Andrea Maria Schenkel : Kalteis

Kalteis

Andrea Maria Schenkel

Kalteis

Kalteis Originalausgabe: Edition Nautilus, Hamburg 2007 ISBN 978-3-89401-549-7, 157 Seiten, 12.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um ihren Traum vom Glück zu verwirklichen, verlässt Kathie 1931 ihren Heimatort Wolnzach und zieht nach München, um sich dort eine Stelle zu suchen. Doch sie findet nicht einmal eine Bleibe und macht schließlich jeden Abend Männer an, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Am 13. Oktober wird ihre Leiche gefunden. Auch in den folgenden Jahren werden immer wieder junge Frauen als vermisst gemeldet ...
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Kritik

In ihrem Roman "Kalteis" – einer düsteren Mischung aus Kriminal- und Heimatroman – greift Andrea Maria Schenkel eine Mord- und Vergewaltigungsserie auf, die sich tatsächlich ereignete. Die Handlung setzt sich aus den Darstellungen verschiedener Figuren zusammen.
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Um ihren Traum vom Glück zu verwirklichen, verlässt Katharina („Kathie“) Hertl 1931 ihren Heimatort Wolnzach und fährt mit ihrer Freundin Maria nach München. Dort hofft sie, eine Stelle als Dienstmädchen zu bekommen. Marias Tante kann Kathie nicht aufnehmen, denn sie hat nur ein Kanapee in der Küche für ihre Nichte, aber für die ersten zwei Nächte kommt Kathie bei der Mutter einer Bekannten unter. In der Gaststätte Soller im Tal lernt sie Mitzi Zimmermann kennen, die mit ihrem Liebhaber Hans in einer schönen hellen Wohnung lebt. Die Miete bezahlt ihr „Verlobter“ in Gelsenkirchen, der zweimal im Jahr nach München kommt. So ein Glück möchte Kathie auch haben. Vielleicht verhilft ihr ein Chauffeur dazu, dem sie beim Soller schöne Augen macht. Er fährt mit ihr zu seinem Blockhaus in Waldperlach hinaus und verbringt dort eine Nacht mit ihr. Am anderen Morgen stellt Kathie jedoch fest, dass er verheiratet ist. Abends spricht Kathie zwei Motorradfahrer an, die sich beim Soller zusammen ein Zimmer genommen haben. Die beiden Männer sehen ihr beim Ausziehen zu und schlafen abwechselnd mehrmals mit ihr.

Am 13. Oktober 1931 fahren die Brüder Johann und Alwin Reiss mit ihrem Motorrad an Hohenschäftlarn vorbei Richtung Säge. Da finden sie die Leiche einer nackten jungen Frau im Wasser, der jemand Zweige und einen schweren Stein mit Draht an den Körper gebunden hat. Statt die Polizei in Schäftlarn zu alarmieren, rasen sie nach München zurück und melden sich dort auf einem Polizeirevier.

Am Tag darauf kommt Kathies Mutter nach München, um nach ihrer vermissten Tochter zu suchen.

Seit dem 30. Mai 1934 wird Marlis Gürster vermisst. Die Sechsundzwanzigjährige, die drei Wochen zuvor einen Friseur in München geheiratet hatte, war zuletzt mit dem Fahrrad nach Starnberg unterwegs. In einem anderen Abschnitt lesen wir, wie Marlis einem anderen Radfahrer auffällt.

Mit dem Fahrrad kam sie ihm entgegen. Blau-weißes Dirndlkleid. Weiße Socken und Halbschuhe. Beugte er sich beim Fahren etwas nach vorne über den Lenker, konnte er ihr unter den Rock sehen. Dieser war etwas hochgerutscht vom Auf- und Niedertreten der Pedale. Feste, stramme Beine hatte sie. Er liebte Beine wie diese […] Die Oberschenkel rieben aneinander. (Seite 119)

Er zerrt Marlis vom Rad, und weil sie nicht aufhört, sich gegen die Vergewaltigung zu wehren, erschießt er sie mit einem Revolver. Nachdem er der Toten die Vulva herausgeschnitten hat, riecht und leckt er daran, kaut darauf herum und stülpt sich das blutige Teil über seinen erigierten Penis.

