Andrea Maria Schenkel : Finsterau

Finsterau

Andrea Maria Schenkel

Finsterau

Finsterau Originalausgabe: Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2012 ISBN: 978-3-455-40381-7, 125 Seiten, 16.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alter von 14 Jahren verlässt Afra 1937 ihre Eltern, ein Häusler-Ehepaar in dem Dorf Finsterau, und schlägt sich als Magd und Kellnerin durch, bis der Wirt sie 1944 hinauswirft, weil sie sich mit seinem französischen Zwangsarbeiter eingelassen hat. Dass sie schwanger ist, merkt sie erst in Finsterau. Am 22. Juli 1947 werden sie und ihr kleiner Sohn erschlagen. Als Doppelmörder verurteilt wird ihr Vater Johann Zauner. 18 Jahre später beginnt der Staatsanwalt, der die Anklage vertrat, an der Schuld Zauners zu zweifeln ...
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Kritik

Ohne die Charaktere tiefer auszuleuchten, erzählt Andrea Maria Schenkel eine archaisch-einfache Geschichte. Wie sie das aufs Wesentliche verknappt, multiperspektivisch und im Wechsel zwischen zwei Zeitebenen tut, ist das Besondere an "Finsterau".
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Als sogar der katholische Dorfgeistliche in seiner Predigt nationalsozialistische Phrasen drosch, stand Johann Zauner in der Kirche in Finsterau auf und widersprach ihm vor der versammelten Gemeinde. Am nächsten Tag holte man ihn ab. Erst nach acht Wochen kam er wieder nach Hause zu seiner Frau Theres und seiner Tochter Afra.

Theres war fünf Mal schwanger gewesen, aber die anderen Kinder hatte sie tot geboren oder sie waren nach wenigen Tagen gestorben. Johann verdiente den Lebensunterhalt bei der Bahn, zunächst als Tagelöhner, dann als Streckenarbeiter, und Theres besserte das Familieneinkommen durch Näharbeiten für die Bäuerinnen in Finsterau auf.

Afra log, war widerspenstig und poussierte schon früh mit den Nachbarjungen herum. 1937, im Alter von 14 Jahren, verließ sie das Elternhaus in Finsterau. Sie schlug sich als Magd, Küchenhilfe und Kellnerin durch, bis der Wirt sie im Spätsommer 1944 hinauswarf, weil sie sich mit seinem französischen Zwangsarbeiter eingelassen hatte. Daraufhin kehrte Afra ohne Vorankündigung zu ihren Eltern zurück. Dass sie schwanger war, merkte sie erst in Finsterau. Kurz nach Kriegsende gebar sie einen Sohn, der auf den Namen Albert getauft wurde. Obwohl eine voreheliche Beziehung und ein uneheliches Kind als Schande galten, schwieg der Vater dazu. Afra ließ sich ohnehin nichts von ihm sagen.

Am 22. Juli 1947 steht Afra um 4 Uhr früh auf, denn es ist Waschtag. Der Vater geht dann zum Mähen, und die Mutter hat etwas in Einhausen zu erledigen. Vorher schärft sie ihrer Tochter noch ein, für den Vater rechtzeitig eine Brotzeit herzurichten.

Als Afra die Wäsche aufgehängt hat und ins Haus geht, ist das zweijährige Kind bereits aufgewacht und weint.

Ein Bauer, der wegen seiner Gehbehinderung „Hetsch“ gerufen wird, umwirbt Afra seit einem Jahr, aber sie will nichts von ihm wissen, auch jetzt nicht, als er in der Tür auftaucht. Furchtlos wirft sie ihn hinaus. Er geht, ärgert sich jedoch darüber, dass er sich von dem „Franzosenflitscherl“ so abfertigen ließ, ringt eine Weile mit sich und nimmt sich vor, beim nächsten Mal nicht so rasch aufzugeben. Afras Eltern müssten froh sein über ihn als Schwiegersohn.

Was konnte[n] sie schon dagegen haben? Hungerleider, Häusler, froh müssten sie doch sein, dass er die Afra haben wollte, mitsamt dem Bankerten. Eine Sorge weniger hätte[n] sie dann. Bei denen schaute doch Tag und Nacht die Not zum Fenster heraus.

Schließlich kehrt er um.

