C. S. Mahrendorff : Der Walzer der gefallenen Engel

Der Walzer der gefallenen Engel

C. S. Mahrendorff

Der Walzer der gefallenen Engel

Der Walzer der gefallenen Engel Originalausgabe: Marion von Schröder Verlag, München 2000 ISBN: 3-547-76274-X, 490 Seiten, 44.90 DM Ullstein Taschenbuch, München 2001 ISBN: 3-548-25263-X, 490 Seiten, 9.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Neurologe Dr. Leonhard Heydinger lebt und praktiziert in Wien. Als seine Patientin Sidonie von Puchheim, die Tochter eines reichen Fabrikanten, 1895 beinahe an einer Überdosis Veronal stirbt, gerät er unter Mordverdacht. Die fragliche Nacht verbrachte er mit Sidonies Mutter Silvie. Weil das ein Geheimnis bleiben muss, gibt ihm ein befreundeter Arzt ein falsches Alibi. 1897 wird Heydinger von einem Sonderermittler bei der Fahndung nach einem Geheimbund hinzugezogen, der es auf die Zerschlagung der Habsburger Monarchie abgesehen hat ...
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Kritik

"Der Walzer der gefallenen Engel" ist eine Mischung aus historischem Roman, Gesellschaftsroman, Thriller und Agentenkrimi. C. S. Mahrendorff verknüpft historische Tatsachen mit einer fiktiven Geschichte.
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Der Neurologe Dr. Leonhard Heydinger lebt und praktiziert in Wien. Seine ein Jahr ältere Verlobte, die Sopranistin Lena von Rother, wird 1895 für drei Jahre von der Metropolitan Opera in New York engagiert. In dieser Zeit sehen sie sich nur, wenn Lena die Theaterferien bei ihrem Vater Alexander von Rother in Wien-Döbling verbringt.

Weiß, nicht schwarz ist die Farbe des Todes in der Vorstadt, dachte ich, als ich zusammen mit dem Priester die heruntergekommene Mietskaserne am Rande des Zehnten Wiener Gemeindebezirks verlassen hatte und wieder in meiner Droschke saß. Weiß waren die Haare der Alten auf den Totenbetten, weiß traten die Augäpfel der Tuberkulosekranken hervor, weiß war der Winter, dem auch in diesem Jahr wieder ganze Familien durch Schwindsucht und Influenza zum Opfer fallen würden. Es war ein Kampf ohne Illusionen: Medizin gegen Natur, zwei Gegner, wie sie selbst an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert ungleicher nicht sein konnten.

Weil Heydinger sich mit religiöser Schizophrenie auskennt, wird der Fünfunddreißigjährige wenige Monate nach Lenas Abreise von dem mit ihm befreundeten Arzt Dr. Siegfried Langenbruch bei der Behandlung einer jungen Patientin hinzugezogen. Es handelt sich um Sidonie von Puchheim, das einzige Kind des reichen Fabrikanten Joseph von Puchheim und seiner zweiten Ehefrau Silvie, deren Villa im Stadtteil Penzing steht.

Silvie von Puchheim zieht Heydinger vom ersten Augenblick an in ihren Bann. Er hält die exaltierte androgyne Frau, die ein Monokel trägt, zunächst für Sidonies Schwester. Dabei ist sie nur ein paar Monate jünger als er. Silvie zeigt Heydinger ihr Atelier und einige ihrer Bilder, die mit „Georges Durant“ signiert sind. Heydinger hat diesen Namen bereits gehört, denn unter der Protektion von Gustav Klimt fand kürzlich eine Ausstellung dieses Künstlers in Wien statt. Allerdings wusste er bisher nicht, dass sich eine Frau hinter dem Pseudonym verbirgt.

Von Silvie erfährt Heydinger auch, dass das Gerücht, Sidonie habe vor einigen Jahren einen Selbstmord-Versuch unternommen, falsch ist. In Wirklichkeit versuchte Silvie sich während eines Badeurlaub an einem oberitalienischen See zu ertränken, weil sie ihre Tochter, die sie viel zu früh im Alter von siebzehn Jahren bekam, nicht lieben konnte. Gerettet wurde sie ausgerechnet von der damals zehn Jahre alten Sidonie.

