Chris Kraus : Scherbentanz

Scherbentanz

Chris Kraus

Scherbentanz

Scherbentanz Originalausgabe: Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 2002 ISBN: 3-627-00090-0, 200 Seiten, 18 € (D) Taschenbuch: btb, München 2004 ISBN: 3-442-73109-7, 200 Seiten, 8 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Jesko, ein erfolgloser Modedesigner Mitte 30, leidet an Leukämie. Weil sein Vater Gebhard und sein Bruder Ansgar als Knochenmarkspender ungeeignet sind, machen sie Jeskos alkoholkranke, verwahrloste Mutter in einem Obdachlosenasyl in Hamburg ausfindig und verschleppen sie in Gebhards Villa bei Mannheim. Jesko und Ansgar haben ihre Mutter nicht mehr gesehen, seit sie vor 20 Jahren in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden war ...
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Kritik

Die Handlung der tragikomischen Familiengeschichte "Scherbentanz" ist zwar ein wenig dünn, aber Chris Kraus unterhält die Leser mit irrwitzigen Szenen, viel Sarkasmus und einer schnoddrig-lakonischen Sprache.
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Jesko ist Mitte dreißig und schlägt sich als Modedesigner und –journalist mehr schlecht als recht durch. Er leidet an Leukämie, und weil weder sein Vater Gebhard Hyronimus von Solm noch sein Bruder Ansgar als Knochenmarkspender geeignet sind, beauftragten sie ohne Jeskos Wissen eine Detektei, nach seiner Mutter Käthe zu suchen. In einem Obdachlosenasyl in Hamburg wurde sie gefunden. Zwei Tage, nachdem man die verwahrloste Alkoholkranke in die „Festung“ von Solms am Kolgensee bei Mannheim gebracht hat, wird Jesko telefonisch herbeigerufen, und Ansgar holt ihn vom Bahnhof ab. Der Chauffeur wundert sich darüber, dass Jesko statt einer Hose einen Rock trägt und während der Fahrt Seneca liest.

Zwanzig Jahre lang haben Jesko und Ansgar ihre Mutter nicht gesehen.

Nach der Scheidung der Eltern lebten sie bei ihr. Als Gebhard 1978 Jesko zum zehnten Geburtstag gratulieren wollte, stürmte Käthe ihm auf der Straße entgegen und zertrümmerte ein Cello an ihm. Als er fort war, verprügelte sie ihre beiden Söhne, bis Ansgar die Polizei rief. Aber die Streifenbeamten unternahmen nichts weiter. Ansgar und Jesko schlossen sich in einem ihrer Zimmer ein, während ihre Mutter sich weiter betrank. Dann merkte sie, dass die Jungen ihre Pralinen gestohlen hatten. Sie trat die Tür ein und stürzte sich mit einem Beil in der Hand auf Ansgar. Er lag danach einige Zeit im Koma. Käthe wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Käthe wurde am 1. August 1947 als Tochter eines Brauereiarbeiters und einer Putzfrau in Göttingen geboren. Als sie vierzehn war, sprach jemand sie auf der Straße an, machte sie auf ihre Ähnlichkeit mit Anna Magnani aufmerksam und überredete sie, in einem Film mit Christine Kaufmann eine kleine Rolle zu übernehmen. Als ihr Vater davon erfuhr, gab es Streit.

Dann kamen Leute vom Studio und legten ihm einen Vertrag vor. Man lobte Käthes natürliche Eleganz, ihren Zauber, ihr Temperament. Man bot überdies an, ihre Ausbildung zu finanzieren, ja, unter Umständen sogar ein Studium zu ermöglichen.
Aber mit dem Starrsinn von fünf Generationen niedersächsischer Schafhirten lässt sich nicht gut verhandeln. Oppa […] fand es besser, wenn seine Tochter in der Fabrik arbeitet. Wie anständige Sozialdemokraten. Das sagte er auch.
Schauspielerei war was für Nutten und Juden.
Auch das sagte er.
Und damit war der Fall erledigt. (Seite 117)

1966 begegnete Käthe in Göttingen Gebhard Hyronimus von Solm. Der Spross einer baltischen Familie hatte am 23. Januar 1945 als Siebenjähriger zusehen müssen, wie die Russen einige Männer – darunter seinen Vater – mit Maschinenpistolen erschossen, nachdem diese zuvor ihr Grab hatten schaufeln müssen.

