Die tödliche Maria

Die tödliche Maria

Die tödliche Maria

Originaltitel: Die tödliche Maria – Regie: Tom Tykwer – Drehbuch: Tom Tykwer, Christiane Voss – Kamera: Frank Griebe – Schnitt: Katja Dringenberg – Musik: Klaus Garternicht, Tom Tykwer – Darsteller: Nina Petri, Katja Studt, Juliane Heinemann, Josef Bierbichler, Peter Franke, Jean Maeser, Joachim Król, Rolf Peter Kahl, Renate Usko, Georg Winterfeld, Tom Spiess u.a. – 1993; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Maria ist 40 Jahre alt. Sie wird von ihrem gelähmten Vater tyrannisiert und von ihrem Ehemann ebenfalls unterdrückt. Beinahe wie eine Gefangene lebt sie in der gemeinsamen Wohnung. Weil sie keinen Gesprächspartner hat, schreibt sie schon seit ihrer Kindheit heimlich Briefe an eine afrikanische Holzfigur, die auf einem Sideboard steht. Im Hinterhaus zieht ein neuer Mieter ein und nimmt schließlich Kontakt mit ihr auf. Für Maria ist es eine völlig neue Erfahrung, von jemandem respektiert zu werden ...
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Kritik

"Die tödliche Maria" ist eine einfache, skurrile und beklemmende Geschichte, aber daraus macht Tom Tykwer mit pointierten Dialogen und kreativen Ideen in der Inszenierung großes Kino. Hervorzuheben ist auch die schauspielerische Leistung von Nina Petri.
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Maria Jakobs‘ Mutter stirbt bei der Geburt. Der Witwer (Josef Bierbichler), der nicht wieder heiratet, zieht Maria (Juliane Heinemann, Katja Studt, Nina Petri) auf und macht sie mit strengen Bestrafungen zu einer von ihm abhängigen Haushälterin, die auch seine Arbeitskollegen bedienen muss, wenn sie zum Kartenspielen kommen.

Als Maria die Schule abgeschlossen hat, sorgt er nicht dafür, dass sie einen Beruf erlernt, sondern behält sie weiterhin in der Wohnung und stellt nur in Aussicht, ihr irgendwann einmal eine Heimarbeit zu vermitteln.

Eines Tages klingelt es an der Tür. Maria öffnet. Vor ihr steht Jürgen (Rolf Peter Kahl), ein ehemaliger Mitschüler aus einer höheren Klasse, der etwas austrägt. Als er merkt, dass sie allein zu Hause ist, gibt er vor, durstig zu sein und bittet um etwas zu trinken. Arglos lässt sie ihn herein. Als er ihr zeigt, wie man küsst, werden sie von Marias Vater überrascht. Nachdem Jakob den Jungen hinausgeworfen hat, erleidet er einen Schlaganfall. Er überlebt zwar, ist aber fortan gelähmt und auf Maria angewiesen: Sie ernährt ihn, fährt ihn im Rollstuhl zur Toilette, wäscht ihn und führt weiterhin den Haushalt. Trotzdem tyrannisiert er sie weiter.

Einige Jahre nach dem Schlaganfall kommt Heinz Schmidt (Jean Maeser, Peter Franke) zu Besuch. Der 26-Jährige, der Maria aufwachsen sah, weil er regelmäßig mit ihrem Vater und anderen Kollegen Karten spielte, einigt sich mit dem Gelähmten darauf, dass er dessen Schwiegersohn wird und in die schuldenfreie Eigentumswohnung mit einzieht. Maria fügt sich.

Die Defloration in der Hochzeitsnacht ist für sie qualvoll. Im Lauf der Zeit gewöhnt sie sich daran, dass ihr Mann lieblos über sie herfällt. Während er sich auf ihr abmüht, starrt sie die Deckenlampe an.

Weil sie weder mit ihrem Vater noch mit ihrem Mann sprechen kann, schreibt sie schon seit ihrer Kindheit Briefe an eine afrikanische Holzfigur, die auf einem Sideboard steht. Die Briefe, die alle mit „Lieber Fomino“ beginnen, schiebt sie in den Spalt zwischen dem Schrank und der Wand.

Inzwischen ist Maria 40 Jahre alt. Im Hinterhaus zieht ein neuer Mieter ein. Maria sieht ihn durchs stets geschlossene Fenster, wenn er morgens mit seinem Fahrrad den Hof verlässt, und er schaut jedes Mal zur ihr hinauf.

Eines Tages ist er am Telefon. Er heiße Dieter Pohlmann (Joachim Król), stellt er sich vor, und wolle sich mit den anderen Mietern wegen der defekten Heizung besprechen. Ob er vorbeischauen dürfe. Erschrocken antwortet Maria mit Nein, aber dann schlägt sie vor, zu ihm zu kommen und verabredet sich für den nächsten Tag mit ihm.

Die Wohnung des schüchternen Sonderlings quillt vor Büchern und Zeitungsstapeln über. Er sei dabei, ein Verzeichnis aller Autoren und deren Veröffentlichungen zu erstellen, erklärt er Maria. Seit 21 Jahren arbeite er bereits daran, aber er habe es erst bis zum P geschafft. Tagsüber müsse er ja auch noch in den Verlag.

Er bietet Maria Kaffee an und Plätzchen, die ihm seine Mutter zweimal pro Jahr mit der Post schickt.

Für Maria ist es eine völlig neue Erfahrung, von jemandem respektiert zu werden. Dadurch beginnt sie ihr bisheriges Leben zu hinterfragen. Sie entfernt die Regalböden aus dem Sideboard und zerbricht die Rückwand, um an die zahlreichen Briefe zu kommen, die sich dahinter angesammelt haben. Dann liest sie einige davon und hängt ihren Erinnerungen nach.

Von dem Haushaltsgeld, das Heinz ihr regelmäßig hinlegt, zweigt sie jedes Mal ein wenig ab und versteckt die Scheine. Heinz ahnt das, und als er seine Spielschulden nicht bezahlen kann, verlangt er das Geld von ihr. Maria leugnet, etwas gespart zu haben, aber während sie beim Einkaufen ist, findet er das Versteck im Sockel der afrikanischen Figur und nimmt die Banknoten an sich. Maria überquert in diesem Augenblick einen Zebrastreifen, ringt plötzlich nach Luft und bricht vor einem Omnibus zusammen. Rettungskräfte reanimieren sie und bringen sie ins Krankenhaus, aber nachdem sie wieder zu sich gekommen ist, schleppt sie sich nach Hause und sieht den geleerten Sockel der Statue.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Beim Frühstück am nächsten Morgen gießt Maria wie immer den Kaffee auf. Plötzlich schüttet sie Heinz das kochende Wasser ins Gesicht. Er stürzt nach hinten und mit dem Rücken in die auf dem Fußboden stehende Holzfigur, die ihn durchbohrt und tötet.

Weil Maria sich nun nicht mehr um ihren Vater kümmert, stirbt er ebenfalls.

Dieter ruft an, aber Maria hebt nicht ab. Schließlich klingelt er bei ihr. Sie lässt ihn herein. Während sie in der Küche Kaffee kocht, wundert Dieter sich über die vielen Fliegen. Er geht zum Sideboard, und als er die Türe öffnet, kippt Heinz‘ von Fliegen übersäte Leiche heraus. Maria kommt ins Wohnzimmer und als sie sieht, wie Dieter auf den Boden kotzt, lässt sie das Tablett mit dem Kaffee fallen.

Verstört läuft Dieter aus der Wohnung.

Er steht im Hinterhof, als Maria sich aus dem Fenster stürzt. Dieter will sie auffangen, wird aber von ihrem Körper erschlagen. Nun liegen sie beide tot am Boden.

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Von Anfang an glauben wir, den muffigen Geruch in der engen, düsteren Wohnung zu riechen. Die Fliegen hören wir ohnehin. Aus dem Off spricht Maria: „Die Heizung hat wieder zu früh abgeschaltet. Das Bett war ein bisschen klamm. Heinz hatte eine Gänsehaut.“ Erst jetzt sehen wir Heinz, der sich auf seiner Frau abmüht, die es regungslos erduldet und dabei die Deckenleuchte anstarrt. Auf diese wirkungsvolle Weise skizziert Tom Tykwer in „Die tödliche Maria“ das Szenarium. Wenige Minuten später wissen wir, dass Maria nicht nur von ihrem Mann unterdrückt, sondern auch bereits seit ihrer Kindheit von ihrem Vater tyrannisiert wird.

Tom Tykwer erzählt die beklemmende Geschichte ganz aus Marias Perspektive. In der Gegenwart des Films ist sie 40 Jahre alt. Wir hören, was sie denkt. Und was sie als Kind bzw. Jugendliche erlebte, sehen wir in Rückblenden, wenn sie die Briefe liest, die sie schon damals an ihre afrikanische Holzfigur Fomino schrieb. Das Psychogramm wird dadurch immer feiner und differenzierter.

Im Grunde handelt es sich bei „Die tödliche Maria“ um eine recht einfache, skurrile Geschichte, und bis auf Maria bleiben die Figuren eindimensional, aber was Tom Tykwer daraus macht, ist großes Kino abseits des Mainstream. So kreativ ist er später nur noch in „Winterschläfer“, „Lola rennt“ und „Cloud Atlas“. Dabei handelt es sich bei „Die tödliche Maria“ um seinen für die ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ gedrehten Debütfilm.

Die Handlung spielt weitgehend in der Wohnung, die Maria sich mit ihrem Mann und ihrem Vater teilen muss. Optisch fallen auf: gekippte Horizonte, eine heftig bewegte und zoomende Kamera, krasse Wechsel in der Beleuchtung, Stroboskop-Effekte, Verlangsamung in der Wiedergabe. Die in Marias Kindheit spielenden Flashbacks sind blaustichig. Die ungewohnte Überblendung beim Lesen der Briefe wirkt in der ständigen Wiederholung penetrant. Aber die Schnittfolgen sind perfekt. Akustisch sind nicht nur die pointierten Dialoge und die stimmige – und an einigen Stellen bewusst fehlende – Musikuntermalung hervorzuheben, sondern auch ungewohnte Effekte: Da überlagern sich beispielsweise Klänge, und als der Vater erfährt, dass seine Frau bei der Geburt gestorben ist, verlangsamt sich die Stimme des Arztes wie bei einer zu langsam abgespielten Tonbandaufnahme. An anderer Stelle redet Maria aus dem Off und dann übergangslos in der Szene weiter.

Getragen wird „Die tödliche Maria“ nicht zuletzt von der überzeugenden, eindrucksvollen schauspielerischen Leistung der Hauptdarstellerin Nina Petri.

Bei dem Film mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe, den Maria und ihr Vater sich einmal anschauen, handelt es sich übrigens um „Es geschah am helllichten Tag“ von Ladislao Vajda. In einer anderen Szene ist Heinz Erhardt im Radio zu hören.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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