Heydinger, der am Wiener Konservatorium Musik studiert hatte, bevor er sich für den Arztberuf entschied, lässt sich von einem Gemälde Silvies zur Komposition impressionistischer „Préludes du soleil“ inspirieren, die er bei der Feier ihres 35. Geburtstags erstmals am Flügel spielt. Silvie ist begeistert und schlägt vor, dass er sie im Herbst zu einer Ausstellung in Paris begleitet und die Préludes bei der Vernissage vorträgt.

Bald darauf kommt Lena von Rother aus New York. Zu Heydingers Überraschung freundet sie sich mit Silvie von Puchheim an und will mit nach Paris. Da sie erst im November wieder in Amerika sein muss, hat sie genügend Zeit.

Heydinger findet es quälend, dass seine Gedanken nur noch von Silvie beherrscht werden. Er nimmt sich vor, sich davon frei zu machen und die Paris-Reise abzusagen. Als Vorwand benützt er die ihm angetragene Gastdozentur im Wintersemester an der Universität Wien. Im Herbst müsse er sich darauf vorbereiten, behauptet er, deshalb könne er Silvie nicht zu ihrer Ausstellung begleiten.

Joseph von Puchheim wendet sich an Heydinger. Seine Frau sei in München, und er müsse für ein paar Tage geschäftlich nach Budapest, erklärt er. Während seiner Abwesenheit soll Heydinger regelmäßig nach Sidonie schauen. Zu diesem Zweck vertraut ihm von Puchheim die Hausschlüssel an.

Silvie kommt früher als geplant aus München zurück und besucht noch am selben Abend Heydinger. Sie reden und trinken die ganze Nacht in seiner Wohnung. Am nächsten Morgen, zu der Zeit, als Silvie eigentlich mit dem Nachtzug in Wien eintreffen wollte, fährt sie mit einer Droschke nach Hause und tut so, als käme sie vom Bahnhof.

Kurz darauf holt Anton, der Kutscher der Familie von Puchheim, den Neurologen. Sidonie habe Gift genommen, sagt er. Langenbruch ist bereits bei ihr. Joseph von Puchheim wird telegrafisch in Budapest alarmiert. Es gelingt den Ärzten, das Mädchen, das offenbar eine Überdosis des Schlafmittels Veronal geschluckt hat, aus der Bewusstlosigkeit zu holen.

Langenbruch fragt Heydinger, welchen Eindruck Sidonie am letzten Abend auf ihn gemacht habe und zeigt sich überrascht, als Heydinger ihm anvertraut, nicht da gewesen zu sein, sondern die Nacht mit Silvie von Puchheim verbracht zu haben. Allerdings, so beteuert er, sei es dabei nicht zu Intimitäten gekommen. Von Puchheim könnte Heydinger verdächtigen, seine Tochter mit Veronal vergiftet zu haben, gibt Langenbruch zu bedenken. Und weil Silvie ihm kein Alibi geben kann, ohne einen Skandal auszulösen, erklärt Langenbruch sich spontan zu der Aussage bereit, dass er am Vorabend bei Heydinger gewesen sei und mit ihm Schach gespielt habe.

Aufgrund des Alibis kommt es zwar zu keiner Anklage gegen Heydinger, aber die Wiener Ärztekommission erteilt ihm wegen seiner Pflichtverletzung gegenüber Sidonie von Puchheim eine Ehrenrüge.

Zwei Jahre später findet Joseph von Puchheim einen Ring und schlussfolgert aus der Gravur, dass ihn Sidonie von Dr. Langenbruch geschenkt bekam. Damit setzt er den Arzt unter Druck, bis dieser zugibt, an dem Abend, an dem Sidonie zu viel Veronal schluckte, nicht bei Heydinger gewesen zu sein.

