Davide Longo : Der Fall Bramard

Der Fall Bramard

Davide Longo

Der Fall Bramard

Originalausgabe: Il caso Bramard Feltrinelli Editore, Mailand 2014 Der Fall Bramard Übersetzung: Barbara Kleiner Rowohlt Verlag, Reinbek 2015 ISBN: 978-3-498-03938-7, 318 Seiten, 19.95 € (D) ISBN: 978-3-644-04551-4 (eBook) ISBN: 978-3-499-26962-2 (Taschenbuch)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Vor mehr als 15 Jahren ermittelte Corso Bramard gegen einen Serienmörder. Beim letzten Opfer handelte es sich um die Ehefrau des Kommissars. Der wurde dadurch – und die gleichzeitige Entführung der kleinen Tochter – aus der Bahn geworfen und verlor seine Anstellung. Seit 15 Jahren arbeitet er als Teilzeitlehrer, aber die Dämonen lassen ihn nicht los, zumal ihm der Täter immer wieder Briefe schickt. Im letzten liegt ein Haar. Das bringt Corso Bramard auf die richtige Spur ...
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Kritik

"Der Fall Bramard" ist kein gewöhnlicher Thriller, sondern gehobene Literatur. Davide Longo erzählt eine spannende Krimi-Handlung und überzeugt darüber hinaus durch die Sprache und Komposition des Romans.
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Corso Bramard war neun Jahre alt, als sein Vater durch einen Jagdunfall ums Leben kam. Der Bruder des Toten holte ihn aus dem Internat in Mondovi und wurde sein Ersatzvater. Im Alter von 20 Jahren brach Corso Bramard sein Studium ab und ging zur Polizei von Turin. Er wurde der jüngste Kriminalkommissar Italiens. Ihm übertrug der Polizeipräsident den Fall des Serienmörders, der „Autunnale“ genannt wurde, weil er stets im Herbst zuschlug.

Das erste Opfer, die damals 26-jährige Tochter des Immobilienunternehmers Bartolomeo Pontremoli, wurde im Januar 1981 entführt. Nach drei Wochen erhielt die Polizei in Turin einen anonymen Brief mit dem Hinweis auf eine Waldhütte. Dort fand man Clara Pontremoli nackt, gefesselt und schwer traumatisiert. Der Täter hatte ihr fünf Zehen amputiert und ein Muster in den Rücken geschnitten. Wo er zu tief geraten war, hatte er die Wunden vernäht. Später passierte ihm das nicht mehr. Aber den anderen fünf Opfern schnitt er die Kehle durch. Clara Pontremoli überlebte als Einzige der sechs zwischen 25 und 30 Jahre alten Frauen. Allerdings ist ihre Psyche seither so zerrüttet, dass sie in der nach dem Gründer „Cottolengo“ genannten karitativen Einrichtung in Turin betreut wird. Die Mutter Gallizio Beatrice Pontremoli, eine ehemalige Lehrerin, kam nicht über den Schock hinweg und stürzte sich damals von einem Balkon in den Tod.

Beim letzten Opfer des Autunnale handelte es sich um Corso Bramards Ehefrau Michelle. Gleichzeitig wurde Martina, die kleine Tochter des Ehepaars, entführt. Seit damals, seit 20 Jahren, fehlt jede Spur von Martina. Der Augenblick, in dem der Kommissar die Tür der Waldhütte öffnete und die Leiche seiner Frau erblickte, veränderte sein Leben radikal.

Nicht Michelles Tod, nicht die vergebliche Suche nach Martina, nicht die Einsamkeit, der Verlust seiner Arbeit und schließlich der Alkohol hatten ihn zu dem Mann gemacht, der er jetzt war. Der Dreh- und Angelpunkt ist immer ein bestimmter Augenblick: ein präziser kleiner Stoß, der die Richtung des Lebens ändert und es in neue Bahnen lenkt. Bei ihm war es das Öffnen der Tür zu dieser Hütte gewesen, in der er Schönheit entdeckt hatte dort, wo der Mensch, der er zu sein glaubte, nur Grauen hätte sehen können.

