Yann Queffélec : Barbarische Hochzeit

Barbarische Hochzeit

Yann Queffélec

Barbarische Hochzeit

Originalausgabe: Les noces barbares, Paris 1985 Barbarische Hochzeit Übersetzung: Andrea Spingler Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1987
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Barbarische Hochzeit" ist eine brutale Geschichte über die Vergewaltigung einer 14-Jährigen. Weil das Trauma sie nie mehr loslässt, zerstört sie später auch das Leben ihres gutmütigen Ehemannes und vor allem das ihres bei der Vergewaltigung gezeugten Sohnes, der verzweifelt um ihre Mutterliebe bettelt, den sie jedoch nur hassen kann.
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Kritik

Die Hilflosigkeit des verstoßenen Jungen müsste Yann Queffélec eigentlich nahe gegangen sein, aber er beschreibt das Martyrium in "Barbarische Hochzeit" eher sachlich.
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Nicole Blanchard, die 14-jährige Tochter eines Dorfbäckers, lernt in einer Hafenbar den amerikanischen Soldaten William Schneider kennen. Der adrette junge Mann, der sich bald darauf höflich ihren Eltern vorstellt und von ihnen mehrmals zum Essen eingeladen wird, bringt schließlich Sekt und Blumen und macht den Blanchards vor, er werde Nicole nach der Verlegung seiner Einheit auf seine Ranch in Michigan nachholen und heiraten. Dabei ist er nur ein Nachtwächter in einem Parkhaus der Bronx, mit einer Fensterputzerin verheiratet und hat einen zweijährigen Sohn. Nicole ahnt ebenso wenig wie ihre Eltern, dass ihr Bräutigam bei der Polizei wegen Zechprellerei aktenkundig ist.

Als das aus ein paar Baracken am Strand bestehende Camp von Arzac wenig später aufgelöst werden soll, bittet der GI seine Freundin, den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Heimlich macht sich schön zurecht und schleicht sich aus dem Haus. Er wartet ein wenig abseits im Jeep auf sie und hat schon etwas getrunken. Während der Fahrt trinkt er weiter. In seiner Bude im Camp fällt er über das Mädchen her, und als er genug hat, ruft er seine Kumpane. Abwechselnd vergewaltigen sie die 14-Jährige die ganze Nacht hindurch. Eine „barbarische Hochzeit“!

Als René Blanchart erfährt, dass seine geschändete Tochter schwanger ist, verbrennt er ihre Puppen im Ofen und schreit: „Du Nutte, jetzt kannst du Mama spielen, und zwar richtig!“ Unter Verwünschungen entbindet die Bäckerin ihre Tochter von einem Jungen. Als sie ihren Mann fragt, wie das Enkelkind heißen soll, läuft gerade der Kutter „Ludovic BDX 4377“ ein. So kriegt der Säugling den Namen „Ludovic“. Dass Nicole ihr Kind ins Feuer wirft, kann der Großvater gerade noch verhindern. Zum Schlafen legen es Mutter und Großmutter zwischen sich ins Bett.

Als Ludo drei Jahre alt ist, nimmt Nicoles Cousine Nanette ihn zu sich. Nanette ist etwa 30 Jahre alt, eine kleine farblose Person, deren Sohn Brieuc im Alter von drei Jahren an einem Virus starb. Nach einem Jahr kommt Nicole erstmals zu Besuch, aber sie beachtet ihren Sohn überhaupt nicht. In der Nacht läuft er fort, wird von Polizisten aufgegriffen und um 3 Uhr morgens in die Bäckerei gebracht. Als seine Mutter die Treppe hinaufgeht, folgt er ihr, aber sie dreht sich um und stößt ihn zurück. Mit dem Kopf schlägt er auf die Kacheln und bleibt ohnmächtig liegen.

Er wird in einem Verschlag auf dem Speicher untergebracht. Außer Männerunterhosen aus grober blauer Baumwolle, deren Gummi enger gemacht wurde, zieht ihm Nicole nur abgetragene Mädchenkleider an. Der Großvater will überhaupt nichts von ihm wissen; Mutter und Großmutter kommen nur in den Speicher, um ihm etwas zu essen und zu trinken hinzustellen. Nanette ist die einzige Person, die ihm bei ihren Besuchen etwas vorliest und mit ihm zu sprechen versucht.

