstehen Mütter eben nicht. Sie ist Weltstar.« Unter Mutters Blick zerkrümelt das Weltstardasein. Die Tapete geblümt und fleckig, Bett und Schrank sperrholzig, Fenster zum Hinterhof, Abschminkpapier zwischen Gläsern und Kaffeekannen. (Seite 311)

Über ihr Wiedersehen mit Boleslaw Barlog, 1953:

»Machste imma noch Kintopp?« sagt Barlog und rollt die Augen […] Hör auf mit der Scheißfilmerei, bist berühmt jenuch, mach ma wat Anständjes bei mir.«
„Ich hab‘ noch Verträge.«
»Verträje, Verträje«, sagt er, »bei mir kannste wieda spieln.« Er sagt »spieln« wie »leben«. Bei mir kannste wieda leben. (Seite 314f)

Über ein Gespräch mit Kollegen nach der erfolgreichen Vorpremiere des Musicals »Silk Stockings« am 22. November 1954 in Philadelphia:

»Wann probieren wir eigentlich, wenn wir acht Vorstellungen in der Woche spielen? Ich meine, mittwochs und samstags haben wir Matineen – die fallen doch wahrscheinlich als Probetage aus«, sage ich.
Sie sehen auf; enttäuschte Lehrer, die ihren Musterschüler beim Abschreiben erwischt haben. »Kind«, sagt Porter, »du weißt offenbar nicht, dass der Tag ab jetzt achtundvierzig Stunden hat.«
Ernie reckt sich, sagt: »Lasst uns noch einmal schlafen, bevor es abgeschafft wird.« (Seite 346)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Hildegard Knef

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