Christos Tsiolkas : Nur eine Ohrfeige

Nur eine Ohrfeige

Christos Tsiolkas

Nur eine Ohrfeige

Originalausgabe: The Slap Allen & Unwin, 2008 Nur eine Ohrfeige Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner Klett-Cotta, Stuttgart 2012 ISBN: 978-3-608-93902-6, 510 Seiten, 24.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Auf einer Gartenparty bedroht der dreijährige Hugo den fünf Jahre älteren Rocco mit einem Kricketschläger. Roccos Vater Harry geht dazwischen, und als Hugo ihn gegen das Schienbein tritt, ohrfeigt er ihn. Daraufhin zeigen ihn Hugos Eltern an. Freunde und Verwandte sind über Harrys Verhalten und die Reaktion von Hugos Eltern unterschiedlicher Meinung. Einige glauben, dass man unter keinen Umständen ein Kind schlagen dürfe, andere halten die Anzeige für unangemessen ...
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Kritik

In dem Gesellschaftsroman "Nur eine Ohrfeige" porträtiert Christos Tsiolkas vier Frauen und vier Männer. In dem Beziehungsgeflecht gibt es kaum zwei Menschen, die eine echte Gemeinschaft bilden.

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Manolis stammt aus Griechenland. Als junger Mann war er nach Australien ausgewandert. Inzwischen ist er 69 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Ehefrau Koula in Melbourne. Als ihre Schwiegertochter Aisha zur Feier des 43. Geburtstags ihres Ehemanns Hector eine Gartenparty veranstaltet, treffen Manolis und Koula als erste Gäste ein.

Hector fing nach dem Studium bei einer internationalen Hilfsorganisation als Buchhalter an, hielt es dort jedoch kein Jahr lang aus. Nach der Kündigung absolvierte er ein Praktikum bei einem multinationalen Versicherungsunternehmen, wechselte noch mehrmals die Stelle und ist inzwischen bei einer Behörde in Melbourne beschäftigt. Seine zwei Jahre jüngere Ehefrau Aisha wuchs in Indien auf. Ihre Eltern, die mit ihr aus Indien emigriert waren, leben in Perth. Aisha wurde zwar als Hindu erzogen, bekennt sich jedoch seit langer Zeit zum Atheismus. In Melbourne betreibt sie zusammen mit einem Kollegen eine Tierarztpraxis. Aisha und Hector haben zwei Kinder: Melissa und Adam. Während Aisha klassische Musik bevorzugt, hört Hector lieber Jazz. Er ist impulsiv und neigt dazu, sich gehen zu lassen. Seine Frau würde dagegen nie ohne Make-up das Haus verlassen. Sie legt großen Wert auf Ordnung und gilt als Organisationstalent.

Außer Manolis und Koula kommen weitere Verwandte und Freunde zum Barbecue: Hectors geschiedene Schwester Elisavet mit ihren Kindern Sava und Angeliki, sein Cousin Harry mit Ehefrau Sandi und achtjährigem Sohn Rocco, Hectors Arbeitskollege Dedj und dessen Ehefrau Leanna. Der Aborigine Bilal, der mit seiner Frau Shamira und den beiden Kindern Ibby und Sonja Shamira im Vorort Preston wohnt, ist seit der Schule mit Hector befreundet. Eigentlich heißt er Terry, aber seit er zum Islam konvertierte, nennt er sich Bilal. Aishas Bruder Ravi reist aus Perth an. Ihr Kollege Brendan gehört ebenfalls zu den Gästen. Die 17-jährige Schülerin Connie, die bei Aisha in der Praxis jobbt, bringt ihre Tante Natasha („Tasha“) mit. Und selbstverständlich kommen auch Aishas engste Freundinnen Anouk und Rosalind („Rosie“). Anouk, die fürs Fernsehen schreibt, wird von ihrem deutlich jüngeren Liebhaber begleitet, einem Schauspieler namens Rhys. Rosie und ihr Ehemann Gary haben den dreijährigen Sohn Hugo dabei, der noch immer gestillt wird.

Hector befürchtet, in dem Konflikt zwischen seiner Mutter und seiner Ehefrau Stellung beziehen zu müssen. Gleichzeitig achtet er darauf, dass niemand merkt, dass Connie seine Geliebte ist. Um der Belastung standzuhalten, nimmt er im Bad Drogen.