Kurz nachdem Heydinger erfahren hat, dass sein Alibi geplatzt ist, nimmt Hofrat Leopold Maximilian Freiherr von Radow vom k. u. k. Außenministerium Kontakt mit ihm auf. Es geht um einen dubiosen Einbruchsversuch am Portal der serbischen Botschaft in Wien, den Heydingers Freund Hugo von Hofmannsthal meldete. Der Dichter hatte den Eindruck, zwei Exilrussen würden versuchen, mit einem Dietrich die Türe zu öffnen. Später stellte sich heraus, dass sie Schlüssel besaßen. Offenbar sollte mit dem vorgetäuschten Einbruch von etwas anderem abgelenkt werden. Eine Spur führt zu Eckhard von Kessler, dem früheren Oberstaatsanwalt am Kassationsgerichtshof in Wien, der sich aus Österreich abgesetzt hatte, als er als führendes Mitglied der Geheimgesellschaft „Schwarze Hand“ entlarvt worden war.

Max von Radow, der als Sonderermittler vom Außenministerium eingesetzt wurde, klärt Heydinger darüber auf, dass seine Agenten Eckhard von Kessler in Genf aufspürten und herausfanden, dass für ihn unter falschem Namen ein Zimmer im Wiener Hotel Imperial reserviert ist. Heydinger soll helfen, den Gesuchten sicher zu identifizieren. Er kennt ihn, weil er vor einigen Jahren den britischen Geheimagenten John Stuart Livingston, der ihn wegen seiner Kokainsucht konsultiert hatte, bei der Verfolgung des Verschwörers unterstützte. Anfangs glaubte man, die „Schwarze Hand“ habe es nur darauf abgesehen, jüdische Künstler aus dem Kulturleben in Wien fernzuhalten. Inzwischen hält man sie für gefährlicher.

Weil Heydinger sich sträubt, setzt ihn der Sonderermittler unter Druck: Radow unterrichtet ihn darüber, dass Joseph von Puchheim inzwischen beim Amtsgericht Strafanzeige gegen den Arzt erstattete. Als Gegenleistung für dessen Hilfe bei der Verfolgung Kesslers verspricht Radow, seine Agenten nach Entlastungsmaterial suchen zu lassen. Inzwischen liegt ihm auch schon die Aussage eines Nachbarn vor, der sah, wie Heydinger an dem besagten Abend gegen 23 Uhr eine Flasche Wein aus dem Keller holte.

Nachdem Heydinger sich zur Kooperation bereit erklärt hat, weiht Radow ihn in die bisherigen Ergebnisse der Ermittlungen in dem mysteriösen Fall des offenbar vorgetäuschten Einbruchs in der serbischen Botschaft ein. Der serbische Gesandte Oberstleutnant Nikola Markovic, eine zentrale Figur des illegalen Widerstands gegen die k. u. k. Truppen in Bosnien und Herzegowina, hatte sich an jenem Abend mit vier weiteren Herren in der Gesandtschaft getroffen. Eine Kutsche holte sie ab. Der Russe Alexander Romanoff wurde rechtzeitig vor der Abfahrt des Nachtzugs nach Moskau zum Bahnhof gebracht. Drei Herren stiegen am Hotel Imperial aus, und Markovic fuhr nach Hause.

Bei einer Abendgesellschaft der Comtesse de Duvière trifft Heydinger Sidonie von Puchheim. Sie erzählt ihm, den Ring, den ihr Vater fand, habe Dr. Langenbruch nicht ihr, sondern ihrer Mutter geschenkt, deren Initialen die gleichen sind. Und sie beteuert, selbst nur eine einzige Veronal-Tablette als Schlafmittel in einem Glas Wasser aufgelöst zu haben.

Als sich im Frühjahr 1897 herumspricht, dass Gustav Mahler vom Wiener Hofoperntheater als Kapellmeister engagiert wird, erhalten die Verantwortlichen aus Genf einen Drohbrief der „Schwarzen Hand“. Trotzdem bleibt es bei Mahlers Wechsel von Hamburg nach Wien. Und seine Konzerte werden so bejubelt, dass auch die antisemitischen Kritiker verstummen.

Radows Agenten machen den Kutscher ausfindig, der Silvie von Puchheim am Morgen nach der Vergiftung ihrer Tochter nicht vom Bahnhof, sondern von Heydingers Wohnung nach Hause fuhr. Während dies eine gute Nachricht für den Arzt ist, erfährt er aber auch, dass Joseph von Puchheim den Apotheker kontaktierte, der Heydinger eine Woche vor dem Vorfall Veronal verkauft hatte. Der Apotheker erinnert sich, dass Heydinger zusammen mit Langenbruch kam und dessen Angebot ablehnte, ihm eine normale Packung mit zwanzig Veronal-Tabletten aus seinem Bestand zu überlassen und stattdessen ein Röhrchen mit fünfzig Tabletten kaufte.

