Ingo Schulze : Die rechtschaffenen Mörder

Die rechtschaffenen Mörder
Die rechtschaffenen Mörder Originalausgabe S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2020 ISBN 978-3-10-390001-9, 320 Seiten ISBN 978-3-10-491190-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein weltabgewandter Antiquar in Dresden verliert bei der Wende alles: Norbert Paulini wird von seiner Frau geschieden, die ihn und seine Kunden als IM für die Stasi bespitzelte, erhält eine Räumungsklage, muss Insolvenz anmelden, und die Oder-Flutkatastrophe raubt ihm 2002 den Rest. Daraufhin lässt sich der bis zur Wende unpolitische Büchermensch von der Bewegung mitreißen, die sich über die angebliche Bevorzugung von Migranten gegenüber Einheimischen aufregt und im politischen Spektrum nach rechts außen rückt.
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Kritik

Auch wenn Ingo Schulze hin und wieder Ironie oder Sarkasmus aufblitzen lässt, handelt es sich bei "Die rechtschaffenen Mörder" um eine eher spröde Lektüre. Das Besondere daran ist der Aufbau. Wer im ersten und längsten Teil über den Dresdner Antiquar Norbert Paulini schreibt, erfahren wir erst im mittleren Teil, in dem der Schriftsteller Schultze (nicht Schulze!) offen auftritt. Zweifel an dessen Rechtschaffenheit entstehen im dritten Teil, in dem Schultzes westdeutsche Lektorin zu Wort kommt.
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Vorgeschichte

Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.

So beginnt der Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze. Der Antiquar heißt Norbert Paulini. Sein Antiquariat befindet sich im ersten Stock der Pension „Villa Kata“ in der Brucknerstraße in Dresden.

Seine Mutter Dorothea Schuller stammte aus Kronstadt in Siebenbürgen. 1949 begegnete die 20-Jährige in oder bei Weimar dem Dreher Klaus Paulini aus Dresden. Die beiden heirateten, und 1951 eröffnete Dorothea Paulini in Dresden eine Buchhandlung mit Antiquariat. Kurz nachdem sie im Juni 1953 den Sohn Norbert geboren hatte, starb sie an einer übersehenen Sepsis. Der Witwer musste zwar die Buchhandlung schließen, brachte es jedoch nicht übers Herz, die Bücher wegzugeben. Er zog mit ihnen, Norbert und seiner Mutter Agnes Paulini, die sich um das Kind kümmerte, in die Pension „Villa Kate“. Einige Monate bevor Norbert eingeschult wurde, kam seine Großmutter ins Krankenhaus und starb. Daraufhin umsorgte Helene Kate, die Betreiberin der Pension, Klaus und Norbert Paulini.

Als Norbert Paulini seinen Wehrdienst leistete, beschäftigte man den eifrigen Leser in der Regimentsbibliothek. Dort fiel er der mit einem Offizier verheiraten Leiterin Marion Vorpahl auf, und sie verschaffte dem jungen Mann die ersten sexuellen Erfahrungen.

Das Antiquariat

Nach seiner Lehre in Hildegard Kossakowskis Buchhandlung eröffnet Norbert Paulini am 23. März 1977, dem 48. Geburtstag seiner Mutter, in der „Villa Kate“ mit dem alten Buchbestand einen eigenen Laden: „Antiquariat und Buchhandlung Dorothea Paulini, Inhaber Norbert Paulini“.

Weil der Antiquar weder über einen Führerschein noch über ein Auto verfügt, richtet ihm der Vater den alten Anhänger der Mutter fürs Fahrrad her, damit er Bücher aufkaufen kann.

Manch einer empfahl ihn weiter, weil man sich von seinem Besuch das versprach, was man „die Begegnung mit einem Original“ nannte. Von diesem Mann, der allein für die Bücher lebte, vielleicht weltfremd und anspruchslos, aber belesen wie kein zweiter, ließ sich stets gut erzählen.

Zwei Frauen − Elisabeth („Lisa“) Samten und ihre Freundin Marion Häfner − helfen von sich aus im Antiquariat, ohne dafür eine regelmäßige Entlohnung zu erwarten. Norbert Paulini glaubt zunächst, er könne sich eine der beiden freiwilligen Helferinnen als Lebensgefährtin aussuchen, aber dann erfährt er, dass Marion schwanger ist und Lisa mit seinem Freund Ilja Gräbendorf zusammenlebt. Statt Lisa oder Marion heiratet er die zwei Jahre ältere Frisörin Viola Hentschel, die im Salon Hartmann arbeitet und ihn schon länger als Kunden kennt. Sein Vater weicht in eine Dachkammer der „Villa Kate“ aus, um Platz für seine Schwiegertochter zu machen.