Die Kinder spielen miteinander. Als Hugo sich nicht an die Regeln hält und sich weigert, seinen Kricketschläger abzugeben, beschimpft Rocco ihn als Spielverderber und versucht, ihm den Schläger aus der Hand zu reißen. Da hebt der Dreijährige den Schläger über den Kopf. Hector sieht es und befürchtet, dass Hugo auf Roccos Kopf schlagen werde. Aber da packt Harry den kleinen Jungen. Erschrocken lässt Hugo den Schläger fallen. Sein Gesicht läuft vor Wut rot an, und er tritt Harry mit voller Wucht gegen das Schienbein. Der Erwachsene reagiert spontan mit einer Ohrfeige. Daraufhin geht Gary brüllend auf Harry los und wirft ihn fast zu Boden.

Wegen der Ohrfeige zeigen Hugos Eltern Harry an. Am nächsten Morgen werden er und seine Frau deshalb von zwei Polizisten vernommen. Die Nachbarn, die rasch herausfinden, warum der Streifenwagen vor dem Haus der Familie Apostolou hielt, wollen nichts mehr mit Harry und Sandi zu tun haben.

Der Automechaniker Harry Apostolou hat es zu einer eigenen Werkstatt im Stadtteil Altona und einem Haus mit Pool am Strand der Port Phillip Bay gebracht. Sandis erste drei Schwangerschaften endeten zwar mit Fehlgeburten, aber Rocco entwickelt sich zu einem gut erzogenen Jungen.

Wegen der Anzeige setzt Harry sich mit Andrew Petrious in Verbindung, einem mit ihm befreundeten Rechtsanwalt.

Ohne sich mit ihrem Mann abgesprochen zu haben, drängt Sandi dessen Cousin Hector, ein Versöhnungstreffen mit Rosie und Gary zu arrangieren. Harry ist zunächst ungehalten darüber, fügt sich dann aber und fährt mit Hector zu Hugos Eltern, um sich bei ihnen zu entschuldigen. Er wundert sich über das Unkraut im Vorgarten des gemieteten Hauses. Rosie, die Hugo gerade wieder stillt, nimmt Harrys Entschuldigung nicht an, und das Kind kräht:

„Das ist der böse Mann, der mich gehauen hat. Er kommt ins Gefängnis.“

Rosie giftet Harry an:

„Ihre Frau tut mir leid. Aber sie hat sich nun mal für Sie entschieden. Sie haben mein Kind geschlagen. Schlagen Sie sie auch?“
Harry rührte sich nicht, er atmete langsam ein und aus.
„Ich wette, Sie schlagen sie. Schlagen sie Ihr Kind? Wie oft schlagen Sie Ihr Kind?“
Er atmete tief durch.
„Ich kann nur hoffen, dass sie Sie nach dieser Geschichte verlässt. Ich hoffe, sie ist klug genug, Sie sitzenzulassen, Sie widerliches Sexistenschwein.“

Da springt Harry auf. Hugo erschrickt. Rosie fordert ihren Mann auf, die Polizei zu alarmieren. Aber bevor er zum Telefon greifen kann, verlässt Harry das Haus.

Statt zu seiner Frau fährt er zu seiner Geliebten Kelly Warwick, die zusammen mit ihrer Tochter Angela in einem von ihm gemieteten Apartment wohnt.

Über die Ohrfeige und die Reaktion von Hugos Eltern darauf sind Verwandte und Freunde unterschiedlicher Meinung.

Manolis findet es zum Beispiel absurd, dass wegen der Ohrfeige ein gerichtliches Verfahren gegen seinen Neffen Harry eingeleitet wurde. Er meint, Harry habe sich zwar nicht besonders umsichtig verhalten, aber es sei nicht mehr als ein Klaps gewesen, und den habe die kleine Nervensäge Hugo verdient.

„Meine Güte, niemand hat irgendwen verprügelt. Er hat ihm eine Ohrfeige verpasst, eine kleine Ohrfeige. Das ist alles. Und jetzt redet Aisha nicht mehr mit Harry, und diese blöde australische Schlampe ruft die Bullen, und was kommt dabei raus? Ihr Kind macht wahrscheinlich weiter überall Ärger. Das ist doch alles Blödsinn.“

Aisha erinnert ihren Mann daran, dass Harry vor zehn Jahren schon einmal seine damals schwangere Frau verprügelte. Sandi kam blutüberströmt zu ihnen. Harry hatte ihr zwei Zähne ausgeschlagen; ihre Lippe war aufgeplatzt, die Nase gebrochen und der Kiefer verschoben. Hector brachte sie ins Krankenhaus, wo sie behauptete, über eine Treppe gestürzt zu sein. – Zu ihrer Sprechstundenhilfe Connie sagt Aisha:

„Ich finde es verwerflich, ein Kind zu schlagen. Ich finde aber auch, dass Hugo an dem Abend zurechtgewiesen werden musste, weil er vollkommen durchgedreht ist. Ich finde Harrys Temperament ziemlich gefährlich, er sollte lernen, sich zu beherrschen. Aber er hat sich entschuldigt, und ich finde, Gary und Rosie hätten die Entschuldigung annehmen und es dabei belassen sollen. In dieser Geschichte hat sich niemand besonders ruhmreich verhalten […] Aber letzten Endes ist Hugo das Kind und Harry der Erwachsene. Harry hätte sich beherrschen müssen. Er trägt die Verantwortung.“

Connie wuchs in England auf. Ihre Mutter starb früh. Als ihr Vater Luke erfuhr, dass er wegen seiner AIDS-Erkrankung nicht mehr lang zu leben hatte, schrieb er seiner Schwester Tasha und bat sie, seine damals 14 Jahre alte Tochter nach Australien zu holen und sich um sie zu kümmern. Das war vor drei Jahren.

Mit ihrem schwulen, asthmatischen Freund Richie löst Connie sich als Babysitter für Hugo ab, wenn dessen Eltern etwas vorhaben.

Endlich wird der Termin für die Gerichtsverhandlung gegen Harry festgesetzt. Sie soll in Heidelberg, einem Vorort von Melbourne, stattfinden. Rosie erhält eine entsprechende Mitteilung.

Als sie 16 Jahre alt war, verließ der Vater die Familie, und die Mutter musste mit Rosie und deren Bruder Eddie aus dem Haus ausziehen. Daraufhin wurde Rosie in der Schule ausgegrenzt. Sie rächte sich, indem sie mit Freunden, Brüdern und Vätern der Mitschülerinnen ins Bett ging. Nur ihre Freundin Aisha hielt zu ihr, erfüllte ihr aber nicht den Wunsch, Eddie zu heiraten. Durch Aisha lernte Rosie dann auch Anouk kennen. Nach einer Affäre mit einem 35-jährigen Geschäftsmann aus Hongkong lebte sie acht Jahre lang in London. Dort schlug sie sich mit Aushilfsjobs durch und hatte ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann.

Eric hatte ein wunderschönes junges Mädchen zum Vögeln, und sie konnte in dem wunderbaren Apartment mit Blick über Westminister wohnen, das er für sie beide gemietet hatte. Er kaufte ihr hübsche Klamotten, Marihuana, Ecstasy und Koks. Sie waren ein hübsches Paar, elegant und mondän. Eric wusste, wie ein Anzug sitzen musste. Und er war ein toller Liebhaber, bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie genoss seine Reife, war glücklich, sich ihm zu öffnen: Daddy, willst du mich ficken?

Eines Tages rief ihr Bruder Eddie sie an und teilte ihr mit, dass der Vater sich erhängt habe [Suizid]. Die Beerdigung fand einen Tag nach Rosies Rückkehr in Perth statt. Sie blieb in Australien, wohnte eine Woche lang bei Eddie, dann bei Aisha und Hector in Melbourne. In Fitzroy fand sie eine Stelle als Sekretärin, und in Collingwood eine Wohnung. Zwei Monate später lernte sie Gary auf einer Vernissage in Richmond kennen. Er erzählte ihr freimütig von seiner Vergangenheit als Stricher, dass er seine Freundin zur Prostitution animiert hatte, drei Jahre lang heroinsüchtig gewesen und mit 1000 Dollar Schulden vor seinen Gläubigern aus Sydney geflüchtet war. – Auch heute noch muss Rosie aus finanziellen Gründen Klamotten für Hugo im Secondhand-Laden kaufen.

Von Anfang an konnte Gary ihre Freunde nicht ausstehen; er hält sie für kleinbürgerlich und langweilig. Inzwischen wirft er auch ihr vor, spießig zu sein. Und sie geraten mitunter in Streit, weil er der Meinung ist, dass sie den inzwischen vier Jahre alten Sohn längst abgestillt haben sollte. Einmal entblößt Gary vor Hugos Augen eine Brust seiner Frau und saugt daran. Der Junge sieht es mit staunendem Entsetzen und schlägt mit seinen Fäusten auf ihn ein, denn er beansprucht die Brüste seiner Mutter für sich allein.

An Hugos Geburt erinnert Rosie sich nur noch verschwommen wie an einen Albtraum.

Aber woran sie sich lebhaft erinnerte und was sie nie vergessen würde, war, dass sie sich in dem Moment, als man das Kind aus ihr herauszog, gewünscht hatte, man würde es von ihr wegbringen.
Die ersten sechs Monate zitterte sie jedes Mal vor Schrecken, wenn sie Hugo hielt. Sie hatte Angst, ihn irgendwann umzubringen […]
In diesen sechs Monaten war sie auch weiterhin zum Yoga gegangen, hatte sich regelmäßig mit Anouk und Aisha treffen wollen, hatte schlafen, trinken, Drogen nehmen, Sex haben, hatte jung sein wollen. Sie wollte keine Mutter sein. Es hatte sich angefühlt, als bräche sie entzwei, als wäre sie nicht länger Rosie, sondern eine seltsame Bestie, die keine Liebe für ein Kind empfinden konnte, das sie selbst in die Welt gesetzt hatte. Mein Gott, sie durfte gar nicht daran denken, wie sie den Jungen gehasst hatte.

Bei der Gerichtsverhandlung muss Rosie erstmals anhören, wie andere Zeugen den Vorfall mit der Ohrfeige wahrgenommen haben. Die Anklage gegen Harry lautet auf vorsätzliche Körperverletzung eines Kindes.

Die Urteilsverkündung der Richterin war präzise, intelligent, mitfühlend und vernichtend. […] Dann blickte die Richterin auf den Mann herab, der vor ihr stand. Rosie beugte sich vor, um sein Gesicht sehen zu können. Keine Spur von Arroganz, kein Grinsen war mehr darin zu sehen, stattdessen blickte er ängstlich und beschämt vor sich auf den Boden. Er spielt uns etwas vor, dessen war sie ganz sicher. Das Schwein tut nur so. Gewalt sei niemals eine angemessene Reaktion, wies die Richterin ihn zurecht, und vor allem nicht, wenn ein Kind involviert war. Das Monster nickte ergeben. Dieser dreckige Lügner. Aber, fuhr die Richterin fort, sie sehe ein, dass die Umstände in diesem Fall außergewöhnlich seien, weshalb sie ihn mangels weiterer Beweise freisprechen müsse. […] Sie sehe keinen Sinn in einer Verurteilung.

Nach Harrys Freispruch beschimpft Gary die Anwältin von der Rechtshilfe, die sie kostenlos vertrat, weil sie Rosie nicht davon abhielt, den Fall vor Gericht zu bringen. Zu Hause erzählt Rosie ihrem Sohn, der schreckliche Mann, der ihn geschlagen habe, müsse ins Gefängnis, und Gary bestätigt es notgedrungen.

Einige Zeit später fliegt Aisha zu einer Tagung nach Bangkok. Dort nimmt sie Speed und lässt sie sich auf einen One-Night-Stand mit ihrem 42 Jahre alten kanadischen Kollegen Art Xing ein, der in Montreal verheiratet ist. Danach trifft Aisha sich mit Hector zum Urlaub auf Bali. Sie lassen sich zunächst nach Ubud fahren, und später weiter zum Fischerdorf Amed.

Hector gesteht seiner Frau, sie unlängst mit einer 19-jährigen Praktikantin betrogen zu haben, und Aisha erzählt daraufhin von ihrer Affäre mit Art Xing.

Sie sind seit zwei Wochen wieder in Melbourne, als Aisha sich endlich dazu durchringt, Sandi anzurufen und ihr zur Schwangerschaft zu gratulieren. Sandi lädt sie und Hector daraufhin zu einem Grillabend ein. Nach anfänglichem Zögern sagt Aisha zu.

Rosie rastet aus, als sie von der Versöhnung ihrer Freundin mit Sandi und Harry erfährt. Aisha verteidigt sich mit dem Argument, Hector sei Harrys Cousin, und sie habe es ihrem Mann zuliebe tun müssen. Rosie schimpft und spuckt Aisha ins Gesicht.

„Er ist noch schlimmer als Harry. Er ist ein arrogantes Stück Scheiße. Und ein Langweiler.“

„Ich scheiß auf dich“, brüllte Rosie. „Ich scheiß auf dich und deinen beschissenen Mann, ich scheiß auf deine Kinder, auf deine ganze perfekte Mittelstandsfamilie. Ich hasse dich.“

Connie und Richie passen auch weiterhin auf Hugo auf, wenn Rosie und Gary nicht zu Hause sind.

