Melancholia

Melancholia

Melancholia

Melancholia – Originaltitel: Melancholia – Regie: Lars von Trier – Drehbuch: Lars von Trier – Kamera: Manuel Alberto Claro – Schnitt: Morten Højbjerg, Molly M. Stensgaard – Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Alexander Skarsgård, Brady Corbet, Cameron Spurr, Charlotte Rampling, Stellan Skarsgård, John Hurt, Jesper Christensen, Udo Kier u.a. – 2011; 135 Minuten

Inhaltsangabe

Der riesige Planet Melancholia rast auf die Erde zu. Claire, die eine Familie hat und voll im Leben steht, hofft bis zuletzt, dass es nicht zu einer Kollision der Gestirne kommt. Ihre Schwester Justine leidet dagegen an einer schweren Depression. Für sie haben das Universum im Allgemeinen und das menschliche Leben im Besonderen keinen Sinn. Ihr Ehemann verlässt sie noch in der Hochzeitsnacht. Je näher Melancholia der Erde kommt, desto ausgeglichener wirkt sie, denn der Weltuntergang ist für sie eine Erlösung ...
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Kritik

In "Melancholia" beobachtet Lars von Trier das Geschehen auf einem Landsitz unmittelbar vor dem Weltuntergang. Wie die Menschen anderswo auf die Bedrohung reagieren, bleibt ausgeklammert.

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Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård) sitzen in einer weißen Stretchlimousine. Sie haben gerade geheiratet und wollen nun zur Hochzeitsfeier auf dem Landsitz von Justines Schwager John (Kiefer Sutherland). Eine Wegkrümmung erweist sich jedoch als zu eng für das lange Fahrzeug. Trotz mehrerer Versuche gelingt es weder dem Chauffeur (Gary Whitaker) noch Michael, den Wagen durch die Biegung zu bringen.

Dem Brautpaar bleibt also nichts anderes übrig, als den Rest des Weges zu gehen. Lachend nimmt Justine ihre High Heels in die Hand. Als die beiden mit zwei Stunden Verspätung auf dem schlossartigen Anwesen eintreffen, werden sie bereits von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und dem Hochzeitsplaner (Udo Kier) ebenso wie von den Gästen ungeduldig erwartet. Claire, die darauf bedacht ist, die Veranstaltung wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen, schlägt vor, aus Zeitgründen einige der Programmpunkte zu streichen, aber davon will die Braut nichts wissen. Justine, die an einer schweren Depression leidet, möchte durch die Hochzeitsfeier wieder Zugang zur Gesellschaft finden. Die zynischen Bemerkungen ihrer misanthropischen Mutter Gaby (Charlotte Rampling) und die Frivolität ihres Vaters Dexter (John Hurt), die hohlen Phrasen anderer Gäste und sinnlose Rituale wie das Anschneiden der Hochzeitstorte belasten Justine jedoch stärker als sie es erwartete. Claire entgeht nicht, wie sich die Stimmung ihrer Schwester rapide verschlechtert. Unter vier Augen drängt sie Justine, sich nicht die eigene Hochzeitsfeier zu verderben. Die Braut gibt sich Mühe, zu lächeln und anderen zuzunicken, fühlt sich jedoch unter den fröhlichen Leuten immer deplatzierter. Um das Gefühl der Erschöpfung zu bekämpfen, nimmt sie zwischendurch ein Bad, aber auch das hilft nur vorübergehend.

John, der für das Fest ein Vermögen ausgegeben hat, ärgert sich über seine Schwägerin.

Michael, der sich durch die Aufgabe, Justines Stimmung aufzuhellen, zunehmend überfordert fühlt, überrascht sie mit dem Foto eines Grundstücks, das er am Vortag heimlich gekauft hat, um dort mit ihr ein Haus zu bauen und Apfelbäume zu pflanzen. Justine bedankt sich lächelnd, lässt jedoch das Foto zwei Minuten später achtlos liegen.

Michaels Vater Jack (Stellan Skarsgård), der die Werbeagentur leitet, für die Justine als Texterin arbeitet, befördert sie in seiner Tischrede zur Art-Direktorin. Er hat einen Neffen mitgebracht, Tim (Brady Corbet), der mitschreiben soll, wenn Justine eine neue Tagline für die Agentur einfällt. Als sie mitbekommt, wie Tim von Jack gedemütigt wird, beschimpft sie ihren Chef und Schwiegervater hasserfüllt als miesen Charakter. Jack wertet ihren Ausfall als Kündigung und zertrümmert vor Zorn einen Teller.

