Bastian Sick : Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Bastian Sick

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod Originalausgabe 2004 Kiepenheuer & Witsch, Köln, und Spiegel online, Hamburg ISBN 3-462-03448-0, 230 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" sind "Zwiebelfisch"-Kolumnen versammelt, die Bastian Sick seit Mai 2003 wöchentlich für "Spiegel online" verfasst. Der Autor nimmt Grammatikfehler aufs Korn, aber auch Modeerscheinungen und Gedankenlosigkeiten im Umgang mit der Sprache. Es geht ihm darum, die Leser im täglichen Sprachgebrauch sensibler machen.
Weiterlesen

Kritik

Dem Anspruch, unterhaltsam zu belehren, kommt Bastian Sick in seinem Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" weitgehend nach, auch wenn er sich hin und wieder ein wenig krampfhaft um Humor bemüht und einige Kapitel einfach zu lang sind.

In dem Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ sind „Zwiebelfisch“-Kolumnen versammelt, die Bastian Sick (*1965) seit Mai 2003 wöchentlich für „Spiegel online“ verfasst. (Der Begriff Zwiebelfisch stammt aus der Setzersprache und bezeichnet falsch gesetzte Lettern.) Bastian Sick nimmt Grammatikfehler aufs Korn, aber auch Modeerscheinungen und Gedankenlosigkeiten im Umgang mit der Sprache. Es geht ihm darum, die Leserinnen und Leser (Formulierungen wie diese lehnt Bastian Sick ab – Seite 168ff) im täglichen Sprachgebrauch sensibler machen.

Lehrbücher über die deutsche Sprache gibt es viele. Aber nur wenige davon werden freiwillig gelesen. Das liegt vermutlich an ihrer Rezeptur: größtmögliche Akribie und pädogogischer Eifer, geringstmöglicher Unterhaltungswert. Dieses Buch ist anders. (Seite 9)

Dem Anspruch, unterhaltsam zu belehren, kommt Bastian Sick weitgehend nach, auch wenn er sich hin und wieder ein wenig krampfhaft um Humor bemüht. Einige Kapitel sind einfach zu lang und zu redundant. Überraschenderweise bezieht sich nicht alles auf die deutsche Sprache, sondern es gibt beispielsweise auch ein Kapitel über die von Land zu Land verschiedene Verwendung von Farben zur Kennzeichnung politischer Parteien (Seite 26ff).

Obwohl der Titel des Buches „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ lautet, geht Bastian Sick nur in einigen wenigen Passagen auf die Fälle in der deutschen Sprache (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) ein, etwa auf Seite 16, wo er ausführt, dass der Dativ zwar bei einem „unbekleideten“ Nomen erlaubt sei (wegen Umbau geschlossen), nicht jedoch wenn ein Adjektiv vor dem Substantiv steht (wegen kompletten Umbaus geschlossen). Der Dativ kann auch herangezogen werden, um einen doppelten Genitiv zu vermeiden (laut dem Bericht des Ministers – Seite 17). Es heißt zwar im Herbst letzten Jahres und im Sommer nächsten Jahres aber nicht im Frühjahr diesen Jahres, sondern im Frühjahr dieses Jahres (Seite 92f).

Mehrere Kapitel handeln von der „illegalen Adjektivierung des Adverbs“ (Seite 111). Beispielsweise gibt es keine schrittweise Zunahme (Seite 110ff); statt wir wollen einen schrittweisen Schuldenabbau (falsch) sagt man wir wollen die Schulden schrittweise abbauen (korrekt). Weil vergebens ein Adverb, vergeblich jedoch ein Adjektiv ist, muss es heißen: der Versuch war vergeblich; er fragte vergebens (Seite 226). Ähnlich verhält es sich mit den Wörtern zeitweise (Adverb) und zeitweilig (Adjektiv); es gibt also keinen zeitweisen, sondern nur einen zeitweiligen Anstieg der Arbeitslosenzahlen (Seite 229).

