Nelson Mandela : Der lange Weg zur Freiheit

Der lange Weg zur Freiheit

Nelson Mandela

Der lange Weg zur Freiheit

Originalausgabe: Long Walk to Freedom. The Autobiography of Nelson Mandela Verlag Little, Brown & Co, Boston, New York, Toronto, London 1994 Der lange Weg zur Freiheit Übersetzung: Günter Panske S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1994 Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M 1997 ISBN 3-596-13804-3, 861 S., 13.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Nelson Mandela war aus politischen Gründen mehr als 27 Jahre lang in Südafrika eingesperrt, bevor er 1993 den Friedensnobelpreis erhielt und im Jahr darauf Staatspräsident wurde. Der international hoch geschätzte Politiker steht für die Überwindung der Apartheid in Südafrika und führte das Land bis 1999.


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Kritik

In seiner Autobiografie "Der lange Weg zur Freiheit" erzählt Nelson Mandela sehr detailliert und ausführlich von seiner Kindheit und Jugend sowie seiner politischen Karriere bzw. den Jahrzehnten im Gefängnis. Der Privatmensch und seine persönlichen Beziehungen – etwa seine Ehe mit Winnie – bleiben dabei schemenhaft.
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Mandela wurde am 18. Juli 1918 in Mvezo, einem winzigen Dorf am Mbashe in der Transkei geboren. Sein Vater, Gadla Henry Mphakanyiswa, der Häuptling von Mvezo, nannte ihn Rolihlahla; das bedeutet Unruhestifter. (Woher der Familienname Mandela kam, wird im Buch nicht erklärt.) Die Familie gehörte zu den Thembus, einem Teil des Xhosa-Volkes. Rolihlahlas Vater hatte vier Frauen, von denen jede ihren eigenen Kral mit Tieren, Feldern und Hütten besaß. Diese Krals oder Gehöfte lagen weit entfernt voneinander, und der Häuptling wechselte alle paar Tage von einer Frau zur nächsten. Insgesamt zeugte er vier Söhne und neun Töchter. Wegen seiner Aufmüpfigkeit gegenüber der weißen Verwaltungsbehörde (Magistrate) wurden ihm kurz nach Rolihlahlas Geburt nicht nur die Häuptlingswürde, sondern auch ein großer Teil seines Vermögens und Einkommens entzogen. Rolihlahlas Mutter Nosekeni Fanny zog daraufhin mit ihren Kindern nach Qunu, einem Dorf westlich von Mvezo, wo Freunde und Verwandte sie unterstützten. Ihr Mann besuchte sie dort weiterhin jeden Monat für etwa eine Woche.

Die meisten Männer von Qunu verbrachten den größten Teil des Jahres als Arbeiter in den Minen am Reef. Sie kehrten nur zurück, um die Felder zu pflügen. Das Hacken, Jäten und Ernten gehörte wie die Aufzucht der Nutztiere zur Arbeit der Frauen und Kinder.

Mein Leben, genau wie das der meisten Xhosas damals, wurde im Großen wie im Kleinen geformt durch Sitte, Ritual und Tabu. dies war das A und O unserer Existenz und wurde nicht in Frage gestellt. (Seite 22)

Mit siebeneinhalb Jahren kam Rolihlahla in die Dorfschule, wo ihm seine Lehrerin den englischen Vornamen Nelson gab.

Als zwei Jahre später Nelson Mandelas Vater starb, brachte seine Mutter ihn zum Regenten von Mqhekezweni, der den Jungen wie ein eigenes Kind aufnahm. Nach ein oder zwei Tagen verabschiedete sich Nelsons Mutter und kehrte nach Qunu zurück. Nelson Mandela wuchs nun zusammen mit Nomafu, der Tochter des Regenten, auf. Justice, der einzige Sohn des Regenten, der vier Jahre älter als Nelson war, besuchte zu diesem Zeitpunkt bereits das hundert Kilometer entfernte Internat in Clarkebury.

Um als Xhosa-Mann anerkannt zu werden, musste Nelson Mandela sich im Alter von sechzehn Jahren dem Ritual der Beschneidung unterziehen. Zusammen mit fünfundzwanzig anderen Jugendlichen wurde er in zwei abgelegenen Grashütten tagelang auf die Zeremonie und ihre Bedeutung vorbereitet. Vor einer Schar von Eltern und anderen Verwandten setzten sich die Kandidaten, die nur eine Wolldecke umgehängt hatten, in eine Reihe. Der „Ingcibi“ kniete sich dann der Reihe nach vor sie hin, zog jeweils die Vorhaut eines Jungen nach vorn und trennte sie mit einem einzigen Schnitt seines „Assegai“ genannten Messers ab. Das mussten die angehenden Männer ohne Betäubung ertragen, und sie durften dabei auch nicht stöhnen. Dem Ritual entsprechen vergruben sie ihre Vorhäute während der nächsten Nacht in Ameisenhaufen, damit kein Zauberer sie für böse Zwecke missbrauchen konnte.

Bald darauf wurde Nelson Mandela von der Clarkebury Boarding Institution aufgenommen. Am ersten Schultag trug er zum ersten Mal in seinem Leben Stiefel und ging deshalb „wie ein frisch beschlagenes Pferd“.

Schon auf der Treppe hatte ich einen furchtbaren Lärm gemacht und war mehrmals um ein Haar ausgerutscht. Als ich ins Klassenzimmer trampelte, bemerkte ich, dass zwei Studentinnen in der ersten Reihe mein linkisches Auftreten mit großer Belustigung beobachteten. Die Hübschere der beiden beugte sich zu der anderen und sagte so laut, dass alle sie hören konnten: „Der Landjunge ist nicht gewohnt, Schuhe zu tragen“, woraufhin ihre Freundin lachte. Ich war blind war Wut und Verlegenheit. (Seite 53)

1937 folgte Nelson Mandela seinem brüderlichen Freund Justice an das Wesleyan College in Fort Beaufort. Mit einundzwanzig begann er, an der Universität von Fort Hare – der damals einzigen höheren Bildungsanstalt für Schwarze in Südafrika – Englisch, Anthropologie, Politik und Native Administration zu studieren, und zwar mit dem Ziel, später zum Beispiel als Dolmetscher für das Natives Affairs Department zu arbeiten. Das galt unter Schwarzen als bestmögliche Karriere.

In Fort Hare gewöhnte Nelson Mandela sich nicht nur an WCs und Warmwasser-Duschen, sondern er begann auch, seine Zähne statt mit Asche und Zahnstochern mit Zahnpasta und einer Zahnbürste zu putzen.

Während eines Aufenthalts von Justice und Nelson in Mqhekezweni eröffnete ihnen der Regent, er habe zwei Mädchen aus sehr guten Familien als Ehefrauen für sie ausgesucht. Obwohl dieses Vorgehen dem Brauchtum entsprach, sträubten die beiden jungen Männer sich gegen die aufgezwungene Heirat und flohen deshalb nach Johannesburg.

Dort wohnte der inzwischen dreiundzwanzig Jahre alte Nelson Mandela zunächst bei einer Familie mit sechs Kindern in Untermiete, und zwar in einer einräumigen Blechdachhütte ohne Heizung, Strom und Wasseranschluss im Hinterhof. Anfang 1942 verschaffte ihm ein Bekannter eine freie Unterkunft im Gebäudekomplex der Witwatersrand Native Labor Association, dem Rekrutierungsbüro für Minenarbeiter. Ein Vetter Nelson Mandelas, Garlick Mbekeni, machte ihn mit dem schwarzen Immobilienmakler Walter Sisulu bekannt, und mit dessen Empfehlung konnte er in der weißen Anwaltskanzlei Witkin, Sidelsky und Eidelman als Bote anfangen. Abends und nachts studierte er das Fernlehrmaterial, das er von der University of South Africa geschickt bekam.

Der Regent, der ihn wie einen Sohn aufgenommen hatte, starb im Winter 1942/43. Zu der Trauerfeier reiste Nelson Mandela nach Mqhekezweni. Während seines kurzen Aufenthalts dort traf er auch Justice wieder, der nun das Amt des Häuptlings von seinem toten Vater übernahm.

Nachdem er Ende 1942 die Schlussprüfung für den Bachelor of Arts bestanden hatte, kehrte Nelson Mandela Anfang 1943 zur Graduierung noch einmal an die Universität von Fort Hare zurück. Endlich konnte er nun mit dem Jurastudium an der University of the Witwatersrand in Johannesburg beginnen.

Ich kann nicht genau angeben, wann ich politisiert wurde, wann ich wusste, dass ich mein Leben völlig dem Freiheitskampf verschreiben würde […]
Ich hatte keine Erleuchtung, keine einzigartige Offenbarung, keinen Augenblick der Wahrheit; es war eine ständige Anhäufung von tausend verschiedenen Dingen, tausend Kränkungen, tausend unerinnerten Momenten, die Wut in mir erzeugten, rebellische Haltung, das Verlangen, das System zu bekämpfen, das mein Volk einkerkerte. Da war kein bestimmter Tag, an dem ich mir sagte, von nun an will ich mich der Befreiung meines Volkes widmen, sondern stattdessen tat ich es einfach, weil ich nicht anders konnte. (Seite 135)

Durch Walter Sisulu, der Nelson Mandela zu der Anstellung in der Anwaltskanzlei verholfen hatte und Ende 1949 Generalsekretär des ANC werden sollte, kam er zunehmend mit Politikern in Kontakt. (Der African National Congress, die älteste politische Organisation der Afrikaner in Südafrika, war 1912 nach dem Vorbild des Indian Congress gegründet worden.) Im Haus der Sisulus lernte Mandela auch Evelyn Mase kennen, ein stilles Mädchen vom Land, das seine erste Frau wurde. Nachdem die beiden zunächst notdürftig bei einem Bruder und dann einer Schwester Evelyns gewohnt hatten, wies ihnen die Regierung aufgrund der Geburt ihres ersten Kindes im Frühjahr 1946 ein Haus zu.

Neben seiner Ausbildung in der Anwaltskanzlei und dem Studium engagierte Nelson Mandela sich weiter für den ANC, wurde 1947 in das Exekutivkomitee von Transvaal und 1950 in das Nationale Exekutivkomitee des ANC gewählt. Um auch mit Kommunisten sachkundig debattieren zu können, las er die Werke von Karl Marx, Friedrich Engels, Lenin, Stalin, Fidel Castro, Ho Chi Minh und Mao Zedong. Die Idee einer klassenlosen Gesellschaft und der marxistische Aufruf zur revolutionären Tat faszinierten ihn, aber er blieb gegenüber der kommunistischen Partei reserviert.

Damals wusste ich weit genauer, wogegen ich war als wofür. (Seite 167)

Dr. Daniel François Malan (1874 – 1959), der nach dem Wahlsieg der Nationalisten 1948 sechs Jahre lang die nur von der weißen Minderheit gewählte südafrikanische Regierung führte, setzte sich für die Kodifizierung der de facto seit Jahrzehnten geltenden Diskriminierung der Afrikaner und Inder ein. 1950 wurden mit dem Population and Registration Act und dem Group Areas Act zwei entscheidende Apartheitsgesetze verabschiedet. Nach dem Vorbild Mahatma Gandhis rief der ANC 1952 dazu auf, diskriminierende Gesetze zu missachten. Einundzwanzig Männer, darunter Nelson Mandela, mussten sich deshalb in Johannesburg vor einem Gericht verantworten. Man verurteilte sie zu neun Monaten Haft mit Zwangsarbeit, setzte die Strafe allerdings für zwei Jahre zur Bewährung aus.

Nachdem Nelson Mandela die vorgeschriebene dreijährige Ausbildungszeit in der Anwaltskanzlei Witkin, Sidelsky und Eidelman abgeschlossen hatte, arbeitete er nacheinander für zwei andere Kanzleien. Sein Universitätsstudium brach er nach mehreren gescheiterten Examen ab und absolvierte stattdessen eine staatliche Zulassungsprüfung zum Anwaltsberuf. Er ließ sich im August 1952 als Anwalt nieder und eröffnete noch im gleichen Jahr zusammen mit seinem Freund und Partner Oliver Tambo eine Gemeinschaftskanzlei mitten in Johannesburg, obwohl sie aufgrund des Urban Areas Act ohne ministerielle Genehmigung kein Büro dort haben durften und ihr entsprechender Antrag abgelehnt worden war.

In seinen öffentlichen Reden vertrat Nelson Mandela schließlich die Ansicht, dass mit Gewaltlosigkeit und passivem Widerstand nichts zu erreichen sei.

Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er im Alter von fünfunddreißig Jahren zum zweiten Mal mit einem Bann belegt, d. h. er durfte für die Dauer von zwei Jahren Johnnesburg nicht verlassen und an keinen politischen Treffen teilnehmen, geschweige denn selbst als Redner auftreten. Im April 1954 beantragte die Law Society von Transvaal, also die Anwaltsvereinigung, Mandela die Zulassung als Anwalt zu entziehen, aber der Oberste Gerichtshof wies den Antrag ab und bürdete der Law Society die Prozesskosten auf.

Sobald der Bann im September 1955 endete, besuchte Nelson Mandela seine Mutter in Qunu und die Witwe des früheren Regenten in Mqhekezweni.