Als Norbert Paulini die von Elvira Ewald, der Ehefrau eines Professors, zum Kauf angebotenen Bücher inspiziert, lässt er sich von ihr zu einer Affäre verführen. Von den Schäferstündchen bei ihr im Wohnviertel Weißer Hirsch bringt er jedes Mal eine Fuhre Bücher mit. Nach einiger Zeit beendet Elvira Ewald allerdings die Beziehung, ohne Norbert dafür einen Grund zu nennen.

Wenig später erwarten Viola und er ein Kind, aber die Schwangerschaft endet mit einer Fehlgeburt. Erst im Juni 1989 wird ihr Sohn Julian geboren. Norbert Paulini, dem Helene Kate längst das Haus als Erbe versprochen hat, nimmt einen Kredit auf, um das Dachgeschoss auszubauen und Platz zu schaffen. Klaus Paulini mietet eine andere kleine Wohnung in Dresden.

Das Antiquariat hat sich längst zu einem Treffpunkt von bibliophilen Menschen und zu einem literarischen Zirkel entwickelt („Salon Prinz Vogelfrei“). Unter den Gästen und Kunden sind Dissidenten, die in diesem Antiquariat auch Bücher bekommen, die vom DDR-Regime nicht gern gesehen werden oder sogar verboten sind.

Norbert Paulini versteht sich jedoch selbst als unpolitisch und beteiligt sich dementsprechend nicht an der Bürgerrechts-Bewegung, die im November 1989 die Öffnung der Berliner Mauer herbeiführt und das Regime zusammenbrechen lässt.

Wende

Mit der Wende verlieren Bücher in Ostdeutschland an Wert, antiquarische mehr noch als neue. Norbert Paulini wundert sich über „moderne Antiquariate“, die Bücher billiger verkaufen, deren einziger erkennbarer Makel ein Aufdruck „Mängelexemplar“ ist. Er schließt vorübergehend und eröffnet am 10. Juli 1990 neu.

Von einem Bücherberg auf einer Müllhalde füllt Norbert Paulini mehrmals den Anhänger seines Fahrrads.

Im Gegensatz zu ihrem Mann lässt Viola sich von der Wende mitreißen: Sie übernimmt den aus Altersgründen abgegebenen Frisörsalon „Buntschuh“, macht den Führerschein und kauft einen Opel Kadett.

Uwe Kesselsdorff, ein früherer Kunde des Antiquariats, beklagt sich bei Norbert Paulini darüber, dass dessen Ehefrau Berichte über ihn für die Stasi verfasst habe. Auf diese Weise erfährt der Antiquar, dass Viola IM „Blondzopf“ war. Zur Rede gestellt, meint sie, das Antiquariat sei nur unbehelligt geblieben, weil die Stasi annahm, durch IM „Blondzopf“ alles unter Kontrolle zu haben. Norbert müsse ihr dankbar sein. Stattdessen lässt er sich von Viola scheiden.

Vor der Wiedervereinigung ging Norbert Paulini davon aus, Helene Kate zu beerben. Aber nun meldet jemand aus Westdeutschland Rückgabeansprüche auf die Immobilie an und es stellt sich heraus, dass Helene Kate keine Dokumente vorweisen kann, die sie zweifellos als Eigentümerin ausweisen. Die Aufregung verkraftet sie nicht; ihr Herz versagt.

Norbert Paulini erhält eine Räumungsklage und muss Insolvenz anmelden. Ein Gespräch mit dem Filialleiter der Sparkasse, bei der er den Kredit für den Dachausbau aufgenommen hat, verläuft frustrierend.

„Sie meinen also“, rekapitulierte Norbert Paulini, „ich solle jetzt, da nun endlich Demokratie und Freiheit herrschen, mein Antiquariat schließen […]. Und in Dresden-Johannstadt suche ich mir eine Einraumbuchte und warte vor dem Fernseher, bis mir das Arbeitsamt schreibt? Meinen Kredit zahle ich natürlich die nächsten zehn Jahre brav weiter, nicht zu vergessen den monatlichen Unterhalt für Julian […].“

Die Kommunistin hatte ihn verraten. Und der Westen hatte ihn seiner Bleibe für die Bücher und die Familie beraubt, im Glauben, damit das Unrecht der Kommunisten zu sühnen.