Häufig werden Substantive im Plural gebraucht, obwohl es nur um ein einziges Objekt geht, wie zum Beispiel in dem Satz: Der Politiker bestreitet die Vorwürfe. Auch wenn der Vorwurf von verschiedenen Seiten erhoben wird, handelt es sich doch nicht um mehrere Vorwürfe (Seite 120).

Falsche Steigerungen hört oder liest man beinahe jeden Tag: weitreichendere Vollmachten (korrekt: weiter reichende Vollmachten – Seite 45); eine der vielbefahrensten Seestraßen der Welt (korrekt: eine der meist befahrenen Seestraßen – Seite 45). Eine höchstqualifizierteste Bewerberin existiert nicht (Seite 45). Gedankenlos sind auch Steigerungen von Begriffen, die bereits einen Superlativ ausdrücken: das Optimalste, das Einzigste, ein Super-GAU. Die FAZ schrieb sogar einmal vom größten Super-GAU (Seite 44).

In gehobener Sprache wird beim Komparativ auch gern das Wörtchen denn gebraucht, vor allem, um zu vermeiden, dass zwei als aufeinander folgen: Er ist besser als Koch denn als Chef. Lieber sterben, denn als Erzbergwerkzwerg zu enden. (Seite 203)

Das Wort gewöhnt wird immer mit der Präposition an gebraucht, gewohnt dagegen ohne: Elke war es gewohnt, von den Männern versetzt zu werden, aber daran gewöhnen konnte sie sich nie. (Seite 213)

Mehrmals erwähnt Bastian Sick Sprachschnitzer, die durch die Übernahme amerikanischer Regeln in die deutsche Sprache entstanden sind. Dazu gehört auch der „Deppen-Apostroph“ (Seite 29), der inzwischen nicht nur vor dem Genitiv-s, sondern auch vor dem Plural-s gesetzt wird: Kid’s, Hit’s (Seite 30f). Im Englischen heißt es zwar that makes sense, aber das macht Sinn ist nicht Deutsch.

Stattdessen sagen wir das ist sinnvoll oder das ergibt einen Sinn (Seite 49). Nachdem US-Präsident George W. Bush betont hatte, dass den Vereinten Nationen müsse beim Wiederaufbau des Irak a vital role zukommen müsse, schrieben deutsche Medien von der vitalen Rolle der UN, aber das englische Wort vital hätte in diesem Fall mit entscheidend oder maßgeblich übersetzt werden müssen (Seite 58f). Wer von einem Anstieg der Verkaufszahlen in 2006 (Seite 157) spricht, hat gedankenlos eine englische Formulierung übernommen, die im Deutschen falsch ist; hier heißt es im Jahr 2006. Bastian Sick tritt dafür ein, englische Wörter in der deutschen Sprache nach deutschen Grammatikregeln zu deklinieren und zu konjugieren (er hat ein Haus designt und Autoreifen recycelt), aber er nennt auch Ausnahmen: ein Motor ist nicht getunt, sondern getuned (Seite 145ff).

Von geradezu unerbittlicher sprachlicher Konsequenz zeugt es, wenn in Werbetexten oder Zeitungsartikeln „Handies“ angepriesen werden. Da werden – in einer Art blind vorauseilendem Gehorsam – englische Regeln auf original deutsche Wortschöpfungen angewandt. (Seite 38 – Der Plural von Handy schreibt sich Handys.)

Auch bei italienischen Begriffen propagiert Bastian Sick die Anwendung deutscher Grammatikregeln. So ist er dafür, in deutschen Restaurants keine Espressi, sondern Espressos und keine Pizze, sondern entweder Pizzas oder Pizzen zu bestellen (Seite 94ff). In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass die Substantive Sphaghetti, Graffiti, Paparazzi bereits im Plural stehen, es also keine Sphaghettis, Graffitis oder Paparazzis gibt (Seite 94ff).

Die Bewohner Pakistans sind übrigens keine Pakistani, sondern Pakistaner; in Monaco leben Monegassen, im Irak Iraker; die Bürger der Elfenbeinküste heißen Ivorer, und auf bzw. in Taiwan gibt es keine Taiwanesen, sondern Taiwaner (Seite 63ff). – Auf Taiwan sagt man, wenn man die Insel meint, in Taiwan, wenn man vom Staat spricht (Seite 66f).

