Gudrun Pausewang : Die Wolke

Die Wolke
Die Wolke Originalausgabe: Maier Verlag, Ravensburg 1987 ISBN 3-473-35086-9, 157 Seiten Ravensburger Taschenbuch 2006 ISBN 978-3-473-58240-2, 222 Seiten Die Wolke Deutsche Lektüre für das 3. und 4. Lernjahr Ernst Klett Verlag, Stuttgart 2016 ISBN 978-3-12-675749-2, 69 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld südlich von Schweinfurt kommt es zu einem GAU, bei dem sich eine radioaktive Wolke bildet. Die 15-jährige Janna-Berta und ihr kleiner Bruder Uli, deren Eltern in Schweinfurt sind, steigen in Schlitz bei Fulda auf ihre Fahrräder und brechen zum Bahnhof in Bad Hersfeld auf. Unterwegs kommt Uli bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Janna-Berta gerät in den Regen der radioaktiven Wolke und wird verstrahlt ...
Weiterlesen

Kritik

12-Jährige werden sich wohl v. a. von der spannenden Handlung des facettenreichen Jugendbuchs "Die Wolke" von Gudrun Pausewang fesseln lassen; älteren Lesern gibt das Buch darüber hinaus eine Reihe von Denkanstößen.
Weiterlesen

Die fünfzehnjährige Janna-Berta ist in Fulda im Gymnasium, als ABC-Alarm ausgelöst wird. Rasch stellt sich heraus, dass es sich nicht um eine Übung handelt; im achtzig Kilometer entfernten Kernkraftwerk Grafenrheinfeld südlich von Schweinfurt gab es einen Störfall! Eine radioaktive Wolke hat sich gebildet. Der Mitschüler Lars nimmt Janna-Berta mit nach Schlitz, wo ihr Elternhaus steht und ihr kleiner Bruder Uli auf sie wartet. Die Eltern haben zwei Tage in Schweinfurt zu tun und das Baby Kai dabei. Während Tante Almut aus Wiesbaden anruft und den Kindern rät, wegen der radioaktiven Wolke in geschlossenen Räumen zu bleiben, fordert die Mutter sie telefonisch auf, sich an Nachbarn wenden, die mit dem Auto flüchten und sich zu ihrer Tante Helga in Hamburg durchschlagen.

Weil die Nachbarn bis auf die Hofmanns, die in ihrem Haus bleiben wollen, bereits fort sind, flüchten die beiden Kinder mit ihren Fahrrädern. Sie wollen zum Bahnhof in Bad Hersfeld. Die Straßen nach Norden sind überfüllt; rücksichtslos kämpfen sich die Fahrer durch – bis zu einer Polizeisperre, wo nichts mehr weitergeht. Janna-Berta weicht mit Uli auf einen Feldweg aus. Der scheint sie jedoch in die Irre zu führen. Die beiden sind erschöpft und verzweifelt. Von einer Anhöhe aus sieht Uli eine Straße. Mit neuem Mut radelt er hinunter und gerät viel zu schnell auf die Straße, wo er von einem Auto erfasst wird. Er ist sofort tot.

Verstört setzt sich Janna-Berta neben ihn auf den Boden. Die Straße ist blockiert. Im vordersten Auto befindet sich eine Familie mit drei Kindern. Herr Heubler legt Ulis Leiche in ein Rapsfeld. Wie in Trance steigt Janna-Berta ein und fährt mit zum Bahnhof in Bad Hersfeld.

Dort ist alles verstopft und es herrscht Chaos, aber es gelingt den Heublers und Janna-Berta, auf den Bahnsteig zu gelangen. Plötzlich rennt Janna-Berta fort: Ungeachtet der heranziehenden radioaktiven Wolke will sie ihren Bruder suchen. Die in den entgegenkommenden Autos gestikulierenden Menschen beachtet sie nicht. Es beginnt zu regnen.

Hippies nehmen sie in ihrem VW-Bus mit. Vor der abgeriegelten Grenze zur DDR, wo auf Flüchtlinge aus dem radioaktiv verseuchten Gebiet geschossen wird, steigt Janna-Berta aus und geht in den nächsten Ort, wo man sie nicht haben will, weil die Bewohner Angst vor Kontaminierung haben. Sie geht eine Allee entlang, übergibt sich mehrmals und bricht zusammen.

In einem Notkrankenhaus, das in einem Schulgebäude in Herleshausen eingerichet wurde, kommt sie wieder zu sich. Verstrahlte Kinder liegen hier, fast alle jünger als Janna-Berta, einige verwaist, andere mit ihren Eltern. Das Personal ist völlig überfordert. Der Innenminister besichtigt die Einrichtung und verspricht, dass alles wieder gut wird. Dabei sollen bereits 18 000 Menschen tot sein. Vor Wut über das Getue des Politikers beginnt Janna-Berta zu schreien.

Sie befreundet sich mit ihrer türkischen Mitpatientin Ayse. Beiden fallen die Haare aus, und Ayse stirbt einige Tage später.

Janna-Berta erfährt von Helga Meinecke, der Schwester ihres Vaters, die den Namen ihrer Nichte auf einer Suchliste gefunden hat und gekommen ist, um sie nach Hamburg zu holen, dass ihre Eltern und Kai tot sind. Erst nach drei Wochen kann Helga ihre Nichte von Herleshausen nach Hamburg bringen.