Einige Zeit arbeitet er an der Kasse und den Regalen einer Discounter-Filiale. Dann wird er Nachtportier in einer Pension.

Die Bücher bringt er in einer Scheune in Dresden-Niederpoyritz unter und für sich selbst mietet er in der Nähe eine Zwei-Zimmer-Wohnung.

Mit Hana Semerova, einer deutlich jüngeren Slowakin, die in der Pension putzt, beginnt er eine Liebesbeziehung – bis sie von einem Urlaub in der Slowakei nicht mehr zurückkommt. Norbert Paulini fährt nach Košice, wo sich herausstellt, „dass ihre Adresse und offenbar alles, was sie ihm erzählt hatte, nicht in dieser Welt zu finden“ ist.

An der Rezeption der Pension hört er, wie zwei westdeutsche Geschäftsreisende über die Unwissenheit der „Ossis“ spotten und sich ihrer „Buschzulage“ brüsten. Es kommt zum Streit, und schließlich prügelt sich der introvertierte Büchermensch mit den beiden Geschäftsleuten aus dem Westen.

Nach sieben Jahren sieht Norbert Paulini erstmals die „Villa Kate“ wieder. Das Gebäude ist verwahrlost, die Fensterscheiben sind eingeschlagen. Ein Baugitter verwehrt den Zugang zu der abbruchreifen Ruine.

Lisa Samten trennt sich von dem in Berlin lebenden Dramatiker Ilja Gräbendorf, kehrt nach Dresden zurück und umsorgt Norbert Paulini und dessen 13-jährigen Sohn Julian.

Als sich im August 2002 eine Flutkatastrophe an der Oder ankündigt, schleppt der frühere Archivar so viele Bücher wie möglich aus der Scheune. Der restliche Bestand steht dann drei Tage lang bis unters oberste Regalbrett im schlammigen Wasser. Eine Entschädigung gibt es nicht für den Besitzer, denn er hat weder eine Versicherung noch einen offiziellen Mietvertrag, und beim Gewerbeamt gilt er weiterhin als insolvent.

Im November 2002 zieht Norbert Paulini nach Sonnenhain, einen Stadtteil von Sebnitz in der Sächsischen Schweiz, und im Jahr darauf eröffnet er dort ein Versand-Antiquariat.

Zwei Kriminalbeamte befragten ihn im Mai 2012, wo er und sein knapp 23 Jahre alter Sohn Julian am Abend des 20. April gewesen seien. (An dem Tag feierten Neonazis Hitlers Geburtstag.) Norbert Paulini behauptet, sie hätten den Abend gemeinsam zu Hause verbracht, aber Zeugen wollen Julian Paulini nach 22 Uhr in Bad Schandau gesehen haben. Ihm droht eine Haftstrafe wegen fremdenfeindlicher Ausschreitungen.

„Kaum zu glauben, aber es ist das erste Mal, dass sich Vater Staat bei mir meldet. Sonst traktiert er unsereinen stets nur mit Formularen, die mir a priori unterstellen, ich würde auf Kosten der Gesellschaft schmarotzen. […] Ob mit Tschechen oder Polen, Türken oder was weiß ich was, es ist halt immer wieder dasselbe. Kümmert Sie das nicht, dass ich hier oben hausen muss, während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen? Finden Sie das gerecht? Ich hab nichts gegen Ausländer, ich werde sogar einen einstellen. Es gibt nämlich solche und solche. Und solche, die ich meine, die sind gebildet und bescheiden.“

Schultze

Während der 17-jährige Gymnasiast Schultze in der Dresdner Skulpturensammlung ein Praktikum absolviert, beginnt er regelmäßig Norbert Paulinis Antiquariat aufzusuchen. Nach dem Abitur und dem Militärdienst studiert er klassische Philologie.

Als er im September 1993 nach Berlin zieht, an seinem ersten Roman schreibt und von den als Zeitungs-Mitarbeiter angesammelten Ersparnissen lebt, ist Ilja Gräbendorf bereits ein gefragter Dramatiker.

Nach der Veröffentlichung seines ersten Buches spielt Schultze mit dem Gedanken, eine Erzählung über Norbert Paulini zu schreiben.

Ich wollte jene Paulini’sche Antiquariatswelt beschwören, die mir einmal alles bedeutet hatte und die nun bereits in einer mythischen Vorzeit zu liegen schien. Allerdings kam ich damals mit meiner Paulini-Legende nie über den Anfang hinaus.

