Winterschläfer

Winterschläfer

Winterschläfer

Originaltitel: Winterschläfer - Regie: Tom Tykwer - Drehbuch: Tom Tykwer und Anne-Françoise Pyszora, nach dem Roman "Expense of Spirit" von Anne-Françoise Pyszora - Kamera: Frank Griebe - Schnitt: Katja Dringenberg - Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek und Reinhold Heil - Darsteller: Ulrich Matthes, Heino Ferch, Floriane Daniel, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler, Laura Tonke, Agathe Taffertshofer, Sebastian Schipper, Sofia Dirscherl, Saskia Vester - 1997; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Der Bauer Theo kommt mit seinem Wagen auf einer verschneiten Bergstraße ins Schleudern. Seine kleine Tochter wird dabei getötet. Durch den Schock kann sich Theo kaum an den Unfallhergang erinnern. Weder die Polizei noch sonst jemand im Dorf will ihm glauben, dass er einem anderen Fahrzeug ausweichen musste, und man hält ihn für verrückt, weil er auf eigene Faust nach dem anderen Fahrer sucht ...

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Kritik

Durch Zufall kreuzen sich die Wege einer Reihe von Menschen. Der Film "Winterschläfer" – in dem die stilistisch-formale Komponente mindestens ebenso wichtig ist wie das erzählerische Element – handelt vom Erinnern und Vergessen, von Lebensangst und Lebensgier, der Suche nach Liebe und der Angst vor der Bindung.
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Die Kamera rast durch einen verschneiten Winterwald in den Bergen, dann über einen Gletscher mit bedrohlich klaffenden Spalten.

Die dreißigjährige Krankenschwester Laura (Marie-Lou Sellem) wohnt zusammen mit der gleichaltrigen Übersetzerin Rebecca (Floriane Daniel) in einem Dorf bei Berchtesgaden. Die Bergvilla hat sie von einer Großtante geerbt. Laura ist frustriert und bewohnt Räume, die grün sind wie ihre Kleidung, während die lebenshungrige Rebecca rote Farbtöne bevorzugt.

Rebeccas Freund, der Skilehrer Marco (Heino Ferch), kommt im blauen Anorak zu Besuch und möchte ihr sein neues Auto zeigen, lässt sich aber erst einmal von ihr ins Bett locken. Als er aufsteht und nachsieht, ist der Wagen (der zur Hälfte einer anderen Geliebten Marcos gehört, von der Rebecca nichts weiß) verschwunden.

Mit Marcos Auto ist der Filmvorführer Rene (Ulrich Matthes) unterwegs. Nach einem Kneipenbesuch ließ er seinen VW-Käfer stehen, machte sich zu Fuß auf den Weg und kam an Lauras Haus vorbei, wo er den Wagen mit der offenen Fahrertür bemerkte. Der Schlüssel steckte. Da stieg er ein und fuhr los.

Etwa zur gleichen Zeit setzte sich auch der Bauer Theo (Josef Bierbichler) ans Steuer, um das kranke Pferd seiner Tochter zum Tierarzt zu bringen. Das Kind sollte zu Hause bleiben, aber es schlich sich heimlich zu dem Pferd in den Anhänger. Die beiden anderen Kinder Theos rufen ihn unterwegs an. Als er nach dem Mobiltelefon tastet, übersieht er den entgegenkommenden Wagen. Im letzten Augenblick können Theo und Rene einen Frontalzusammenstoß vermeiden, aber sie geraten beide auf der schneeglatten Fahrbahn ins Schleudern. Rene rast über einen verschneiten Abhang, arbeitet sich aus dem im Schnee versunkenen Auto heraus, kriecht zur Straße hoch. Theos Auto und der Anhänger sind umgestürzt. Der Bauer liegt regungslos in dem Wrack. Als Rene an der Unfallstelle vorbeigeht, öffnet Theo kurz die Augen und sieht die schlangenförmige Narbe am Hinterkopf des Unfallgegners.