Eckhard von Kessler kommt wie erwartet nach Wien und quartiert sich im Hotel Imperial ein. Als jedoch Kaiserin Elisabeth ihre Reservierung im selben Hotel überraschend absagt und nach Bad Kissingen zur Kur fährt, räumt Kessler sein Zimmer.

Im August 1897 fährt Heydinger zum Heurigen. Er ist überrascht, als er einen der Gäste in der Wirtschaft erkennt. Es handelt sich um Friedrich von Cronstein, den Ersten Hochkommissar der deutschen Spionageabwehr in Berlin. Cronstein hatte Eckhard von Kessler zusammen mit John Stuart Livingston quer durch Deutschland gejagt. Damals waren er und Heydinger sich kurz begegnet. Allerdings nimmt der Deutsche keine Notiz von dem Wiener Neurologen. Dessen Verblüffung steigert sich, als auch Eckhard von Kessler auftaucht und sich zu seinem ehemaligen Verfolger setzt. Was haben die beiden Gegner von damals vor?

Nach einiger Zeit verlassen sie das Lokal. Cronstein fährt mit einer Kutsche fort; Kessler geht zu Fuß. Plötzlich springen zwei Männer hinter einer Hecke hervor und fordern Kessler auf, stehen zu bleiben. Es kommt zu einer Schießerei. Er entkommt.

Im nächsten Augenblick wird Heydinger von Julius Baron von Seydtlitz angesprochen, dem inoffiziellen Chef der Geheimpolizei in Wien. Max von Radow kommt hinzu. Die Herren observierten Cronstein. Aufgrund der Aussage eines Hotelportiers sind sie überzeugt, dass er in der Nacht des fingierten Einbruchs in der serbischen Gesandtschaft einer der drei Männer war, die sich zum Hotel Imperial bringen ließen.

In der Aktentasche, die Kessler bei seiner Flucht verlor, befindet sich das „Protokoll über die 3. Sitzung des Geheimen Bundes zur Neuordnung Mitteleuropas in Sarajewo am 12. VI. 1897“. Anwesend waren zwei Vertreter Österreichs sowie je einer aus Russland, Serbien, Ungarn und Deutschland. Radow vermutet, dass es sich um Alexander Romanoff, Nikola Markovic, den ungarischen Generalmajor a. D. Gyula von Dósza und Friedrich von Cronstein handelte. Wer jedoch die beiden österreichischen Teilnehmer waren, weiß er noch nicht. Aus dem Protokoll geht hervor, dass die Verschwörer die Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie anstreben. Sie wollen Kaiserin Elisabeth daran hindern, Zar Nikolaus für ein österreichisch-russisches Bündnis zu gewinnen und nicht zulassen, dass Erzherzog Franz Ferdinand seinem Onkel Franz Joseph I. auf den Thron folgt, denn das wäre für Großserbien ungünstig. Statt „Schwarze Hand“ verwenden die Verschwörer nun die Bezeichnung „Geheimer Alldeutscher Bund“.

Zwischen zwei Krankenbesuchen in der Brigittenau stößt Heydinger zufällig auf einen Apotheker, der zuvor als Angestellter in der Adler-Apotheke tätig war und sich daran erinnert, wie Heydinger im Beisein Langenbruchs Veronal kaufte. Der Apotheker behauptet, Langenbruch ohne Rezepte oder Rechnungen mit größeren Mengen Veronal versorgt zu haben. Der Arzt hatte ihn mit der Drohung in der Hand, Adler auf das heimliche Liebesverhältnis seiner Tochter Marie mit dem Angestellten aufmerksam zu machen. Kurz bevor Langenbruch mit Heydinger kam, hatte er alle Zwanzigerpackungen Veronal aufgekauft. Am selben Abend gestand der Gehilfe seinem Arbeitgeber, dass er dessen Tochter liebe. Daraufhin wurde er entlassen.