Bei einem Besuch im Antiquariat in Sebnitz-Sonnenhain lernt er Juso Podžan Livnjak kennen, einen neuen Mitarbeiter Norbert Paulinis. Der Bosnier ist zwei Jahre älter als sein Arbeitgeber und hat in Sarajevo studiert.

Schultze beginnt eine Liebesbeziehung mit der 55 Jahre alten, längst wieder in Sachsen wohnenden Lisa Samten. Er weiß, dass sie einige Zeit mit Ilja Gräbendorf in Berlin zusammenlebte, aber als er nun erfährt, dass sie früher mit Vater und Sohn Paulini in Urlaub fuhr und nicht in einem eigenen Zimmer schlief, wird er eifersüchtig.

Erneut beginnt er an einer Erzählung über den Antiquar zu arbeiten.

Meine Erzählung sollte Paulini als den großen Leser zeigen, der über die Zeiten und Systeme hinweg aufgrund seiner Veranlagung und Leidenschaft zum Bollwerk wird gegen das, was uns Büchermenschen bedroht, der, weil er seinen Wünschen und Überzeugungen treu bleibt sich gewissermaßen auf natürliche Weise gegen das stemmt, was uns Jahr für Jahr aushöhlt und wegschwemmt und eines Tages nichts mehr von dem übrig gelassen haben wird, wofür wir zu leben geglaubt haben. Wären wir nicht ohne die Paulinis dieser Welt verloren?

Nach weniger als einem Jahr droht die Liebesbeziehung zu scheitern. Lisa möchte nicht, dass er anlässlich ihres 56. Geburtstags nach Sachsen kommt. Dennoch fährt Schultze hin. Ihr Vater öffnet und sagt ihm, dass sie noch nicht zu Hause sei. Schultze versucht es im Antiquariat. Dort hat Lisa mit Norbert Paulini und Juso Podžan Livnjak Geburtstag gefeiert, aber jetzt ist nur noch Paulini da.

Der weiß, dass Schultze einen Roman über ihn schreibt. Lisa hat es ihm erzählt. Dabei dachte Schultze, er habe es erfolgreich verheimlicht. Paulini rät seinem Besucher, das Projekt aufzugeben und lässt keinen Zweifel daran, dass er die Veröffentlichung eines entsprechenden Buches nicht hinnehmen werde.

Die Lektorin

Schultzes westdeutsche Verlagslektorin erfährt verspätet, dass Norbert Paulini und Elisabeth Samten in der Bastei von einem Felsen stürzten. Die Leichen wurden erst nach sieben Tagen entdeckt. Die Polizei geht von einem Unfall aus, ermittelt aber in alle Richtungen. Es könnte sich auch um einen erweiterten Suizid oder um Mord gehandelt haben.

Vor kurzem zögerte Schultze nach einem Besuch in der Sächsischen Schweiz, weiter an dem Roman über Norbert Paulini zu schreiben, und die Lektorin musste lange auf ihn einreden, damit er nicht aufgab. Der Tod des Paares reduziert nun das Risiko von Klagen gegen die geplante Veröffentlichung. Außerdem haben außerliterarische Umstände schon häufig den Absatz von Titeln gepusht.

Sie fährt nach Sachsen. Schultze hat zwar die Namen der Personen nicht geändert, aber einen Sebnitzer Stadtteil Sonnenhain erfunden. In der Realität befindet sich das Versandantiquariat in Lichtenhain. „Paulini Vater & Sohn, Inh. Juso Podžan Livnjak“ steht nun an der Tür.

Fadila, die Ehefrau des Inhabers, eine promovierte Soziologin, klagt darüber, dass Julian Paulini ihren Mann immer wieder um Geldbeträge erpresst. Juso wehrt sich und weist darauf hin, dass Norbert Paulini ihm das Antiquariat zwar mündlich versprochen habe, aber nichts schriftlich hinterlegt worden sei.

„Niemand wollte die Bücher“, rief sie. „Was sollte Julian hier? Bücher verkaufen? Aber Juso – er gibt ihm, was er verlangt.“

Der Gescholtene stöhnt:

„Niemand will die Bücher – und die Schulden. Schulden gab es mit jedem Jahr mehr.“
„Sie begleichen seine Schulden?“
„Sonst säße ich nicht hier. Wir leben von Fadilas Geld.“

Juso Podžan Livnjak berichtet, dass Schultze kürzlich bei ihm gewesen sei und ihn bedroht habe. Er hält den „Schützling“ der Lektorin, der dem Archivar einen Rechtsruck unterstellt, für einen Mörder und Ehebrecher. Lisa sei Norbert Paulinis Frau gewesen, erklärt er der überraschten Besucherin. Die Lektorin, die das unfertige Manuskript kennt, fragt sich daraufhin nicht nur, ob Lisa dem Schriftsteller etwas vormachte oder dieser in einer Traumwelt lebte, sondern auch, ob Schultze das Paar in der Sächsischen Schweiz vom Felsen gestoßen haben könnte.

