Jan Graf Potocki : Die Handschrift von Saragossa

Die Handschrift von Saragossa
Manuskript: 1803 - 1815 Vorabveröffentlichungen 1805, 1809 Erstausgabe: Polen 1847 Die Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena Insel Verlag, Frankfurt/M 1961
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In diesem mehrfach verschachtelten Abenteurer-, Schelmen- und Schauerroman werden ein Dutzend Erzählungen von einer Rahmenhandlung zusammengehalten. Dabei entsprechen die 66 Kapitel den 66 Tagen des Jahres 1739, an denen sich der Protagonist – ein junger Hauptmann – auf seinem Weg nach Madrid in der Sierra Morena bewähren muss.
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Kritik

Jan Graf Potocki kommt es darauf an, im Geist der Aufklärung zu zeigen, dass es keine überirdischen Erscheinungen gibt und auch die so genannten Offenbarungsreligionen nicht auf göttliche Eingebungen, sondern auf ältere Traditionen zurückzuführen sind.
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Ein Offizier der französischen Armee, die 1809 Saragossa belagert, findet durch Zufall in einem verlassenen Haus beschriebene Hefte, die ihn neugierig machen, und die er deshalb an sich nimmt.

Es war ein spanisch geschriebenes Manuskript; ich hatte nur geringe Kenntnisse des Spanischen, dennoch wusste ich genug, um zu begreifen, dass dieses Buch unterhaltsam sein konnte: es handelte von Räubern, Gespenstern, Kabbalisten, und nichts war besser geeignet, mich nach den Strapazen des Feldzuges zu zerstreuen, als die Lektüre eines Romans, der von seltsamen, ungewöhnlichen Dingen berichtet. (Seite 13)

Als er in Gefangenschaft gerät, findet ein spanischer Hauptmann das Manuskript bei ihm und stellt fest, dass es Aufzeichnungen über einen seiner Vorfahren enthält. Er beginnt, seinem Gefangenen eine französische Übersetzung zu diktieren.

Bei der gefundenen Handschrift handelt es sich um ein tagebuchartiges Manuskript eines jungen Hauptmanns mit dem Namen Alfons van Worden. – Sein Vater, ein Oberstleutnant der Wallonischen Garde des spanischen Königs, erfuhr zwei Monate nach seiner Hochzeit mit Uraca de Gomélez, einer Tochter des Auditors von Granada, vom Tod seines kinderlosen Bruders in den spanischen Niederlanden. Um das Erbe anzutreten, reiste er mit seiner Frau nach Norden. Dort wurde Alfons van Worden geboren. 1739 wird der junge Mann von König Philipp V. zum Hauptmann der Wallonischen Garde ernannt, und um seinen Dienst in Madrid anzutreten, schifft er sich in Vlissingen nach Cádiz ein und reitet von dort ins Landesinnere. Am 10. April 1739 erreicht er die gefährliche Sierra Morena.

An der Quelle von Los Alcornoques verschwinden sein Diener López und sein Führer Mosquito. Allein setzt er seinen Weg fort. Furchtlos übernachtet er in der verrufenen, längst aufgegebenen Venta [Gasthaus] Quemada. Als um Mitternacht eine Uhr schlägt, die er vorher nicht gehört hat, wundert er sich. Gleich darauf erscheinen zwei bildschöne junge Schwestern: Emina und Zibelda, die Töchter von Jasîr Gomélez, eines Onkels des herrschenden Deys von Tunis. Sie offenbaren Alfons, der mütterlicherseits auch von den Gomélez abstammt, dass er ihr Cousin ist. Sein Großvater mütterlicherseits hatte nämlich auch einen Sohn, und der war mit den vier Töchtern des damaligen Deys von Tunis verheiratet. Die jüngste brachte Emina und Zibelda zur Welt.

Nach einer wunderbaren Nacht mit seinen schönen Cousinen erwacht Alfons unter dem Galgen von Los Hermanos, zwischen den Leichen von zwei abgenommenen Gehenkten, an denen sich ein Aasgeier zu schaffen macht.

