Nagib Machfus : Miramar

Miramar

Nagib Machfus

Miramar

Originalausgabe: Miramar, Kairo 1967 Miramar Übersetzung: Wiebke Walther Unionsverlag, Zürich 1989
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In einer Pension in Alexandria treffen drei ältere und vier jüngere Menschen aufeinander: lauter Gescheiterte, Desillusionierte, Hoffnungslose – bis auf eine junge, selbstbewusste Fellachin, die sich trotz einer schweren Enttäuschung nicht aufgibt.

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Kritik

Mit einem Konglomerat von aus vier verschiedenen Perspektiven erzählten Geschichten vermittelt der Nobelpreisträger Nagib Machfus in "Miramar" ein ebenso realistisches wie kritisches Bild von der ägyptischen Gesellschaft unter Gamal Abd el Nasser.
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Mariana stammt aus Griechenland. Die 65-Jährige muss als junge Frau sehr schön gewesen sein. 1925 eröffnete sie in Alexandria die Pension „Miramar“. Ihr erster Mann, ein Kapitän, wurde in der ägyptischen Revolution von 1919 getötet. Ihr zweiter Mann, der das Ibrahimijja-Palais in Alexandria besaß und den sie „Kaviarkönig“ nannten, nahm sich nach seinem Bankrott das Leben.

Eines Tages taucht das hübsche Fellachenmädchen Zuchra Salama aus al-Zijadijja (Provinz Buhera) in der Pension auf. Zuchras Vater hatte Mariana mit Käse, Butter und Hühnchen beliefert und war zuweilen von seiner Tochter begleitet worden. Nach seinem Tod wollte die Familie sie mit einem alten Mann verheiraten, aber Zuchra weigerte sich und lief davon, nach Alexandria, wo sie in der Pension „Miramar“ um eine Anstellung als Hausmädchen bittet. Mariana stellt sie ein und ist sehr zufrieden mit ihrem Fleiß und ihrer raschen Auffassungsgabe.

Amir Wagdi und Mariana kennen sich von früher, sie waren befreundet, haben sich aber seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Der ehemalige Journalist ist über achtzig, war nie verheiratet und kehrt jetzt in seine Geburtsstadt Alexandria zurück, um dort seinen Lebensabend in der Pension „Miramar“ zu verbringen. Früher war er ein Anhänger der Wafd-Partei, die durch die Revolution von 1952/53 entmachtet wurde. Mit dem Ende der Monarchie hat er sich nicht abgefunden; er leidet aber auch darunter, dass sich kaum noch jemand an seine Zeitungsartikel erinnert.

Nach Amir Wagdi quartiert sich Tolba Marzuq als Dauergast in der Pension „Miramar“ ein. Vor dem Umsturz war er stellvertretender Minister für religiöse Stiftungen, dann aber wurde das Feudalsystem beseitigt, sein beträchtliches Vermögen eingezogen, und er verlor seine Privilegien. Obwohl ihm die neuen Machtherren alles genommen haben, hält er die beiden Alternativen zu dem derzeitigen Militärsozialismus – eine Herrschaft entweder der Kommunisten oder der Muslimbrüder – für noch übler. Er überlegt, ob er zu seiner in Kuweit verheirateten Tochter ziehen soll.

Der junge Fellache Sarhan al-Buheri arbeitet als Prokurist in der Spinnerei-Gesellschaft von Alexandria. Weil er sich aber mit seinem Gehalt nicht zufrieden gibt, plant er zusammen mit dem Ingenieur Ali Bakir einen großangelegten Schmuggel von Garnen für den Schwarzmarkt. Die erste Lkw-Ladung soll in den nächsten Tagen eintreffen.

Sarhan al-Buheri lebt seit eineinhalb Jahren bei der Prostituierten Safejja Barakat. Doch als ihm die attraktive Zuchra beim Einkaufen in einem griechischen Laden auffällt und sein körperliches Verlangen weckt, beschließt er, Safejja zu verlassen. Er findet heraus, wo Zuchra beschäftigt ist und zieht in die Pension „Miramar“, um in ihre Nähe zu kommen. Allmählich gelingt es ihm, Zuchras Misstrauen zu überwinden und ihre Liebe zu gewinnen.