Richies Vater Craig war neunzehn, als er Tracey schwängerte. Der LKW-Fahrer ließ sie sitzen. Unterhaltszahlungen musste Tracey gerichtlich einklagen. Craigs Mutter blieb allerdings mit Tracey und Richie in Kontakt, und sie gab keine Ruhe, bis ihr Sohn sich seiner Verantwortung stellte. Richie war bereits sieben, als er seinen Vater zum ersten Mal sah. Inzwischen ist er zehn Jahre älter und steht kurz vor dem Schulabschluss.

Als er sich mit seinem Vater trifft und dieser meint, Connie sei die Geliebte seines Sohnes, klärt dieser ihn darüber auf, dass Connie mit einem jungen Mann namens Ali eine Beziehung habe. Craigs Reaktion empört Richie:

„Ich weiß genau, was du meinst. Du magst keinen Araber, keine Asiaten, keine Aborigines, keine Schwulen oder sonst irgendjemanden, der anders ist als die weißen Langweiler hier draußen in diesem Zombieland.“

Richie ist in seinen Mitschüler Nick Cercic verliebt. Heimlich bewundert er auch Hector. Einmal sah er ihn zufällig nackt in der Dusche des Schwimmbads, und als sich der Erwachsene beim Abtrocknen die Vorhaut zurückschob, reagierte er darauf mit einer Erektion. Hector, dem das nicht entging, blickte ihn verächtlich an.

Während eines Spaziergangs mit Hugo hebt Richie das Kind auf die Schultern. An einer roten Verkehrsampel stehen sie neben einem alten Mann. Hugo spuckt ihm ins Gesicht und freut sich lauthals darüber, dass er ihn getroffen hat. Entsetzt fordert Richie den Vierjährigen auf, sich zu entschuldigen und beteuert seinerseits dem Greis, dass es ihm leid tue. Hugo aber tritt dem Fremden gegen die Schulter. Daraufhin setzt Richie den Jungen ab und zerrt ihn über die Straße. Als er ihn zu Hause abliefert, greift Hugo als Erstes nach der Brust seiner Mutter und beschuldigt Richie, ihm wehgetan zu haben. Richie berichtet, Hugo habe einen alten Mann angespuckt. Da nimmt Rosie an, dieser habe ihrem Kind Angst eingejagt.

Gary versucht nur halbherzig, sich einzumischen. Dann fordert er Richie auf, ein Bier mit ihm zu trinken. Der irritierte junge Mann behauptet, Connie sei vor einem Jahr von Hector vergewaltigt worden. Das hatte ihm seine Freundin tatsächlich erzählt, als sie sich nach einem Streit mit ihm versöhnen wollte.

„Dieser verdammte Kanake.“ Gary grinste seine Frau höhnisch an. „Deine Freunde, deine reichen, versnobten Freunde. Der Kerl ist ein Kinderficker.“

Gary nahm ihr Hugo weg. „Los. Du erzählst Aish jetzt alles. Du wirst dieser eingebildeten Zicke erzählen, mit wem sie verheiratet ist.“ Er wandte sich an Richie. „Und du kommst mit! Und dann wiederholst du, was du uns eben gesagt hast.“

Sie fahren zu Aisha in die Tierarztpraxis. Obwohl das Wartezimmer voll ist, lassen sie sich nicht aufhalten. Gary fragt Aisha, ob sie gewusst habe, dass ihr Mann es mit Connie treibt. Zufällig betritt die Schülerin in diesem Augenblick den Raum. Sie beteuert, Hector sei ihr nie zu nahe getreten und beschuldigt Richie, die Anschuldigung erfunden zu haben.

„Er ist besessen von Hector“, stieß Connie hervor. „Er ist krank im Kopf. Das denkt er sich alles nur aus. Er hat das Foto bei euch geklaut.“ Damit meinte sie Rosie. Richie konzentrierte sich auf eine Heftklammer, die zwischen den Teppichflusen versteckt lag. Allmählich bekam er wieder Luft. „Seht in eurem Fotoalbum nach. Er hat Fotos von Hector geklaut. Er ist krank, ein total kranker Wichser“, brüllte sie und trat ihm gegen das Bein.

Tracey, die in der Praxis am Empfang sitzt, kommt dazu und ohrfeigt ihren Sohn. Aisha wirft ihn, Gary und Rosie hinaus.