Joseph von Puchheim sucht Heydinger überraschend auf und bietet ihm an, alle Anschuldigungen fallen zu lassen. Die Vergangenheit solle ruhen, meint er. Damit ist Heydinger nicht einverstanden: Er will herausfinden, wer Sidonie zu vergiften versuchte. Nach allem, was er weiß, verdächtigt er Langenbruch, aber den kann er vorerst nicht zur Rede stellen, denn der Arzt ist mit seiner Frau für längere Zeit verreist.

Erst nach einem Jahr sieht Heydinger seinen Kollegen wieder – und erschrickt über dessen Aussehen. Als er ihn des Mordversuchs beschuldigt, zeigt Langenbruch ihm Dokumente, aus denen hervorgeht, dass seine Ehefrau Margret morphiumsüchtig war und ohne Veronal nicht schlafen konnte. Sie starb vor einigen Wochen im Alter von zweiundvierzig Jahren in der Schweiz.

Wenn Langenbruch nicht der Täter ist, wer dann?


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Sidonie erinnert sich, jemanden im Haus gehört zu haben, bevor sie das Veronal zu sich nahm. Als sie nachsah, wunderte sie sich über den Regenschirm ihres nach Budapest gereisten Vaters im Ständer neben der Tür. Inzwischen hat sie die Zugverbindungen überprüft und herausgefunden, dass es möglich ist, am Nachmittag von Budapest nach Wien und mit dem Nachtzug wieder zurück zu fahren. Für weitere Nachforschungen reiste sie eigens nach Budapest. Sie weiß jetzt, dass es in dem Hotel, in dem ihr Vater übernachtete, eine Geheimtreppe gibt, über die das Gebäude ungesehen verlassen und betreten werden kann.

Um nicht länger mit ihrem Vater unter einem Dach wohnen zu müssen, fährt Sidonie zu einer Freundin nach Salzburg und von dort weiter nach Paris.

Joseph von Puchheim, der sich inzwischen dem Alkohol ergeben hat [Alkoholkrankheit], wird ins Allgemeine Krankhaus von Wien gebracht. Er hat Leukämie und wird nicht mehr lange leben. Als Heydinger ihn besucht, erzählt Puchheim, dass sein Vater alles tat, damit wenigstens der Sohn kein Jude mehr war. Er ließ sich taufen, erwarb einen Adelstitel, verbot Joseph jeden Umgang mit jüdischen Familien und schickte ihn auf die Universität. Joseph rebellierte schließlich gegen seinen Vater und heiratete die Tochter eines getauften Juden aus Galizien. Sie starb früh und kinderlos. Danach heiratete er die Wienerin Silvie Burgleitner. Auch das war keine Liebesheirat. Ihm ging es darum, mit einer Nichtjüdin ein Kind zu zeugen; Silvie hatte es auf den mit der Eheschließung verbundenen Wohlstand und gesellschaftlichen Aufstieg abgesehen. Sie arrangierte sich mit ihrem Mann, bestand auf getrennten Schlafzimmern, einem eigenen Konto und eigenständigen Reisen. Joseph von Puchheim wusste, dass sie ihn mit wechselnden Männern betrog. Nach ihrer Affäre mit Gustav Klimt nahm er sich vor, sie bei der nächsten Untreue zu töten. Er kam heimlich aus Budapest zurück. Wie erwartet, war sie nicht zu Hause. Sein Hass traf Sidonie, denn inzwischen war ihm klar geworden, dass er sein ihm verhasstes Judentum auch nicht in der Tochter auslöschen konnte. Im Bad fand er ein Glas Wasser mit ihrem Schlafmittel. Er mischte weitere acht oder neun Veronal-Tabletten hinein und kehrte mit dem Nachtzug nach Budapest zurück, wo er am nächsten Morgen das Telegramm mit der Nachricht über Sidonies vermeintlichen Selbstmordversuch erhielt. Als Silvie ihm gestand, die Nacht mit Heydinger verbracht zu haben, lenkte er den Verdacht auf ihn.

Ein Unbekannter flüstert der Kaiserin in Nauheim zu, sie solle sich vor „Genf und Marokko“ in Acht nehmen. Ungeachtet dieser Warnung reist Elisabeth mit ihrer ungarischen Hofdame Gräfin Irma Sztáray und dem übrigen Gefolge nach Caux oberhalb von Montreux und von dort nach Genf, wo sie inkognito im Hotel Beau Rivage übernachtet.

