München

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Originaltitel: Munich - Regie: Steven Spielberg - Drehbuch: Tony Kushner, Eric Roth, nach dem Buch "Vengeance" von George Jonas - Kamera: Janusz Kaminski - Schnitt: Michael Kahn - Musik: John Williams - Darsteller: Eric Bana, Daniel Craig, Geoffrey Rush, Mathieu Kassovitz, Ciarán Hinds, Hanns Zischler, Mathieu Amalric, Michael Lonsdale u.a. - 2005; 185 Minuten

Inhaltsangabe

Der unerfahrene Mossad-Agent Avner Kaufman erhält den Auftrag, die Hintermänner des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen in München zu töten. Deren Namen stehen auf einer Liste. Vier Männer bilden mit ihm zusammen die Todesschwadron. Nach den ersten Morden zweifelt Avner immer stärker daran, ob die Opfer auch wirklich mit dem Attentat zu tun hatten. Außerdem befürchtet er, dass er und seine Männer selbst in Gefahr sind ...
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Kritik

Der Politthriller "München" basiert auf dem umstrittenen Buch "Die Rache ist unser" von George Jonas. Steven Spielberg geht es nicht um eine zeitgeschichtliche Rekonstruktion, sondern um die Warnung vor einer Gewaltspirale.
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Nach dem Attentat am 5. September 1972 auf die israelische Olympiamannschaft während der XX. Olympischen Spiele in München und der Freilassung der drei überlebenden Terroristen am 29. Oktober 1972 beauftragt die israelische Premierministerin Golda Meir (Lynn Cohen) den unerfahrenen Mossad-Agenten Avner Kaufman (Eric Bana), den sie als einen ihrer früheren Bodyguards kennt, mit einem Sonderkommando die Hintermänner des Terroranschlags aufzuspüren und zu töten. Obwohl Avner seine hochschwangere Frau Daphna (Ayelet Zorer) in Israel zurücklassen muss, übernimmt er die Aufgabe. Die Namen der Zielpersonen stehen auf einer Liste, die er von seinem Vorgesetzten Ephraim (Geoffrey Rush) erhält.

Vier Männer aus verschiedenen Ländern stehen ihm in Europa für die Operation „Zorn Gottes“ zur Seite: Steve (Daniel Craig), Robert (Mathieu Kassovitz), Carl (Ciarán Hinds) und Hans (Hanns Zischler). Über Andreas (Moritz Bleibtreu) und Yvonne (Meret Becker), die in Frankfurt am Main leben und Kontakte zur BaaderMeinhof-Bande haben, kommen sie der ersten gesuchten Person auf die Spur. Sie erschießen den Mann in Rom.

Den PLO-Repräsentanten Hamshari (Yigal Naor) wollen sie in Paris durch eine im Telefon versteckte Sprengladung töten, doch als nicht er, sondern seine Tochter Amina (Mouna Soualen) abhebt, verhindern Carl und Avner die Explosion, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringen, und bei der Wiederholung des Versuchs reicht die Sprengladung nicht aus, um Hamshari zu töten. Beim dritten Anschlag, der in einem Hotel auf Zypern stattfindet, ist die Explosion dagegen so heftig, dass beinahe auch Avner im Nachbarzimmer ums Leben kommt.

Nie wurden größere Amateure mit einer solchen Mission betraut: Die Waffen klemmen im Holster, die Hände am Pistolengriff sind verschwitzt, die Finger am Fernzünder zittern unkontrolliert. Nichts läuft ganz nach Plan, ständig muss das Gewissen in Diskussionen beruhigt werden und lässt sich doch niemals zum Schweigen bringen. (Tobias Kniebe in „Süddeutsche Zeitung“, 25. Januar 2006)

Avner kommt in Kontakt mit einem undurchsichtigen französischen Informanten namens Louis (Mathieu Amalric), dessen Vater (Michael Lonsdale) sich ebenso dubios wie skrupellos in Geheimdienstkreisen bewegt.

Allmählich bezweifeln die Männer des Kommandos, ob die Opfer auch wirklich mit dem Attentat in München zu tun hatten. Außerdem gibt es Anzeichen, dass die Mitglieder der Todesschwadron selbst in Gefahr sind. Weil Avner sich verfolgt fühlt und befürchtet, dass seine Frau mit dem Neugeborenen in Israel nicht mehr sicher ist, schickt er sie nach Brooklyn.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

In einer Hotelbar macht sich eine Frau namens Jeanette (Marie-Josée Croze) an ihn heran. Nach einem kurzen Flirt verabschiedet sich Avner, aber als ihn in seinem Zimmer ein Gefühl der Einsamkeit überkommt, geht er noch einmal hinunter. Sie ist nicht mehr da. Der Duft ihres Parfums führt ihn zu Carls Hotelzimmer. Die Tür ist nicht verschlossen. Carl liegt nackt und tot auf seinem Bett. Louis behauptet, dass es sich bei Jeanette um eine niederländische Profikillerin handelt. Aber wer erteilte ihr den Mordauftrag? Jedenfalls spüren Avner, Steve und Hans die Frau auf einem Hausboot auf. Sie öffnet ihren Morgenrock und entblößt ihre Brüste, aber die Männer lassen sich nicht beirren und erschießen sie.

Am nächsten Morgen finden sie Hans erstochen auf einer Anlagenbank.

Robert kommt beim Bombenbasteln durch eine ungewollte Explosion um.

Nur Steve und Avner sind noch am Leben. Nach der Tötung von sieben der elf Zielpersonen auf der Liste zieht Avner sich nach New York zurück und versucht, mit Daphna und seiner kleinen Tochter ein möglichst normales Familienleben zu führen, aber er fühlt sich ständig bedroht.

Am Hudson-Ufer trifft er sich mit Ephraim, der ihm keine Beweise für die Beteiligung der Zielpersonen an dem Attentat in München geben kann, stattdessen blinden Gehorsam von ihm verlangt und ihn auffordert, nach Israel zurückzukommen, wo sein Vater im Sterben liegt und seine Mutter (Gila Almagor) wohnt, die als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebte.

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Der Film „München“ von Steven Spielberg beginnt mit Originalaufnahmen und nachgestellten Szenen vom Attentat am 5. September 1972 während der XX. Olympischen Sommerspiele in München. Auch später werden mehrmals Spielszenen von dem Desaster auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck eingeblendet, beispielsweise als Albträume der Hauptfigur Avner Kaufman oder auch als Bilder, die sich ihm beim Orgasmus aufdrängen. Im Hauptteil geht es um um eine angeblich von der damaligen israelischen Premierministerin Golda Meir (1898 – 1978) persönlich eingesetzte Todesschwadron, die den Auftrag erhielt, die Hintermänner des Terroranschlags der Palästinenserorganisation „Schwarzer September“ zu töten.

Das Drehbuch von Tony Kushner und Eric Roth basiert auf dem 1984 veröffentlichten Buch „Vengeance. The True Story of an Israeli Counter-Terrorist Team“ („Die Rache ist unser. Ein israelisches Geheimkommando im Einsatz“) des ungarischen Journalisten George Jonas, das unter dem Titel „Sword of Gideon“ schon einmal (1986) verfilmt worden war, dessen Inhalt jedoch heftig umstritten ist, denn die Darstellung steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit von George Jonas‘ wichtigstem Informanten Juwal Awiw (Avner), der von sich behauptet, der Anführer des israelischen Killerkommandos gewesen zu sein, dessen Angaben sich jedoch kaum nachprüfen lassen, zumal die israelische Regierung selbstverständlich dementiert, dass es die Operation „Zorn Gottes“ gegeben hat.

Als Buch ist „Vengeance“ ein ziemlich schlampiges Konvolut aus nacherzählten Interviews mit Jonas‘ Hauptinformanten Avner und Sekundärquellen. Weder Jonas noch sein Verlag konnten die Erzählungen des ominösen Avner überprüfen. (Andrian Kreye in Süddeutsche Zeitung, 22. Dezember 2005)

Man darf „München“ also nicht als zeitgeschichtliche Rekonstruktion missverstehen. Steven Spielbergs Anliegen ist nicht historische Genauigkeit, sondern die Veranschaulichung der These, dass Gewalt Gegengewalt hervorruft und die Beantwortung von Terror mit Gegenterror in einen Teufelskreis führt. Am Ende gibt es in „München“ keine Gewinner, sondern nur noch mehr Leid. Das Schlussbild – die Skyline von Manhattan mit den Türmen des World Trade Centers – lässt erahnen, dass Steven Spielberg dabei auch den von US-Präsident George W. Bush ausgerufenen Krieg gegen den Terrorismus im Blick hat.

Steven Spielberg, Tony Kushner und Eric Roth stellen in „München“ zwar die Frage, ob die Opfer des israelischen Rachefeldzugs mit dem Terroranschlag bei den XX. Olympischen Sommerspielen im September 1972 zu tun hatten oder nicht, aber sie geben darauf keine Antwort und beziehen auch keine Stellung, ob sie die illegale Tötung von Terroristen durch Geheimdienstagenten für gerechtfertigt halten.

Spielbergs „Munich“ ist ein dirty little picture, das sein Recht beansprucht, mehr Verwirrung und Verstörung zu provozieren, als Fragen zu beantworten. (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 22. Dezember 2005)

Ehud Danoch, der damalige israelische Generalkonsul in Los Angeles, kritisierte „München“ in der „New York Times“ als tendenziös. Der Film suggeriere, dass die israelische Reaktion auf den Anschlag bei den Olympischen Spielen in München die Eskalation des internationalen Terrorismus ausgelöst habe. Außerdem unterscheide er nicht zwischen der Ermordung von Sportlern und der Tötung von Terroristen. Während der Palästinener Ali (Omar Metwally) seine Auffassungen erläutert, gibt es in dem Film keine Darstellung aus israelischer Sicht. Steven Spielberg, Tony Kushner und Eric Roth haben nicht nur Ali, sondern auch Avners Mutter den Hinweis in den Mund gelegt, dass die Juden den Palästinensern ihr Land weggenommen haben.

Auch wenn nicht alles glaubhaft erscheint und einige Szenen pathetisch wirken, ist „München“ ein Politthriller mit einem authentisch wirkenden Ambiente. Das Drehbuch ist nicht besonders kreativ, und das Tempo wird durch hektische Schnitte vorgetäuscht, nicht durch eine rasante Geschichte erzielt. Bis auf den von Eric Bana eindrucksvoll gespielten sensiblen, verletzlichen, zweifelnden und selbstquälerischen Protagonisten Avner sind die Figuren eher eindimensional. Handwerkliche Fehler stören: Da pendelt beispielsweise in einem Hotelkorridor in Athen die Deckenlampe, aber die Schatten an der Wand bewegen sich nicht. Trotzdem gab es für „München“ fünf „Oscar“-Nominierungen (Film, Regie, Drehbuch, Schnitt, Musik).

„Munich“ ist ein provozierender und enervierender Widerspruch: Wunderbare und schrecklich spekulative Momente, Klischee und Originalität, Weisheit und Anmaßung bilden ein Konglomerat, das am Ende fast so unentwirrbar erscheint wie die Lage im Nahen Osten selbst. (Tobias Kniebe, Süddeutsche Zeitung, 25. Januar 2006)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006 / 2008

Attentat bei den XX. Olympischen Spielen in München, September 1972

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