Arnold Stadler : Sehnsucht

Sehnsucht

Arnold Stadler

Sehnsucht

Sehnsucht Originalausgabe: DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2002 ISBN 3-8321-5413-2, 328 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Erzähler fährt von Berlin nach Bleckede, um dort einen Vortrag zu halten. Am nächsten Tag sucht er einen Swinger-Club in Fallingbostel auf. Unterwegs erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend, u. a. an das erste Mal. "Die Zukunft war damals meine Sehnsucht, so wie heute die Vergangenheit mein Heimweh ist."
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Kritik

"Sehnsucht" ist bewusst beiläufig und unprätentiös geschrieben. Lesenswert ist der Roman nicht zuletzt wegen der zahlreichen gelungenen und sehr vergnüglich zu lesenden Formulierungen.
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Der Erzähler, der uns Lesern seinen Namen nicht verrät, fährt mit dem Wagen von seinem Wohnort Berlin nach Bleckede, wo er am Abend für 2000 D-Mark Honorar plus Spesen im Eckermann-Saal des Hotels „Eckermann“ einen Vortrag über Verbraucher halten soll.

Eigentlich konnte ich nicht klagen: das Leben hat mir trotz allem immer wieder Upgrades erteilt […] (Seite 57)

Man sieht nichts, aber ich mache es trotzdem jeden Morgen, ich dusche mich, ich rasiere mich, ich föhne mich, – aber dann sehe ich doch immer ganz ungewaschen, unrasiert und ungeföhnt aus. Ich gehe immer wieder in Sachen von Armani in die Welt hinaus; Armani wird aber an mir nicht erkannt, das Leinen-Sakko an mir erscheint der Welt als ungepflegt, verknittert wie ich, kurz: Ich gelte in der Welt als ungebügelt; und dann heißt es auch noch: Sie sehen aber müde aus! […] Es war alles einen „Tick“ verrückt bei mir. (Seite 39)

Manchmal scheint mir, ich bin durchs Leben gefallen, weil mir keiner richtig gezeigt hat, wie es geht. (Seite 270)

Mein Schwanz, ich darf nicht verächtlich von ihm reden, er stellte doch immer wieder für mich die Verbindung zur Welt her. (Seite 242)

Aus dem Sexführer, den er bei sich hat, weiß er von einer Drei-Sterne-Anlage in der Lüneburger Heide, unweit von Fallingbostel, einem Swingerclub mit dem Namen „Blue Moon“, den er am nächsten Tag aufzusuchen beabsichtigt.

Das [„Blue Moon“] war das Tagesziel für den folgenden Tag, den Vatertag. Mittlerweile war ich alt genug, auf so etwas einen Tag warten zu können. Den anfallartigen Hunger kannte ich nun schon lange nicht mehr. (Seite 41)

Früher hatte ich Angst vor dem Tod. Nun hatte ich Angst davor, den Vatertag allein verbringen zu müssen. (Seite 46)

Bei Schnackenburg an der Elbe beobachtet er mit seinem Feldstecher ein Paar beim Liebesspiel im Freien, unweit eines früheren Wachturms an der innerdeutschen Grenze, der inzwischen als Aussichtsturm dient. Er wird entdeckt. Der Mann springt auf, hält sich ein Handtuch vor, filmt ihn und sein Auto, um auch das amtliche Kennzeichen festzuhalten und beschimpft ihn, bis er einsteigt und weiterfährt.

Er hält seinen Vortrag in Bleckede und isst danach im Hotel zu Abend, während die Bedienung die Tische bereits fürs Frühstück eindeckt. Am nächsten Vormittag fährt er weiter. In Uelzen gerät er in einen Verkehrsstau. Ein Kran hievt eine extrem übergewichtige Frau, die ins Krankenhaus muss, aber von den Sanitätern nicht durchs Treppenhaus getragen werden kann, vom Balkon. In das Treppenhaus gegenüber ist ein Rübenbauer gekracht, der wohl gaffte und deshalb die Kontrolle über seinen Traktor verlor.

Schließlich trifft der Protagonist im „Blue Moon“ ein. Auf der „Spielwiese“ kommt er unter einer Unbekannten zu liegen, die schließlich meint: „Wenn du so weitermachst, schaffst du es nie bis Bad Oeynhausen!“ (Seite 257) Eigentlich kam er mit dem Vorsatz ins „Blue Moon“, drei Orgasmen zu haben, aber nach der ersten Nummer ist er so müde, dass er sich allein in einer Zweier-Fun-Kabine einschließt und sofort einschläft.