Ich fragte mich – nicht zum erstenmal –, ob es gerechtfertigt sei, das Wohlergehen der eigenen Familie zu vernachlässigen, um für das Wohlergehen anderer zu kämpfen. Kann es Wichtigeres geben, als sich um seine alte Mutter zu kümmern? (Seite 249)

Bereits im März 1956 wurde Mandela erneut das Verlassen Johannesburgs und die Teilnahme an politischen Versammlungen verboten – diesmal für fünf Jahre. Vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder verhaftete ihn die Sicherheitspolizei am 5. Dezember 1956. 105 Afrikanern, 21 Indern, 23 Weißen und 7 Mischlingen – fast der gesamten Führung des ANC – warf die Staatsanwaltschaft Hochverrat durch eine landesweite Verschwörung zum gewaltsamen Sturz der Regierung vor. Darauf stand die Todesstrafe! Schließlich wurden die Männer gegen Kaution freigelassen, mussten aber an den Verhandlungstagen vor Gericht erscheinen.

Als Nelson Mandela aus dem Gefängnis kam, war seine Frau mit den Kindern zu einem Bruder gezogen. Evelyn Mandela, eine ausgebildete Krankenschwester, hatte 1953 an einem Geburtshilfekurse in Durban teilgenommen und war mehrere Monate fort gewesen. Danach schloss sie sich den Zeugen Jehovas an und half mit, deren Schrift „Der Wachtturm“ zu verbreiten. Sie versuchte, auch ihren Mann zu überzeugen, aber der stieß sich vor allem an der Lehre, eine etwaige Unterdrückung passiv hinzunehmen. Evelyn warf ihm dagegen vor, er vernachlässige die Familie aufgrund seiner politischen Arbeit und ihn schließlich vor die Wahl zwischen der Ehe und dem ANC.

Dreizehn Monate dauerte die gerichtliche Voruntersuchung. Im Januar 1958 wurde entschieden, 95 der 156 Beschuldigten vor dem Obersten Gericht von Transvaal anzuklagen.

Während Nelson Mandela auf den eigentlichen Prozessbeginn wartete, lernte er Nomzamo Winnifred („Winnie“) Madikizela kennen, die kurz zuvor ihr Studium an der Jan-Hofmeyr-Schule für Sozialarbeit in Johannesburg abgeschlossen hatte und als erste schwarze Sozialarbeiterin im Baragwanath Hospital arbeitete. Die beiden verliebten sich und heirateten am 14. Juni 1958.

Erst am 3. August 1959 – zwei Jahre und acht Monate nach Mandelas Verhaftung – begann das eigentliche Gerichtsverfahren gegen ihn und seine ebenfalls des Hochverrats beschuldigten Gesinnungsgenossen. Die Staatsanwaltschaft hatte erreicht, dass der Prozess statt in Johannesburg in einer ehemaligen Synagoge im fünfzig Kilometer entfernten Pretoria stattfand, wo es kaum ANC-Anhänger gab. Die Angeklagten und ihre Verteidiger, die alle in Johannesburg wohnten, benötigten an jedem Verhandlungstag fünf Stunden, um mit einem Bus hin- und zurückzufahren.

Am 6. April 1959 war eine Organisation gegründet worden, die mit dem ANC in der südafrikanischen Freiheitsbewegung konkurrierte: Der Panafrikanische Kongress (PAC). Während sich für den ANC Schwarze, Inder, Mischlinge und Weiße engagierten, akzeptierte der PAC nur Afrikaner in seinen Reihen. 1960 rief der PAC zu Demonstrationen auf. In Sharpeville, einer Township fünfzig Kilometer südlich von Johannesburg, sammelten sich die Demonstranten am 21. März vor der Polizeistation. Obwohl die Menge unbewaffnet war, gerieten die 75 Polizisten in Panik und feuerten 700 Schüsse ab. 400 Menschen wurden verletzt, 69 getötet. Das Massaker von Sharpeville löste landesweite Unruhen aus; allein in der Langa-Township in Kapstadt gingen 50 000 Menschen auf die Straße. Die Regierung rief den Notstand aus und verbot sowohl den PAC als auch den ANC.

Nelson Mandela wurde am 30. März 1960 erneut festgenommen. Damit der Prozess fortgesetzt werden konnte, brachte man ihn und andere verhaftete Angeklagte in ein Gefängnis in Pretoria. Ein Jahr später, am 29. März 1961, verkündete der Richter das Urteil und sprach die Angeklagten frei.

