Europa

Europa

Europa

Originaltitel: Europa – Regie: Lars von Trier – Drehbuch: Lars von Trier, Niels Vørsel – Kamera: Henning Bendtsen, Edward Klosinski, Jean-Paul Meurisse – Schnitt: Herve Schneid – Musik: Joachim Holbek – Darsteller: Jean-Marc Barr, Barbara Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegård, Erik Mørk, Jøørgen Reenberg, Henning Jensen, Eddie Constantine, Max von Sydow, Benny Poulsen, Erno Müller, Dietrich Kuhlbrodt u.a. – 1991; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Der junge deutschstämmige Amerikaner Leopold Kessler kommt 1945 nach Europa und beginnt in Deutschland eine Ausbildung zum Schlafwagenschaffner. Er trifft auf Deutsche, die strikt Regeln befolgen, die dem Idealisten absurd vorkommen. Und er wird Zeuge der "Entnazifizierung" eines Unternehmers, der zwar Juden in Viehwaggons zu den Vernichtungslagern transportierte, aber jetzt beim Wiederaufbau benötigt wird ...
Weiterlesen

Kritik

"Europa" ist ein artifizieller Film fast ausschließlich in Schwarz-Weiß. Nur einige wenige Szenen werden durch Farben akzentuiert. Stilistisch orientiert Lars von Trier sich in "Europa" an Franz Kafka und expressionistischen Stummfilmen.
Weiterlesen

Die Kamera fährt übers Gleis. Wir sehen die Schienen und Schwellen als ob wir durch die Frontscheibe einer Lokomotive schauen würden. Dazu ist die Stimme eines Hypnotiseurs (Max von Sydow) aus dem Off zu hören: „Wenn ich bis 10 gezählt habe, wirst du in Europa sein.“ Sie richtet sich an den deutschstämmigen Amerikaner Leopold Kessler (Jean-Marc Barr), der 1945 mit dem Schiff von New York nach Bremerhaven reist und von dort mit dem Zug weiter ins Landesinnere von Deutschland fährt. Damit möchte der junge Idealist nach dem Krieg einen Beitrag für eine Verständigung zwischen den verfeindeten Völkern leisten, etwas Freundlichkeit zeigen und die Welt menschlicher machen.

Der bei der Schlafwagengesellschaft Zentropa beschäftigte Bruder seines Vaters (Ernst-Hugo Järegård) verschafft ihm die Möglichkeit, sich zum Schlafwagenschaffner ausbilden zu lassen. Er muss allerdings nicht nur die Uniform bezahlen, sondern auch noch eine Kaution stellen.

Kessler wird in einem riesigen Schlafsaal untergebracht und sofort zurechtgewiesen, als er die Verdunkelung vom Fenster nimmt, um hinauszuschauen.

Auf einer seiner ersten Fahrten im Schlafwagen klingelt jemand aus dem Privatabteil des Eigentümers der 1912 gegründeten Zentropa nach Service. Da der Onkel sich gerade zurückgezogen hat, um heimlich zu trinken, bleibt Kessler nichts anderes übrig, als allein hinzugehen. In dem Abteil befindet sich Katharina Hartmann (Barbara Sukowa), die Tochter des Unternehmers Max Hartmann (Jørgen Reenberg). Sie will ihr Bett gemacht haben. Durchs Fenster sieht Kessler Menschen, die an Galgen hängen. Katharina erklärt ihm, das seien Partisanen und fordert ihn auf, bei ihr zu bleiben, solange der Zug durch einen Tunnel fährt.

Einige Tage später wird Kessler von Familie Hartmann zum Essen in der zum Teil zerbombten Frankfurter Villa des Zentropa-Besitzers eingeladen. Katharina stellt ihn ihrem Vater vor, ihrem homosexuellen Bruder Larry (Udo Kier), dem Pater der Familie (Erik Mørk) und dem mit Max Hartmann befreundeten amerikanischen Colonel Harris (Eddie Constantine). Harris nimmt Kessler im Verlauf des Abends zur Seite und fordert ihn auf, bei seinen Dienstfahrten auf politisch gefährliche Personen zu achten.

Steleman (Benny Poulsen), ein Freund der Familie Hartmann, der seine beiden kleinen Neffen in Frankfurt zum Zug nach Köln bringt, bittet Kessler, auf die beiden Kinder aufzupassen.

Während einer anderen Fahrt drängt ihn Ravenstein (Holger Perfort), ein vor den Nationalsozialisten nach London geflohener Jude, seiner mitreisenden Gattin (Anne Werner Thomsen) vorzulügen, dass es sich in der deutschen Heimatstadt des Ehepaars, in der Ravenstein kürzlich zum Bürgermeister gewählt wurde, schon wieder gut leben lasse. Aber sie lässt sich nicht umstimmen: Im Gegensatz zu ihrem Mann will sie nach Palästina statt nach Deutschland.