Corso Bramard ertrug den Kummer nur mit Alkohol. Er stürzte ab und kam seiner Entlassung durch seine Kündigung zuvor. Ein paar Monate lang versuchte er sich als Privatdetektiv. Dann schwor er dem Alkohol ab und zog in das von seiner Mutter hinterlassene Bauernhaus in den piemontesischen Alpen. Das war vor 15 Jahren. Seither unterrichtet er ein paar Stunden pro Woche in der Dorfschule. Wenn er die Verzweiflung nicht mehr erträgt, klettert er auf einen der umliegenden Berge, und manchmal spielt er nach dem Aufstieg mit dem Gedanken, sich in die Tiefe zu stürzen. Nur mit wenigen Menschen steht er in Kontakt, beispielsweise mit dem 73-jährigen Wirt Cesare, bei dem er hin und wieder ein Glas Tamarindensaft trinkt, und dem er Bücher leiht.

Der Nachbar Elio Gallo ist zehn Jahre älter als er. Seine Frau Caterina starb vor acht Jahren. Der Sohn Davide kämpft in Afghanistan, die Tochter Cristina lebt mit ihrem Mann in Luxemburg. Elio Gallo baut Wein an und betreibt eine Weinkellerei. Er bittet Corso Bramard, mit der hübschen Rumänin Elena zu reden, die in einer Bar arbeitet und die Turnhalle der Schule putzt. Alles Geld, das sie nicht selbst unbedingt zum Leben benötigte, schickte sie in die Heimat. Aber nun ist ihr Ehemann mit den gesamten Ersparnissen verschwunden. Die beiden Kinder wurden von der Großmutter aufgenommen. Elio Gallo wäre bereit, Elena zu heiraten und die Kinder zu holen. Das soll Corso Bramard ihr mitteilen.

Corso Bramard kommt nicht von den Dämonen los. Erneut erhält er einen Brief des Serienmörders Autunnale. Es ist der dreizehnte. Wie immer ist die Anschrift mit einer Olivetti aus dem Jahr 1972 getippt, und auf einem Briefbogen hat der Absender mit einem Montblanc-Füller ein Zitat aus dem Song „Story of Isaac“ von Leonard Cohen geschrieben. Dieser Brief enthält den Schluss: „And mercy on our uniform, / man of peace or man of war, / the peacock spreads his fan.“ Auch diesen Brief legt der ehemalige Kommissar in eine Klarsichtfolie und bringt ihn nach Turin, zu seinem Nachfolger Arcapipane.

In dem Umschlag wird ein Haar entdeckt. Die Expertin Sabbatini findet heraus, dass es nicht ausgerissen, sondern abgeschnitten wurde. Ein DNA-Vergleich ergibt, dass es sich bei der Person, von der das Haar stammt, um eine Verwandte bzw. einen Verwandten von Clara Pontremoli und deren Mutter handelt. Claras Mutter Gallizio Beatrice Pontremoli hatte keine Geschwister, und Claras drei Jahre älterer Bruder Gregorio, ein Archäologe, kam 1983 bei einem Autounfall in Griechenland ums Leben. Das Haar kann also nur von Clara Pontremoli sein.

Corso Bramard besucht sie im Cottolengo. Wie erwartet, bekommt er kein Wort aus ihr heraus, aber aus ihrer heftigen Reaktion auf eine Frage schließt er, dass sie den Täter gekannt hatte, und von Schwester Luciana erfährt er, dass die Patientin regelmäßig am Heiligen Abend Besuch bekommt. Einem Grafologen zufolge stammen der Eintrag im Besucherbuch und die Zitate aus dem Song von Leonard Cohen von ein und derselben Person. Allerdings hilft das nicht weiter, denn der im Besucherbuch stehende Name ist offenbar falsch.

Kommissar Arcapipane stellt die Polizistin Isa Mancini für den Fall ab. Die unter anderem mit einem Löffelchen am linken Ohr gepiercte, etwa 25-jährige Motorradfahrerin benimmt sich rüpelhaft, aber Arcapipane würde sie gern im Dienst behalten, denn Isa ist nicht nur klug, sondern kann auch außergewöhnlich gut mit Computern umgehen.

Clara Pontremoli notiert wie unter Zwang Kennzeichen vorbeifahrender Autos. Eines davon führt zu Amedeo Luda, einem 83-jährigen Aristokraten, der früher den Vorständen mehrerer Unternehmen angehörte. Er sammelt japanische Kunst, und zu seinen Ritualen gehört es, jeweils am Heiligen Abend in einem Antiquariat gegenüber dem Cottolengo einzukaufen. Corso Bramard und Isa Mancini suchen ihn auf, und die Polizistin knipst mit ihrem Handy unbemerkt ein aufgestelltes Gruppenfoto.