Husni Allam stammt aus einer alten, angesehenen Familie in Tanta und besitzt hundert Feddan Ackerland. Sein Bruder ist der ägyptische Konsul in Italien, und seine Schwester die Gattin des Botschafters in Abessinien. Weil er sich in Alexandria nach einer Investitionsmöglichkeit umsehen möchte, quartiert auch er sich in der Pension „Miramar“ ein.

Husni Allam fährt ein schnelles Auto und nützt jede Gelegenheit für ein erotisches Abenteuer. Auch Zuchra hat es ihm sofort angetan: Er will sie unbedingt besitzen, obwohl ihm klar ist, dass er sie spätestens nach einer Woche satt haben wird.

Das letzte freie Zimmer in der Pension nimmt der 25-jährige aus Kairo stammende Rundfunksprecher Mansur Bahi. Er hat sich gerade von einer oppositionellen Gruppe getrennt. Als deren Mitglieder verhaftet werden, weiß er, dass sie ihn als Spitzel verdächtigen, denn sein älterer Bruder arbeitet als hoher Polizeioffizier für den Geheimdienst. Auch sein Freund Fauzi ist unter den Verhafteten. Mansur Bahi fährt mit der Bahn nach Kairo, um dessen Ehefrau Durrejja zu trösten. Die alte Liebe zwischen ihnen glüht neu auf, und sie treffen sich häufiger.

Safejja verfolgt eines Tages ihren ehemaligen Geliebten und dringt hinter ihm in die Empfangshalle der Pension ein. Zuchra versucht, das Handgemenge zwischen Sarhan und Safejja zu beenden und prügelt sich dann selbst mit der Rivalin. Husni kommt hinzu. Er beruhigt Safejja und bringt sie in seinem Wagen nach Hause. Er durchschaut sofort, dass es sich um eine Prostituierte handelt. Die beiden treffen sich häufiger, doch als er mit ihr schlafen will, weist sie ihn ab, weil sie gerade ihre Tage hat. Frustriert und betrunken kehrt er in die Pension zurück. Im Flur trifft er auf Zuchra, die im Nachthemd aus dem Bad kommt. Gierig stürzt er sich auf sie, aber Zuchra wehrt sich mit aller Kraft, bis auch Mariana und die anderen Pensionsgäste durch den Lärm geweckt werden.

Sarhan gewinnt Zuchras durch den Vorfall mit Safejja verlorene Vertrauen zurück, nicht zuletzt, weil er ihr erklärt, sich wegen ihr von der Frau getrennt zu haben.

Zuchra ist selbstbewusst, ehrgeizig und zielstrebig. Sie möchte sich weiterbilden und investiert einen beträchtlichen Teil ihres Lohnes, um Unterrichtsstunden zu bezahlen. Ihre Lehrerin ist Alejja Mohammed, die Tochter einer Familie, die in der Etage über der Pension wohnt.

Als Machmud Abul-Abbas, der Besitzer eines Zeitungskiosks am Ramlah-Platz, bei Mariana um Zuchras Hand anhält, wird er von seiner Auserwählten brüsk abgewiesen. Zufällig hat sie einmal gehört, wie er sich abfällig über die Rolle der Frau äußerte, und mit einem Frauenverächter möchte sie nicht verheiratet sein. Weil Husni sich einen Spaß daraus macht, Machmud gegen seinen angeblichen Rivalen Sarhan aufzuwiegeln, kommt es zwischen den beiden zu einer Prügelei.

Einmal bittet Alejja Mohammed darum, den Unterricht in der Pension abhalten zu dürfen, weil die Wohnung ihrer Eltern voller Gäste sei. Sarhan merkt, wie die Lehrerin ihn ansieht, und er vergleicht sie mit ihrer Schülerin: „Ich beobachtete sie, während sie Zuchra unterrichtet, und fühle mich dazu getrieben, zwischen beiden zu vergleichen, voller leidiger Erwägungen. Hier ist natürliche Schönheit, verbunden mit Armut und mangelnder Bildung. Dort ist Kultiviertheit, Eleganz, verbunden mit Beamtenstellung.“ Sarhan folgt Alejja auf der Straße, lädt sie zu einem Tee ein und trifft sich dann häufiger mit ihr, bis sie ihn auffordert, sie bei ihren Eltern zu besuchen. Obwohl Sarhan klar ist, dass er die junge Frau nicht liebt, folgt er der Einladung. Die von Alejja und ihren Eltern erwartete Verlobung schiebt er jedoch auf, weil er zu feig ist, um Zuchra die Wahrheit zu gestehen.