Käthe und Gebhard wurden ein Paar und heirateten. Dass Gebhard sie mit anderen Frauen betrog, hätte Käthe vielleicht noch hingenommen, aber als sie die Scheidungsklage von einem Rechtsanwalt bekam, wurde sie endgültig zur Trinkerin.

Gebhard, der Inhaber der Solm Zement AG, heiratete seine damalige Sekretärin Stiefi. Ansgar und Jesko bekamen zwei Halbgeschwister, Sandra und Comenius, die sie „Saddam“ und „Khomeini“ nannten.

Nach der Ankunft in der Villa führt Ansgar seinen Bruder in die Garage. Dort liegt ihre Mutter gefesselt auf einer Tischtennisplatte. Sie war aus dem Bootshaus ausgebrochen, in das Gebhard und Ansgar sie gesperrt hatten und mit einem Fleischermesser auf Gebhard losgegangen. Die mit Ansgar verlobte Krankenschwester Simone („Zitrone“) Kolum kümmert sich um die Verrückte.

Am nächsten Tag fahren Jesko, Ansgar und Zitrone mit Käthe ins Mannheimer Klinikum, wo Professor Freundlieb alles für eine Punktion vorbereitet hat. Ob Käthe als Knochenmarkspenderin für Jesko in Frage kommt, wird sich erst in einigen Tagen herausstellen.

Ansgar verrät Jesko, dass er nicht mehr vorhat, Zitrone zu heiraten, weil er seit einiger Zeit wieder mit einer alten Freundin zusammen ist, mit der Fernsehmoderatorin Babs, die gerade ein Feature über die Marginalisierung und Verarmung Deutschlands vorbereitet. Zitrone ahnt jedoch noch nichts davon, denn Ansgar will es ihr erst sagen, wenn sie nicht mehr als Krankenschwester für Käthe benötigt wird.

Käthe ist als Knochenmarkspenderin ungeignet, und Professor Freundlieb warnt Jesko, dass die Alkoholikerin sich in einem lebensgefährlichen Zustand befindet.

Um dem Tod durch Leukämie zuvorzukommen, schüttet Jesko in eine halbvolle Zwei-Liter-Flasche Cola Rattengifte und Insektizide. Damit will er auf den See hinausschwimmen und sich das Leben nehmen. Bevor er jedoch dazu kommt, tauchen unerwartet seine Ex-Frau Mara und seine neunjährige Tochter Charlotte auf, und weil das Mädchen statt einer Begrüßung über Durst klagt, schüttet Jesko den Inhalt der Flasche vorsichtshalber weg. Mara will gleich weiter zu einem „Psychodrama-Working“ an der Ostsee reisen und erwartet von ihm, dass er während ihrer Abwesenheit auf Charlotte aufpasst.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass Käthe nutzlos ist, wird sie nicht länger auf dem Anwesen geduldet. Gebhard gibt ihr noch zwei Tage. Zur gleichen Zeit wird Zitrone von Ansgar darüber aufgeklärt, dass er nicht sie, sondern Babs heiraten will. Gedemütigt packt sie auf der Stelle ihre Sachen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Käthe sieht noch eine Chance für Jesko: Der Sohn der Kosmetikerin Renate, die später als Schreibkraft bei einem Anwalt arbeitete! Es handele sich um Jeskos Halbbruder, behauptet Käthe. Dummerweise kann sie sich nun nicht mehr an Renates Nachnamen erinnern. Aber sie weiß, dass sie ihn in einem Gespräch mit Zitrone erwähnte. Also fahren Jesko und Käthe ins Krankenhaus, um Zitrones Adresse herauszufinden. Sie hat Zuflucht bei Schorschie gefunden, einem Künstler, der gerade dabei ist, zweitausend Gipsabdrücke von Nasen anzufertigen, um sie zu einer Pyramide aufzutürmen. Glücklicherweise hat sich Zitrone den vollen Namen gemerkt: Renate Böckl.