Eines Tages wirft Nicole ihrem Sohn eine Hose und ein Hemd zum Anziehen hin und fordert ihn auf, sauber gewaschen und angezogen ins Wohnzimmer zu kommen. Da sitzt Michel („Micho“) Bossard. Der Hafenmechaniker, der sonntags in der Kirche und bei Hochzeiten und Begräbnissen das Harmonium spielt, hatte mit 30 Jahren Mauricette, die Nichte des Briefträgers geheiratet. Sechs Monate später gebar sie Gustave („Tatav“). Als Mauricette während eines Sturms auf einem Boot das Gleichgewicht verlor, wurde sie zwischen Dock und Bordwand zerquetscht. Micho, der sie halten wollte, büßte zwei Finger ein. Jetzt ist er bereit, Nicole zu heiraten und ihren Jungen mit aufzunehmen, ohne sich um das Gerede der Leute über die beiden zu kümmern. Lustlos geht Nicole auf den Vorschlag des wesentlich älteren Mannes ein und zieht mit Ludo zu ihm und Tatav nach „Les Buissonnets“.

Tatav mag seine Stiefmutter nicht und ist frustriert, weil er sich die Aufmerksamkeit seines Vaters mit Ludo teilen muss. Immer wieder betont er, dass Micho nicht Ludos wirklicher Vater sei.

Ludo tut alles, um von seiner Mutter einmal in den Arm genommen oder sogar geküsst zu werden: Er legt ihr Blumen vor die Tür und bringt ihr das Frühstück ans Bett. Aber sie nörgelt fortwährend an ihm herum und ist froh, wenn sie ihn nicht sieht. Einmal stiehlt er Geld aus ihrer Handtasche und kauft davon einen schönen Dolch, den er ihr schön verpackt aufs Bett legt. Vergeblich wartet er auf ihr freudiges Danke; sie beschimpft ihn lediglich als Dieb. Nur die Nachricht über Nanettes Tod in einem Krankenhaus lenkt Nicole vorübergehend von ihrem Ärger über Ludo ab.

Ludo beschmiert die Wände in seinem Zimmer. Immer wieder malt er ein von einer Hand verdecktes Gesicht.

Einmal findet er einen Ertrunkenen am Strand. Es ist die erste Leiche, die er sieht. Nachdem er sie betrachtet hat, zieht er sie in die Dünung und sieht zu, wie sie zurück ins Meer treibt.

Einige Monate später leidet er unter heftigen Zahnschmerzen, sagt aber nichts, bis Micho die geschwollene Backe auffällt. Der Zahnarzt bohrt ein Dutzend kariöse Stellen auf und schätzt, dass einige davon schon acht Jahre alt sind.

Nicole wartet nun schon 13 Jahre lang vergeblich darauf, dass der Albtraum von ihrer Vergewaltigung ausbleibt, ihre Schreie aufhören, ihre zerrissene Haut nicht mehr schmerzt und die Scham vergeht. Immer wenn sie Ludo erblickt, wird sie von der Erinnerung an die barbarische Hochzeit überwältigt. Dafür hasst sie das Kind. Wütend fordert sie Ludo immer wieder auf, sie wenigstens einmal „Mama“ zu nennen. Aber er blickt sie nur schweigend an.

Er hört, wie Nicole ihren Mann im Ehebett erpresst: Seinem Verlangen werde sie erst wieder nachgeben, wenn er Ludo endlich weggeschickt habe. Wenn der Junge fort wäre, müsste sie nicht ständig über ihr verpfuschtes Leben grübeln, dann könnte sie den Streit mit ihren Eltern beenden und sich auch wieder mit Freunden treffen. Micho sträubt sich lange. Dann schreibt er seiner Cousine Hélène Rakoff, die ein Heim für Debile leitet, die sie alle unabhängig von ihrem Alter „Kinder“ nennt. Als sie vierzig war, kam sie als Pflegerin nach „Saint-Paul“. Der Gründer des Heims, Oberst de Moissac — er war 20 Jahre älter als sie –, schlich sich nachts, wenn seine Frau schlief, zu ihr ins Bett und versprach, mit ihr ein neues Leben anzufangen. Inzwischen ist er tot. Über die Kinder herrschen zu können, versöhnt sie mit ihrem Schicksal.