Ich glaubte, ich wäre noch nicht erwacht und hätte einen schrecklichen Traum. Ich schloss wieder die Augen […] Dann spürte ich, wie Krallen in meine Seite schlugen. Ich sah, dass ein Geier sich auf mir niedergelassen hatte und an einem meiner Nachtgefährten fraß. Der Schmerz, den mir seine Krallen bereiteten, machte mich vollends wach. (Seite 38)

Die nächste Unterkunft findet Alfons in der Klause eines Eremiten. Doch am dritten Tag wird er „im Namen des Königs und der Allerheiligsten Inquisition“ verhaftet und in ein Verließ gesperrt. Gerade als die Folter beginnen soll und auch seine beiden ebenfalls gefangenen Cousinen hereingeführt werden, befreit Zoto, ein weiterer Angehöriger der weit verzweigten Familie Gomélez, seine Verwandten.

In einem vom Ewigen Juden überbrachten Brief rät König Philipp V. dem jungen, von der Inquisition verfolgten Hauptmann fürs Erste davon ab, Kastilien oder Andalusien zu betreten und gewährt ihm drei Monate Urlaub. Für diese Zeit findet er Zuflucht auf dem Schloss des Kabbalisten Rabbi Sadok Ben Mamun – der in Spanien den Namen Don Pedro de Uceda trägt. Dessen Schwester Rebekka alias Laura Uceda versucht zwar herauszufinden, wer die beiden Frauen sind, mit denen Alfons nach Mitternacht in der Venta Quemada gesehen wurde, aber er hält das Versprechen, das Emina und Zibelda von ihm verlangten und schweigt über seine Cousinen, in die er sich längst verliebt hat. Obwohl er sich zum Christentum bekennt, liebt er wie ein Muslim zwei Frauen gleichzeitig!

Sechsundsechzig Tage lang wird Alfons van Worden in der Sierra Morena aufgehalten. Nicht nur Emina und Zibelda, Zoto, der Kabbalist und Rebekka berichten ihm von ihren Schicksalen, sondern auch der Zigeunerhauptmann Pandesowna und der Mathematiker Don Pedro Velásquez, und über das Geschick einer Reihe anderer Männer und Frauen wird Alfons ebenfalls unterrichtet. So hört er auch die Geschichte des Gelehrten Diego Hervás. Der hatte in hundert Bänden alles aufgezeichnet, was Menschen zu seiner Zeit wussten. Doch der Leim der frisch gedruckten Bücher zog Ratten an, und eh Diego sich versah, waren nur noch Reste der Seiten übrig. Acht Jahre arbeitete er daran, den Text neu zu schreiben und dann benötigte er weitere vier Jahre, um sich die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaften anzueignen und diese einzuarbeiten. Als dann ein Buchhändler von ihm verlangte, die Reihe auf fünfundzwanzig Bände zu kürzen, leerte er wie Sokrates einen Giftbecher.

In der Gruft von Kasr-Gomélez zeigt ein Derwisch Alfons den Stammbaum der Gomélez. Während der muslimische Hauptast prächtig blüht, sieht der christliche Hauptast welk und dornig aus. Begründet wurde das Geschlecht von Mas’ûd Ben-Tâher, einem Bruder von Jûsuf Ben-Tâher, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts an der Spitze der Araber von Nordafrika nach Spanien vorgedrungen war. Mas’ûd nahm den Titel eines Scheichs an und ließ in den Bergen der Alpujarras eine feste Burg errichten: Kasr-Gomélez. Unter den Kellergewölben entdeckte Mas’ûd gewaltige Goldadern. Er verheimlichte seinen Fund, ließ vor dem Eingang eine kleine Moschee errichten und täuschte immer wieder vor, wie ein Einsiedler in der Moschee zu beten, während er in Wirklichkeit einen Teil des Goldes abbaute. Schließlich wählte er sechs Familienoberhäupter seines Stammes aus, ließ sie einen Eid der Verschwiegenheit schwören und enthüllte ihnen dann das Geheimnis.

Im Lauf der Jahrhunderte kursierten Gerüchte über unermessliche Schätze in der Burg. Als Gonzalo de Córdoba nach dem Fall von Granada mit dreitausend Mann vor der Burg erschien, übergab ihm der damalige Scheich Hâtem Gomélez die Schlüssel der Burg – aber die Spanier fanden nichts.

Während die Christen die Mauren aus Spanien vertrieben, versteckten sich die führenden Mitglieder der Familie Gomélez in den Grotten unter ihrer zerstörten Stammburg. Scheich Sefî Gomélez wollte das Geheimnis dem Kaiser anvertrauen, aber bevor dessen Abgesandter eintraf, wurde Sefî von Billâh Gomélez erdolcht. Der ließ das Geheimnis auf ein Pergament schreiben, dieses senkrecht zur Schrift in sechs Streifen zerschneiden und übergab jedem Familienoberhaupt einen davon. Entsprechend der seit Jahrhunderten geltenden Gesetze darf das Geheimnis nach wie vor nur an Menschen vom Blut der Gomélez weitergegeben werden, und auch dann nur, wenn die Erwählten durch zahlreiche Proben ihre Unbeugsamkeit und Rechtschaffenheit bewiesen haben.

Nachdem die sechs Familienoberhäupter einer Pestepidemie erlegen waren, fand der jetzige Großscheich der Gomélez, der zweiundfünfzigste Nachfolger von Mas’ûd Ben-Tâher, bei den Leichen die sechs Pergamentstreifen, setzte sie zusammen und erfuhr so von dem gewaltigen Schatz, der ausreichen würde, die Welt zu erobern.

Weil schließlich in den afrikanischen Linien der Gomélez die Stammhalter ausblieben oder geistesschwach geboren wurden, begann man auch unter den christlichen Familienzweigen nach würdigen Nachfolgern zu suchen. Die Wahl fiel auf Alfons van Worden. Um ihn zu prüfen, wurden all die Abenteuer arrangiert, die er in der Sierra Morena bestand, und bei dem Einsiedler, der ihn aufnahm, handelte es sich um niemand anderen als den Großscheich persönlich.

Nun soll Alfons van Worden weiter nach Madrid reisen, mit einem Blankoscheck im Gepäck. Am 20. Juni 1739 erreicht er die Stadt. Dort erfährt er, dass sein Vater durch einen Blutsturz gestorben ist und seine Mutter sich in ein Kloster bei Brüssel zurückgezogen hat. Mit sechsunddreißig wird er zum General befördert. 1760 erhält er das Oberkommando über ein Geschwader und den Auftrag, mit den Berberstaaten Frieden zu schließen. Er segelt deshalb nach Tunis, wo er seinem mit Emina gezeugten zwanzigjährigen Sohn begegnet, der dort als Dey regiert. Zibelda hat ihm ein Mädchen namens Fatima geboren, das von einer spanischen Sklavin christlich erzogen wurde. Alfons nimmt Fatima mit nach Spanien. Vom König zur Prinzessin von Oran erhoben, heiratet sie den ältesten Sohn des Mathematikers Velásques und seiner Ehefrau Rebekka alias Laura Uceda.

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„Die Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena“: Das ist ein mehrfach verschachtelter Abenteurer-, Schelmen- und Schauerroman, in dem ein Dutzend Erzählungen von einer Rahmenhandlung zusammengehalten werden. Offenbar von den „Märchen aus tausendundeiner Nacht“ und Giovanni Boccaccios „Dekameron“ inspiriert, unterteilt Jan Graf Potocki seinen Roman in sechsundsechzig Kapitel, eine Vorrede und einen Epilog, wobei die Kapitel den sechsundsechzig Tagen entsprechen, die der Protagonist auf seinem Weg nach Madrid in der Sierra Morena verbringt. Beinahe jeden Tag erzählt eine der Figuren von ihrem Leben; einige von ihnen tun das in Fortsetzungen über mehrere Tage hinweg. So ergibt sich ein Patchwork, ein Kaleidoskop einzelner Geschichten.

[…] sah ich ein Gerippe aus der Truhe steigen und mit drohender Gebärde auf mich zukommen. Ich zog meinen Degen. Das Skelett riss sich selbst den linken Arm aus, benutzte ihn als Waffe und drang wütend auch mich ein. […] (Seite 206)

Erst im Verlauf der Lektüre wird klar, dass es sich bei den vermeintlichen Gespenstergeschichten und übersinnlichen Phänomenen, mit denen Alfons van Worden konfrontiert wird, um ein ausgeklügeltes Spiel zum Zweck seiner Prüfung handelt. Es kommt Jan Graf Potocki darauf an, im Geist der Aufklärung zu zeigen, dass es keine überirdischen Erscheinungen gibt und auch die sogenannten Offenbarungsreligionen nicht auf göttliche Eingebungen, sondern auf ältere Traditionen zurückzuführen sind. Die Figur Diego Hervás vertritt sogar materialistische Überzeugungen.

Die ernste „Botschaft“ wird allerdings in einer nicht zuletzt durch Ironie und Parodie amüsanten Mischung abenteuerlicher Geschichten verpackt. Lustig macht Jan Graf Potocki sich beispielsweise auch über eine übertriebene Auffassung von Ehre, etwa wenn er davon schreibt, dass Alfons van Wordens Vater einen französischen Offizier zum Duell aufforderte, nur weil dieser ihn mit seiner Kutsche überholt hatte.

Damals herrschte in der spanischen Armee ein bestimmter Ehrenkodex, den man bis zur äußersten Verfeinerung getrieben hatte, und mein Vater überbot selbst noch dieses Übermaß; man kann ihn wahrhaftig darob nicht tadeln, da ja die Ehre die eigentliche Seele und das eigentliche Leben eines Soldaten ist. […]
Mein Vater hielt es für angebracht, zu seiner Hochzeitsfeier alle die einzuladen, mit denen er sich duelliert und die er – versteht sich – nicht getötet hatte. […] (Seite 53)

Jan Potocki wurde am 8. März 1761 in Pikow bei Winniza in Podolien als Sohn einer adeligen Familie geboren. Nach längeren Aufenthalten in der Schweiz und in Frankreich sprach er fließend französisch. Als Kavallerieleutnant des kaiserlichen Heers nahm er 1778/79 am Bayrischen Erbfolgekrieg teil. Auch sonst reiste er viel. 1783 heiratete er Julia Lubomirska. Über die von ihm begrüßte Französische Revolution informierte er sich 1791/92 in Paris. 1799, fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, heiratete er ein weiteres Mal, doch seine Ehe mit Konstancja wurde 1809 geschieden. Die letzten Lebensjahre verbrachte der von allen gemiedene Freigeist einsam auf seinem Gut Uladowka bei Berditschew in Podolien. Am 11. Dezember 1815 nahm er sich durch einen Kopfschuss das Leben.

An dem Roman „Die Handschrift von Saragossa oder Die Abenteuer in der Sierra Morena“ arbeitete er von 1803 bis zu seinem Tod. Schon 1805 publizierte er in Petersburg einen ersten Band über die ersten zehn Tage. Vier Jahre später erschien mit seiner Genehmigung in Leipzig unter dem Titel „Abentheuer in der Sierra Morena; aus den Papieren des Grafen von ***“ eine deutsche Teilübersetzung. Eine erste vollständige Veröffentlichung gab es erst 1847, zweiunddreißig Jahre nach dem Tod des Autors, und bei diesem Buch in polnischer Sprache handelt es sich mehr um eine Nacherzählung von Edmund Chojecki (1822 – 1899) als um eine Übersetzung aus dem französischen Original. Auch der 1961 vom Insel-Verlag in Frankfurt am Main herausgebrachte vollständige Roman ging weitgehend auf die sehr freie polnische Version von 1847 zurück („Die Handschrift von Saragossa“). Im Jahr darauf bot der Aufbau-Verlag in Berlin eine Neuübersetzung von Werner Creutzinger und Kurt Harrer an („Die Abenteuer in der Sierra Morena oder Die Handschrift von Saragossa“). Eine Lizenzausgabe davon übernahm der Verlag Gerd Haffmans in Zürich 1984 in sein Programm. In dem Schweizer Verlag erschien 2000 eine weitere Neuübersetzung von Manfred Zander.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Aufbau Verlag, Berlin 1962
Die Seitenzahlen beziehen sich auf eine 2003 bei Zweitausendeins, Frankfurt/M, erschienene Ausgabe (959 Seiten).

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