Ingo Schulze : Neue Leben

Neue Leben
Neue Leben Originalausgabe: Berlin Verlag, Berlin 2005 ISBN: 3-827-00052-1, 800 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1990 schrieb der DDR-Bürger Enrico alias Heinrich Türmer Briefe an seine Schwester, einen Jugendfreund und eine bundesdeutsche Fotografin. Eigentlich hatte er ein regimekritischer Schriftsteller werden wollen. Nach dem Zusammenbruch des Regimes versuchte er, die Demokratisierung als Journalist voranzutreiben, aber dann gründete er ein Anzeigenblatt. Damit gab er zwar seine Ansprüche auf, aber er verdiente Geld ...
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Kritik

Der materialreiche, ironische und komische Roman "Neue Leben" spiegelt v. a. die gesellschaftlichen Veränderungen während der "Wende". Ingo Schulze hat dafür bewusst die altmodische Form des Briefromans gewählt und spielt mit der Rolle eines fiktiven Herausgebers.
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Enrico alias Heinrich Türmer ist untergetaucht. Hinterlassen hat er außer Schulden einen Haufen Briefe – die der Schriftsteller Ingo Schulze in Ermangelung eines besseren Stoffes herausgibt. Im Vorwort schwärmt Ingo Schulze, man könne die Briefe wie einen Roman über die Zeit der Wende lesen und er lobt die Qualität der Texte, die ihn sogar ein wenig daran zweifeln lässt, ob die Briefe wirklich von dem gescheiterten DDR-Schriftsteller Enrico Türmer geschrieben wurden. Der Herausgeber kommentiert die Briefe aus der Feder Türmers in Fußnoten. Dabei handelt es sich um Erläuterungen von in der DDR gebräuchlichen, jedoch im Westen weniger bekannten Ausdrücken, um pedantisch-besserwisserische Anmerkungen und vor allem um sarkastische Kommentare über den Briefeschreiber und dessen Selbstdarstellung. (Im Anhang präsentiert der Herausgeber auch noch unveröffentlichte, zum Teil fragmentarische Novellen und Romane Türmers.)

Die vielen Briefe schrieb Türmer zwischen dem 6. Januar und dem 11. Juli 1990, seinen eigenen Angaben zufolge zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Gerichtet sind sie an drei Personen: An Türmers über alles geliebte Schwester Vera, seinen hoch begabten Schulfreund Johann Ziehlke, mit dem ihn homoerotische Gefühle verbinden und die bundesdeutsche Fotografin Nicoletta, seine ferne Liebe. Während er Vera und Johann über seine aktuellen Aktivitäten auf dem Laufenden hält, erzählt er Nicoletta aus seinem bisherigen Leben in der DDR.

1962 wurde Türmer in Dresden geboren. Schon in der Schulzeit hielt er sich für ein Genie, wollte ein Außenseiter sein und obwohl er es nicht wagte, wirklich aufzumucken, träumte er davon, ein regimekritischer Schriftsteller zu werden.

Ich würde schreiben, was andere nicht zu sagen wagten, zum Beispiel, dass der Westen besser ist als der Osten, dass wir nicht in den Westen fahren dürfen, obwohl wir das wollen.

Nach dem Philologie-Studium in Jena zog er als Dramaturg in die thüringische Kleinstadt Altenburg. Den Montagsdemonstrationen gegenüber blieb er skeptisch; seine Beteiligung an der Protestwelle war ihm peinlich, und das Anwachsen der Oppositionsbewegung – auch in Altenburg wurde eine Sektion des Neuen Forums gegründet – hielt er für gefährlich. Wie sollte er sich nach einer Beseitigung des DDR-Regimes als Schriftsteller profilieren?!

Bald nach der am 9. November 1989 erzwungenen Öffnung der Berliner Mauer (Wiedervereinigung) gründete Türmer zusammen mit gleichgesinnten Freunden das „Altenburger Wochenblatt“. Als Journalist wollte er nun die Demokratisierung der Gesellschaft vorantreiben und den Politikern auf die Finger schauen. Aber die vom „Altenburger Wochenblatt“ aufgedeckten Skandale interessierten kaum jemanden. Außerdem gab es Probleme mit Anzeigenkunden und Geldgebern. Die Herausgeber zerstritten sich über die Frage, wie es weitergehen sollte.

Der westdeutsche Investor Clemens von Barrista, der nach Altenburg kam, um die Rückkehr des Erbprinzen von Sachsen-Altenburg vorzubereiten, zeigte Türmer in Paris und Monte Carlo die kapitalistische Welt. Türmer, der sich inzwischen nicht mehr Enrico, sondern Heinrich nannte, rief ein kostenlos verteiltes Anzeigenblatt ins Leben. Damit begrub er zwar seine hochfliegenden Pläne und gab seine kulturellen Ansprüche auf, aber er verdiente Geld – und darauf kam es in der veränderten Gesellschaft an. Oder?

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Der Protagonist des Briefromans „Neue Leben“ von Ingo Schulze ist ein Durchschnittsmensch, der sich vom naiv-idealistischen DDR-Bürger zum desillusionierten Geschäftemacher „entwickelt“ und dabei an jeder Weggabelung überzeugt ist, in der gegebenen Situation das Richtige zu tun. An diesem Beispiel illustriert Ingo Schulze, was die Wiedervereinigung für DDR-Bürger bedeutete: Zusammenbruch und Neuorientierung. Zunächst glaubten sie an das Märchen, die Wende mache alles möglich und sie könnten endlich ein unbeschwertes Leben führen („blühende Landschaften“), dann lernten sie die Ellbogen-Gesellschaft kennen. Während in ihrem bisherigen Leben persönliche Beziehungen das Wichtigste waren, kam es nun aufs Geld an.

„Neue Leben“ spiegelt nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungen während der „Wende“, sondern ist auch ein Künstlerroman, eine Erinnerung an die Dissidentenszene in der DDR und Kritik an skrupelloser Geschäftemacherei. Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens schwingt mit.

Ingo Schulze hat dafür bewusst die altmodische Form des Briefromans gewählt und spielt wie zum Beispiel Umberto Eco in „Der Name der Rose“ mit der Rolle eines fiktiven Herausgebers.

„Neue Leben“ ist ein materialreicher, ironischer und komischer Roman, dem man beim Lesen die Freude des Autors am Erzählen anmerkt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Berlin Verlag

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