Eric-Emmanuel Schmitt : Oskar und die Dame in Rosa

Oskar und die Dame in Rosa

Eric-Emmanuel Schmitt

Oskar und die Dame in Rosa

Originaltitel: Oscar et la dame rose Éditions Albin Michel, Paris 2002 Oskar und die Dame in Rosa Übersetzung: Annette und Paul Bäcker Amman Verlag, Zürich 2003 ISBN 3-250-60057-1, 105 S., 13.80 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein zehn Jahre alter Junge liegt im Krankenhaus, weil er an Leukämie erkrankt ist. Nachdem Chemotherapie und Knochenmarktransplantation fehlgeschlagen sind, hat er nur noch wenige Tage zu leben. Aber jeden davon durchlebt er auf den Rat einer älteren Krankenschwester hin als ob es sich um zehn Jahre handeln würde.

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Kritik

Mit der aus vierzehn an den "lieben Gott" gerichteten Briefen bestehenden Erzählung "Oskar und die Dame in Rosa" möchte Eric-Emmanuel Schmitt offenbar dazu ermutigen, offen und unerschrocken mit dem Thema Krankheit und Sterben umzugehen.
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Oskar ist zehn Jahre alt und liegt im Krankenhaus, weil er an Leukämie erkrankt ist. Chemotherapie und Knochenmarktransplantation schlugen fehl. Auf Anraten einer älteren Schwester, die er „Oma Rosa“ nennt, schreibt er Briefe an den lieben Gott, an den er bis dahin nach dem Beispiel seiner Eltern nicht geglaubt hat. Da heißt es zum Beispiel:

… kurz, das Krankenhaus ist spitze, wenn man ein Kranker ist, der Freude macht.
Ich, ich mach keine Freude mehr. Seit meiner Knochenmarktransplantation merke ich, dass ich keine Freude mehr mache. Wenn mich Doktor Düsseldorf morgens untersucht, tut er es nicht mehr mit ganzem Herzen, ich enttäusche ihn. Er schaut mich ohne was zu sagen an, als ob ich einen Fehler gemacht hätte. […] Ich habe verstanden, dass ich ein schlechter Kranker bin, ein Kranker, der einem den Glauben daran nimmt, dass die Medizin etwas ganz Tolles ist. (Seite 10f)

Oma Rosa behauptet, früher eine erfolgreiche Catcherin gewesen zu sein und 160 von 165 Kämpfen gewonnen zu haben, davon 43 durch K. o. „Die Würgerin des Languedoc“ sei sie genannt worden. Und sie erzählt Oskar von ihren unglaublichen Kämpfen.

Weil Oskar darunter leidet, dass sich alle taub stellen, wenn vom Sterben die Rede ist, hofft er, dass Oma Rosa anders ist und testet sie:

„Oma Rosa, ich hab das Gefühl, dass niemand mir sagen will, dass ich sterben muss.“
Sie schaut mich an. Wird sie das Gleiche tun wie alle anderen? Bitte, Würgerin des Languedoc, werd bloß nicht weich und klapp die Ohren zu.
„Warum willst du, dass man es dir sagt, Oskar, wo du es doch weißt!“
Uff, sie hat zugehört. (Seite 17f)

Von einem anderen Patienten erfährt er eines Tages, seine Eltern seien mit dem Auto gekommen. Dabei ist gar nicht Sonntag. Sie kommen sonst nur sonntags, weil sie weit entfernt wohnen und während der Woche arbeiten müssen. Eine Weile wartet er in seinem Zimmer auf sie, doch als sie nicht erscheinen, ahnt er, dass sie zu Doktor Düsseldorf ins Sprechzimmer gegangen sind, und er geht hinunter. Durch die Tür hört er, wie der Arzt zu ihnen sagt, es sei alles vergeblich gewesen und sie fragt, ob sie ihren Sohn sehen möchten. Aber sie bringen es nicht fertig, Oskar jetzt zu besuchen.