Die Aufnahme stammt aus der Mitte der Siebzigerjahre. Abgebildet sind das Ehepaar Luda sowie die Familien Tabasso und Pontremoli. Domenico Tabasso war damals noch ein Kind. Inzwischen hat er das Antiquariat seines Vaters Gianni gegenüber dem Cottolengo übernommen. Gianni Tabasso, Amedeo Luda und Bartolomeo Pontremoli waren Freunde. Von ihnen lebt nur noch Amedeo Luda. Bartolomeo Pontremoli erlag 1991 einem Herzinfarkt, und Gianni Tabasso ist ungefähr ebenso lange tot.

Corso Bramard nimmt Isa Mancini mit zu Madame Gina, die seit 40 Jahren in einer gepflegten Jugendstilvilla in Turin ein Bordell betreibt. Sie deutet an, dass Gianni Tabasso, Amedeo Luda und Bartolomeo Pontremoli in den Siebzigerjahren ein Haus unterhielten, in dem ältere Männer schlafende Mädchen anschauen durften. Den drei Freunden ging es dabei nicht ums Geld, sondern sie hatten sich von dem Roman „Die schlafenden Schönen“ des japanischen Literatur­nobel­preis­trägers Yasunari Kawabata inspirieren lassen. Es war streng verboten, die mit Schlaf­mitteln betäubten Mädchen auch nur anzufassen. Dennoch wurde eine der Minder­jährigen schwanger. Die Politiker und Industriellen, die zu den regelmäßigen Besuchern des Hauses zählten, bestachen die Eltern des Mädchens und sorgten dafür, dass es keinen Skandal gab.

Durch ein Fenster des Klassenzimmers, in dem Corso Bramard unterrichtet, entdeckt er ein Graffito an einer Bushaltestelle: BRAMARD MÖRDER WAREN ZWEI NICHT GENUG? Die Nachforschungen haben also Bewegung in den Fall gebracht. Aus Sorge, der Serienmörder könne Elena mit ihm in Verbindung bringen und ihr deshalb etwas antun, will er sie zu dem Wirt Cesare bringen. Während der Fahrt bemerkt Corso Bramard einen Verfolger, aber es gelingt ihm, den Mann zu täuschen und zu überfallen. Es handelt sich um den Privatdetektiv Callisto Reggio, der den anonym erteilten Auftrag hat, Corso Bramard zu beschatten. Der nimmt ihm das Handy und die Autoschlüssel ab, bevor er mit Elena weiterfährt.

Bei einer Exkursion mit Schülern in ein Kunstmuseum in Turin fällt Corso Bramard ein japanischer Besucher auf, und als er ins Freie geht, erblickt er einen mit karmesinroten Blüten der japanischen Kamelie geformten Kreis. Chiri tsubaki – so die japanische Bezeichnung – gilt als Symbol der Vollkommenheit. Auch bei den Mustern, die Autunnale den Frauen immer kunstvoller in den Rücken schnitt, handelte es sich um Chiri tsubaki.

Gianni Tabasso und Bartolomeo Pontremoli sind seit 15 Jahren tot. Amedeo Luda setzt sich nach Kambodscha ab, ist jedoch zu alt, um Autunnale zu sein, und Domenico Tabasso war noch zu jung, als Clara Pontremoli entführt wurde. Aber als Kommissar Arcapipane konstatiert, dass keiner von ihnen als Täter in Frage komme, meint Corso Bramard:

„Nein, aber sie haben ihn in ihrem Geschmack erzogen und zu ihrer Skrupellosigkeit. Und als Autunnale das wurde, was wir wissen, haben sie ihn gewähren lassen, es hat ihnen gefallen, und sie haben ihn geschützt.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Das Haar im 13. Brief des Serienmörders brachte Corso Bramard auf die richtige Spur. Arcapipane erreicht, dass die Exhumierung des angeblich 1983 in Griechen­land umgekommenen Archäologen Gregorio Pontremoli angeordnet wird. Dass der Sarg leer ist, bestätigt Corso Bramards Hypothese. Das Haar stammt nicht von Clara, sondern von Gregorio Pontremoli.

Corso Bramard spürt den Serienmörder am Lago Maggiore auf, in Locarno. Als er mit einer Luger in der Tür auftaucht, ist Jean-Claude Monticelli, wie sich Gregorio Pontremoli inzwischen nennt, gerade dabei, seine zehn Bonsais zu pflegen, und er hat „The door is opened slowly“ von Leonard Cohen aufgelegt. Jean-Claude Monticelli fährt mit seiner Arbeit fort und sagt ruhig:

„Die meisten Menschen laufen in Museen, um die Bilder von van Gogh zu sehen, im Grunde aber denken sie, er sei nichts weiter gewesen als ein Geisteskranker, der sich ein Ohr abschnitt, den Seinen Kummer bereitete und grobe, infantile Bilder malte. Du hingegen hast im ersten Augenblick verstanden. Nicht ohne Schmerz, wie es oft nötig ist, aber du hast verstanden. Deshalb war es so anregend, in diesen Jahren einen Dialog mit dir zu führen.“

„Was geschehen ist, ist im Namen der Schönheit geschehen? Was geschehen ist, hat eine Schönheit hervorgebracht, die höher steht als das Opfer?“

Es summt. Jean-Claude Monticelli geht zum Computer: Eine junge Frau mit dem Namen Clémentine meldet sich per Skype und erkundigt sich, wie es dem Mann geht, den sie für ihren Vater hält. Sie glaubt, ihre Mutter sei kurz nach ihrer Geburt an einer Krankheit gestorben. Corso Bramard sieht erstmals nach 20 Jahren seine Tochter Martina wieder.

Nach dem Telefongespräch klärt Jean-Claude Monticelli seinen bewaffneten Besucher darüber auf, dass er kürzlich bei einem Schweizer Notar war und Clémentine bzw. Martina als Alleinerbin eingesetzt hat. In einem Brief wird sie lesen, dass es sich bei Corso Bramard um einen alten Freund ihres Vaters handele, den sie jederzeit um Rat fragen könne. Jean-Claude Monticelli rät Corso Bramard, ihr nicht die Wahrheit zu sagen, denn die würde sie schockieren.

Er übergibt Corso Bramard ein Kuvert. Darin werde er die Kellerschlüssel finden, sagt er. Dort stehen Gasflaschen, und im Haus sind volle Benzinkanister verteilt. Corso Bramard soll mit dem im Keller bereitliegenden Feuerzeug den Campingkocher anzünden und die Gasflaschen aufdrehen. Er werde dann etwa vier Minuten Zeit haben, um vor der Explosion aus dem Haus zu kommen, meint Jean-Claude Monticelli. Wegen der Ermittlungen brauche er sich keine Gedanken zu machen, denn die Polizei werde eine gefälschte Krankenakte mit der Diagnose einer Krebserkrankung im Endstadium finden, also vom Suizid eines Todgeweihten ausgehen.

Nachdem Jean-Claude Monticelli noch einen Schluck Wein getrunken hat, setzt er sich eine Beretta an den Kopf und erschießt sich.

In dem Kuvert findet Corso Bramard außer den Kellerschlüsseln ein Flugticket und ein Polaroid-Foto. Dem Ticket ist zu entnehmen, dass Jean-Claude Monticelli kürzlich in Bukarest war. Das Bild zeigt Elenas untreuen Ehemann Adrian mit einem Einschussloch in der Stirn.

Statt die Explosion auszulösen, ruft Corso Bramard Kommissar Arcapipane, der sich daraufhin an die Schweizer Kollegen wendet.

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„Der Fall Bramard“ ist zunächst einmal ein spannender Kriminalroman von Davide Longo. Aber das Besondere daran ist nicht die Aufklärung eines lange zurück­liegenden Verbrechens, sondern die Form, die Davide Longo dafür gewählt hat. Das meiste erzählt er aus der Sicht des ehemaligen Kommissars Corso Bramard, aber zwischendurch wechselt er die Perspektive, und wir beobachten einen überaus kultivierten Mann namens Jean-Claude Monticelli, von dem wir bald ahnen, dass es sich um den gesuchten Serienmörder handelt. Der Täter zitiert Leonard Cohen; Yasunari Kawabatas Roman „Die schlafenden Schönen“ (1960/61; Übersetzung: Siegfried Schaarschmidt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1994) spielt eine Rolle, und Isa Mancini stellt zwar klar, dass sie nicht Lisbeth Salander sei, aber mit der Figur erweist Davide Longo seinem schwedischen Kollegen Stieg Larsson seine Reverenz. Die lakonische Sprache passt zu dem wortkargen traumatisierten Protagonisten.

Fazit: „Der Fall Bramard“ ist kein gewöhnlicher Thriller, sondern gehobene Literatur.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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