Weil Jeskos Suche in Telefonbüchern und Einwohnermeldeämtern erfolglos bleibt, überredet Käthe ihn dazu, in der nächsten Nacht Gebhards Unterlagen durchzuschauen. Sie werden zwar von Ansgar und Gebhard dabei überrascht, aber da haben sie bereits Briefe von Renate gefunden, einen Hinweis auf die Geburt eines Sohnes am 15. Februar 1965 in Göttingen und Bankbelege, aus denen hervorgeht, dass Renate von Gebhard bis 1994 jedes Jahr 12 000 D-Mark bekam. Trotzdem leugnet Gebhard, ein Verhältnis mit Renate gehabt zu haben. Es kommt zum Streit. Ansgar schlägt seinen Bruder zusammen; die Mutter rettet sich durch einen Sprung aus dem Parterrefenster.

Jesko schleppt sich zum Bootshaus, weckt Charlotte und flüchtet mit ihr zu Zitrone. Die hat selbst Beistand nötig, denn Schorschie liegt tot im Schuppen: Er hat sich mitten ins Gesicht geschossen. Die Polizei sichert die Spuren, und die Leiche wird abtransportiert.

Den Rest der Nacht verbringen Zitrone, Jesko und Charlotte in einem Hotel.

Während Ansgars Verlobungsfeier mit Babs schlüpfen sie alle drei durch ein Loch im Zaun, um die von Jesko und Charlotte zurückgelassenen Sachen aus dem Bootshaus zu holen. Während Gebhard gerade eine Ansprache hält, fährt ein Auto vor, aus dem Käthe betrunken herausfällt und ein Unbekannter aussteigt, der Gebhard ähnlich sieht. Als dieser ihn erblickt, bricht er mit einem Kreislaufkollaps zusammen. Käthe stirbt an Alkoholvergiftung. Sie werden beide mit einem Krankenwagen weggebracht.

Der überraschende Besucher heißt Dirk und ist Jeskos Halbbruder. Käthe hat ihn und seine Mutter Renate anhand der Absender ihrer an Gebhard gerichteten Briefen ausfindig gemacht.

Eine Untersuchung ergibt, dass Dirk als Knochenmarkspender für Jesko geeignet ist. Das erhöht dessen Überlebenschancen auf 70 Prozent.

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Chris Kraus erzählt in seinem Debütroman „Scherbentanz“ eine tragikomische Familiengeschichte über Lebenslügen unter dem Motto: „Wenn du am Boden bist, bist du auf dem Weg nach oben.“ (William C. Burroughs) Die Figuren in „Scherbentanz“ sind einsam und verbittert. Der durch ein Erlebnis als Kind im Zweiten Weltkrieg traumatisierte Balte Gebhard Hyronimus von Solm betrog Käthe, seine erste Frau, und verleugnet bis heute seinen unehelichen Sohn Dirk. Käthe wurde aufgrund der Lügen alkoholkrank und verrückt. Während Ansgar von Solm dem Vater inzwischen bei der Führung der Zementfabrik tatkräftig assistiert, ist sein sensibler Bruder Jesko beruflich und in der Ehe gescheitert. Ansgar setzt aber auch die Lügen seines Vaters fort: Solange er seine Geliebte Simone als Krankenschwester benötigt, lässt er sie in dem Glauben, er werde sie heiraten, obwohl er längst mit einer anderen zusammen ist. Nur der ratlose Todkranke und die wie ein Objekt herumgestoßene Närrin wagen es, in dieser kaputten Welt die Wahrheit zu sagen.

Der Roman „Scherbentanz“ hängt in dem fast ausschließlich aus Nebenhandlungen zusammengesetzten mittleren Teil ein wenig durch, aber Chris Kraus unterhält die Leser mit irrwitzigen Szenen, viel Sarkasmus und einer schnoddrig-lakonischen Sprache.

Chris Kraus verfilmte seinen Roman „Scherbentanz“ auch selbst: „Scherbentanz“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Frankfurter Verlagsanstalt

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