Annette Pehnt : Chronik der Nähe

Chronik der Nähe

Annette Pehnt

Chronik der Nähe

Chronik der Nähe Originalausgabe: Piper Verlag, München 2012 ISBN: 978-3-492-05506-2, 217 Seiten, 17.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Chronik der Nähe" von Annette Pehnt handelt von zwei schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen: Großmutter/Mutter – Mutter/Enkelin. Die mittlere Figur, die als einzige einen Namen hat, verbindet die beiden sich spiegelnden Geschichten. In der Rahmenhandlung sitzt die Enkelin am Krankenhausbett ihrer sterbenden Mutter und erinnert sich an Erlebnisse aus ihrer Kindheit und an das, was sie über die Beziehung ihrer Mutter zur Großmutter weiß ...
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Kritik

Annette Pehnt erweist sich als ebenso genaue wie feinfühlige Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, verzichtet auf jegliche Effekthascherei und evoziert eine dichte Atmosphäre. Auch die Komposition des Romans "Chronik der Nähe" ist überzeugend.
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Mutter bedroht Annie mit dem Tod, das kann sie gut.
Ich sterbe, sagt sie zunächst leise, aber es genügt, um den Herzschlag des Kindes zu beschleunigen, um Annie an Mutters Seite zu holen, sie nimmt Mutters Hand und presst sich an ihre Schulter.
„Ich sterbe, das fühle ich, diesmal sicherlich, es ist so weit.“ Annie wird totenblass und hängt an Mutters Lippen. […]
„Mutter“, sagt Annie angstvoll. […]
„Ganz allein bin ich“, stöhnt Mutter […]
„Mutter“, ruft [Annie] und drängt sich an die Mutter, die sie gleich noch fester umfasst, als wollte der Tod sie von ihrem Kind wegreißen, „ich habe dich doch so lieb, du darfst nicht sterben.“
„Nein“, murmelt die Mutter, „das glaube ich nicht, keiner ist für mich da, am Ende ist man allein.“

Erst als das kleine Mädchen immer wieder beteuert, wie sehr es die Mutter liebe, ein nasses Geschirrtuch aus der Küche holt und ihr damit die trockenen Lippen betupft, ist die Frau zufrieden, bei der es sich um die Großmutter der Erzählerin handelt. (Ihren Namen erfahren wir nicht.) Sie zeigt selten Gefühle und scheut vor Zärtlichkeiten zurück. Um ihre Tochter Annie an sich zu binden, greift sie zu Manipulationen. So auch, als sie bei einem Fliegeralarm im Zweiten Weltkrieg mit dem Kind zum Bunker hastet und Annies Beine plötzlich nachgeben.

Mutter bleibt stehen und reißt ihr die Tasche aus der Hand. „Was ist los mit dir“, schreit sie Annie an, „kannst du noch nicht einmal laufen.“ Annie lehnt sich gegen die Mutter und drückt den Kopf in ihren Mantel. Mutter wehrt sie mit dem Ellbogen ab, reißt Annies Kinn hoch und sagt ihr ins Gesicht, so leise, dass Annie es nicht überhören kann: „Du quälst mich. Du bringst uns beide um. Willst du das.“

In den letzten Kriegstagen wird das Haus der Familie bei einem Bombenangriff zerstört. Kurz darauf fällt Annies Vater, der sehr viel älter als seine Frau ist, tot um. Er war Landschaftsmaler, aber seit Kriegsbeginn verkaufte er kaum noch Bilder. Erst als die ersten Amerikaner auftauchten und er anfing, Porträts für sie zu malen, belebte sich das Geschäft wieder.

Es gab immer Streit, um die Farben, um die Amerikaner, um das Haus, diesen Schutthaufen im blühenden Obstgarten, „und deswegen“, erklärt Mutter Annie, „ist es vielleicht nicht so schlimm, dass der Vater jetzt nicht mehr da ist, denn wo er jetzt ist, hat er Frieden und Farben, und alles ist heil.“ Annie starrt Mutter an, ob sie es ernst meint […].

„Jetzt“, sagt sie, „muss ich dich allein durchbringen, aber vorher war es auch nicht viel anders, denn Künstler, ganz ehrlich, sind nicht gut im Familiendurchbringen, sie essen viel und bringen nichts nach Hause.“

Die Witwe entlässt das Kindermädchen und zieht mit ihrer Tochter und dem ebenfalls ausgebombten Onkel Hermann in eine Baracke außerhalb des Ortes, die nur aus einem einzigen Zimmer besteht. Sie ist oft tagelang unterwegs, um etwas zu „organisieren“. Offenbar prostituiert sie sich mitunter für Nahrung oder Kleidung. Von einer ihrer Touren kommt sie mit ein paar lebenden Hühnern zurück, und sie fordert Annie auf, sich um die Tiere zu kümmern und die Eier einzusammeln.