Obwohl die Oberstudienrätin gut für Janna-Berta sorgt, würde diese lieber bei Almut wohnen, der Schwester ihrer Mutter, die vor dem GAU mit Onkel Reinhard und dessen Vater in Wiesbaden lebte, von der aber auch Helga nicht weiß, ob sie die Katastrophe überlebt hat.

Unerwartet taucht Almut in Hamburg auf. Die Lehrerin, die selbst verstrahlt wurde, deshalb ihre Schwangerschaft abbrechen lassen musste und nie wieder ein Kind bekommen kann, bietet ihrer Nichte an, sie bei sich in der Notunterkunft – einer Kellerwohnung – aufzunehmen.

Janna-Berta weigert sich, ihre Glatze unter einer Mütze zu verbergen, obwohl die Leute auf der Straße über sie tuscheln und einen Bogen um sie machen. Ihrer Tante ist das gar nicht recht.

In der Schule, die Janna-Berta in Hamburg besucht, trifft sie Elmar wieder, der schon früher ihr Mitschüler gewesen war und aufgrund der Reaktorkatastrophe mit seinem Vater nach Hamburg zog: Er ist kahl wie sie und ebenfalls ohne Kopfbedeckung. Während er vor dem GAU Klassenprimus war, schwänzt er nun die Schule, weil er nicht mehr an die Zukunft glaubt. Als Janna-Berta ihn einige Zeit später zu ihrem Geburtstag einladen möchte, erfährt sie, dass er sich umgebracht hat [Suizid].

Schließlich fährt Janna-Berta per Autostop nach Wiesbaden und wird, wie versprochen, von ihrer Tante Almut aufgenommen, die sich auch für andere Opfer engagiert, ein Hibakusha-Zentrum gründet, zwei Waisen adoptiert und die Erinnerung an die Katastrophe wachhalten will.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Als die Sperrzone aufgehoben wird, macht sich Janna-Berta per Anhalter auf den Weg. An der Stelle, an der ihr Bruder Uli ums Leben kam, steigt sie aus. Sie sucht im Rapsfeld nach der Leiche und begräbt sie mit einer eigens mitgebrachten Schaufel. Auch ihr Rad findet sie wieder; damit fährt sie zu ihrem Elternhaus in Schlitz.

Dort findet sie ihre Großeltern Berta und Hans-Georg vor, die vor drei Tagen von einem langen Urlaub auf Mallorca zurückgekommen sind, zwar von dem GAU gehört haben, aber noch nicht ahnen, dass Sohn, Schwiegertochter und Enkel tot sind, weil ihre Tochter Helga ihnen vorlog, sie lägen in einem Krankenhaus. Sie wissen auch nicht, dass Janna-Berta verstrahlt wurde, denn das Mädchen setzte rechtzeitig eine Mütze auf. Erst als der Großvater beim Kaffeetrinken behauptet, der Reaktorstörfall sei von den Medien dramatisiert worden, nimmt Janna-Berta ihre Kopfbedeckung ab und klärt ihre Großeltern über das Ausmaß der Katastrophe auf.

nach oben

Von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 geschockt, schrieb Gudrun Pausewang den Jugendroman „Die Wolke“ (1987), in dem sie ausmalte, was beim GAU (größter anzunehmender Unfall) in einem deutschen Atomkraftwerk geschehen könnte. Gudrun Pausewang wollte mit „Die Wolke“ vor der Gefahr warnen, die Atomkraftwerke ihrer Meinung nach darstellen. Offenbar gehört sie zu den Kernkraftgegnern, aber sie kritisiert auch die Politiker, die abwiegeln, schönreden und die Evakuierung hinauszögern, um das Ausmaß der Katastrophe zu verheimlichen. Der unbekümmerte Umgang mit der Kernkraft kommt Gudrun Pausewang so vor wie die Tatenlosigkeit beim Heraufziehen des Nationalsozialismus, und sie ruft zum Widerstand auf, damit es nicht zu einem „Ökozid“ kommt. In „Die Wolke“ schildert sie, wie die Leute nach der Katastrophe nicht durch den Anblick von Opfern daran erinnert werden wollen und versuchen, das Geschehene zu verdrängen. Die Protagonstin Janna-Berta dagegen akzeptiert, was nicht mehr zu ändern ist und versucht gemeinsam mit ihrer Tante Almut, die Erinnerung wachzuhalten.

Zwölfjährige werden sich beim Lesen des Romans „Die Wolke“ wohl vor allem von der spannenden Handlung fesseln lassen; für Jugendliche und Erwachsene gibt das Buch darüber hinaus eine Reihe von Denkanstößen.

Für den Roman „Die Wolke“ wurde Gudrun Pausewang 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Gregor Schnitzler verfilmte das Buch: „Die Wolke“.

 

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Kernspaltung
Reaktorkatastrophe in Tschernobyl

Gudrun Pausewang (Kurzbiografie)
Gregor Schnitzler: Die Wolke

Paula Fox - Was am Ende bleibt
Die Geschichte, die sich auf drei Nerven anspannende Tage erstreckt, wird vornehmlich aus der Sicht der Protagonistin erzählt. Der Stil von "Was am Ende bleibt" ist meistenteils unaufgeregt, wobei aber eine untergründige Emotion durchaus zu spüren ist.
Was am Ende bleibt

Paula Fox

Was am Ende bleibt

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: