Adriano Prosperi : Die Gabe der Seele

Die Gabe der Seele

Adriano Prosperi

Die Gabe der Seele

Originalausgabe: Dare l'anima. Storia di un infanticidio Giulio Einaudi, Turin 2005 Die Gabe der Seele Übersetzung: Joachim Schulte Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-58478-1, 517 Seiten, 32.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ausgehend vom akribisch rekonstruierten Fall eines Kindsmordes im Jahr 1709, untersucht Adriano Prosperi, wie sich die Auffassungen von Theologen, Juristen und Ärzten über das Wesen des Menschen bzw. das Verhältnis von Leib und Seele in der Zeit vom Mittelalter bis zur Aufklärung veränderten. "Die Gabe der Seele" stellt einen bedeutsamen thematischen Querschnitt durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte dar.
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Kritik

Adriano Prosperi hat seine sehr gut lesbare, unvoreingenommene und gründliche wissenschaftliche Darstellung mit einer Fülle von Einzelheiten und Verweisen belegt: "Die Gabe der Seele".
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Aus dem Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte

  • Aus den Prozessakten
  • Der Kindsmord als Obsession
  • Die Kindestötung als gesellschaftliche Praxis: Von der Sünde zum Verbrechen

Die Protagonisten: Personen und Unpersonen

  • Die Mutter
  • Das Kind. Der Samen und die Seele

Die Justiz

  • Das Urteil
  • „Aufgenommen und getröstet“
  • Reue und Vergebung

Die Kindsmörderin

Lucia Cremonini

Beseelung: Die Gabe der Seele

Im Mittelalter glaubten die christlichen Theologen, der Samen des Mannes sei der Träger des Lebens und die Frau spiele bei der Zeugung eines Kindes nur eine passive Rolle, die sich darauf beschränke, den Samen in eine kalte, finstere Region ihres Körpers aufzunehmen.

Das Leben werde also – so die mittelalterlichen Theologen – vom Mann weitergegeben. Woher stammt aber die Seele? Wie und wann gelangt sie in den menschlichen Körper? Im Mittelalter differenzierten die Theologen zwischen dem körperlichen Vorgang der Geburt und der Taufe, die sie als spirituelle Geburt betrachteten. Erst durch die Taufe, meinte man damals, bekomme das Kind eine Seele und werde zur Person. Missgeburten durften deshalb nicht getauft werden. Ohne Taufe gab es keinen Eintrag im Taufregister und keine Aufnahme in die menschliche Gemeinschaft. Von Kindern, die ungetauft sterben oder getötet werden, nahm man an, dass sie keine Seele haben und aufgrund der durch die Fortpflanzung übertragenen Erbsünde ewiger Verdammnis anheimfallen. So predigte der heilige Bernhardin von Siena 1425 in Florenz, dass nur getaufte Kinder unschuldig seien, und das Konzil von Florenz erklärte 1439 ausdrücklich, dass Ungetaufte in die Hölle kämen. (Womit, wenn sie keine Seele haben?)

Die Überzeugung, dass ungetaufte Kinder verdammt seien, stellte christliche Ärzte bzw. Hebammen im Fall von schweren Komplikationen bei der Geburt vor ein Dilemma: Sollten sie das Kind retten, damit es wenigstens noch getauft werden konnte, oder war das Leben der Mutter wichtiger?

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts schrieb der französische Arzt Jean Fernel dem menschlichen Samen göttliche Wärme zu. Er zweifelte nicht daran, dass der Samen die Entwicklung der Gestalt des Embryos prägt, aber er schränkte diese Wirkung auf die ersten dreißig Tage nach der Befruchtung ein. Dann, so Jean Fernel, flöße Gott dem Embryo eine Seele ein, und die bestimme von da an die weitere Formgebung. Damit widersprach Jean Fernel der gängigen Auffassung, derzufolge die Seele erst durch die Taufe in den Körper gelangt. Thomas Feyens, ein Medizinprofessor in Löwen, ging in einer 1620 gedruckten Abhandlung noch einen Schritt weiter, indem er dem Samen jeden Einfluss auf die Form absprach. Spätestens drei Tage nach der Empfängnis werde dem Embryo von Gott eine Seele eingeflößt, erklärte Thomas Feyens, und allein die Seele stelle das die Gestalt des Fetus bestimmende Wirkprinzip (virtus conformatrix) dar.

Aus der Annahme, der Embryo sei beseelt, folgte allerdings, dass es sich bei einer Abtreibung um Mord handele.

Aristoteles hatte die Seele als Form und den Körper als Stoff bezeichnet.

Stoff und Form – dies war viele Jahrhunderte lang der Begriffsrahmen, innerhalb dessen jedes idividuelle Leben gedacht und definiert wurde. Auf der einen Seite stand das Baumaterial, durch das ein Einzelwesen in Raum und Zeit isoliert und als solches markiert wird, auf der anderen Seite das, was der Materie, dem Stoff, einen spezifischen Charakter verleiht und zum Beispiel das Tier vom Menschen trennt. Die Seele galt als die Form, dank deren der Körper lebt, wächst und sich Funktionen und Erkenntnisse aneignet. (Seite 303)

Mit dem Tod löste sich diesem Paradigma zufolge die Verbindung zwischen Form und Stoff, zwischen Seele und Leib. Dass sich die Leiche zersetzt, wusste man, aber was geschieht mit der Seele? Lange Zeit lehrten die Theologen, dass dereinst nicht nur die Seele vor das Jüngste Gericht gerufen werde, sondern die Menschen auch mit ihren Leibern wieder auferstünden. Ungeklärt blieb dabei u. a. die Frage, was mit menschlichen Körpern geschieht, die zerstückelt oder von Tieren gefressen wurden.

So wie die Taufe als Zeremonie für die Aufnahme in die menschliche Gesellschaft galt, betrachtete man die Beerdigung als den Ritus, der das menschliche Dasein abschließt. Selbst wenn ein Mörder von seinem Beichtvater die Absolution erhalten hatte, ließ man seinen Körper am Galgen hängen oder stellte ihn der Anatomie für Sezierkurse zur Verfügung; jedenfalls wurde er ebensowenig bestattet wie die Leiche eines ungetauften Kindes.

Kindsmord

Aus Einwohnerverzeichnissen der karolingischen Zeit geht hervor, dass in Bauernfamilien zwischen 115 und 252 Männer auf 100 Frauen kamen. Deshalb vermutet Adriano Prosperi, dass weibliche Neugeborene entweder in Findelhäusern abgegeben oder – häufiger – umgebracht wurden. Und das war nicht nur im Frankenreich so: Bis ins 18. Jahrhundert feierte man beispielsweise in der Romagna die Geburt eines Sohnes, während die Mutter eines Mädchens bedauert wurde.

Die strukturelle Basis dieses Phänomens war damals – und blieb noch lange – das Verhältnis zwischen dem Umfang des zu bestellenden Landes und der Verfügbarkeit von Arbeitskräften (männlichen Geschlechts). Unter diesen Umständen musste sich die Anwendung des Mittels der Kindestötung als ein zur selektiven Geburtenregelung notwendiges System darstellen, wenn die ohnehin hohe Kindersterblichkeit nicht ausreichte. (Seite 65)

Erst im 15./16. Jahrhundert kriminalisierten französische Behörden die Kindestötung, und andere europäische Staaten folgten dem Beispiel. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde der Kindsmord mit abschreckenden Strafen belegt. Aber man ahndete Kindestötungen nicht nur, sondern versuchte auch, sie zu verhindern. Aus diesem Grund erließ König Heinrich II. von Frankreich 1566 ein Edikt, demzufolge Schwangere ohne Ehemann angezeigt werden mussten, und Heinrich III. ordnete 1586 an, dieses Edikt alle drei Monate feierlich von den Kanzeln der Kirchen zu verlesen. Im Gebiet von Bologna wurden Gutsherren 1613 verpflichtet, dem Leiter des Findelhauses (Ospedale dei Bastardini) alle schwangeren Frauen ohne Ehemann zu melden. Diese Regelung wurde am 25. Januar 1710 ausdrücklich erneuert.

Dementsprechend wurde am 24. September 1709 Arsilia Ringarda Caterina Guastavillani angezeigt, eine junge unverheiratete Bologneserin aus guter Familie. Die Hebamme Giacomina Foresti half ihr bei der Geburt des Kindes am 30. September. Einige Zeit später lieferte Arsilia Ringarda Caterina Guastavillani den Säugling im Ospedale dei Bastardini ab. Sie bzw. ihre Eltern hatten genug Geld, um die dafür verlangte Jahresgebühr bezahlen zu können.

Fast zur gleichen Zeit – am 5. Dezember 1709 – zeigte der bolognesische Dienstmann Domenico Prata das dreiundzwanzigjährige unverheiratete Nachbarmädchen Lucia Cremonini an. Sie habe ihr neugeborenes Kind ermordet, meinte er. Lucia Cremonini wurde schuldig gesprochen und am 22. Januar 1710 gehenkt.