„Das sind jetzt deine“, sagt sie zu Annie, „und wenn du wüsstest, was ich getan habe, um sie zu kriegen.“ […]
Mutter beobachtet Annie eine Weile, dann sagt sie, „wenn sie sterben, bist zu schuld.“

Schließlich findet sie eine kleine Wohnung, und sie ziehen um. Annie erteilt nun Nachhilfestunden und erhält dafür Naturalien als Lohn. Ihre Mutter bietet einen Mittagstisch für Berufstätige an. Von dem, was die zahlenden Gäste übriglassen, ernähren sich sie, Annie und Onkel Hermann.

Nach einiger Zeit stellt sie den Mittagstisch wieder ein. Zur Verwunderung ihrer Tochter leiht sie dem Apotheker ihre ganzen Ersparnisse. Etwa zur gleichen Zeit zieht Onkel Hermann in eine eigene Wohnung in der Nähe. Als Annie einmal unerwartet früh nach Hause kommt, ertappt sie ihre Mutter mit dem Apotheker. Die Affäre hält an, bis sich herausstellt, dass der Apotheker das geliehene Geld in den Sand gesetzt hat.

Als Annie pubertiert, lässt ihre Mutter es zwar zu, dass sie sich mit Jungen im Park herumtreibt, warnt sie jedoch vor einer Schwangerschaft.

„Du weißt aber“, sagt Mutter, „dass du auch schwanger werden kannst, ganz schnell geht das, die Jungs haben sich nicht in der Hand, die schießen los, und wer hat die Scherereien. Krieg bloß kein Kind, das versaut dir das ganze Leben.“

Eine Nachbarin beschimpft Annie und beschuldigt sie, im Park gegen Geld die Beine breit zu machen.

Als ihre Mutter ein Kind aus einem Heim zu adoptieren beabsichtigt, protestiert Annie, bis sie den Plan fallen lässt.

Nach dem Abitur verlässt Annie den Ort, um Sprachen, Wirtschaft, Stenografie und Buchhaltung zu erlernen. Ihre Mutter erwartet, dass sie jedes Wochenende zu Besuch kommt.

„Du kommst sicher jedes Wochenende nach Hause“, sagt Mutter, „dann kannst du die Wäsche ja mitbringen.“
„Mutter, dafür habe ich doch gar kein Geld, jedes Wochenende geht auf keinen Fall“, ruft Annie, „nur wenn du mir die Fahrkarte bezahlst.“
„So“, sagt die Mutter, und plötzlich kühlt ihr Blick doch herunter, „das bin ich dir also nicht wert.“
„Doch natürlich, Mutter“, ruft Annie, „es ist aber einfach zu teuer, du weißt doch, dass ich alles selbst bezahlen muss.“
„Aber den Besuch bei der eigenen Mutter nicht einplanen“, seufzt Mutter, „ganz zu schweigen vom Onkel, der sehr stolz auf dich ist und vielleicht bald gehen muss.“
„Wieso bald gehen“, fragt Annie verwirrt, „wohin denn gehen“, aber dann versteht sie und verstummt.

Nach dem Abschluss der Ausbildung arbeitet Annie als Schreibkraft und Übersetzerin. Sie heiratet ihren Chef. Dann bringt sie eine Tochter zur Welt: die Erzählerin.

Annies Verhältnis zu ihrer Tochter ist ebenso konfliktträchtig wie das zu ihrer Mutter. Als die Tochter erwachsen ist, beklagt Annie sich darüber, wie schwierig sie als Kind gewesen sei.

Immer geschrien soll ich haben, als Kind, als Baby: geschrien, geschrien, nach Luft geschnappt, noch mehr geschrien, bis der Kopf lila war.
– Das ist doch nicht normal.
Ich war, hast du mir immer wieder erzählt, ich war so ein anstrengendes Kind, so, so anstrengend, immer nur geschrien, ganz steif war ich vom vielen Schreien. […]
– Das war kein unschuldiges Schreien, das war schon fast, also, man darf das ja bei Babys nicht sagen, das ist ja tabu, aber das war schon fast ein bösartiges Geschrei, ja eigentlich Folter, so. Jetzt ist das mal gesagt. Schlafentzug als Folter.

Weil das Kind ständig Angst hatte, riet eine Lehrerin Annie, die Tochter zu einem Psychotherapeuten zu schicken.

Was? Das musstest du erst mal verdauen, hast du mir erzählt, das war ja allerhand, so ein kleines Kind und schon zum Therapeuten, zu den dich ja keine zehn Pferde jemals hin bekämen, nicht gegen Geld, aber ganz ehrlich, schon als Baby hatte ich ja nur geschrien, nicht normal war das, und dazu passt doch die Angst wie die Faust aufs Auge.

Während der Promotion wird die Tochter schwanger. Annie zeigt wenig Interesse und befürchtet, dass das Kind sie später „Oma“ nennen könnte.

Zu zögerst kurz, ein Blick auf meinen Bauch, dann rauchst du wie immer, und schon ein flüchtiger Blick auf deine Zigarette ist verboten. Ich schau ja auch gar nicht, würde mich nie trauen. nur wenn ich plötzlich Stärke und Kampfeslust verspüre, dann kenne ich meine Waffen, und der Blick auf deine Zigarette ist eine davon.

Als Annie ihre Tochter während einer Dienstreise ihres Schwiegersohns besucht und ihre Enkelin erstmals auf den Arm nimmt, bewegt sie sich so ungelenk, dass die Mutter des Säuglings befürchtet, sie werde ihn fallenlassen. Die Erzählerin nutzt die Anwesenheit ihrer Mutter, um ein paar Besorgungen zu machen. Bei ihrer Rückkehr findet sie das Baby schreiend auf dem Wickeltisch vor, und ihre Mutter raucht nebenan mit versteinerter Miene eine Zigarette.

Annie kommt nur selten zu Besuch, und immer nur, wenn ihr Schwiegersohn nicht da ist. Ihre Tochter putzt jedes Mal besonders gründlich, aber Annie tut so, als bemerke sie es nicht. Erst als ihre Tochter sie darauf aufmerksam macht, lobt sie die sauberen Fenster.

– Aber die Fenster meine ich ja nicht, ich meine die Fensterbänke.
– Ja, die wische ich ja auch immer ab, wenn der Fensterputzer kommt […].
– Ja, ich hab eben keinen Fensterputzer, den Luxus hab ich eben nicht.
– Den hatte ich auch erst sehr spät, was meinst du, wie lange ich alles selbst gemacht habe, und daneben noch du und die Arbeit.
– Du hast doch gar nicht gearbeitet, als ich klein war, dachte ich.
– Ja, weil ich bei dir sein wollte.
– Warum sagst du dann die Arbeit.
– Ist das etwa keine Arbeit, ein Kind zu haben.

Die Erzählerin bekommt eine zweite Tochter.

Dennoch überredet sie ihre Mutter zu einer kleinen Reise zu zweit und bucht Zimmer auf Rügen.

Ein paar Wochen nach den Ferien dort erhält sie die Nachricht, dass Annie im Krankenhaus liegt. Mit ihrem Herzen sei etwas nicht in Ordnung, heißt es. Sofort bietet sie ihrer Mutter am Telefon an, die Kinder Nachbarn oder Freunden anzuvertrauen und zu ihr zu kommen, aber Annie redet ihr das aus. Erst als sich herausstellt, dass Annie im Krankenhaus bleiben muss, reist ihre Tochter zu ihr. Annie liegt bereits in der Intensivstation und ist nicht mehr ansprechbar. Dennoch besucht die junge Frau sie nun jeden Tag, sieben Tage lang, von Dienstag bis Montag.

Und ich sitze neben dir mit den Rügenfotos in der Hand, die ich dir zeigen wollte, mit einer Zeitung, aus der ich dir etwas vorlesen wollte, und mit einem Foto von den Kindern.

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Der Roman „Chronik der Nähe“ von Annette Pehnt handelt von zwei schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen über drei Generationen hinweg. Wir erfahren weder, wie die Großmutter, noch wie die Enkelin heißt; nur die Mutter, die beide Geschichten verbindet, hat einen Namen: Annie. In der Rahmenhandlung sitzt die Enkelin an sieben aufeinander folgenden Tagen am Bett ihrer sterbenden Mutter im Krankenhaus und erinnert sich an Erlebnisse aus ihrer Kindheit und an das, was sie über die Beziehung ihrer Mutter zur Großmutter weiß.

Der Titel „Chronik der Nähe“ ist ironisch gemeint, denn beide Mutter-Tochter-Beziehungen sind gerade durch Distanz geprägt. Die problematischen Verhältnisse werden offen, aber nicht anklagend dargestellt. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, dass die scheinbare Gefühlskälte der Mütter auf die Belastungen der verwitweten Großmutter in der Nachkriegszeit und die Angst vor Verletzungen zurückzuführen ist.

Männer spielen in „Chronik der Nähe“ kaum eine Rolle. Keiner der Ehemänner wird mit Namen genannt; den jüngsten von ihnen bezeichnet seine Frau (also Annies Tochter) einfach als „der Richtige“.

Ob „Chronik der Nähe“ autobiografische Züge aufweist, wissen wir nicht.

Als Ich-Erzählerin dieser Familiengeschichte tritt die Enkelin auf. Ihr „Du“ richtet sich an ihre Mutter Annie. Anfangs ist es etwas verwirrend, dass die namenlose Großmutter der Erzählerin auch als „Mutter“ auftritt, zumal die beiden sich spiegelnden Geschichten (Großmutter/Mutter; Mutter/Enkelin) nicht chronologisch, sondern fragmentarisch im Wechsel und eingebettet in die Rahmenerzählung entwickelt werden.

Annette Pehnt erweist sich als ebenso genaue wie feinfühlige Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, verzichtet auf jegliche Effekthascherei und evoziert eine dichte Atmosphäre. Auch die Komposition des Romans ist überzeugend. „Chronik der Nähe“ befindet sich sowohl inhaltlich als auch formal auf einem hohen literarischen Niveau: Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Piper Verlag

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"Die dunkle Seite des Mondes" ist eine Mischung aus Psychothriller und Wirtschaftskrimi. Martin Suter wechselt nicht nur fortwährend zwischen den Handlungssträngen hin und her, sondern schildert an einigen Stellen auch ein- und dieselbe Szene aus verschiedenen Blickwinkeln.
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