Weil der ANC nach dem Massaker von Sharpeville verboten worden war und Nelson Mandela befürchtete, ungeachtet des Freispruchs gleich wieder eingesperrt zu werden, tauchte er unter und besprach bei mehreren konspirativen Treffen mit anderen ANC-Führern den Aufbau einer Untergrundorganisation. Häufig verkleidete er sich als Chauffeur. Auf diese Weise konnte er mit seinem Auto reisen und so tun, als sei er im Auftrag eines Weißen unterwegs.

Das Leben im Untergrund erfordert ein seismisches psychologisches Gespür. Man muss jede Handlung planen, so geringfügig und scheinbar unbedeutend sie auch sei. Nichts ist harmlos. Alles ist fraglich. (Seite 359)

Aufgrund eines im Oktober 1960 unter den Weißen abgehaltenen Referendums schied die Südafrikanische Union am 31. Mai 1961 aus dem Commonwealth aus und wurde zur Republik. Nelson Mandela forderte Hendrik Frensch Verwoerd (1901 – 1966) in einem Brief auf, einen konstitutionellen Nationalkonvent einzuberufen, aber der Premierminister (1958 – 1966) würdigte ihn keiner Antwort.

Ein fehlgeschlagener Streikaufruf des illegalen ANC im Mai 1961 überzeugte Nelson Mandela endgültig, dass nur ein bewaffneter Kampf gegen die Regierung Erfolg versprach. Er dachte dabei an Sabotageakte und einen Guerillakrieg. Darüber kam es in der Untergrundexekutive des ANC zu heftigen Auseinandersetzungen, die mit einem Kompromiss endeten: Während der ANC weiterhin eine gewaltlose Politik vertrat, wurde im November unter Mandelas Führung eine militärische Organisation mit dem Namen „Umkhonto We Sizwe“ (Der Speer der Nation; abgekürzt: MK) gegründet. Am 16. Dezember 1961 machte der MK erstmals durch eine Reihe von Bombenanschlägen auf sich aufmerksam.

Zur gleichen Zeit erhielt der ANC eine Einladung der Pan African Freedom Movement for East, Central and Southern Africa (PAFMECSA) zu einer Konferenz in Addis Abeba im Februar 1962. Die Untergrundexekutive beauftragte Nelson Mandela mit der Leitung der Delegation. Im Anschluss an die Konferenz in Addis Abeba flog er nach Kairo, Tunis, Rabat, Algier und in eine Reihe von Staaten an der Westküste, bevor er weiter nach London reiste. Dabei traf er sich mit zahlreichen afrikanischen Politikern – darunter Kenneth D. Kaunda, Julius K. Nyerere, Léopold S. Senghor – und warb für die politische und finanzielle Unterstützung des ANC bzw. des MK. Zum Abschluss dieser monatelangen Rundreise wollte er sich in Äthiopien ein halbes Jahr lang im Guerillakampf ausbilden lassen. Weil sich die Lage in seinem Heimatland zuspitzte, konnte er nur acht Wochen bleiben und musste dann zurück nach Südafrika.

Auf der Liliesleaf Farm in Rivonia, dem getarnten Hauptquartier des MK, traf Nelson Mandela sich mit anderen Führern der Organisation. Auf der Weiterfahrt zu weiteren Geheimtreffen in Durban trug er wieder eine Chauffeur-Uniform, und zur besseren Tarnung begleitete ihn der weiße Theaterregisseur Cecil Williams. Doch es half nichts: Am 5. August 1962 wurden sie von drei Zivilfahrzeugen der Sicherheitspolizei angehalten und festgenommen. Jemand musste sie verraten haben.

Nelson Mandela wurde wegen des Streikaufrufs im Mai 1961 und unerlaubten Verlassens des Landes zu fünf Jahren Haft verurteilt. Die sollte er auf Robben Island verbüßen, einer 25 Kilometer vor der Küste von Kapstadt gelegenen Gefängnisinsel. Doch schon nach zwei Wochen verlegte man ihn zurück aufs Festland, denn am 11. Juli 1963 hatte die Sicherheitspolizei das MK-Quartier in Rivonia entdeckt und gestürmt, und am 9. Oktober sollte das Gerichtsverfahren „Der Staat gegen Nelson Mandela und andere“ in Pretoria beginnen. Die Anklage lautete auf Sabotage und Verschwörung, nicht auf Hochverrat, denn in diesem Fall hätten die Gesetze eine längere Voruntersuchung verlangt, und die Todesstrafe konnte auch so verhängt werden. Im Juni 1964 verkündete der Richter das Urteil: Er verhängte für alle Angeklagten eine lebenslängliche Gefängnisstrafe.