Unvermittelt beginnt ein Junge im Zug andere Fahrgäste zu erschießen.

In diesem Augenblick versetzt der Hypnotiseur Leopold Kessler wieder in die Villa der Familie Hartmann. Dort wird anlässlich von Max Hartmanns Entnazifizierung eine Party gefeiert. Während des Kriegs führte die Zentropa Sondertransporte von Juden in Viehwaggons durch. Damit die Besatzungsmächte ihn weiterarbeiten lassen, benötigt Max Hartmann einen sogenannten Persilschein. Er muss in einem Fragebogen angeben, dass er nicht zu den Nationalsoziallisten gehörte und dies von mindestens einem Juden oder Widerstandskämpfer beglaubigen lassen. Bisher haben es alle um die Beglaubigung gebetenen Personen abgelehnt, das Papier zu unterschreiben. Aber nun bringt Colonel Harris einen Juden mit in die Villa, der vor Zeugen aussagt, Max Hartmann habe ihm während des Krieges zu essen gegeben und ihn im Keller versteckt. Der Unternehmer erhält daraufhin den erforderlichen Leumund. Harris macht allerdings gegenüber Kessler kein Geheimnis daraus, dass er den Juden, den der bei einem Diebstahl ertappte, erpresste, weil Hartmann beim Wiederaufbau benötigt werde.

Während Katharina Hartmann Kessler verführt, schneidet sich ihr Vater im Bad die Pulsadern auf und verblutet [Suizid].

Kessler ist wieder im Dienst, als Larry Hartmann kurz nach der Abfahrt in Frankfurt zu ihm kommt und mit ihm durch den Zug in den Waggon geht, in dem sich der Sarg mit der Leiche seines Vaters befindet. Dabei kommen sie an vergitterten Abteilen vorbei, in denen ausgemergelte KZ-Häftlinge eingesperrt sind, durch Waggons, von deren Existenz man nichts wusste. Weil die Besatzungsmächte jede Versammlung verboten haben, also auch Trauerzüge, soll Kessler den Zug in Darmstadt anhalten, damit der Sarg für eine heimliche Trauerfeier hinausgeschafft werden kann. Prompt zieht Kessler in Darmstadt die Notbremse.

Weihnachten verbringt Kessler in München. Dort erfährt er, dass der Besitz Max Hartmanns beschlagnahmt wurde.

Er heiratet Katharina Hartmann.

Am Neujahrsmorgen treten sie im Privatabteil der Familie Hartmann ihre Hochzeitsreise an. Nachdem sie kopuliert haben, schläft Katharina ein. Kessler gerät bei dem Gedanken in Panik, dass er den Zug nicht verlassen kann und nicht weiß, wohin er fährt.

Das Ehepaar bezieht eine einfache Wohnung.

Einige Zeit später erhält Kessler im Dienst einen Anruf seiner Frau aus der Hartmann-Villa in Frankfurt. Er soll sofort zu ihr kommen.

In der Villa liegt Larry Hartmann tot auf dem Boden. Katharina wurde offenbar entführt. Steleman erklärt Kessler, was er tun müsse, um sie zu retten: eine Sprengladung unter dem Schlafwagen anbringen und auf der Rheinbrücke bei Neuwied zünden.

Vor Antritt der Fahrt erhält Kessler ein Paket mit der Bombe. Ausgerechnet während dieser Fahrt soll seine Abschlussprüfung stattfinden. Ein Inspektor (Dietrich Kuhlbrodt) und ein Beisitzer (Erno Müller) wollen ihm zunächst Fragen und ihm dann praktische Aufgaben stellen.

In einem auf dem Parallelgleis fahrenden Zug entdeckt Kessler Katharina. Sie ruft ihm zu, er solle die Anweisungen ihrer Entführer befolgen.

In Urmitz bricht Kessler die Prüfung ab, holt das Paket, befestigt die Sprengladung unter dem Waggon und stellt den Zünder ein. Dabei raubt ihm jemand seine Dienstmütze. Der Onkel tobt, als er ihn ohne die vorgeschriebene Kopfbedeckung sieht und stülpt ihm ein verknotetes Taschentuch übers Haar. Kessler will seinen Onkel warnen, aber der lässt sich während des Dienstes nicht auf Privatgespräche ein. Also springt Kessler vor der Rheinbrücke allein aus dem Zug.