Und da habe ich verstanden, dass meine Eltern Feiglinge sind. Schlimmer: Zwei Feiglinge, die mich für einen Feigling halten! (Seite 27)

Damit sie ihn nicht vor der Tür ertappen, versteckt er sich im Besenschrank.

Auf Oskars dringende Bitte hin redet Oma Rosa mit dem Arzt und erreicht, dass sie den kleinen Patienten bis zum Jahresende täglich besuchen darf, obwohl sie sonst nur an zwei, drei Tagen in der Woche Dienst hat. Von morgen an sind es zwölf Tage. Sie rät ihm:

„Von heute an wirst du jeden einzelnen Tag so betrachten, als würde er zehn Jahre zählen.“ (Seite 38)

Am folgenden Tag, einem Sonntag, kommen die Eltern wie gewohnt zu Besuch, erwähnen nichts von ihrem Gespräch mit Doktor Düsseldorf und bringen wie immer Geschenke mit.

Seitdem ich ständig im Krankenhaus bin, fällt es meinen Eltern schwer, mit mir zu reden; deshalb bringen sie mir Geschenke mit, und den ganzen belämmerten Nachmittag verbringen wir damit, Spielregeln und Gebrauchsanweisungen zu studieren. Mein Vater schreckt vor keiner Anleitung zurück: Selbst wenn sie auf Türkisch oder Japanisch ist, lässt er sich nicht entmutigen, er vertieft sich in die Pläne. Er ist ein Weltmeister im Sonntagnachmittageverderben. (Seite 49f)

In dem Krankenhaus sind auch noch andere Kinder: Yves, den sie wegen seiner riesigen Brandwunden „Bacon“ nennen. Der neunjährige „Popcorn“, der 1.10 m groß ist, 98 kg wiegt und deshalb zum Abnehmen hier ist. „Einstein“, der nicht etwa so heißt, „weil er intelligenter wäre als die anderen, sondern weil sein Kopf doppelt so groß ist. Anscheinend hat er Wasser drin.“ „Peggy Blue“, die aufgrund von Sauerstoffmangel eine bläuliche Hautfarbe hat. Von Oma Rosa ermutigt, geht Oskar zu Peggy Blue, um ihr seinen Schutz anzubieten, doch Popcorn verscheucht ihn. Sandrine, die ebenfalls unter Leukämie leidet und ihre Kahlheit unter einer schwarzen Pony-Perücke verbirgt, die sie wie eine Chinesin aussehen lässt, fordert Oskar zu einem Kuss auf und schiebt ihm dabei ihren Kaugummi in den Mund, den er vor Schreck verschluckt. Oma Rosa spornt ihn an, sich nicht von Popcorn einschüchtern zu lassen, und tatsächlich weist Peggy Blue ihn nicht zurück, sondern lässt sogar zu, dass er sich neben sie ins Bett legt.

Mit dem Kinderkriegen, so haben Peggy Blue und ich beschlossen, wollen wir uns noch ein wenig Zeit lassen. Peggy ist, glaube ich, noch nicht reif genug dafür. (Seite 57)

In der Krankenhauskapelle, wohin Oma Rosa ihn führt, sieht Oskar zum erstenmal ein Kruzifix. Da erklärt ihm Oma Rosa:

„Wenn man dir Nägel in die Hände haut oder in die Füße, dann kannst du nicht verhindern, dass dir das weh tut. Das musst du aushalten. Dagegen muss dir der Gedanke zu sterben nicht weh tun. Du weißt ja nicht, was das bedeutet. Also hängt es ganz allein von dir ab.“ (Seite 65)

Oma Rosa lädt Peggy Blue ein, mit ihr und Oskar Tee zu trinken. Am nächsten Tag wird das Mädchen operiert. Oskar darf mit Peggys Eltern am Bett wachen, während sie aufgrund der Narkose noch schläft. Oma Rosa hat wohl mit ihnen gesprochen; sie behandeln ihn mit Respekt, und als sie gehen müssen, sagen sie: „Wir vertrauen dir unsere Tochter an.“

Als Popcorn Peggy Blue verrät, dass Oskar und Sandrine sich geküsst haben und dann auch noch die mongoloide Brigitte Oskar abknutscht, will Peggy Blue nichts mehr von ihm wissen. Aber es dauert nicht lange, dann versöhnen sich die beiden.

