Dogville

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Dogville

Dogville - Originaltitel: Dogville - Regie: Lars von Trier - Drehbuch: Lars von Trier - Kamera: Anthony Dod Mantle - Schnitt: Molly Marlene Stensgård - Musik: Antonio Vivaldi - Darsteller: Nicole Kidman, Harriet Andersson, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Paul Bettany, Blair Brown, James Caan, Patricia Clarkson, Jeremy Davies, Ben Gazzara, Philip Baker Hall, Thom Hoffman, Siobhan Fallon, John Hurt, Zeljko Ivanek, John Randolph Jones, Udo Kier, Cleo King, Miles Purinton, Bill Raymond, Chloë Sevigny, Shauna Shim, Stellan Skarsgård, Evelina Brinkemo, Anna Brobeck, Tilde Lindgren, Evelina Lundqvist, Helga Olofsson u.a. - 2003; 175 Minuten

Inhaltsangabe

Eine vor Gangstern fliehende junge Frau namens Grace sucht Zuflucht in Dogville, einer Kleinstadt in den Rocky Mountains. Die rechtschaffenen Bewohner gewähren der Fremden zwar Unterschlupf, fangen aber bald an, ihre Arbeitskraft auszubeuten. Als sich herausstellt, dass nach Grace gefahndet wird, schrauben die Bewohner von Dogville den Preis höher, und nachdem Grace zweimal vergewaltigt wurde, fallen auch die übrigen Männer über sie her. Ein Fluchtversuch scheitert, und Grace wird angekettet ...
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Kritik

In "Dogville" experimentiert Lars von Trier mit einer völlig neuen Art der Darstellung: Die Stadt Dogville, in der die Handlung ausschließlich spielt, existiert nur in Form von auf den Boden gemalten Grundrissen von Häusern und Zimmern. Türen und Mauern werden allenfalls pantomimisch dargestellt.
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Prolog

Thomas („Tom“) Edison Senior (Philip Baker Hall) lebt mit seinem gleichnamigen Sohn (Paul Bettany) zur Zeit der Großen Depression in Dogville, einer Kleinstadt in den Rocky Mountains. Der einzige Zugang, die Canyon-Road, die von Georgetown heraufführt, endet hier. Der alte Tom, ein Hypochonder, praktizierte früher als Arzt. Sein Sohn fühlt sich als Schriftsteller, wartet jedoch noch auf einen Einfall für einen Roman. Im Missionshaus predigt er regelmäßig zu den armen, puritanischen Mitgliedern der Gemeinde von Dogville.

1. Kapitel

Als der jüngere Tom abends vom Dame-Spiel mit Bill Henson (Jeremy Davies) zurückkommt und sich noch eine Weile auf eine Anlagenbank setzt („The Old Lady’s Bench“), hört er Schüsse im Tal. Bald darauf läuft eine junge Frau durch Dogville und will auf der anderen Seite weiter hinauf in die Berge. Tom hält sie davon ab und versteckt sie in der aufgelösten Silbermine, als ein Auto auftaucht. Bei den drei Insassen handelt es sich offenbar um Gangster, die auf der Suche nach der jungen Frau sind und wohl auch die Schüsse abgaben. Der Boss, der im Fond sitzt, drückt Tom seine Geschäftskarte in die Hand und verspricht ihm eine hohe Belohnung für Hinweise auf die Gesuchte.

Am anderen Morgen stellt Tom die flüchtige Frau der im Missionshaus versammelten Gemeinde vor. Sie heißt Grace Margaret Mulligan (Nicole Kidman). Tom ruft die Bewohner von Dogville dazu auf, ihren Großmut zu beweisen und einem Menschen in Not beizustehen. Widerstrebend gewährt man Grace für zwei Wochen Zuflucht. In dieser Zeit will man sich ein Bild von ihr machen und dann entscheiden, wie es weitergeht.