Der Hypnotiseur sagt ihm, er müsse die Sprengung verhindern. Kessler läuft dem auf der Brücke langsam fahrenden Zug nach und hält im letzten Augenblick den in einer Zugtoilette platzierten Zeitzünder an. Steleman beobachtet ihn mit einem Feldstecher, steigt ins Auto, fährt parallel zum Zug und hupt. Währenddessen entdeckt der Onkel seinen Neffen in der Toilette und schimpft, weil dieser die Prüfung unterbrach. Obwohl Kessler zwischendurch ohnmächtig wird, setzen der Inspektor und der Beisitzer die Prüfung fort, bis letzterer sich hinlegt, um ein paar Stunden zu schlafen.

Colonel Harris holt Kessler ab und bringt ihn zu einem Abteil, in dem Katharina mit Handschellen gefesselt sitzt. Sie gehört zu Revanchisten im Untergrund, die sich „Werwölfe“ nennen. Sie gibt zu, ihrem Vater nachts anonyme Drohbriefe geschrieben zu haben und beteuert, das habe sie tagsüber bereut. Ein Fahrgast entdeckt den Schlafwagenschaffner und beschwert sich bei ihm darüber, dass seine Schuhe nicht geputzt worden seien. Sie sind zwar sauber, aber es fehlt das Kreidekreuz auf der Sohle, das der Schlafwagenschaffner auf geputzten Schuhen anzubringen hat. Verwirrt schreit Kessler: „Ich habe das Gefühl, seit ich hier bin, haben mich alle nur fürchterlich angeschissen. Jetzt bin ich an der Reihe, jetzt sag‘ ich mal was …“ Aber er weiß nicht, was er sagen soll. Stattdessen zieht er die Notbremse, entreißt einem amerikanischen Soldaten das Gewehr, gibt ein paar Schüsse ab und geht mit der Waffe durch den Zug.

Als dieser sich nach kurzem Aufenthalt wieder in Bewegung setzt und die Notbremse nicht mehr funktioniert, löst Kessler doch noch die Sprengung aus. Der Zug stürzt von der zerstörten Brücke in den Rhein und versinkt. Kessler ertrinkt. Seine Leiche schwebt aus einer offenen Türe und wird durch den Fluss zum Meer getrieben. Der Hypnotiseur meint: „Du möchtest aufwachen, dich von dem Bild Europa befreien, aber das ist unmöglich.“

nach oben

Ein deutschstämmiger Amerikaner kommt 1945 nach Europa. Dort trifft er auf Deutsche, die strikt Regeln befolgen, die dem Idealisten absurd vorkommen. Und er wird Zeuge der „Entnazifizierung“ eines Unternehmers, der zwar bei der Deportation von Juden in Vernichtungslager half, aber jetzt beim Wiederaufbau benötigt wird.

Die surreale Handlung spielt ausschließlich nachts und vorwiegend im fahrenden Zug.

Der kafkaeske Film „Europa“ spiegelt einige Grundzüge des Romanfragments „Amerika“ von Franz Kafka. Während sich „Europa“ um einen jungen Amerikaner dreht, der sich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der „Alten Welt“ nicht zurechtfindet, scheitert in „Amerika“ ein 16-jähriger Deutscher in der „Neuen Welt“ mit seinen Bemühungen, sich im Konkurrenzkampf gegen ungerechte Behandlungen und Übervorteilungen zu behaupten.

„Europa“ ist ein artifizieller Film fast ausschließlich in Schwarz-Weiß. Nur einige wenige Szenen – manchmal auch nur ein Detail wie der Griff der Notbremse – werden durch Farben akzentuiert. Stilistisch orientiert Lars von Trier sich in „Europa“ an expressionistischen Stummfilmen. Deshalb setzt er auch altmodische Hintergrundprojektionen ein.

„Europa“ bildet zusammen mit „The Element of Crime“ (1984) und „Epidemic“ (1987) eine Trilogie von Lars von Trier.

Lars von Trier ist selbst in einer kleinen Rolle zu sehen.

Zentropa heißt auch die 1992 von Lars von Trier und Peter Aalbæk Jensen gegründete dänische Filmproduktionsgesellschaft. Der Name ähnelt dem der 1916 in Deutschland gegründeten Schlaf- und Speisewagengesellschaft Mitropa (Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Lars von Trier (kurze Biografie, Filmografie)

Lars von Trier: Breaking the Waves
Lars von Trier: Dancer in the Dark
Lars von Trier: Dogville
Lars von Trier: Manderlay
Lars von Trier: Antichrist
Lars von Trier: Melancholia
Lars von Trier: Nymphomaniac

Christopher Isherwood - Der Einzelgänger
Christopher Isherwood hat einen besonderen Stil entwickelt: Er beschreibt Szenen so, als ob es sich um einen Dokumentarfilm handeln würde. Ungeachtet des ironischen Untertons bleibt der Autor sachlich und unaufgeregt. Seine Sprache ist kultiviert und ausgefeilt.

Der Einzelgänger

Christopher Isherwood

Der Einzelgänger

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.