Als er dann vom „Blue Moon“ wegfahren möchte, springt der Motor nicht an. Er lässt den Wagen stehen, fährt mit dem einzigen an diesem Tag noch in Fallingbostel haltenden Zug nach Cuxhaven, übernachtet dort in einem Hotel und bucht für den nächsten Morgen einen Leihwagen.

Zwischendurch erinnert der Protagonist sich an seine Kindheit.

Er wuchs mit einem älteren Bruder und zwei Schwestern – Lioba und Donata – im traditionsreichen Jagdhaus seiner Familie irgendwo in Südwestdeutschland auf. Der Vater war zwar beinamputiert, aber mit einer goldenen Nahkampfspange aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Jedes Jahr veranstaltete er mehrere Jagdgesellschaften. Bei einer der Jagden wurde der „Stammhalter“ versehentlich erschossen, und der jüngere Sohn erfüllte die Erwartungen seines Vaters in keiner Weise.

Mein erstes Wort war ja: nein. Auch wollte ich nicht gekämmt werden. (Seite 115)

Sieben Generationen von Jägern, auch Großwildjägern in der Hohen Tatra, waren mir vorausgegangen und tot […] Ich war der Erste, der nicht zur Jagd gehen wollte, nicht einmal den sogenannten Jagdschein besaß. (Seite 89)

Das einzig Gradlinige an mir war vielleicht mein Schwanz. Mein Vater schämte sich meinetwegen, weil ich überhaupt keinen Kampfgeist besaß, wie er es nannte. Ich hatte überhaupt nichts Joschka-Fischer-haftes, mein Vater schämte sich, weil ich nie in eine Schlägerei verwickelt war, nie etwas kaputt machte, weil nie die Polizei kam, weil es nie eine Anzeige gegeben hat wegen mir. Keine einzige Schlägerei, nie die Schule geschwänzt, kein blauer Brief, – kurz: weil ich in Betragen immer eine Eins hatte.
Und doch auch Renitenz. Meine Renitenz: Die vielen Bälle, die sie mir zuspielten, habe ich einfach vorbeirollen und liegen lassen. Auch wollte ich nicht apportieren wie einer unserer Jagdhunde. (Seite 20)

Als ihn der von einer Bekannten gespielte Nikolaus fragte, was er denn einmal werden wolle, antwortete er brav: „Mami, Herr Nikolaus!“ Da lachten alle, und seine Mutter machte es nicht besser, indem sie zu erklären versuchte, ihr kleiner Sohn habe gemeint „wie seine Mutter“.

Mit sieben schwärmte er für Gabriele, eine Gleichaltrige, die er aus dem Kindergarten kannte und träumte davon, sie zu küssen und an einen Baum zu fesseln. Im Jahr darauf verliebte er sich in seinen Mitschüler Mike.

Als Zehnjähriger spielte er mit der zwei Jahre älteren Angelika. In dem Alter war das gerade noch schicklich. Angelika wohnte mit ihrer Mutter Anna und ihrer Tante Rosa in einem Haus. Rosa war gehbehindert, und Anna verdiente den Lebensunterhalt für sich, ihre ältere Schwester und ihre Tochter als Melkerin, Zeitungsausträgerin und Hebamme. Anna und ihr Verlobter Karl hatten während des Zweiten Weltkriegs eine Ferntrauung vorgenommen und „nach dem Endsieg“ richtig heiraten wollen. Mit einem Zuschuss der Wehrmacht war schon ein Kraft-durch-Freude-Doppelbett angeschafft worden – aber Karl kam nicht mehr von der Front zurück, nicht einmal auf Urlaub. Als das Haus der beiden Schwestern einmal wegen Maul-und-Klauen-Seuche unter Quarantäne gestellt wurde, war der Erzähler gerade da und musste nun einige Zeit dort bleiben, weil niemand das Haus verlassen durfte. Der Zehnjährige schlief auf einem Sofa. Eines Morgens, als Anna und Rosa bereits auf waren und nebenan Feuer machten, lockte Angelika ihn in ihr Bett, zeigte ihm ihren Nabel und begann auf ihm zu reiten. Da kam Anna ins Zimmer. Angelika lief rasch hinaus. Ihr Freund wurde mit einem Kochlöffel verprügelt. – Erst später erfuhr er, dass sein Vater Angelika gezeugt hatte.

Mit fünfzehn machten ihm seine „heimatlosen Erektionen“ zu schaffen. Weil er sich deshalb schämte und nicht am Turnunterricht teilnehmen wollte, simulierte er eine Sehnenscheidenentzündung und ließ sich von einem neu zugezogenen Chirurgen einen Gips anlegen. Der Arzt war verrufen, weil er mit seinem Freund – den er als Assistenten ausgab – zusammenlebte.

Es war der erste Schwule, als es dieses Wort noch gar nicht gab, der unter uns wohnte. Er war als Flüchtling aus Bayern gekommen, wo diese Art von Leben ganz unmöglich war, während sie in unserem Bundesland immer noch so gut wie unmöglich war. (Seite 166)

Schließlich waren dann auch der Wirt der Bahnhofsgaststätte und dessen Koch ein Paar. Der Erzähler versuchte, sich an die beiden heranzumachen. Beim ersten Mal ging er mit seiner Mitschülerin Andrea, der Tochter eines Chefarztes für Anästhesie, in die Wirtschaft. Das war ungeschickt. Dann überredete er eine Gruppe gleichaltriger Jungen zu einem Besuch in der Bahnhofsgaststätte. Und weil das ebenso wenig zum Ziel führte, ging er schließlich nach der Spätvorstellung des Films „Schulmädchenreport 3“ hin und bestellte eine Currywurst. Als der Wirt seinen schmachtenden Blick auffing, erschrak er, weil er befürchtete, er wolle Geld oder ihn im Auftrag der Polizei hereinlegen.

Der Erzähler ließ sich damals die Haare nicht beim örtlichen Friseur schneiden, sondern in der Stadt bei der kaum fünf Jahre älteren Helga, denn es war aufregend, wenn sie mit ihren Brüsten in die Nähe seines Kopfes kam.

Bei der Führerscheinprüfung mit achtzehn fiel er erst einmal durch, aber im zweiten Anlauf schaffte er es dann.

Vor dem Abitur gab es noch eine Klassenfahrt nach Hamburg. Beim Blinde-Kuh-Spiel in der Jugendherberge „Horner Rennbahn“ geriet er nicht an Andrea, wie erhofft, sondern an Uschi Geng. Nachts schlichen die Jungen sich in den Schlafraum der Mädchen. Der Erzähler schlüpfte zu Uschi ins Etagenbett und zog sich bis auf die Socken aus.

Ich glaubte, selig zu sein. Was Uschi glaubte, weiß ich nicht. Vielleicht hatte sie Angst, weil ihr gesagt wurde, dass es wehtat. Aber meine Angst davor, dass es wehtun könnte, war vielleicht noch größer […]
Und weil ich so ungeschickt war, und auch, weil es das erste Mal war, bin ich gekommen, noch bevor ich richtig gekommen war. Und Uschi schrie Shit! – in diese stille Nacht voller Gitarren hinein. Shit!
Und erklärte mich für verrückt.
Kannst du nicht aufpassen! – Mensch! – Blödmann – hörte ich, noch auf ihr liegend. (Seite 301f)

Bald darauf stellte Uschi fest, dass sie schwanger war. Ihr Vater, der Landrat, schickte sie für die Zeit bis zur Niederkunft in die nahe Universitätsstadt, wo sie in der Uniklinik als Putzfrau und Küchenhilfe beschäftigt wurde. Dann wurde sie im Hörsaal vor fünfundzwanzig Medizinstudenten von einem Jungen entbunden, den sie gleich darauf zur Adoption freigegeben musste. Zwei Jahre später heiratete sie einen Geschäftsmann, den sie auf einer Yacht in der Karibik kennen gelernt hatte.

Der Erzähler begann ein Forstwissenschaftsstudium und heiratete Hilde, eine wissenschaftliche Assistentin der medizinischen Fakultät.

Da er nicht als Kriegs- und Wehrdienstverweigerer anerkannt wurde und im Alter von achtundzwanzig Jahren zu den Gebirgsjägern nach Sonthofen eingezogen werden sollte, setzte er sich mit seiner Frau nach Westberlin ab. Hilde fand auch gleich eine Stelle an der Unfallstation des Gertraudis-Krankenhauses. Er brach dagegen sein Studium ab.

Mehrmals verließ Hilde ihn, einmal, nachdem er mit einem Brotmesser und einem Brotlaib nach ihr geworfen hatte. Doch als er sich in einer depressiven Phase mit Schlaftabletten umzubringen versuchte, fand sie ihn rechtzeitig und rettete ihm das Leben.

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Arnold Stadler erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern in vier zeitlich verschobenen Teilen: „Eines Tages, vielleicht auch Nachts“ spielt in der Gegenwart. In „Jeder Tag konnte der erste sein“ erinnert er sich an seine Kindheit. Dann springt er vom achtzehnten zum achtundzwanzigsten Lebensjahr und setzt die Erzählung fort bis in die Gegenwart: „Die Tage lagen vor mir wie Sand am Meer“. Der letzte Teil – „Days of sweet expectations and light dressed happiness“ – dreht sich um „das erste Mal“. Eingerahmt wird das alles von einem Prolog und einem Epilog.

Dieses Buch ist an meiner Sehnsucht entlanggeschrieben wie an einer Hundeleine. (Seite 71)

Der Roman „Sehnsucht“ handelt von einem namenslosen Ich-Erzähler, der wohl autobiografische Züge des Autors Arnold Stadler aufweist. Er fühlt sich heimatlos, hängt seinen Erinnerungen nach und schwankt zwischen manischen und depressiven Phasen. Einmal sagt er: „Die Zukunft war damals meine Sehnsucht, so wie heute die Vergangenheit mein Heimweh ist.“ In einer Mischung aus Ironie, Melancholie und Verzweiflung betreibt er Nabelschau. Zwischendurch kritisiert er auch die bundesdeutsche Gesellschaft:

Meine kleinen Mitbestien leben nun in ihren Neubaugebieten und führen eine Einfamilienhausexistenz mit integriertem Carport; wie aus der Immobilienwerbung, bildschön. Es kam wenig später noch einiges hinzu: ihre Ringstraßenvehemenz, ihr Gemeinschaftsantennen-Eifer, ihr Verkabelungsdrang, ihre Einliegerwohnungsgenehmigungsanträge, ihre Whirlpoolfantasien, ihr Grüner-Tonnen-Stolz, ihr ökologisches Windräder-Bewusstsein, ihr Geräteschuppen-im-Landhausstil-Ehrgeiz, ihre Tennis- und Fitnessclub-Mitgliedschaften, ihre Sperrmüll-Kalender-Daten, im Jahr, als der Ikea-Katalog endgültig die Heilige Schrift überrundet hatte und überdies das meistgelesene Buch war und es hundertmal so viel[e] ADAC-Mitgliedschaften gab wie wirkliche evangelische Gläubige, nein: hunderttausendmal soviel[e]. Es kamen ihre verkehrsberuhigten Zonen hinzu, ihre mülltrennungsgerechten Amsel-, Drossel- und Finkenwege, – kurz: ihre Equipment- und Wellnessexistenz, ihr Indoor- und Outdoorleben auf einer Fun- und Fotzenkompetenzbasis. (Seite 109f)

Einige Passagen erfordern beim Lesen ein wenig Geduld, weil sie ausschweifend sind und es mehrmals zu unnötigen (auch stilistisch überflüssigen) Wiederholungen kommt. „Sehnsucht“ ist bewusst beiläufig und unprätentiös geschrieben. (Dazu passen auch die vereinzelten Grammatikfehler.) Vor Kalauern und Obszönitäten schreckt Arnold Stadler nicht zurück. Lesenswert ist der Roman „Sehnsucht“ nicht zuletzt wegen der zahlreichen gelungenen und sehr vergnüglich zu lesenden Formulierungen.

Arnold Stadler wurde am 9. April 1954 in Meßkirch geboren und wuchs auf einem Bauernhof im Nachbardorf Rast auf. Er studierte katholische Theologie in München und Rom, dann Germanistik in Freiburg und Köln. 1999 erhielt Arnold Stadler den Georg-Büchner-Preis.

Arnold Stadler: Bibliografie (Auswahl)

  • Kein Herz und keine Seele (Gedichtband, 1986)
  • Feuerland (Roman, 1992)
  • Mein Hund, meine Sau, mein Leben (Roman, 1994)
  • Der Tod und ich, wir zwei (Roman, 1996)
  • Volubilis oder Meine Reise ans Ende der Welt (Erzählungen, 1999)
  • Ein hinreissender Schrotthändler (Roman, 1999)
  • Erbarmen mit dem Seziermesser (Essays, 2000)
  • Sehnsucht. Versuch über das erste Mal (Roman, 2002)
  • Tohuwabohu. Heiliges und Profanes (Anthologie, 2002)
  • Eines Tages, vielleicht auch Nachts (Roman, 2003)
  • Komm, gehen wir (Roman, 2007)
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © DuMont Literatur und Kunst Verlag

Arnold Stadler: Ein hinreissender Schrotthändler
Arnold Stadler: Komm, gehen wir

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