Zu Hause schluckt Richie in seiner Verzweiflung eine Handvoll Schlaftabletten. Aber seine Mutter entdeckt ihn noch rechtzeitig und bringt ihn ins Krankenhaus, wo ihm der Magen ausgepumpt wird.

Richie möchte Geomatik studieren, aber für die Universität von Melbourne ist sein Prüfungsergebnis zu schlecht. Nick Cercic hat besser abgeschnitten, aber nicht gut genug, um sich für Medizin immatrikulieren zu können. Er muss erst einmal mit Naturwissenschaften anfangen. Connie dagegen kann wie gewünscht Tiermedizin belegen.

Gary und Rosie ziehen mit Hugo fort und mieten ein Haus in Daylesford, 115 Kilometer nordwestlich von Melbourne. Durch die Vermittlung eines früheren Kollegen erhält Gary einen Job in Hepburn Springs.

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„Nur eine Ohrfeige“ ist ein Gesellschaftsroman des 1965 in Melbourne als Sohn griechischer Einwanderer geborenen Schriftstellers Christos Tsiolkas. Ungeachtet des Titels dient die Ohrfeige, die ein Erwachsener einem Kind gibt, lediglich als Klammer zwischen acht Porträts. Die Figuren, vier Frauen und vier Männer, sind über die Ohrfeige und die Reaktion der Eltern des betroffenen Kindes unterschiedlicher Meinung. Christos Tsiolkas nutzt dieses Szenario, um die Personen zu charakterisieren und ihr Beziehungsgeflecht darzustellen. Dabei fällt auf, dass es kaum zwei von ihnen gibt, die eine echte Gemeinschaft bilden. Wenn es darauf ankommt, sind sie trotz der Partner, Verwandten und Freunde allein. Den Jüngeren fehlt es an Orientierung, sie suchen erst noch nach einem Lebensentwurf. Die Erwachsenen begnügen sich in ihrer Gier nach Sex nicht mit den Partnern. Einige von ihnen sind alkoholkrank, andere nehmen Drogen.

Zu Beginn überfällt uns Christos Tsiolkas mit mehr als zwei Dutzend Figuren, deren Bedeutung sich erst einmal nicht einschätzen lässt. Jeden einzelnen Gast einer Gartenparty stellt uns der Autor vor. Damit macht er es den Lesern nicht leicht, in die Geschichte einzutauchen. Eine Zusammenstellung von Kurzporträts der acht Figuren, denen in „Nur eine Ohrfeige“ je ein Kapitel gewidmet ist, hilft auch nicht entscheidend weiter.

Die acht Kapitel des Romans „Nur eine Ohrfeige“ von Christos Tsiolkas wurden als achtteilige Fernsehserie von Jessica Hobbs, Matthew Saville, Robert Connolly bzw. Tony Ayres verfilmt (je zwei Folgen). Jonathan LaPaglia (Hector), Sophie Okonedo (Aisha), Alex Dimitriades (Harry), Essie Davis (Anouk), Lex Marinos (Manolis), Melissa George (Rosie), Sophie Lowe (Connie) und Blake Davis (Richie) spielen die Hauptrollen. Die achtteilige Fernsehserie lief erstmals vom 6. Oktober bis 24. November 2011 in Australien. In Deutschland wurde sie im September/Oktober 2013 von Arte ausgestrahlt: „The Slap. Nur eine Ohrfeige“.

The Slap. Nur eine Ohrfeige – Originaltitel: The Slap – Regie: Tony Ayres, Robert Connolly, Jessica Hobbs, Matthew Saville – Drehbuch: Emily Ballou, Brendan Cowell, Kris Mrksa, Christos Tsiolkas nach dem Roman „Nur eine Ohrfeige“ von Christos Tsiolkas – Kamera: Andrew Commis – Schnitt: Mark Atkin, Andy Canny – Musik: Antony Partos – Darsteller: Jonathan LaPaglia, Sophie Okonedo, Alex Dimitriades, Essie Davis, Lex Marinos, Melissa George, Sophie Lowe, Blake Davis u.a. – 2011; 480 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Geir Pollen - Wenn die gelbe Sonne brennt
Geir Pollen nimmt sich Zeit für eine sorgfältige und sensible, komplexe und differenzierte Darstellung. "Wenn die gelbe Sonne brennt" ist eine stilsichere, melancholische Komposition, die bis zur letzten Zeile formal und inhaltlich fesselnd bleibt.
Wenn die gelbe Sonne brennt

Geir Pollen

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