An Weihnachten versteckt Oskar sich mit Hilfe von Einstein, Bacon und Popcorn in Oma Rosas altem Auto. Sie tragen ihn hinunter und legen ihn im Fond auf den Boden. Während der Fahrt schläft er ein. Als er erwacht, klettert er aus dem Fahrzeug und will an der nächsten Tür läuten, aber er fällt hin und bleibt liegen, bis Oma Rosa ihn findet und mit ins Haus nimmt. Sie gibt ihm zu bedenken, dass seine Eltern sich um ihn sorgen, und er ist einverstanden, dass sie im Krankenhaus anruft und auch seine Eltern verständigt. Sie kommen und feiern zusammen mit ihm und Oma Rosa Weihnachten.

Erst am nächsten Tag kehrt Oma Rosa mit ihm ins Krankenhaus zurück. Ihr Weihnachtsgeschenk für Oskar ist ein Topf mit einem Samenkorn. Als sie die Erde wässern, sprießt eine Pflanze auf, die im Lauf des Tages Blätter, Blüten und Samen bekommt, bevor sie verwelkt und verdörrt.

Oskars Eltern haben sich nach Weihnachten vorübergehend bei Oma Rosa einquartiert, um näher beim Krankenhaus zu sein und ihren Sohn täglich besuchen zu können.

Am elften Tag schreibt Oskar den letzten Brief. Statt seiner schreibt Oma Rosa am zwölften Tag an den lieben Gott und teilt ihm mit, dass Oskar am Morgen starb, in der halben Stunde, in der sie und seine Eltern eine Tasse Kaffee tranken. „Als wolle er uns den Schrecken ersparen, ihn gehen zu sehen.“

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Ich selbst bin Oskar gewesen. Das Kind, mit dem man nicht mehr spricht, weil einem sein Gesundheitszustand Angst einjagt. Das Kind, das unter dem Schweigen seiner Nächsten leidet, unter dem Schweigen des Himmels, unter all den offen bleibenden Fragen, und das dennoch nie seine unendliche Lebensfreude verliert. (Eric-Emmanuel Schmitt)

Mit diesen Worten wird Eric-Emmanuel Schmitt auf dem Buchrücken zitiert. Auf seiner Website heißt es dagegen:

Als Kind war ich oft in Krankenhäusern. Nicht, dass ich oft krank gewesen wäre: ich begleitete meinen Vater, der Kinder betreute. Als Krankengymnast arbeitete er in Kinderkliniken, Heimen für körperlich und geistig Behinderte und in Häusern für Stumme und Taube.
Als ich die ersten Male dabei war, hatte ich noch Angst, eine Angst, die mich reflexartig überkam. Angst vor Kindern, die anders sind. Angst vor der Krankheit, die sie dazu zwang ihre Zeit in unpersönlich eingerichteten Zimmern zu verbringen.
„Ist das ansteckend?“
„Ich würde dich nicht mitnehmen, wenn es für dich gefährlich wäre“, antwortete mein Vater.
Nicht sonderlich beruhigt, lernte ich Jungen und Mädchen kennen, mit denen ich mich im Laufe der Zeit anfreundete.
Und an der Hand meines Vaters genoss ich eine sonderbare Erziehung. Ich bewegte mich in einer Welt, wo das Normale nicht die Norm war, einer Welt, wo die Krankheit als gewöhnlich galt und eine gute Gesundheit als außergewöhnlich, einer Welt, woraus einige Bewohner einfach verschwanden, nicht, weil sie heimgegangen waren, sondern weil die Krankheit sie mit sich fortgerissen hatte.
Sehr bald war mir der Tod nahe, wie der Junge von nebenan, war mir zugänglich geworden, einer, der um uns herumstreicht, bevor er zubeißt. Im Gegensatz zu vielen Kindern – und Erwachsenen – glaubte ich bald nicht mehr daran, dass ich unsterblich sei […]
So ist das Buch Oskar und die Dame in Rosa entstanden. Man könnte es vielleicht mit diesem Gedanken beschreiben, der mich sehr geprägt hat: Wichtiger als zu genesen ist es zu lernen Krankheit und Tod zu akzeptieren. (Eric-Emmanuel Schmitt)