2. Kapitel

Grace befolgt Toms Vorschlag und geht in Dogville von Haus zu Haus, um den Bewohnern ihre Arbeitskraft anzubieten, aber niemand macht davon Gebrauch. Erst als Tom eingreift, beauftragt Ma Ginger (Lauren Bacall) sie, das Unkraut um die wild aufgegangenen Stachelbeersträucher herum zu jäten. Dann überredet Tom auch noch Vera (Patricia Clarkson), Grace auf ihre sieben Kinder Jason, Athena, Olympia, Pandora, Diana, Dahlia (Miles Purinton, Evelina Brinkemo, Anna Brobeck, Tilde Lindgren, Evelina Lundqvist, Helga Olofsson) und den Säugling Achilles aufpassen zu lassen. Doch als Veras Ehemann Chuck (Stellan Skarsgård) nach Hause kommt, wirft er Grace hinaus.

3. Kapitel

Nach zwei Wochen versammelt die Gemeinde von Dogville sich erneut im Missionshaus und stimmt darüber ab, ob Grace bleiben darf oder nicht. Grace bereitet sich schon darauf vor, weiter in die Berge hinaufsteigen zu müssen. In ihrem Bündel findet sie Geschenke einiger Bewohner von Dogville: einen Laib Brot, eine mit der Hand gezeichnete Landkarte und andere nützliche Dinge. Am Ende stimmen sogar Chuck und der Blinde Jack McKay (Ben Gazzara) für Grace’s weiteren Verbleib in Dogville.

Als Gegenleistung arbeitet Grace jeden Tag eine Stunde für jeden der Haushalte in Dogville.

Bei Jack McKay, der seine Blindheit aus Eitelkeit zu verbergen versucht, obwohl alle darüber Bescheid wissen, reißt sie eines Tages die Vorhänge an den Fenstern auf, von denen man eine herrliche Aussicht hat. Da gibt er endlich zu, blind zu sein.

4. Kapitel

Weitere drei Wochen später richtet Grace sich in der von Tom für sie hergerichteten Alten Mühle ein. Die beiden haben sich verliebt, wollen aber die Erfüllung ihrer Liebe hinauszögern.

Der Sheriff kommt heraufgefahren und bringt einen Anschlag an: Grace Margaret Mulligan wurde als vermisst gemeldet. Man sucht im ganzen County nach ihr.

5. Kapitel

Am 4. Juli feiert Dogville den amerikanischen Unabhängigkeitstag. In einer kleinen Ansprache heißt Jack McKay Grace ausdrücklich willkommen und bedankt sich für ihren positiven Einfluss auf die Bewohner der Stadt. Plötzlich muss Grace die Festtafel verlassen und sich erneut in der Mine verstecken, weil der Sheriff noch einmal heraufkommt und den Anschlag austauscht: Inzwischen wird wegen einiger Banküberfälle an der Westküste nach Grace gefahndet, und für Hinweise, die zu ihrer Ergreifung führen, gibt es eine Belohnung.

Eigentlich ist es strafbar, einer polizeilich Gesuchten länger Unterschlupf zu gewähren. Für die Bewohner von Dogville ist es riskanter geworden, Grace bei sich zu haben, und sie wissen, dass es für Grace jetzt noch wichtiger ist, in Dogville bleiben zu können. Deshalb soll Grace von nun an doppelt so viel arbeiten und weniger Lohn dafür bekommen. Der Flüchtigen bleibt nichts anderes übrig, als darauf einzugehen.

6. Kapitel

Der kleine Jason Henson stößt mit dem Fuß gegen die Wiege, in der sein jüngster Bruder Achilles liegt, provoziert Grace und fordert sie auf, ihn zu schlagen; andernfalls werde er seiner Mutter sagen, sie habe ihn verprügelt. Schließlich legt sie ihn übers Knie und gibt ihm ein paar harmlose Klapse auf den Hintern.

Wieder taucht der Sheriff auf, diesmal zusammen mit FBI-Agenten. Sie verhören die Bewohner. Während Chuck Grace den Schal abnimmt und einsteckt, teilt er ihr mit, er habe den Polizisten von einem im Wald herumliegenden Kleidungsstück erzählt und versprochen, es zu suchen. Auf diese Weise erpresst er sie zum Beischlaf.

7. Kapitel

Grace berichtet Tom von der Vergewaltigung. Er bleibt die Nacht über bei ihr in der Alten Mühle, aber nur, um mit ihr zu reden.

Vera stellt Grace zur Rede. Sie wird ihre Kinder Grace nicht mehr anvertrauen, denn Jason sagte ihr, er sei von ihr verprügelt worden, und man weiß in Dogville, dass Tom eine Nacht bei ihr verbrachte. Das werfe ein schlechtes Licht auf sie, meint Vera.

Kurze Zeit später taucht Vera erneut auf, diesmal mit Martha (Siobhan Fallon Hogan), die Chuck und Grace im Apfelgarten beobachtet hatte. Vera sprach bereits mit ihrem Mann darüber und er gestand ihr, er sei bereits mehrmals von Grace verführt worden. Zur Strafe zertrümmert Vera die sieben Porzellanfiguren, die Grace sich von ihrem bescheidenen Lohn zusammengespart hatte.

Grace hält es in Dogville nicht mehr aus. Tom will ihr bei der Flucht helfen und später nachkommen. Er nimmt seinem Vater 10 Dollar weg, die Grace dem Lkw-Fahrer Ben (Zeljko Ivanek) zusteckt, damit dieser sie zwischen den Apfelkisten versteckt und wegbringt. Nach einigen Minuten Fahrt hält Ben und kriecht zu Grace auf die Ladefläche. Überall seien Polizisten, flüstert er, und nach den strengen Regeln der Spediteure müsse er deshalb eine Gefahrenzulage von ihr verlangen. Aber die 10 Dollar, die Grace ihm bereits gab, waren alles, was sie hatte. Ben weiß einen Ausweg: An diesem Abend wollte er zu der Hure Laura. Wenn er sich das Geld sparen könne, wäre das der Ausgleich für die vorgeschriebene Gefahrenzulage. Er drängt sich an Grace und warnt sie davor, zu schreien, denn der Wagen stehe mitten auf dem Marktplatz in Georgetown. Nach der Vergewaltigung bringt Ben Grace nach Dogville zurück und behauptet, sie habe sich ohne sein Wissen auf seinem Lkw versteckt.

Die Bewohner von Dogville sind ungehalten über den Fluchtversuch, zumal Tom Edison Sr. am Abend zuvor 10 Dollar gestohlen worden waren und sein Sohn den Verdacht auf Grace gelenkt hatte. Bill Henson hat eine Idee, die von der Gemeinde aufgegriffen wird: Er schmiedet Grace einen Ring mit einer Kuhglocke um den Hals und verbindet ihn durch eine Kette mit einem schweren Gewicht, das Grace am Boden nachziehen muss, um gehen zu können. Damit ist sie praktisch eine Gefangene in Dogville.

8. Kapitel

Jede Nacht erhält Grace in der Alten Mühe Besuch von Männern, die sich an ihr vergehen. Bald haben alle bis auf Tom sie besessen. Als er sich auf sie legt, weist Grace ihn ab und erinnert ihn daran, dass sie sich nur in Freiheit lieben wollten.

Tom versicherte Grace zu Beginn ihres Aufenthalts in Dogville, er habe die Karte des Gangsterbosses verbrannt. Das war eine Lüge. Er holt sie hervor, ruft mit Wissen der anderen Bewohner von Dogville die angegebene Telefonnummer an und verrät Grace. – Acht schwarze Limousinen tauchen auf der Canyon Road auf.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

9. Kapitel

Tom organisiert einen höflichen Empfang für die Gangster. Die kümmern sich nicht weiter darum und befreien die Gefangene von ihrem Halsring. In einem der Autos sitzt der Gangsterboss (James Caan). Grace ist seine Tochter. Als sie vor einigen Wochen fortlief, verfolgte er sie zornig und ließ auch auf sie schießen. Das bereut er inzwischen; er möchte Grace wieder mit nach Hause nehmen und bietet ihr an, die Macht mit ihr zu teilen. Grace möchte die Befehlsgewalt sofort übernehmen. Sie ist nämlich überzeugt, dass Dogville bestraft werden muss, um für andere Gemeinden ein warnendes Beispiel zu setzen. Nur so könne die Welt besser werden. Grace befiehlt den Gangstern, die Bewohner von Dogville zu erschießen und die Stadt niederzubrennen. Ausdrücklich ordnet sie an, dass Vera vor ihrem Tod zusehen muss, wie ihre sieben Kinder nacheinander erschossen werden. Tom, der Grace gesteht, sie missbraucht zu haben, um der Gemeinde Anschauungsunterricht in Mitmenschlichkeit zu geben, wird von ihr persönlich erschossen. Nur der Hund Moses überlebt das Gemetzel.