Jede Meinungsäußerung mit ich denke anzufangen, hält Bastian Sick für eine Unart (Seite 156) wie auch die „Durch-Wucherung“ der Sprache (der Zweiundvierzigjährige wurde durch einen Grizzly getötet – Seite 198; korrekt: von einem) und die Verdrängung passender Nachsilben durch das modische Suffix bar:

Der Siegeszug der Silbenbarbaren scheint unaufhaltbar. (Seite 83)

Paradox ist ein Satz wie Der älteste Mann der Welt ist tot (Seite 69), denn sobald der bisher älteste Mann der Welt gestorben ist, rückt ein anderer an seine Stelle.

Einige Wörter werden immer wieder in falschen Zusammenhängen benützt: So kann man beispielsweise zwar Städte und Häuser, aber keine Menschen evakuieren (Seite 137). Zeitgleich ist etwas anderes als gleichzeitig; das Wort sagt nur etwas über die Dauer und nicht über die Parallelität eines Vorgangs aus (Seite 228f). Die Wörter offenbar und offensichtlich sind gleichbedeutend und synoym zu augenscheinlich, erkennbar und so weiter, aber sie dürfen nicht im Sinne von vermutlich oder möglicherweise gebraucht werden (Seite 221).

„Anscheinend“ drückt die Vermutung aus, dass etwas so ist, wie es zu sein scheint: Anscheinend ist der Kollege krank, anscheinend hat keiner zugehört, anscheinend hat der Chef mal wieder schlechte Laune. „Scheinbar“ hingegen sagt, dass etwas nur dem äußeren Eindruck nach, nicht aber tatsächlich so ist: Scheinbar interessierte er sich mehr für die Nachrichten (in Wahrheit wollte er bloß seine Ruhe haben) […] (Seite 139)

Zwei Frauen können nicht zur selben Zeit dasselbe Kleid tragen, wohl aber das gleiche. (Seite 210)

Eine Flasche Champagner auf eine umgestürzte Kerze zu gießen ist effektiv, denn das Feuer ist danach gelöscht. Effizient ist es hingegen nicht, denn ein Glas Wasser hätte es auch getan. (Seite 211)

Einige unregelmäßige Verben lauten in der Grundform gleich, werden aber je nach ihrer Bedeutung verschieden konjugiert: bewegen, bewegte versus bewegen, bewog; senden, sandte, gesandt versus senden, sendete, gesendet oder schleifen, schliff versus schleifen, schleifte (Seite 183ff).


„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ gibt es auch in einer gekürzten Hörbuch-Fassung, gelesen von Rudolf Kowalski. Wohl noch nie sorgte ein Buch, das sich mit der deutschen Sprache beschäftigt, für so viel Aufsehen. Aufgrund des Erfolgs veröffentlichten Bastian Sick und der Verlag (Kiepenheuer & Witsch drei Folgebände: „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Neues aus dem Irrgarten der deutschen Sprache“ (2005), „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Noch mehr Neues aus dem Irrgarten der deutschen Sprache“ (2006), „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Das Allerneueste aus dem Irrgarten der deutschen Sprache“ (2009).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006 / 2009
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

Konrad Duden (Kurzbiografie)

Bastian Sick: Happy Aua

Wolf Schneider: Deutsch für Kenner. Die neue Stilkunde
Ruprecht Skasa-Weiß: Fünf Minuten Deutsch. Modischer Murks in der Sprache

Otto de Kat - Mann in der Ferne
In seinem sehr poetischen Roman "Mann in der Ferne" erzählt Otto de Kat keine durchgehende Handlung, sondern er lässt uns teilhaben an den assoziativ verknüpften Erinnerungen seines melancholischen Ich-Erzählers, eines etwa sechsunddreißigjährigen Niederländers, der nicht darüber hinwegkommt, dass sein Vater starb, bevor er ein letztes Mal mit ihm reden konnte.
Mann in der Ferne

Otto de Kat

Mann in der Ferne

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: