Judith W. Taschler : Die Deutschlehrerin

Die Deutschlehrerin
Die Deutschlehrerin Originalausgabe: Picus Verlag, Wien 2013 ISBN: 978-3-85452-692-6, 223 Seiten Droemer Taschenbuch, München 2014 ISBN: 978-3-426-30409-9, 223 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem sie 16 Jahre lang keinen Kontakt mehr hatten, treffen sich die Deutschlehrerin Mathilda Kaminski und der Jugendbuch-Autor Xaver Sand scheinbar zufällig wieder. Judith W. Taschler beschäftigt sich in dem Roman "Die Deutschlehrerin" allerdings weniger mit der Gegenwart als mit der Vergangenheit. Xaver hatte Mathilda damals ohne Abschied oder Erklärung verlassen und die Tochter eines reichen Prominenten geheiratet. Seine Ehe zerbrach, nachdem der eineinhalb Jahre alte Sohn spurlos verschwunden war ...
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Kritik

Judith W. Taschler hat den Roman "Die Deutschlehrerin" geschickt aus mehreren Handlungssträngen und verschiedenen Textarten komponiert. Durch den Wechsel der Perspektive ergeben sich Widersprüche, Korrekturen und Ergänzungen.
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Xaver Sand, der sich als österreichischer Jugendbuch-Autor einen Namen gemacht hat, wird Ende 2011 von der Kulturservicestelle des Landes Tirol eingeladen, im folgenden Frühjahr an einer Schule in Innsbruck einen einwöchigen Schreibkurs zu leiten. Überrascht stellt der 53-Jährige fest, dass es sich bei der Deutschlehrerin der beteiligten Schüler um seine frühere Lebensgefährtin Mathilda Kaminski handelt.

Sie hatten sich 1980 kennengelernt und waren im März 1982 zusammengezogen. Damals studierten sie noch in Wien Germanistik. 1994/95 schrieben sie gemeinsam eine aus den Bänden „Engelsflügel“, „Engelskind “ und „Engelsblut“ bestehende Jugendbuch-Trilogie, allerdings nur unter seinem Namen und ohne die Mitautorin zu erwähnen. Damit gelang Xaver der Durchbruch. Am 16. Mai 1996 verließ er Mathilda ohne Abschied oder Erklärung. Aus der Presse erfuhr sie, dass er zwei Monate nach der Trennung Denise Sonnenfeld geheiratet hatte. Die 40-jährige Tochter des steinreichen Promis Joachim Sonnenfeld und geschiedene Ehefrau eines Rennfahrers war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger und gebar am 21. Oktober 1996 den Sohn Jakob. Als dieser ein Jahr alt war, erfuhr Xaver nach einer medizinischen Untersuchung, dass er zeugungsunfähig sei. Ein halbes Jahr später, am 27. Mai 1998, verschwand Jakob spurlos aus einem im Garten abgestellten Kinderwagen. Liv Lundström, das schwedische Au-Pair-Mädchen, das auf Jakob aufpassen sollte, sagte aus, sie sei kurz in einem Schuppen gewesen, um zu telefonieren. Xaver und Denise trennten sich einige Zeit später und ließen sich 2004 scheiden.

Während sich Xaver in Innsbruck aufhält, um das Literaturprojekt durchzuführen, erzählen er und Mathilda sich wie früher Geschichten. Mathilda malt ihm aus, wie sie den eineinhalb Jahre alten Jakob aus Rache entführte, im Bunker des von ihrer Tante geerbten Hauses in Innsbruck einsperrte und darauf achtete, dass er niemals Sprache hörte, also auch selbst nicht sprechen lernte.


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Schließlich überredet sie Xaver, sich der Polizei zu stellen. Bei der Vernehmung im März 2012 durch den Kriminalbeamten Josef Zangerl gesteht er, was am 27. Mai 1998 tatsächlich geschah. Liv Lundström hatte den Kinderwagen mit Jakob in den Garten gestellt. Xaver ging dann mit ihr in den Schuppen, wo sie rasch Sex hatten. Als Liv wieder nach Jakob schauen wollte, war der Kinderwagen leer. Der Eineinhalbjährige musste unbemerkt herausgeklettert sein. Für sein spurloses Verschwinden gab es nur eine Erklärung: Xaver hatte vergessen, den Einspülschacht der Biogasanlage zu verschließen – und das Kind muss hineingefallen sein.

Im Nachhinein erfährt er, dass die Einladung nach Innsbruck kein Zufall war. Nachdem Mathilda am 14. Oktober 2011 erfahren hatte, dass sie unheilbar an Brustkrebs erkrankt sei, hatte sie eine Bekannte im Landesschulrat gebeten, den Jugendbuch-Autor für die geplante Schreibwerkstatt an ihre Schule zu holen.

Mathilda Kaminski stirbt am 5. Mai 2012.

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Nachdem sie 16 Jahre lang keinen Kontakt mehr hatten, treffen sich die Deutschlehrerin Mathilda Kaminski und der Jugendbuch-Autor Xaver Sand scheinbar zufällig wieder. Judith W. Taschler beschäftigt sich in dem Roman „Die Deutschlehrerin“ allerdings weniger mit der Gegenwart als mit der Vergangenheit. Dabei geht sie zurück bis zu Xavers Großvater Richard Sand, der 1908 in die USA ausgewandert und zehn Jahre später zurückgekommen war. Neben­handlungen wie diese drehen sich ebenfalls um konfliktreiche Liebesbeziehungen. Daraus ergeben sich Spiegelungen und Variationen.

Judith W. Taschler hat den Roman „Die Deutschlehrerin“ geschickt aus verschiedenen Textarten wie zum Beispiel E-Mails, Tagebuch-Einträgen und Zitaten aus einem polizeilichen Vernehmungsprotokoll komponiert. Dazu kommen Geschichten, die sich Mathilda und Xaver gegenseitig erzählen – und die alles andere als zuverlässig sind. Durch den Wechsel der Perspektive ergeben sich Widersprüche, Korrekturen und Ergänzungen.

Obwohl „Die Deutschlehrerin“ kein Thriller ist, bedient Judith W. Taschler sich einiger Elemente dieses Genres. Dabei geht es um den seit 27. Mai 1998 vermissten, damals eineinhalb Jahre alten Sohn von Denise und Xaver. Entführte Mathilda das Kind, um sich an Xaver zu rächen, der ihr die Erfüllung des Kinderwunsches verweigert und sie verlassen hatte? Oder hing Jakobs Verschwinden damit zusammen, dass Xaver ein halbes Jahr zuvor erfahren hatte, dass er zeugungsunfähig sei?

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018

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