Georg Spielberger gibt bei der Polizei zu Protokoll, wie er den letzten Abend mit seiner inzwischen vermissten Verlobten Erna Schmidlechner verbrachte und sie in der Nacht zur Straßenbahnhaltestelle an der Ludwigsbrücke brachte. Er bot ihr an, sie nach Hause zu begleiten, aber sie hatte keine Angst und fuhr allein nach Milbertshofen. Bekannte, die zufällig mit in der Straßenbahn waren, sahen noch, wie sie zu Fuß zur Wohnung ihrer Eltern ging.

Einige Zeit später sagt der LKW-Fahrer Johann Würth als Zeuge im Fall einer Vermissten namens Herta aus, er habe auf seiner Tour Abend für Abend eine Radlerin von Pasing nach Germering fahren sehen. Beim letzten Mal, am 31. August 1937, fiel ihm, kurz nachdem er sie überholt hatte, ein Mann auf, der mit seinem Rad dastand und so aussah, als wartete er auf jemanden.

Ein anderer Zeuge berichtet, wie er am 29. September 1938 – dem Tag, an dem Mussolini in München war – mit dem Fahrrad von einem Besuch bei einem Kollegen zurück nach Peißenberg fuhr. Da saß eine völlig erschöpfte junge Radlerin am Wegrand. Sie stamme aus Unterellegg bei Sonthofen, erzählte sie, habe bei Verwandten in Füssen übernachtet und wolle weiter nach Starnberg. Er half ihr, begleitete sie nach Peißenberg, gab ihr Geld, damit sie sich etwas zu essen kaufen konnte, und dann fuhr sie allein weiter. – Drei Monate später meldete die Austragsbäuerin Regina Adlhoch aus Unterellegg ihre dreiundzwanzigjährige Tochter Kunigunde („Kuni“) als vermisst.

Am Aschermittwoch, dem 19. Februar 1939, beobachten eine Mutter und ihre Tochter Magda in Aubing zufällig durchs Küchenfenster einen Mann, der im Schnee über Gerda, das Pflegekind der Familie Meier, hergefallen ist und es zu vergewaltigen versucht hat. Offenbar fühlt er sich ertappt, denn im nächsten Augenblick lässt er von dem Mädchen ab und fährt mit dem Rad davon. Magda radelt ihm nach. Unterwegs schließt sich ihr Frau Schreiber an. Gemeinsam stellen sie den Fremden an einem Gartenhaus, wo er abstieg, um zu urinieren. Er stößt Frau Schreiber zur Seite und flieht zu Fuß weiter, aber der durch die Schreie der Frauen alarmierte Schmied holt ihn auf den Feldern ein.

Es handelt sich um Josef Kalteis, geboren am 26. Juli 1906 in Aubing. Der gelernte Schlosser arbeitet seit vier Jahren als Rangierer bei der Reichsbahn.

Seine Frau Walburga sagt aus, dass sie sich schon als Kinder gekannt hatten. Dann verloren sie sich aus den Augen, bis sie sich im Sommer 1935 wieder trafen. Walburga Pfafflinger hatte inzwischen eine Schneiderlehre gemacht und war Näherin geworden. Im Herbst merkte sie, dass sie schwanger war, aber Josef Kalteis kümmerte sich weder um sie noch um seinen kleinen Sohn. Als sie das zweite Kind von ihm erwartete, wandte sie sich ans Jugendamt, weil Josef Kalteis auch keinen Unterhalt bezahlte. Über ihre Beschwerde ärgerte er sich sehr, aber am 31. Dezember 1937 heiratete er sie. Drei Wochen nach der Hochzeit verprügelte er sie zum ersten Mal. Nachdem er sie am 30. September 1938 brutal zusammengeschlagen hatte, verließ sie ihn mit den beiden Söhnen, suchte Zuflucht bei ihren Eltern und leitete die Scheidung ein. Doch im November ließ sie sich überreden, wieder zu ihm zurückzukehren. Kurz darauf erlitt sie eine Fehlgeburt.

Bei der Vernehmung am 28. Februar 1939 gesteht Josef Kalteis, Gerda überfallen zu haben, beteuert jedoch, dass es sich um einen „Ausrutscher“ gehandelt habe.