Verzweifelt hofft Ludo darauf, dass seine Mutter ihn besucht. Nur Micho und Tatav kommen einmal vorbei. Er gibt ihnen eine Kette aus Muscheln mit, die er noch in Les Buissonnets für Nicole gebastelt hatte, die er ihr jedoch nicht geben konnte, weil sie sich nicht von ihm verabschiedete, als er ins Heim gebracht wurde.

Auch an die Wände seines Zimmers in „Saint-Paul“ malt er Gesichter, die von einer Hand verdeckt werden.

Als Hélène Rakoff beschließt, Ludo nach Weihnachten in eine psychiatrische Anstalt abzuschieben, weil der 16-Jährige mit einem Mädchen im Keller geknutscht hat, schleicht Ludo nachts durch den Korridor, entzündet Streichhölzer, um etwas sehen zu können und betrachtet noch einmal die Krippe. Ein abgebranntes Streichholz fällt ins Stroh. Flammen lodern auf. Ludo rennt davon. Er folgt einem Wegweiser zum Meer und findet das Wrack eines gestrandeten Schiffes namens „Sanaga“, in dessen „Bauch“ er sich verkriecht.

Bei einer langen Strandwanderung erkennt Ludo in der Ferne plötzlich den Pier, in dessen Nähe sich Les Buissonnets befindet. Da ist Michos Haus. Er schleicht sich näher heran. Micho und Tatav sind offenbar nicht da, aber seine Mutter lässt sich von einem Mann liebkosen, den er nicht kennt. Wieder zurück auf seinem Schiff, schreibt Ludo auf einen aus einer Papiertüte herausgerissenen Fetzen ein paar Zeilen an seine Mutter. Bald darauf kommt Micho und erzählt ihm, er habe zwar durch Nicole von Ludos Nachricht erfahren, aber er wohne nicht mehr zu Hause, sondern in Saint-Paul, wo er sich mit kleinen Reparaturen nützlich mache.

Im April beginnen Schrotthändler, das Schiffswrack zu zerschneiden und auszuschlachten. Ludo wird nur noch wenige Tage dort hausen können.

Da hört er seine Mutter nach ihm rufen. Ludo ist überglücklich, dass sie ihn endlich besucht — bis er merkt, dass sie ihn genauso hasserfüllt ansieht wie früher. Er kann nicht wissen, dass es Hélène Rakoffs Idee war, Nicole als Lockvogel zu benutzen, um ihn aus seinem Versteck zu locken.

Polizisten halten sich am Strand bereit. Nicole schimpft, er habe ihr Leben ruiniert und weist seine vorwurfsvolle Frage, warum sie ihn nicht wenigstens an Weihnachten besucht habe, zurück: „Zu Weihnachten? … Das soll wohl’n Witz sein! … Ich hatte andre Sorgen, stell dir vor!“ Ludo fällt ein, dass seine Mutter ihn nie im Leben geküsst oder gestreichelt hat. Als sie ihn wieder auffordert, „Mama“ zu ihr zu sagen, tut er es zum ersten Mal und beginnt das Wort hysterisch schreiend zu wiederholen, lauter und lauter. Sie erschrickt: „Lässt du mich los, ah, du bist doch wirklich verrückt, Ludo, verrückt wie dein Vater, total verrückt“. Er stößt sie gegen eine Wand, drückt ihr die Hand aufs Gesicht, schlägt ihr den Kopf gegen den Stahl und drückt ihr den Hals mit aller Kraft zu, bis sie tot ist. Dann schwimmt er mit dem Leichnam hinaus aufs offene Meer.

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Der Roman „Barbarische Hochzeit“ ist eine brutale Geschichte über die Vergewaltigung einer 14-Jährigen. Weil das Trauma sie nie mehr loslässt, zerstört sie später auch das Leben ihres gutmütigen Ehemannes und vor allem das ihres bei der Vergewaltigung gezeugten Sohnes, der verzweifelt um ihre Mutterliebe bettelt, den sie jedoch nur hassen kann. Die Hilflosigkeit des Verstoßenen müsste Yann Queffélec eigentlich nahe gegangen sein, aber er beschreibt das Martyrium eher sachlich.

Für den Roman wurde Yann Queffélec mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet. Marion Hänsel verfilmte das Buch 1987.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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