Endlich ziehen Michael und Justine sich in ihr Gemach zurück. Justine öffnet den Rückenreißverschluss ihres Hochzeitskleides, bleibt dann aber auf der Bettkante sitzen, während Michael sich auszieht. Schließlich bittet sie ihn, ihren Reißverschluss wieder zu schließen und geht allein in den Park hinaus. Als sie dort Tim begegnet, bringt sie ihn dazu, sich auf den Rücken zu legen und treibt es mit ihm.

Michael reist noch in der Nacht ab. Innerhalb weniger Stunden hat Justine ihren frisch angetrauten Ehemann und ihren Job verloren.

Einen Tag später erhält Claire einen Anruf von ihrer Schwester. Justine fühlt sich niedergeschlagen. Weil sie sich nicht aufraffen kann, zu Claire zu fahren, schickt diese ihr ein Taxi. Als Justine auf dem Landsitz eintrifft, müssen Claire und ein Hausangestellter (Jesper Christensen) sie stützen und ins Haus führen, denn sie bringt nicht genügend Energie auf, um allein zu gehen. Sie ist auch nicht dazu fähig, mit Claires Hilfe in die Badewanne zu steigen. Und als Claire das Lieblingsessen ihrer Schwester auftragen lässt, spuckt Justine den ersten Bissen wieder aus und klagt, es schmecke wie Asche. Sie schluchzt, denn sie erinnert sich daran, wie gern sie früher einmal aß und weiß, dass es für sie keine Freude mehr geben wird.

Inzwischen hat man den riesigen Planeten Melancholia entdeckt, der noch bis vor kurzem hinter der Sonne verborgen war und jetzt auf die Erde zurast. John, der ein spektakuläres Naturereignis erwartet, wenn Melancholia die Erde in großer Nähe passiert, kauft sich ein Teleskop und erklärt seinem Sohn Leo (Cameron Spurr) begeistert, was geschieht. Claire erfährt jedoch aus dem Internet, dass einige Wissenschaftler aufgrund ihrer Bahnberechnungen einen mit der Kollision endenden Totentanz der beiden Gestirne befürchten. John tut das als Weltuntergangs-Prophezeiungen ab, wie es sie zu allen Zeiten gegeben hat. Aber Claire lässt sich nur vorübergehend beruhigen. Sie ist sehr beunruhigt. Um sich gegebenenfalls selbst das Leben nehmen zu können, besorgt sie sich ein Röhrchen Schlaftabletten.

Im Unterschied zu ihrer Schwester hat Claire etwas zu verlieren: Sie liebt das Leben und hat eine Familie. Justine wirkt hingegen von Stunde zu Stunde ausgeglichener. Nachts legt sie sich nackt in das blaue Licht des Planeten Melancholia. Sie sehnt das Ende als Erlösung herbei und bedauert es nicht, dass die Menschheit zugrunde geht.

Als John sich nicht mehr darüber hinwegtäuschen kann, dass die Planeten kollidieren werden, leert er heimlich Claires Tablettenröhrchen und vergiftet sich in einer Ecke des Pferdestalls. Claire sucht am Morgen überall nach ihm und findet schließlich die Leiche des Selbstmörders, der sich feige davongemacht hat. Nachdem Claire den Toten mit Stroh zugedeckt hat, ruft sie Leo und Justine zum Frühstück.

Sie möchte im Tod mit ihrer Schwester vereint sein und schlägt ihr deshalb vor, den Weltuntergang gemeinsam bei einem Glas Wein auf der Terrasse zu erwarten. Ob sie dazu auch noch Beethovens Neunte hören wolle, fragt Justine zynisch zurück.

Leo, der die Nervosität seiner Mutter spürt, hat Angst. Um ihn zu beruhigen, baut Justine mit ihm aus Ästen eine „magische Höhle“, eine Art Wigwam ohne Bespannung. Darin setzen sie sich zu dritt auf den Boden und nehmen sich bei den Händen, während der Planet Melancholia tief grollend heranrast und die Erde verschlingt.

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Die gleichförmig geschnittenen, geometrisch angeordneten Büsche in einem nächtlichen Barockpark werfen Doppelschatten, weil sie sowohl vom Mond als auch von dem Planeten Melancholia beleuchtet werden. Ein Pferd sinkt in extremer Zeitlupe zu Boden. Während Vögel tot vom Himmel fallen, blickt Justine teilnahmslos in die Ferne, und als sie die Hände hebt, züngeln Lichtbögen aus ihren Fingerspitzen. In der zehn Minuten langen Ouvertüre reiht Lars von Trier zu Musik aus der Oper „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner allegorische Szenen aneinander, die Themen der Handlung ankündigen, so auch den Weltuntergang durch die Kollision der Planeten Erde und Melancholia.

Wir wissen also von Anfang an, wie die Geschichte enden wird. Die bange Frage, ob der Weltuntergang noch vermieden werden kann, die in einem Katastrophenfilm für Spannung sorgen würde, stellt sich hier überhaupt nicht.

Nach den gemäldeartigen Tableaus der bombastischen Introduktion greift Manuel Alberto Claro zur Handkamera und betont durch verwackelte Aufnahmen und überhastete Zooms die Subjektivität der Darstellung. Zwischendurch sorgen grandiose Bilder dafür, dass man sich nicht an die vorgebliche Laienhaftigkeit der Kameraführung gewöhnt.

Mit einer Ausnahme (Anfahrt des Brautpaars in einer Stretchlimousine) spielt sich das Wenige, was sich an äußerer Handlung entwickelt, auf einem englischen Landsitz ab. Claire googelt zwar nach dem Planeten Melancholia, aber wie die Menschheit außerhalb des Guts auf den drohenden Weltuntergang reagiert, erfahren wir nicht. Lars von Trier beschränkt sich darauf, vier verschiedene Personen zu beobachten – Justine, Claire, John, Leo – und konzentriert sich dabei auf die beiden ungleichen Schwestern, mit deren Namen denn auch die beiden Teile des Films überschrieben sind.

Claire hat Familie und steht voll im Leben. Tatkräftig und umsichtig versucht sie, alles zu kontrollieren. Justine leidet dagegen an einer schweren Depression (deren Ursachen allerdings nicht ergründet werden). Für sie haben das Universum im Allgemeinen und das menschliche Leben im Besonderen keinen Sinn. Ihren Ehemann verliert sie noch in der Hochzeitsnacht. Den Weltuntergang sehnt sie als Erlösung herbei, und je näher er kommt, desto ausgeglichener wirkt sie. Die Depression gibt Justine eine besondere Hellsichtigkeit, die ihrer Schwester fehlt, denn Claire sträubt sich lange Zeit gegen den Gedanken, dass in Kürze alles zu Ende sein wird. Die beiden zentralen Figuren entwickeln sich also gegenläufig.

Lars von Trier, der selbst schwer depressiv und misanthropisch ist, arbeitet sich in „Melancholia“ an seinen eigenen Dämonen ab. Zugleich unterminiert er die Sehgewohnheiten des Kinopublikums mit einem surrealen und allegorischen, virtuosen und prätentiösen Epos. Unterhaltsam ist das nicht, zumal „Melancholia“ zweieinviertel Stunden dauert.

Charlotte Rampling, John Hurt, Kiefer Sutherland, Stellan Skarsgård und Udo Kier sind in „Melancholia“ unterfordert, weil es nur auf die beiden Hauptrollen ankommt, die von Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg eindrucksvoll verkörpert werden. Kirsten Dunst wächst in „Melancholia“ über sich hinaus: Nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen mit Depressionen gelingt ihr eine ebenso facettenreiche wie ausdrucksstarke Darstellung.

Die Premiere des Films „Melancholia“ fand im Rahmen der 64. Filmfestspielen von Cannes statt. Bei der aus diesem Anlass am 18. Mai 2011 gegebenen Pressekonferenz sorgte Lars von Trier für einen Eklat, indem er sagte: „Ich verstehe Hitler. Er war nicht, was wir einen guten Kerl nennen, aber ich kann ihm nachfühlen. […] Okay, ich bin ein Nazi.“

Mit „Antichrist“ und „„Nymphomaniac“ zusammen bildet „Melancholia“ die „Triologie der Depression“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Lars von Trier (kurze Biografie, Filmografie)

Lars von Trier: Europa
Lars von Trier: Breaking the Waves
Lars von Trier: Dancer in the Dark
Lars von Trier: Dogville
Lars von Trier: Manderlay
Lars von Trier: Antichrist
Lars von Trier: Nymphomaniac

Maarten 't Hart - Die Netzflickerin
In seinem konventionell erzählten, gut durchdachten und fesselnden Roman "Die Netzflickerin" zeigt Maarten 't Hart Mechanismen auf, die zur Verunglimpfung und Vorverurteilung von Personen führen. Zugleich kritisiert er damit die Macht der Medien sowie Intoleranz und Selbstgerechtigkeit.
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