Ruprecht Skasa-Weiß : Fünf Minuten Deutsch

Fünf Minuten Deutsch

Ruprecht Skasa-Weiß

Fünf Minuten Deutsch

Fünf Minuten Deutsch Originalausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2006 ISBN 3-608-94441-9, 208 Seiten, 12 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Unter dem Titel "Fünf Minuten Deutsch" bringt die "Stuttgarter Zeitung" samstags eine Glosse. In dem gleichnamigen Buch hat Ruprecht Skasa-Weiß 94 seiner Beiträge zusammengefasst. Mit seinen Ausführungen wendet er sich an Leser, Hörer und Fernsehzuschauer, denen Modewörter und Sprachschnitzer in den Medien aufstoßen. Er beklagt die "Verschwabbelung unserer Sprache", weist auf häufige Grammatikfehler hin und macht auf Besonderheiten des Deutschen aufmerksam.
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Kritik

Über den Begriff "Restmüll" schreibt Ruprecht Skasa-Weiß: "Nun hatte unsereiner ja immer gedacht, der Rest, das sei der Müll, oder auch: Müll, das sei der Rest." Heißt es: er hat recyclt, recycled, gerecycelt oder regecyceled, fragt er launig, und er zitiert mehrmals Mark Twain ("Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon").

Unter dem Titel „Fünf Minuten Deutsch“ bringt die „Stuttgarter Zeitung“ samstags eine Glosse. In dem gleichnamigen Buch hat Ruprecht Skasa-Weiß vierundneunzig seiner Beiträge zusammengefasst. Mit seinen launigen Ausführungen wendet er sich an Leser, Hörer und Fernsehzuschauer, die sich über Modewörter und Sprachschnitzer in den Medien ärgern.

Nicht weniger, sondern immer mehr Wörter bieten wir auf, um einen simplen Sachverhalt zu bezeichnen. (Seite 28)

Ruprecht Skasa-Weiß beklagt die „Verschwabbelung unserer Sprache“ durch Pleonasmen. So sollte man in Sätzen wie dem folgenden das Wort „dafür“ besser streichen: „Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Saat aufgehen könnte.“ In dem Satz „Hier herrscht ein heilloses Durcheinander“ kann man sich das „ein“ sparen. Eine Neuverschuldung braucht nicht abgesenkt zu werden – gesenkt reicht –, und einen Tank muss man nicht befüllen, sondern einfach nur füllen. Unnötigerweise polieren manche Journalisten ihre Sätze mit einem „es“ auf: „Es ist dies die zeitgenössige Art des Sozialismus.“ – „Wenn der Abgeordnete zur Plenarsitzung kommt, pflegt er stets das Wort zu ergreifen.“ Das ist doppelt gemoppelt. Verschwurbelt sind auch Konstruktionen wie diese: „Die Maßnahmen scheinen nicht geeignet zu sein, um ein Wiederaufleben der Kauflaune herbeiführen zu können.“ Dazu schreibt Skasa-Weiß augenzwinkernd:

„Leider ist unsereiner nicht in der Lage, die Sprecher und Schreiber von diesem Modalverb-Missbrauch abzuhalten. Oder heißt’s abhalten zu können?“ (Seite 22)

Das Gegenteil eines Pleonasmus muss auch nicht besser sein, etwa wenn jemand statt „Tausende von Demonstranten“ nur noch „Tausende Demonstranten“ schreibt. „Plastinator strebt erneutes Gastspiel in Stuttgart an“ lautet eine falsch formulierte Schlagzeile (korrekt: „erneut ein Gastspiel“). Noch schlimmer klingt „schwächer als erwartete Einzelhandelsumsätze“. Da könnte man ja gleich sagen: „Er hat ein nicht dick genuges Fell.“

Nur weil wir Deutschen ein Volk der Dichter und Denker sein möchten, müssen Politiker ihre Sätze nicht mit „Ich denke …“ einleiten. Aber das tun inzwischen viele.