Doch Zuchra sieht ihn mit Alejja und stellt ihre Lehrerin vor deren Eltern zur Rede. Danach kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Zuchra und Sarhan in der Pension. Mansur beschimpft Sarhan als „Mistkerl“ und spuckt ihm ins Gesicht. Der prahlt, er werde die Lehrerin heiraten – aber für Alejjas beleidigte Eltern kommt eine Eheschließung ihrer Tochter mit Sarhan nicht mehr in Betracht. Außerdem muss Sarhan wegen der wiederholten Ruhestörungen die Pension verlassen.

Husni Allam lernt durch Safejja den Besitzer des „Genevoise“ kennen und einigt sich mit ihm darauf, das Nachtlokal zu kaufen. Sein Zimmer in der Pension „Miramar“ gibt er auf.

Als Durrejja Fauzi einen Brief von ihrem inhaftierten Mann erhält, fährt sie sofort nach Alexandria und sucht ihren Geliebten in seinem Büro im Rundfunk auf. Fauzi hat offenbar von ihrer Affäre erfahren und teilt ihr mit, dass sie sich selbst entscheiden müsse. Mansur ist von der Großmut seines Freundes überwältigt und beendet deshalb sein Verhältnis mit dessen Frau.

Als Mansur hört, wie sich Sarhan am Telefon mit jemand für 20 Uhr im Casino „Pelikan“ verabredet, geht er ebenfalls dorthin. Abgestoßen von seiner eigenen Unmoral, will er Sarhan stellvertretend für alle niederträchtigen Menschen mit einer Schere erstechen. Er wundert sich, als er Sarhan mit Tolba Marzuq hereinkommen sieht und ahnt nicht, dass es sich um einen Zufall handelt. Endlich verabschiedet sich Tolba Marzuq. Sarhan wartet auf Ali Bakir und trinkt noch ein paar Gläser. Schließlich geht er zu einem Telefon und ruft seinen Kumpan an. Der Coup ist aufgeflogen! Vom Barkeeper lässt sich Sarhan ein gebrauchtes Rasiermesser geben und torkelt ins Freie. Mansur folgt ihm auf die Straße und beobachtet, wie er zusammenbricht. Er sucht in seinen Taschen nach der Schere, mit der er ihn erstechen wollte, aber er hat vergessen sie einzustecken. Wütend tritt er auf den am Boden Liegenden ein.

Am anderen Morgen beschuldigt er sich des Mordes und stellt sich der Polizei, aber die findet heraus, dass Sarhan nicht an den Prellungen gestorben, sondern verblutet ist: Offenbar hatte er sich mit einem Rasiermesser die Schlagader am linken Handgelenk geöffnet.

Mariana und Tolba Marzuq feiern Silvester. Zwei Stunden nach Mitternacht sieht Amir Wagdi sie zurückkommen und in einem Zimmer verschwinden. Beim Frühstück am anderen Morgen berichtet ihm Tolba Marzuq von seiner nächtlichen Blamage: „Wir versuchten das Unmögliche, taten alles, was man sich nur vorstellen kann, aber ohne Erfolg. Als sie sich ausgezogen hatte, sah sie aus wie eine zerschmelzende Figur aus einem Wachsfigurenkabinett. Und ich war entsetzt.“ Dann bekam Mariana auch noch eine Nierenkolik.

Die Schuld für all die Aufregungen der vergangenen Tage schiebt Mariana auf Zuchra und entlässt sie deshalb. Aber das Fellachenmädchen versichert seinem väterlichen Freund Amir Wagdi, dass es seine ehrgeizigen Pläne nicht aufgeben wird.