Diese Erfahrung verarbeitete Eric-Emmanuel Schmitt in der Geschichte über einen leukämiekranken Jungen, der nur noch wenige Tage zu leben hat, aber sich seine Lebensfreude bis zuletzt bewahrt, indem er dem Rat einer älteren Krankenschwester folgt und jeden Tag so intensiv erlebt, als handele es sich um eine Zeitspanne von zehn Jahren.

Mit der aus dreizehn an den „lieben Gott“ gerichteten Briefen eines krebskranken Jungen und dem abschließenden Brief einer Krankenschwester bestehenden Erzählung „Oskar und die Dame in Rosa“ möchte Eric-Emmanuel Schmitt offenbar dazu ermutigen, offen und unerschrocken mit dem Thema Krankheit und Sterben umzugehen. Es ist ihm jedoch weder gelungen, der traurigen Geschichte eine eigene Realität zu verleihen – etwa eine märchenhafte wie in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ –, noch sie in der alltäglichen Wirklichkeit glaubhaft zu machen. Ein Zehnjähriger schreibt keine solchen Briefe, und er hält seinem behandelnden Arzt auch keine altkluge Ansprache wie die folgende:

„Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Doktor Düsseldorf. Hören sie, ich will ganz offen mit Ihnen reden; ich war immer sehr gewissenhaft beim Schlucken meiner Pillen, und Sie waren immer sehr korrekt beim Behandeln meiner Krankheit. Hören Sie also auf, so schuldbewusst zu gucken. Es ist nicht Ihre Schuld, wenn sie den Leuten schlechte Nachrichten überbringen müssen […] Sie müssen sich entspannen. Zur Ruhe kommen. Sie sind nicht Gottvater. Sie können nicht über die Natur bestimmen. Sie sind nur eine Art Mechaniker. Sie müssen mal loslassen, Doktor Düsseldorf, locker werden und sich selbst nicht so wichtig nehmen, sonst werden Sie diesen Beruf nicht lange ausüben können. […] (Seite 95f)

Das Zitat aus „Oskar und die Dame in Rosa“ illustriert beispielhaft eine Inkongruenz, die es dem Leser erschwert, Anteil an dem bewegenden Schicksal dieses todkranken Patienten zu nehmen.

„Oskar und die Dame in Rosa“ gehört zum „Cycle de l’invisible“, in dem sich Eric-Emmanuel Schmitt mit den Weltreligionen beschäftigt: Buddhismus, Sufismus und Judentum, Christentum, Judentum und Christentum.

  • Milarepa (Theaterstück: 1997, Erzählung: 1997)
  • Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran (Theaterstück: 1999, Erzählung: 2001)
  • Oskar und die Dame in Rosa (Erzählung: 2002, Theaterstück: 2003)
  • Das Kind von Noah (Erzählung: 2004)

Eric-Emmanuel Schmitt selbst verfilmte seine Erzählung „Oskar und die Dame in Rosa“:

Oskar und die Dame in Rosa – Originaltitel: Oscar et la dame rose – Regie: Eric-Emmanuel Schmitt – Drehbuch: Eric-Emmanuel Schmitt, nach seiner Erzählung „Oskar und die Dame in Rosa“ – Kamera: Virginie Saint-Martin – Schnitt: Philippe Bourgueil – Musik: Michel Legrand – Darsteller: Michèle Laroque, Amir, Max von Sydow, Amira Casar, Mylène Demongeot, Constance Dollé, Simone-Elise Girard u.a. – 2009; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003 / 2010
Textauszüge: © Amman Verlag

Eric-Emmanuel Schmitt (Kurzbiografie / Bibliografie)
Eric-Emmanuel Schmitt: Enigma (Verfilmung)
Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

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