Wieder kam Nelson Mandela nach Robben Island. Die Häftlinge mussten zunächst im Gefängnishof Steine klopfen, dann in einem Kalksteinbruch arbeiten und zwischendurch Seetang sammeln. (Erst 1977 wurde die Arbeitspflicht auf Robben Island abgeschafft.) Die Arbeit war schwer, aber als schlimmer empfand Mandela die erzwungene Einschränkung seiner Kontakte zur Außenwelt: Nur einmal im halben Jahr durfte er eine halbe Stunde lang besucht werden, einen Brief schreiben und einen empfangen.

Im Gefängnis ist das einzige, was noch schlimmer ist als eine schlechte Nachricht über die eigene Familie, überhaupt keine Nachricht. Es ist immer schwerer, mit den Katastrophen und Tragödien fertig zu werden, die man sich einbildet, als mit Realitäten, und seien sie noch so unangenehm und grausam. Ein Brief mit schlimmen Neuigkeiten war allemal besser als gar kein Brief. (Seite 537)

Im Frühjahr 1968 konnte Nelson Mandela erstmals Besuch von seiner Mutter, seiner Schwester Mabel, seinem Sohn Makgatho und seiner Tochter Makaziwe empfangen und ausnahmsweise nicht nur dreißig, sondern fünfundvierzig Minuten mit ihnen reden. Einige Wochen später erlag seine Mutter einem Herzanfall. Sein Gesuch, für die Beerdigung Hafturlaub zu bekommen, wurde ebenso abgelehnt wie ein Jahr später sein Antrag, zur Bestattung seines im Alter von fünfundzwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückten Sohnes Madiba Thembekile („Thembi“) reisen zu dürfen.

Der ANC bildete auf Robben Island eine eigene Organisation unter der Führung Nelson Mandelas, beschränkte sich aber auf die Belange der Gefangenen und mischte sich bewusst nicht in die politischen Pläne des weiterhin im Untergrund operierenden ANC ein, denn auf der Insel fehlte den Männern der Überblick über die Lage in Südafrika.

Das änderte sich erst ein wenig, als die Gefängnisleitung 1978 damit begann, täglich eine Nachrichtenzusammenfassung über die Lautsprecheranlage zu verlesen. Von 1980 an durften die Insassen auch Zeitungen kaufen.

Achtzehn Jahre blieb Nelson Mandela auf Robben Island eingesperrt. Dann wurde er ohne Begründung in das Hochsicherheitsgefängnis Pollsmoor südöstlich von Kapstadt verlegt.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und der Freiheitsbewegung in Südafrika spitzten sich zu. 1981 hatte die südafrikanische Defense Force bei einem Überraschungsangriff auf das ANC-Büro in Maputo, also im Nachbarstaat Mosambik, dreizehn Menschen getötet. Die ANC-Aktivistin Ruth First kam im August 1982 in Maputo beim Öffnen einer Briefbombe um. Im Dezember 1982 zündete der MK eine Bombe in dem Atomkraftwerk, das in Koeberg bei Kapstadt gebaut wurde. Einige Tage später tötete ein südafrikanisches Militärkommando zweiundvierzig ANC-Anhänger in Maseru, der Hauptstadt des Binnenstaates Lesotho. Neunzehn Menschen starben bei einem Autobombenanschlag des MK im Mai 1983.

Schließlich entwickelte sich auf beiden Seiten die Bereitschaft zur Deeskalation. Damit im Zusammenhang wurde Nelson Mandela am 31. Januar 1985 zum sechsten Mal die Freilassung angeboten, diesmal von Staatspräsident Pieter Willem Botha. Allerdings hätte er sich dafür von jeglicher Gewaltanwendung des ANC in der politischen Auseinandersetzung öffentllich distanzieren müssen – und dazu war er nicht bereit.

Ich wollte deutlich machen, dass ich, wenn ich aus dem Gefängnis in die gleichen Zustände zurückkehrte, aus denen heraus ich verhaftet worden war, gezwungen sein würde, die gleichen Aktivitäten wieder aufzunehmen, für die man mich verhaftet hatte. (Seite 698)

Dabei fand er es durchaus an der Zeit, politische Gespräche zwischen dem ANC und der Regierung vorzubereiten. Ohne sich mit anderen ANC-Führern abzustimmen, signalisierte er dem neuen Justizminister Kobie Coetsee seine Gesprächsbereitschaft.