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Gamal Abd el Nasser (1918 – 1970), einer der Führer des „Bundes der freien Offiziere“, putschte im Juli 1952 gegen König Faruk I. (1920 – 1965) und entmachtete auch die führende Wafd-Partei. Faruk dankte zugunsten seines Sohnes Fuad II. ab, aber im Juni 1953 wurde in Ägypten die Republik ausgerufen, und die königliche Familie musste ins Exil gehen. Der Staats- und Regierungschef Ali Muhammad Nagib (1901 – 1984) wurde im April 1954 von Nasser als Ministerpräsident abgelöst und im November 1954 auch als Staatspräsident gestürzt. Der Moslem Nasser errichtete einen Einparteienstaat und bekämpfte die Kommunisten ebenso wie die radikalen Muslimbrüder. Er schaffte den Feudalismus ab und setzte Verstaatlichungen und andere sozialistische Reformen durch. Doch obwohl er den Staatsstreich von 1952 mit der Misswirtschaft des alten Systems begründet hatte, gelang es ihm weder die Korruption abzubauen noch die sozialen und wirtschaftlichen Probleme Ägyptens zu lösen.

Nagib Machfus (1911 – 2006) stammt aus einer einfachen Beamtenfamilie. 1930 bis 1934 studierte er Philosophie und Literatur in Kairo. In seinen literarischen Werken sind drei Phasen zu unterscheiden: die historisierende, die realistische und die symbolische. Anfangs ging es Machfus vor allem um Gesellschaftskritik, konkret oder eingekleidet in historische Romane aus der Pharaonenzeit; später verschob sich sein Fokus auf Fragen nach dem Sinn des Lebens.

Der Roman „Miramar“ ist ein Beispiel aus der realistischen Phase, ein Schwanengesang auf die Ära Nasser. Auch nach der Revolution bleibt Ägypten weit entfernt vom Ideal einer freien und gerechten Gesellschaft. In einer Pension in Alexandria versammelt Nagib Machfus neben der 65-jährigen Besitzerin ein junges Dienstmädchen und fünf männliche Pensionsgäste, zwei ältere und drei jüngere. Die zweifache Witwe Mariana hat bessere Zeiten gesehen, der ehemalige Journalist Amir Wagdi träumt von der Wiederherstellung der Monarchie, und Tolba Marzuq, der in der Monarchie zur Oberschicht gehörte, hat sein Vermögen und seine Privilegien eingebüßt. Zwei der jungen Männer sind in verantwortungsloser Weise auf den eigenen Vorteil bedacht, und der dritte wird durch den Abscheu vor seiner eigenen Unmoral und der Niedertracht anderer beinahe zum Mörder. Es sind lauter Gescheiterte, Desillusionierte, Hoffnungslose – bis auf die junge, selbstbewusste Fellachin Zuchra, die zwar in der Pension „Miramar“ eine schwere Enttäuschung erlebt, aber ihren Weg ehrgeizig und zielstrebig weitergehen wird.

Der Nobelpreisträger Nagib Machfus beleuchtet dieses Konglomerat von Geschichten aus vier verschiedenen Perspektiven: Amir Wagdi, Husni Allam, Mansur Bahi und Sarhan al-Buheri erzählen, was sie während ihres Aufenthalts in der Pension „Miramar“ erlebt haben. Für westliche Leserinnen und Leser, die mit den Verhältnissen in Ägypten nicht vertraut sind, ist es nicht leicht, die Gedanken der Protagonisten nachzuvollziehen, aber der Roman vermittelt ein kritisches und vermutlich sehr realistisches Bild von der ägyptischen Gesellschaft unter Gamal Abd el Nasser.

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Inhaltsangabe und Kommentar: © Dieter Wunderlich 2002

John Banville - Der Unberührbare
Lakonisch, sarkastisch und unpathetisch erzählt der Protagonist von seinem Leben. Die Wirkung des Romans "Der Unberührbare" basiert auf der nuancierten Charakterisierung der Hauptfigur und der melancholischen, nihilistischen Grundstimmung des Buches.
Der Unberührbare

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