Der Figur Gretchen im „Faust“ liegt das Schicksal der Dienstmagd Susanna Margarethe Brandt zugrunde, die in einem Gasthof in Frankfurt am Main arbeitete und im Alter von vierundzwanzig Jahren vom Diener eines durchreisenden Kaufmanns geschwängert wurde. Sie verheimlichte die Schwangerschaft und brachte das Neugeborene aus Verzweiflung um. 1772 wurde die Kindsmörderin hingerichtet.

Mit dem Tod bestraft wurde in der Regel nur die Mutter, die ihr Kind getötet hatte. Brachte jemand einen fremden Säugling um, galt dies nicht als Kindsmord im engeren Sinn. Bezeichnend ist ein Fall aus dem Jahr 1692: Claude Collet, der seiner Freundin half, das von ihm gezeugte Kind zu töten, wurde in Frankreich dazu verurteilt, sie aufs Schafott zu begleiten. Dort wurde die Mutter hingerichtet; der Vater musste zwar dabei zusehen, blieb jedoch ansonsten unbehelligt.

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Mitte der Achtzigerjahre stieß der italienische Religionshistoriker Adriano Prosperi (*1939) bei Recherchen für eine Abhandlung über die „Geschichte des christlichen Trostes der zum Tode Verurteilten“ (Seite 485) auf Gerichtsakten und andere Dokumente über die unverheiratete Bologneserin Lucia Cremonini, die am 5. Dezember 1709 ihr neugeborenes Kind umgebracht hatte. Dieser Fall ließ ihn nicht mehr los, und statt des geplanten Buches schrieb er schließlich eines mit dem Titel „Die Gabe der Seele. Geschichte eines Kindsmordes“.

Um die Geschichte der Mutter, die ihr Kind tötete, zu verstehen, war es nötig, der Art und Weise nachzugehen, in der sich eine Gesellschaft der Vergangenheit einen Begriff vom Wesen des Menschen gemacht hat. (Seite 487)

Ausgehend von dem konkreten und anhand der erhaltenen Dokumente akribisch rekonstruierten Fall dieses Kindsmordes im Jahr 1709, untersucht Adriano Prosperi, wie sich die Auffassungen von Theologen, Juristen und Ärzten über das Verhältnis von Leib und Seele in der Zeit vom Mittelalter bis zur Aufklärung veränderten. Die Vorstellung, die sich die Gelehrten damals von der Beseelung machten, bestimmte auch ihre Haltung gegenüber Abtreibungen und vor der Taufe gestorbenen bzw. getöteten Kindern. „Die Gabe der Seele“ stellt deshalb einen bedeutsamen thematischen Querschnitt durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte dar. Adriano Prosperi hat seine sehr gut lesbare, unvoreingenommene und gründliche wissenschaftliche Darstellung mit einer Fülle von Einzelheiten und Verweisen belegt.

Die Aufgabe, die Identität des Menschen zu definieren, gehört in ganz besonderer Weise zum Horizont einer Gesellschaft wie der unseren, in der die tendenziell unbegrenzte Veränderbarkeit des Individuums mit der Verherrlichung des Individualismus als höchstem Wert einhergeht, in der sich die unwiederholbare Authentizität des Einzelnen im Spiel der Masken des als Schauspiel begriffenen Lebens ständig wandelt, in der die Auslöschung der individuellen Unterschiede bis hin zum Traum von der serienmäßigen Reproduktion und Klonierung mit dem Gefühl für den Wert des einzelnen Lebens ebenso zusammenstößt wie mit der Verteidigung der individuellen Unterschiede als Bedingung und Substanz des Daseins […] Was den Menschen ausmacht und was diesen Menschen von anderen unterscheidet – das ist die Frage, die immer wieder gleich gestellt wird, aber zu verschiedenen Zeiten verschieden beantwortet wird. (Seite 485f)

Prosperis Anliegen ist klar: Es geht ihm darum, deutlich zu machen, dass metaphysische Konzepte wie das der Seele nicht jenseits von sozialen und politischen Machtkämpfen angesiedelt sind. Sie lassen sich darauf aber auch nicht reduzieren. Die Fragen, die eine Kindstötung aufwirft – worin bestehen Wesen und Wert des menschlichen Lebens, wann beginnt und wann endet es? – sind heute zwischen Philosophen und Theologen, Politikern und Medizinern genauso umkämpft wie im 17. Jahrhundert. (Barbara Stollberg-Rilinger, Süddeutsche Zeitung, 27. Juli 2007)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Lucia Cremonini

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