Ich beschloss, niemanden darüber zu informieren, was zu tun ich im Begriff war […] Der ANC ist ein Kollektiv, doch die Regierung hatte Kollektivität in diesem Fall unmöglich gemacht […] Ich wusste, dass meine Kollegen von oben meinen Vorschlag missbilligen und meine Initiative vereiteln würden, noch ehe sie geboren war. Es gibt Zeiten, in denen ein Führer der Herde vorangehen und sich in eine neue Richtung bewegen muss, darauf vertrauend, dass er sein Volk auf den richtigen Weg führt. (Seite 705)

Zur gleichen Zeit rief der ANC dazu auf, das Land unregierbar zu machen. Wegen der Unruhen verhängte die Regierung am 12. Juni 1986 den Ausnahmezustand. Ein paar Tage später brachte man Mandela zu einem Geheimgespräch mit dem Justizminister in dessen Residenz. Ende 1988 wurde er in das Victor Verster-Gefängnis 50 Kilometer nordöstlich von Kapstadt verlegt, wo er sich in einem Haus mit Garten und Swimmingpool frei bewegen konnte. Am 5. Juli 1989 fand die erste Begegnung des Einundsiebzigjährigen mit Staatspräsident Botha statt – der sechs Wochen später von seinem Amt zurücktrat. Am 15. August wurde der dreiundfünfzigjährige Frederik Willem de Klerk als Nachfolger vereidigt. Der neue Staatspräsident schickte sich an, die Apartheid abzuschaffen und die Verbote des ANC, des PAC und der Kommunistischen Partei aufzuheben.

De Klerk leitete eine systematische Demontage vieler Bausteine der Apartheid ein. Er öffnete die Strände Südafrikas für Menschen jeder Hautfarbe und gab bekannt, der Reservation of Separate Amenities Act würde bald aufgehoben. Seit 1953 hatte dieser etwas erzwungen, das als „kleinliche Apartheid“ bekannt war und Parks, Theater, Restaurants, Busse, Bibliotheken, Toiletten und andere öffentliche Einrichtungen bestimmten Rassen vorbehielt. Im November kündigte er an, das National Security Management System, eine unter P. W. Botha geschaffene Einrichtung zur Bekämpfung von Antiapartheidskräften, werde aufgelöst. (Seite 739)

Am 13. Dezember 1989 traf de Klerk sich mit Nelson Mandela. Bei der zweiten Begegnung, am 9. Februar 1990, eröffnete der Präsident dem Häftling, man werde ihn am nächsten Tag aus dem Gefängnis entlassen. Nach mehr als siebenundzwanzig Jahren!

Vor dem Gefängnistor filmten zahlreiche Reporter, wie Nelson Mandela von tausenden seiner Anhänger umjubelt wurde. In Kapstadt wurde das Auto, in dem er und seine Frau Winnie saßen, zeitweise von der begeisterten Menge blockiert. Und im Stadion von Johannesburg hielt er eine Rede vor 120 000 Zuschauern. In seiner ersten Pressekonferenz erklärte er, keinen Widerspruch zwischen seiner Unterstützung des bewaffneten Kampfes und seinem Engagement für Verhandlungen zu erkennen.

Es waren die Realität und die Drohung des bewaffneten Kampfes, welche die Regierung an den Rand von Verhandlungen gebracht hatten. Ich fügte hinzu, wenn der Staat aufhöre, dem ANC Gewalt anzutun, werde auch der ANC Frieden halten. (Seite 758)

Am 27. Februar 1990 traf Mandela bei einer Tagung des Nationalen Exekutivkomitees des ANC in Lusaka viele politische Weggefährten nach Jahrzehnten erstmals wieder. Von Lusaka aus flog er nach Simbabwe, Tansania, Sansibar, Äthiopien, Algerien und Ägypten, dann weiter nach Stockholm und London. Im Juli brach er zu einer weiteren Reise durch Europa und Nordamerika auf und wurde dabei unter anderem von US-Präsident George Bush und der englischen Premierministerin Margaret Thatcher empfangen.

Obwohl bei blutigen Auseinandersetzungen am 22. Juli 1990 in der Township Sebokeng im Vaal Triangle etwa dreißig Menschen ums Leben gekommen waren, beendete der ANC am 6. August in einer gemeinsamen Erklärung mit der südafrikanische Regierung den bewaffneten Kampf zumindest vorläufig („Pretoria Minute“).

Seit der Aufhebung des ANC-Verbots am 3. Februar 1990 galt es, die Untergrundorganisation in eine politische Massenpartei umzuwandeln. Auf der ANC-Jahreskonferenz, die im Juli 1991 seit dreißig Jahren erstmals wieder auf südafrikanischem Boden stattfand, wählten die 2244 stimmberechtigten Delegierten aus dem In- und Ausland Nelson Mandela einstimmig zum Präsidenten der Organisation.