Er würde ihr schon zeigen, dass man so nicht mit ihm umging. So nicht!

Als Theres aus Einhausen zurückkommt und sieht, dass die Wäsche trotz des aufziehenden Gewitters noch auf der Leine hängt, ahnt sie Schlimmes.

Im Oberpfälzer Tagblatt vom 26. Juli wird berichtet, dass die Landpolizei Einhausen am 22. Juli nach Finsterau gerufen wurde. Jemand hatte der 24 Jahre alten unverheirateten Afra Zauner und ihrem zwei Jahre alten Sohn Albert mit einem Beil den Schädel eingeschlagen. Der 59-jährige ehemalige Streckenarbeiter Johann Zauner, der sich im Polizeigewahrsam befindet, hat bereits ein Geständnis des Doppelmordes unterschrieben.

Als Theres ihn zum ersten Mal besuchen darf, schwört er ihr, unschuldig zu sein, und sie glaubt ihm.

Obwohl Johann Zauner sein Geständnis kurz vor dem Ende der Hauptverhandlung widerruft, verurteilt ihn das Gericht wegen Doppelmords zu zehn Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung, aber bald darauf wird er wegen seiner Altersdemenz in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen.

18 Jahre später, 1965, sitzt noch ein betrunkener Scherenschleifer im Gasthaus, als die Kellnerin Roswitha Haimerl nach Hause geht. Der Wirt Hermann Müller weckt den mit dem Kopf auf dem Tisch schlafenden Gast auf. Der Fremde lallt etwas von einem Mord zwei Jahre nach dem Krieg. Niemand wolle wissen, was damals wirklich geschah, klagt er, bevor ihm der Kopf wieder auf den Tisch fällt. Hermann Müller lässt ihn in der Gaststube sitzen, nimmt die Kasse und zieht sich in seine Privaträume zurück.

Am nächsten Morgen ist der Scherenschleifer fort. Roswitha findet jedoch eine Brieftasche unter dem Tisch und entdeckt darin einen vergilbten Zeitungsausschnitt mit einem Foto des Staatsanwalts Dr. Augustin, der hier zu den Stammgästen zählt und auch an diesem Tag zum Frühschoppen kommt. Als die Männer, mit denen er Karten gespielt hat, gegangen sind, zeigt ihm der Wirt den Zeitungsausschnitt. Dr. Augustin erinnert sich sofort daran, denn es handelte sich um seinen ersten Fall nach der Assessorenprüfung. Hermann Müller erzählt ihm von dem Scherenschleifer und was dieser behauptete. Das interessiert den Staatsanwalt, der daraufhin im Büro noch einmal in die Akte aus dem Jahr 1947 schaut. Damals war er von der Schuld des Angeklagten überzeugt, obwohl das Motiv unklar blieb; heute würde er das Geständnis, die Zeugenaussagen und Indizien jedoch kritischer hinterfragen.

Dr. Augustin nimmt den Fall neu auf.

Der pensionierte Gendarm Hermann Irgang und der ehemalige Polizeianwärter Josef Weinzierl, die damals aus Einhausen nach Finsterau gerufen wurden, sagen aus, Johann Zauner sei bei ihrem Eintreffen am Tatort dabei gewesen, sein blutiges Oberhemd in einem Zuber zu waschen. Afra lag tot auf dem Sofa. Den Spuren zufolge musste sie heftig gekämpft haben, bevor ihr jemand den Schädel zertrümmert hatte. Während Irgang das tödlich verletzte wimmernde Kind mit dem Fahrrad zum nächsten Arzt brachte und die Kollegen von der Mordkommission verständigte, bewachte Weinzierl den Tatverdächtigen und wartete auf das Eintreffen der Kriminalbeamten. Hunger und Unterzucker trieben ihn schließlich hinaus zu seiner in einer Satteltasche des Fahrrads verstauten Brotzeit. Als er ins Haus zurückkam, kniete Zauner mit seinem Portemonnaie in der Hand in der Kammer seiner Tochter. Augenscheinlich wollte er etwas Geld hinlegen und einen Raubmord vortäuschen. Im Zuge der Ermittlungen wurden auch zwei Wanderburschen befragt, die am 22. Juli 1947 oder kurz zuvor in Finsterau gesehen worden waren. Dabei fiel nichts Verdächtiges auf, und ein Protokoll sparte man sich, denn inzwischen hatte Johann Zauner bereits das Geständnis unterschrieben, das ihm der ehrgeizige Kriminalrat Hecht vorgelegt hatte. Hecht, den Kriminalkommissar i. R. Ludwig Pfleiderer als „scharfen Hund“ im Gedächtnis hat, kann jetzt, 1965, nicht mehr befragt werden, denn er starb vor fünf Jahren, drei Wochen nach seiner Pensionierung.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Afra war gerade dabei, die Brotzeit für den Vater herzurichten, als ein Wanderbursche anklopfte. Ob er und sein Begleiter sich draußen waschen dürften und außerdem ein Haferl Milch und einen Kanten Brot bekommen könnten, fragte er. Afra wollte den beiden Männern Milch und Brot hinausbringen, aber der Kerl blieb in der Tür stehen und bat noch um warmes Wasser zum Rasieren. Endlich ging er wieder hinaus. Afra war in der Speis (Vorratsraum), um Milch zu holen, da hörte sie Albert weinen und Geräusche in der Stube. Der andere Wanderbursche stand da vor herausgezogenen Schubläden, und als Afra ihn zur Rede stellte, gab er dreist zu, Geld zu suchen. Obwohl er ein Messer in der Hand hielt, stürzte sie sich auf ihn, und es gelang ihr, ihm die Waffe zu entwinden. Aber dann schlug ihr der zweite Wanderbursche von hinten eine Flasche auf den Kopf. Afra kämpfte weiter, hatte aber keine Chance.

Als Johann vom Mähen nach Hause kam, lag Afra mit eingeschlagenem Schädel auf dem Kanapee. Er hob seinen wimmernden Enkel auf, drückte ihn an sich und machte sich damit auf den Weg zu den Nachbarn. Unterwegs spürte er etwas Warmes und Feuchtes. Erst jetzt nahm er wahr, dass das Kind – und inzwischen auch sein Hemd – voller Blut war. Er kehrte um, legte den schwer verletzten Buben auf den Boden und deckte ihn mit einem Wolltuch zu. Dann lief er wieder los und alarmierte die Nachbarn.

Während der Polizeianwärter Weinzierl mit ihm auf das Eintreffen der Ermittler von der Mordkommission wartete, überlegte Johann, dass er der Leichenfrau ein Sonntagskleid Afras hinlegen müsse. Als der Gendarm kurz hinausging, suchte Johann in Afras Kammer nach einem schönen Kleid. Dabei stieß er versehentlich eine Schuhschachtel vom Nachttisch, die unter anderem Briefe, einen Geldschein und ein paar Münzen enthielt. Er sammelte alles vom Boden auf und zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche, um das Geld hineinzutun, aber da schrie ihn der Polizist an und forderte ihn auf, sich sofort wieder auf seinen Stuhl in der Stube zu setzen.

Der zu den Jenischen gehörende Scherenschleifer Matthias Karrer wacht 1965 in einer Gaststube auf. Im „Dritten Reich“ hatte sein Vater trotz eines Wandergewerbescheins nicht hausieren dürfen. Matthias war im Frühjahr 1947 allein losgezogen. Im Herbst hatte er sich zwei Wanderburschen angeschlossen. Der eine hieß Otto, von dem anderen erfuhr Matthias nur den Spitznamen „Wackes“. Die beiden überredeten ihn zu krummen Touren. Als Otto und Matthias in eine Bäckerei einbrachen, wurden sie erwischt und verhaftet. Wackes, der Schmiere gestanden hatte, kam ungeschoren davon.

Im Gefängnis vertraute Otto seinem Komplizen an, dass er und Wackes in Finsterau eine junge Frau und ein Kleinkind ermordet hatten. Otto war ins Haus gegangen, um sich umzuschauen. Nachdem er festgestellt hatte, dass nur mit der Gegenwehr einer jungen Frau zu rechnen sein würde, war Wackes eingedrungen und hatte die Schubfächer durchsucht. Die Frau war jedoch auf Wackes losgegangen, und Otto hatte seinem Komplizen zu Hilfe eilen müssen. Der hatte schließlich der Frau mit einem Beil den Schädel zertrümmert und dann auch das kreischende Kind erschlagen. Mit einer Wurst, ein paar Mark und einer Taschenuhr waren Otto und Wackes weitergezogen.

Seit damals kommt der Scherenschleifer fast jedes Jahr nach Einhausen und Finsterau. Jedes Mal fällt ihm wieder ein, dass damals wohl ein Unschuldiger verurteilt wurde.

Nach seiner Freilassung meldete Matthias Karrer der Polizei, was er erfahren hatte, aber niemand glaubte ihm, zumal der Fall mit einem Gerichtsurteil abgeschlossen war. Erst jetzt, 18 Jahre später, kann er endlich zu Protokoll geben, was er weiß.

Kurz darauf bemerkt der Busfahrer Winfried Niedermayer bei der Einfahrt in den Betriebshof ein paar Fremde, die auf ihn warten. Sie fragen ihn, ob er 1947 als Wanderbursche in Finsterau gewesen sei. Er gibt es zu und leistet bei seiner Verhaftung keinen Widerstand.

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Wie auch in „Tannöd“ und „Kalteis“ greift Andrea Maria Schenkel in „Finsterau“ einen echten Mordfall auf. Nachdem sie in der Zeitung von der Verurteilung eines Mannes im Jahr 1947 gelesen hatte, der seine Tochter und seinen Enkel erschlagen haben soll, wollte sie sich näher mit dem Fall beschäftigen, erhielt jedoch keine Genehmigung zur Akteneinsicht. Deshalb ist die Handlung in ihrem Kriminalroman „Finsterau“ doch fiktiv. Der Doppelmord im Jahr 1947 geschah auch nicht in Finsterau im Bayerischen Wald (Landkreis Freyung-Grafenau), sondern anderswo.

„Finsterau“ ist kein „Whodunit“-Thriller, sondern eine stilsichere Mischung aus Heimat- und Kriminalroman. Souverän entwickelt Andrea Maria Schenkel die Geschichte eines Doppelmordes in einer bornierten, bigotten Dorfgesellschaft und eines Justizirrtums, der sowohl auf den Übereifer eines Ermittlers als auch die Ignoranz der übrigen Beteiligten zurückzuführen ist.

Ohne die Charaktere tiefer auszuleuchten, erzählt Andrea Maria Schenkel eine archaisch-einfache Geschichte. Wie sie das tut, ist das Besondere an „Finsterau“. Die Darstellung ist karg, aufs Wesentliche verknappt, hart und düster. Die Autorin entwickelt die Tragödie aus verschiedenen Perspektiven und auf zwei Zeitebenen, zwischen denen sie geschickt hin- und herwechselt. Afra, Johann, Theres, Hetsch und einen Arzt hören und sehen wir 1947 in Finsterau. Aus dieser Zeit stammt auch ein Artikel im Oberpfälzer Tagblatt. 18 Jahre später beobachten wir den Wirt Hermann Müller und seine Kellnerin Roswitha Haimerl, den Scherenschleifer Matthias Karrer, den Staatsanwalt Dr. Augustin und den Busfahrer Winfried Niedermayer. Außerdem lesen wir Aussagen nicht nur von Matthias Karrer und Dr. Augustin, sondern auch des pensionierten Kriminalkommissars Ludwig Pfleiderer sowie der früheren Polizisten Hermann Irgang und Josef Weinzierl, die 1947 in Finsterau als Erste am Tatort waren. Die kurzen Kapitel sind mit den Namen dieser Personen überschrieben.

Diese Form, die wir bereits von ihrem Debütroman „Tannöd“ kennen, beherrscht Andrea Maria Schenkel meisterhaft.

Lustig ist es, dass versehentlich vom „Klingelputzen“ statt „Klinkenputzen“ die Rede ist (Seite 92). Mehrmals bildet Andrea Maria Schenkel Sätze, die von dem Wörtchen „um“ unlogisch gemacht werden, so z. B.:

Weggelaufen war sie damals von zu Hause, nur um wieder zurückzukommen. (Seite 26)

Den Roman „Finsterau“ von Andrea Maria Schenkel gibt es in einer gekürzten Fassung auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin (Regie Daniela Utecht, Hamburg 2012, 175 Minuten, ISBN 978-3-455-30743-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Verlag Hoffmann und Campe

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