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Ein weltabgewandter bibliophiler Antiquar und Literat in Dresden verliert bei der Wende alles: Norbert Paulini lässt sich von seiner Frau scheiden, die ihn und seine Kunden als IM für die Stasi bespitzelte, erhält eine Räumungsklage, muss Insolvenz anmelden, und die Oder-Flutkatastrophe im August 2002 raubt ihm den Rest. Nachdem er Opfer von Westdeutschen wurde, die Rückgabeansprüche im Osten geltend machen, wird der gescheiterte Antiquar als Nachtportier einer Pension mit Geschäftsleuten aus dem Westen konfrontiert, die über die Bewohner der ehemaligen DDR spotten. Daraufhin lässt sich der bis zur Wende unpolitische Büchermensch von der Bewegung mitreißen, die sich über die angebliche Bevorzugung von Migranten gegenüber Einheimischen aufregt und im politischen Spektrum nach rechts außen rückt.

Obendrein bringt Ingo Schulze in seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ noch Spitzen gegen die als skrupelloses Geschäft betriebene Buchverlags-Tätigkeit unter.

Das Besondere an „Die rechtschaffenen Mörder“ ist der Aufbau. Vorangestellt hat Ingo Schulze ein Zitat von Vilém Flusser aus „Die Geschichte des Teufels“:

Wer kann denn das Ende eines Buches auch nur erahnen, wenn er darangeht?

Im ersten und längsten Teil des Buches taucht zwar mitunter ein „ich“ bzw. „mir“ auf, aber wer da in einer getragenen, altertümlichen Sprache über den Dresdner Antiquar Norbert Paulini schreibt, bleibt verborgen. Auf Seite 196 bricht der Text mitten im Satz ab.

Dass es sich bei dem Erzähler im ersten Teil um einen in Berlin lebenden Schriftsteller namens Schultze (nicht Schulze!) handelt, erfahren wir im mittleren Teil, in dem dieses nun unverhüllt auftretende Ich einen ganz anderen Ton anschlägt.

Im dritten Teil kommt Schultzes westdeutsche Verlagslektorin zu Wort, auch sie in der Ich-Form. Wir begreifen, dass es sich beim ersten Teil um ein unfertiges Manuskript Schultzes handelt. Als die Lektorin verspätet erfährt, dass Norbert Paulini und Elisabeth Samten in der Sächsischen Schweiz von einem Felsen stürzten, reist sie nach Sachsen und ein Gespräch mit Juso Podžan Livnjak, dem neuen Inhaber des Antiquariats, lässt sie an der Rechtschaffenheit des Schriftstellers zweifeln.

Auch wenn hin und wieder wie im Buchtitel Ironie oder Sarkasmus aufblitzen, handelt es sich bei „Die rechtschaffenen Mörder“ um eine eher spröde Lektüre mit vielen literarischen Ellipsen.

Man hat nach Vorbildern für den nach rechts abgedrifteten Antiquar in „Die rechtschaffenen Mörder“ gesucht und den Namen der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen genannt, aber Ingo Schulze verwahrt sich gegen die Konstruktion von Zusammenhängen.

Die Figur Juso Podžan Livnjak stammt übrigens – darauf weist Ingo Schulze in der Danksagung hin – aus dem Roman „Der Trost des Nachthimmels“ von Dževad Karahasan.

„Die rechtschaffenen Mörder“ wurde für den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert. (Den Preis bekam dann allerdings Lutz Seiler für „Stern 111“.)

Den Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Sylvester Groth und Victoria Trauttmansdorff.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks
Ingo Schulze: Neue Leben

Arnaldur Indriðason - Todeshauch
Geschickt entwickelt und verknüpft der isländische Schriftsteller Arnaldur Indriðason (Indridason) in seinem Kriminalroman "Todeshauch" nebeneinander drei Handlungsstränge und sorgt gerade durch das Geflecht für Suspense und unerwartete Wendungen.
Todeshauch