Mit dem Ziel, die Afrikaner an der Regierung zu beteiligen, begannen am 20. Dezember 1991 in Johannesburg Verhandlungen über eine neue Verfassung Südafrikas. Der aus neunzehn Parteien zusammengesetzte „Konvent für ein demokratisches Südafrika“ (CODESA) begann am 6. Februar 1992, Regelungen für eine verfassunggebende Versammlung und eine Interimsregierung auszuarbeiten.

Gerade als die Verhandlungen festgefahren waren, drohte ein Massaker, alle Erfolge wieder zunichte zu machen. Am 17. Juni 1992 überfiel ein schwer bewaffnetes Kommando der mit dem ANC konkurrierenden Inkatha, der von Häuptling Mangosuthu Buthelezi geführten Stammesvertretung der Zulu, die Vaal-Township von Boipatong und ermordete sechsundvierzig Menschen, die meisten davon Frauen und Kinder. Wie bei früheren Anschlägen dieser Art, unternahm die Polizei nichts gegen die Mörder. Trotz dieses Gemetzels und weiterer Blutbäder trafen sich de Klerk und Mandela am 26. September erneut zu einem offiziellen Gespräch.

Die beiden Politiker wurden 1993 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Bei den Ende April 1994 – gleichzeitig mit dem Inkrafttreten einer vorläufigen Verfassung – durchgeführten ersten freien, nichtrassistischen Parlamentswahlen in Südafrika gewann der ANC 62,6 Prozent der Stimmen und erhielt somit 252 der 400 Sitze in der verfassunggebenden Nationalversammlung. Nelson Mandela war durchaus nicht unglücklich darüber, dass seine Partei die Zweidrittelmehrheit knapp verfehlt hatte, denn er wollte nicht, dass der Eindruck entstand, die zu verabschiedende Verfassung sei nur vom ANC getragen.

Nachtrag zu Nelson Mandels Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“:

Nelson Mandela wurde am 9. Mai 1994 zum ersten schwarzen Staatspräsidenten Südafrikas gewählt und bildete anschließend eine Übergangsregierung. Mit großer Mehrheit billigte die Konstituante am 8. Mai 1996 die inzwischen ausgearbeitete Verfassung. Nelson Mandela regierte Südafrika bis 1999. Bei den Parlamentswahlen im Juni errang der ANC 66,4 Prozent der Stimmen. Als Nachfolger Mandelas wurde der vierundzwanzig Jahre jüngere ANC-Politiker Thabo Mbeki gewählt.

Auf einer Pressekonferenz am 13. April 1992 hatte Nelson Mandela die Trennung von seiner Frau Winnie angekündigt. Die Ehescheidung erfolgte am 19. März 1996. Am 18. Juli 1998 heiratete Mandela die zweiundfünfzigjährige Graça Machel, die Witwe des früheren Präsidenten von Mosambik.

Makgatho Mandela, Nelson Mandelas ältester Sohn, starb am 7. Januar 2005 im Alter von vierundfünfzig Jahren an Aids.

Am 8. Juni 2013 wurde Nelson Mandela zum vierten Mal innerhalb eines halben Jahres in ein Krankenhaus in Pretoria gebracht. Ein halbes Jahr später, am 5. Dezember, starb er.

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In seiner Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“ erzählt Nelson Mandela sehr detailliert und ausführlich von seiner Kindheit und Jugend sowie seiner politischen Karriere bzw. den Jahrzehnten im Gefängnis. Der Privatmensch und seine persönlichen Beziehungen – etwa seine Ehe mit Winnie – bleiben dabei schemenhaft.

Clint Eastwood drehte über Nelson Mandela den Film „Invictus. Unbezwungen“. Justin Chadwick verfilmte das Buch „Der lange Weg zur Freiheit“ von Nelson Mandela mit Idris Elba in der Titelrolle.

Mandela. Der lange Weg zur Freiheit – Originaltitel: Mandela. Long Walk to Freedom – Regie: Justin Chadwick – Drehbuch: William Nicholson, nach dem Buch „Der lange Weg zur Freiheit“ von Nelson Mandela – Kamera: Lol Crawley – Schnitt: Rick Russell – Musik: Alex Heffes – Darsteller: Idris Elba, Naomie Harris, Tony Kgoroge, Terry Pheto, Riaad Moosa, Jamie Bartlett, Lindiwe Matshikiza, Deon Lotz u.a. – 2013; 145 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004 / 2013
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Clint Eastwood: Invictus. Unbezwungen

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