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„Dogville“ ist ein Stück über Durchschnittsmenschen, die durch einen Zufall nahezu uneingeschränkte Macht über eine junge Frau bekommen und dadurch korrumpiert werden. Die Bürger von „Dogville“ beuten die zu ihnen geflüchtete Frau aus, vergewaltigen und erniedrigen sie. Die These lautet: Sobald jemand Macht über andere bekommt und keine Sanktionen zu befürchten braucht, bricht die zivilisierte Fassade der Puritaner zusammen und die Bestie kommt zum Vorschein.

Siehe dazu auch: Stanley Milgram: „Das Milgram-Experiment“, Morton Rhue: „Die Welle“ und Oliver Hirschbiegel: „Das Experiment“ und das Vorwort zu „Göring und Goebbels“ von Dieter Wunderlich.

Am Ende wird auch das Opfer zur faschistoiden Bestraferin, die sich einbildet, zum Wohl der Gesellschaft brutal handeln zu müssen. (Auf die Idee zu dem Film habe ihn der Song der rachsüchtigen Seeräuber-Jenny aus der „Dreigroschenoper“ von Bertold Brecht gebracht, sagt Lars von Trier.)

Nebenbei spielt Lars von Trier auf die Doppelmoral besonders der US-amerikanischen Gesellschaft an, zumal wenn er im Nachspann zu dem Song „Young Americans“ von David Bowie erschütternde Fotos deklassierter Amerikaner zeigt.

Lars von Trier, der 1995 als Initiator der „Dogma 95“-Bewegung bekannt wurde, experimentiert in „Dogville“ mit einer völlig neuen Art der Darstellung: Zu Beginn zeigt die senkrecht von oben gehaltene Kamera eine dunkle Fläche, auf der die Grundrisse der Häuser von Dogville aufgezeichnet sind. In den durch weiße Striche abgeteilten Zimmern stehen ein paar Sessel, und die Darsteller bewegen sich, als seien sie in ihren Häusern und von den anderen nicht zu sehen. Wenn ein Besucher kommt, klopft er an eine imaginäre Tür und einer der Bewohner kommt, um pantomimisch zu öffnen, obwohl es keine Wände gibt. Das ist beinahe wie auf einer Bühne, aber keiner herkömmlichen Guckkastenbühne, denn die Beschriftungen auf der Spielfläche („Elm St.“, „Thomas Edison’s House“, „The Old Lady’s Bench“) sind nur von oben zu lesen. Tag und Nacht werden durch die Beleuchtung symbolisiert. Die spartanische Ausstattung und der ständig aus dem Off zu hörende Erzähler erinnern an das epische Theater von Bertold Brecht, bei dem der Zuschauer auf Distanz gehalten werden soll, damit er nicht von der Illusion der Handlung mitgerissen wird, sondern sich bewusst mit dem Gezeigten auseinandersetzt. Wenn die Kamera allerdings in „Dogville“ die Gesichter immer wieder bildfüllend aufnimmt, geht diese Distanz wieder verloren.

In einem Interview gab Lars von Trier zu, dass dieser Setup nicht von Anfang an geplant war:

Beim Schreiben des Drehbuchs hatte ich eine ganz normale Kulisse vor Augen. Dann kam mir die Idee mit dieser theaterhaften Bühnensituation. Das passt gut zu dieser düsteren Brecht-Stimmung – die kleine Stadt, in der jeder unter Aufsicht steht.

In Inhalt und Form ist Lars von Trier wieder ein bedeutender, sehenswerter Film gelungen.

„Dogville“ ist der erste Teil einer Trilogie, die Lars von Trier über die USA plant. Der zweite Teil heißt „Manderlay“, und der dritte soll 2007 unter dem Titel „Washington“ ins Kino kommen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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