Ruprecht Skasa-Weiß warnt vor Modewörtern und –phrasen, zum Beispiel: zeitgleich, nachvollziehen, der Streit entbrennt, die Fälle sind gleich gelagert, dem Zufall schulden. Während man klar zwischen Szene (kleinste Einheit eines Theaterstücks), Szenerie (Bühnenbild) und Szenario (Szenenfolge) differenzieren sollte, wird heute auch in falschen Zusammenhängen gern von einem „Szenario“ – z. B.einem „Schreckenszenario“ – gesprochen. Skasa-Weiß ist auch die Verdrängung des Wortes „Personen“ aufgestoßen: „Zwei Menschen kamen bei dem Verkehrsunfall ums Leben.“ Über den Begriff „Restmüll“ macht er sich lustig:

Nun hatte unsereiner ja immer gedacht, der Rest, das sei der Müll, oder auch: Müll, das sei der Rest. (Seite 33)

Bei den ins Deutsche eingedrungenen Anglizismen kommt es spätestens im Fall von Flexionen zu Schwierigkeiten: gedownloadet, gemanaged, upgegradet; heißt es: er hat recyclt, recycled, gerecycelt oder regecyceled?

Auch die moderne „Volkskrankheit Apostrophitis“ wird von Skasa-Weiß angeprangert: Manche schreiben zwar „wie gehts?“ (statt „wie geht’s?“), aber „T-Shirt’s ab 9.95 €“, oder sie setzen wie im Englischen beim Genitiv einen Apostroph („Paula’s Pudel“), obwohl das im Deutschen nur bei Wörtern erforderlich ist, die mit einem S-Laut enden („Hans Sachs‘ Gedichte“).

Die neue deutsche Rechtschreibung bleibt nicht unerwähnt:

Dürfen wir zugleich tief bewegt und todtraurig, hoch erfreut und hochgemut sein, sollen wir Putzmittel sortieren in fettlösliche und Fett lösende […] (Seite 72)

Mit Steigerungen geraten viele in Schwierigkeiten: Heißt es weitgehendst oder weitest gehend? Können Züge pünktlicher geworden sein oder allenfalls weniger Verspätung haben? Und wie steht es mit Superlativen wie bestbezahlteste Manager und feinstgekleidetste Damen?

Beim Boxen zeigt der Angeschlagene Wirkung, richtig, aber ein Satz wie der folgende ist falsch: „Die neuen Verkehrsschilder zeigen Wirkung.“

„Mit Hildegard Knef starb eine große Künstlerin.“ – Wer war die andere?

Subjekt und Prädikat sollten im Numerus übereinstimmen. Wir schreiben also „Eine Reihe von Projekten scheiterte“ (und nicht „… scheiterten“). Falsch ist der Satz „Einer der schönsten Filme, der je gedreht worden ist.“ („Der“ muss durch „die“ und „ist“ durch „sind“ ersetzt werden.) „Die Wähler können sich zwischen keinem der beiden Kandidaten entscheiden.“ Korrekt wären die Sätze „Sie können sich für keinen der beiden entscheiden“ und „Sie können sich nicht entscheiden zwischen diesem und jenem“. Wie spricht man „ab 10. Februar“ aus? „Ab zehntem Februar“ oder „ab zehnten Februar“? Nur der Dativ ist richtig. Heißt es „im Mai diesen Jahres“ oder „dieses Jahres“? Hier gehört der Genitiv hin.

Dass die Wortstellung bedeutsam ist, demonstriert Ruprecht Skasa-Weiß an diesem Beispiel: „Was Chomsky sagt, ist furchtbar einfach.“ / „Was Chomsky sagt, ist einfach furchtbar.“ Eine Zeitung schreibt: „Die Freiburger Universitätsklinik hat angeblich Verstorbene respektlos behandelt“? Handelte es sich um angeblich Verstorbene oder um eine angeblich respektlose Behandlung?

Die Sonne dreht sich nicht anscheinend, sondern scheinbar um die Erde.