Radow, der weiß, dass Kessler sich erneut in Genf aufhält, fährt mit Hof- und Geheimrat Carl Andreas Graf von Rheinsperg aus dem Innenministerium, Julius Baron von Seydtlitz und Leonhard Heydinger in die Schweiz. Die Herren quartieren sich ebenfalls im Hotel Beau Rivage ein. Dort sehen sie, wie Friedrich von Cronstein das Hotel verlässt.

Am nächsten Tag, es ist der 10. September 1898, will Elisabeth mit dem Dampfer nach Territet und mit der Zahnradbahn zurück nach Caux. Am Kai kommen ihr Nikola Markovic und Alexander Romanoff entgegen. Sie kennt die beiden Herren. Es kommt zum Streit. Heydinger hört, wie Markovic sagt, Russlands Platz sei an der Seite Serbiens, nicht Österreichs. Nachdem sich die Kaiserin und die Herren getrennt haben, gibt Markovic ein Handzeichen. Daraufhin setzt sich ein wie ein Landstreicher wirkender Mann in Bewegung. Er nähert sich Elisabeth. Sie stürzt zu Boden. Es sieht so aus, als habe er sie angerempelt. Er rennt weg, wird jedoch von beherzten Kutschern festgehalten. Die Kaiserin erhebt sich wieder und geht an Bord des Dampfers. Radow und seine Begleiter atmen auf. Aber das Schiff kehrt nach wenigen Minuten um. Elisabeth stirbt kurz darauf an einer Stichverletzung, die ihr Luigi Lucheni zufügte, der Italiener, dem Markovic das Zeichen gegeben hatte.

Es heißt, Elisabeth habe sich in Caux heimlich mit dem Zaren treffen wollen.

Erst jetzt begreift Radow, dass die Kaiserin in Nauheim nicht vor „Genf und Marokko“, sondern vor Genf und Marokü gewarnt wurde: Markovic, Romanoff und Generalleutnant Hans von Künzgen. Bei Künzgen handelt es sich wohl um eines der beiden österreichischen Geheimbundmitglieder. Eckhard von Kessler könnte das andere sein.

Der ungarische Verschwörer Gyula von Dósza besitzt ein Ferienhaus in Saint-Prex im Kanton Waadt. Dort kommt es zu einer Schießerei, bei der Seydtlitz und Kessler getötet werden.

Gyula von Dósza wird zwei Tage später in Ouchy bei Lausanne verhaftet. Er erhängt sich am 29. September in seiner Zelle.

Luigi Lucheni wird zu lebenslanger Haft verurteilt und begeht ebenfalls im Gefängnis Selbstmord.

Joseph von Puchheim stirbt im Krankenhaus.

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C. S. Mahrendorff (bei dem Namen handelt es sich um ein Pseudonym) verknüpft in seinem Roman „Der Walzer der gefallenen Engel“ historische Tatsachen mit einer fiktiven Geschichte. Sie beginnt 1895 in Wien und endet mit der Ermordung der österreichischen Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 in Genf.

Bei „Der Walzer der gefallenen Engel“ handelt es sich um den mittleren Band einer Trilogie von C. S. Mahrendorff. Die beiden anderen Titel lauten: „Und sie rührten an den Schlaf der Welt“ und „Das dunkle Spiel“.

Erzählt wird die Geschichte von dem fiktiven Wiener Neurologen Dr. Leonhard Heydinger. Reizvoll ist das Auftreten einiger historischer Persönlichkeiten wie Sigmund Freud, Gustav Klimt, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Alexander Skriabin, Gustav Mahler und Elisabeth von Österreich-Ungarn („Sissi“).

„Der Walzer der gefallenen Engel“ ist eine Mischung aus historischem Roman, Gesellschaftsroman, Thriller und Agentenkrimi. Das ist ambitioniert, aber die Machenschaften eines antisemitischen Geheimbundes zur Zerschlagung der Habsburger Doppelmonarchie und die Tragödie der Familie von Puchheim werden durch die Figur des Ich-Erzählers nur unzureichend miteinander verbunden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Econ Ullstein List Verlag

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