Sie müssen mir schon glauben, nie hätte ich gedacht, dass ich so was machen würde. Ein Mädchen überfallen! Ich? Nie! Ich hab doch Kinder! Bin doch ein guter Vater! Aber ich war an diesem Tag so betrunken […] Die Kontrolle habe ich über mich verloren. Das müssen Sie mir glauben. (Seite 26)

Schließlich gibt er auch zu, Katharina Hertl gekannt zu haben. Sie waren sich 1931 auf dem Oktoberfest begegnet. Er sei mit ihr nach Thalkirchen hinausgefahren und habe dort mit ihr gevögelt, aber angetan habe er ihr nichts. Erst als der Staatsanwalt ihm die mumifizierte herausgeschnittene Vulva zeigt, die man in einem alten Ofen auf seinem Dachboden fand, gesteht er, der seit Jahren gesuchte Serienmörder zu sein.

Darum hab ich ihr auch die Britschn herausgeschnitten und mitgenommen, weil ich es wieder haben wollte das Gefühl.
Immer wieder wollte ich es haben, in einem Rausch war ich, nicht mehr ich selbst war ich, danach habe ich mich immer geschämt, aber nach einiger Zeit war das vergessen und ich bin wieder los. Wie ein wildes Tier, das ist der Trieb, ich bin wieder los … immer wieder. (Seite 154)

Für die Behörden besonders peinlich ist es, dass es sich bei dem Perversen um ein Mitglied der NSDAP handelt. Deshalb achtet man darauf, dass die Zeitungen nicht über den Fall berichten. Der „Volksschädling“ wird zum Tod verurteilt und mit dem Fallbeil hingerichtet.

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Auch in „Kalteis“, ihrem zweiten Roman, greift Andrea Maria Schenkel einen Fall auf, der sich tatsächlich ereignete: Von 1934 bis 1939 vergewaltigte der Rangierer Johann Eichhorn in den Wäldern im Süden Münchens um die hundert Frauen. Vier von ihnen erschoss er am Ende, schnitt ihnen die Vulva heraus und kaute darauf herum. Beim Versuch, ein Kind zu missbrauchen, wurde er gefasst.

Wohl aufgrund ihrer Erfahrungen mit „Tannöd“ listet Andrea Maria Schenkel im Anhang des Romans „Kalteis“ die Quellen auf, darunter Vernehmungsprotokolle und eine Dissertation von Georg Ernst aus dem Jahr 1942: „Der Fall Eichhorn. Ein weiterer Beitrag zur Kenntnis des Doppellebens schwerster Sittlichkeitsverbrechen“.

Andrea Maria Schenkel nennt den perversen Triebtäter und Serienmörder Johann Kalteis.

„Kalteis“ ist kein Thriller nach dem „Whodunit“-Muster, denn auf den ersten Seiten schildert Andrea Maria Schenkel die Hinrichtung des Verbrechers. Es geht also nicht darum, herauszufinden, wer der Täter ist, sondern die Autorin schildert am ausführlichsten Kathies Erlebnisse in der letzten Woche vor ihrer Ermordung. Damit wird „Kalteis“ wie „Tannöd“ zu einer düsteren Mischung aus Kriminal- und Heimatroman. Mit der Psychologie des Mörders beschäftigt Andrea Maria Schenkel sich nicht und sie unternimmt auch keinen Versuch, zu verstehen, warum er zum Triebtäter wurde.

Wie in ihrem Debütroman lässt Andrea Maria Schenkel auch in „Kalteis“ nicht einen einzelnen Erzähler auftreten, sondern entwickelt die Handlung aus verschiedenen Perspektiven. Während sie Kathies Schicksal in sieben chronologisch angeordneten und mit den Wochentagen überschriebenen Kapiteln darstellt, schildert sie die vier anderen Morde – die Titel der Kapitel tragen die Namen der Opfer: Kuni, Herta, Erna, Marlis – in umgekehrter Reihenfolge, beginnt also 1938 und endet 1934. Diese Darstellungen ergänzt sie durch Auszüge aus dem Vernehmungsprotokoll von Johann Kalteis, die Aussage seiner Ehefrau Walburga und eine Aktennotiz über das abgelehnte Begnadigungsgesuch.

Das ergibt eine mitreißende Lektüre, auch wenn Andrea Maria Schenkel sich nicht bemüht hat, den Personen verschiedene Stimmen zu geben. Dass die Figuren allesamt in derselben kargen Sprache reden, stört umso mehr, weil diese einen eigenwilligen Satzbau aufweist:

Gut gefällt der Kathie die Wohnung. Hell und mitten in der Stadt ist sie. (Seite 55)

Nicht zu Wort lässt er sie kommen (Seite 106)

Aus ihr heraus sprudelt es. (Seite 106f)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Verlag Lutz Schulenburg

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