Erscheinen und Scheinen mit Sinn und Verstand auseinander zu halten scheint im Deutschen fast unmöglich. Oder muss es heißen: erscheint fast unmöglich? Oder: erscheint als fast unmöglich? Oder: scheint fast unmöglich zu sein? (Seite 52)

Sein und Schein, scheinen und erscheinen, scheinbar und anscheinend: Diese Wörter werden ebenso häufig durcheinandergebracht, wie Angst und Furcht, fürchten und befürchten.

Es waren zwei Königskinder, die hatten … – sich oder einander lieb? Einander muss es heißen, sonst könnte man sie auch für Narzissten halten. Kurt und Gerda ärgern sich. Wer ärgert hier wen?

Sogar ins Grundgesetz hat sich ein unübliches Fugen-S eingeschlichen, und zwar bei der „verfassung(s)gebenden Gewalt“. Jean Paul staunte über „Königskrone nebst Kaiserkrone, Nachttraum nebst Sommernachtstraum, Vatermörder nebst Kindsmörderin“.

Manche deutschen Substantive kommen daher, als wären sie bi- oder trisexuell: der oder das Spind; der, das oder (wenn auch veraltet) die Pferdehalfter.

Dass etliche Wörter sozusagen den Chromosomensatz zu verschiedener sexueller Ausprägung haben, zeigt uns der Spalt neben der Spalte, das Eck neben der Ecke, der Schurz neben der Schürze. Andere Substantive wechseln mit dem Geschlecht die Bedeutung. Wer fände nicht großes Gefallen daran, jemandem einen Gefallen zu tun? (Seite 180)

Ein besonderes Problem gibt es, wenn man auf ein Mädchen zu sprechen kommt, denn mit welchem Pronomen fährt man dann fort: mit „es“, wie es grammatikalisch richtig wäre oder mit „sie“, wie es die Logik verlangt? Mark Twain meinte dazu:

Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. (Seite 136)

Von Mark Twain erzählt Ruprecht Skasa-Weiß übrigens auch, dass er in einem Gästebuch hinter den Eintrag eines Grafen „mit Diener aus Wien“ schrieb: „Mark Twain mit Koffer aus Leder“ (Seite 126).

Mit indirekter Rede und Konjunktiv, Conditionalis und Irrealis steht fast jeder auf Kriegsfuß. Josef Eberle, der Gründer der Stuttgarter Zeitung, schrieb dazu:

Das Deutsch, das man allenthalben spreche und schreibe – so etwa spräche oder schriebe der alte Sprachmeister Schopenhauer, käme er heute wieder –, komme ihm vor wie ein Kannibalen-Idiom. Was immer er an Gedrucktem zur Hand nehme, stoße ihn vor den Kopf. Die Sprachverhunzung habe seit seinen Tagen Fortschritte gemacht, wie selbst er, der professionelle Pessimist, es nicht einmal zu befürchten gewagt hätte […] Heute gebe es manchen angesehenen Schriftsteller, der tue (was kein primitiver Wilder täte), als stünde er über der Grammatik […], ja, als gäbe es überhaupt keine Grammatik mehr im Deutschen. Fahre man so einem nicht in die Parade, dann führe er womöglich fort, unsere Muttersprache zu schänden, als gälte es zu beweisen, dass keine Regel mehr gelte. Er rufe, so riefe der alte Polterer vermutlich aus, die anständig Gebliebenen zu Hilfe […] (Seite 100f)

Ruprecht Skasa-Weiß (*1936), der älteste Sohn des Schriftstellers Eugen Skasa-Weiß, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie (1956 – 1961) als Redakteur und Dramaturg. Von 1963 bis 2001 gehörte Ruprecht Skasa-Weiß der Feuilleton-Redaktion der „Stuttgarter Zeitung“ an.

Im März 2008 soll bei Klett-Cotta sein Buch „Weitere fünf Minuten Deutsch. Die vermurkste Gegenwartssprache“ erscheinen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006/2007
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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