Ein anderer Autofahrer findet Theo und zieht ihn aus dem Wagen. Das Pferd ist schwer verletzt. Theo holt sein Gewehr und erschießt es. In diesem Augenblick entdeckt er seine bewusstlos im Straßengraben liegende Tochter.

Bei der Operation des Mädchens im Krankenhaus assistiert Laura.

Theo weiß nicht, wie es zu dem Unfall kam. Er ist überzeugt, dass ein anderes Fahrzeug beteiligt war, und an etwas wie eine Schlangenlinie kann er sich vage erinnern. Aber die Polizei geht davon aus, dass er allein auf der glatten Straße fuhr und ins Schleudern kam.

Rene kann sich an nichts erinnern.

Laura spielt in einem Laientheater. Nach einer Aufführung lernt sie Rene kennen. Er fährt sie nach Hause und schenkt ihr Freikarten fürs Kino. Die beiden verlieben sich.

Weil Theos Bauernhof überschuldet ist, muss er mit seiner Familie in eine Berghütte umziehen. Seine Tochter liegt weiterhin im Koma. Nach einiger Zeit glaubt Theo sich zu erinnern, dass die Schlangenlinie etwas mit einer Narbe am Hinterkopf eines Mannes zu tun habe, den er an der Unfallstelle wahrnahm. Auf Plakaten fragt er nach einem Mann mit so einer Narbe – aber seine Frau (Agathe Taffertshofer) folgt ihm und reißt die Aushänge wieder ab. Sie schämt sich, weil Theo daran festhält, dass noch jemand an dem Unfall beteiligt war, obwohl ihn die anderen Dorfbewohner deshalb als Spinner verlachen.

Marco kündigt seine Wohnung und zieht zu Rebecca und Laura ins Haus.

Rene erzählt Laura, dass er bei der Bundeswehr von einer Testgranate am Kopf verletzt wurde und seither Probleme mit seinem Kurzzeitgedächtnis hat (anterograde Amnesie). Deshalb fotografiert er ständig: Anhand der chronologisch in ein Album geklebten Bilder versucht er sich an bestimmte Ereignisse zu erinnern. Als er allein in Lauras Haus ist und auf der Suche nach einer Zigarette in Rebeccas Räume geht, entdeckt er zufällig Marcos Diebstahlsanzeige. Da beginnt er zu ahnen, dass er damit etwas zu tun haben könnte.

Beim Skifahren lernt Marco eine junge Dame im gelben Anorak kennen und flirtet mit ihr. Schließlich trifft er sich mit Nina (Laura Tonke) in der Villa seines verreisten Chefs. Er zieht sich aus, springt in den Swimming Pool und fordert sie auf, es ihm nachzumachen. Als er danach die Espressomaschine anstellt, verbrüht er sich mit dem heißen Dampf den Hals. Im Krankenhaus wird er von Laura verbunden. Zur gleichen Zeit stirbt Theos Tochter.

Als Theo sich an der Unfallstelle noch einmal sorgfältig umsieht, entdeckt er das halb im Schnee versunkene andere Auto.

Im Handschuhfach liegt Marcos Führerschein. Jetzt glaubt Theo zu wissen, wer außer ihm an der Unfallstelle war. Er findet heraus, auf welcher Piste Theo ist und sucht ihn. Währenddessen geraten Marco und Nina bei der Abfahrt in Nebel und verlieren sich aus den Augen. Nina stürzt und sucht in einer Berghütte Zuflucht. Zufällig ist es Theos neue Behausung. Seine Frau kümmert sich um das Mädchen. Hoch oben in den Bergen trifft Theo auf den Skilehrer, der zu Fuß absteigt. Sein Hund fällt ihn an. Marco erschlägt das Tier mit einem Stein. Um auf dem engen Bergsteig nicht an dem aufgebrachten Bauern vorbei zu müssen, schnallt er die Skier an und fährt die steile Abfahrt hinunter, doch im Nebel übersieht er eine Bergkante und rast über die hohe Felswand hinaus ins Nichts.

Rebecca verlässt frustriert das Dorf. Zu ihr ins Zugabteil steigt die verletzte Nina. Aber die beiden Frauen kennen sich nicht.

Im letzten Bild sehen wir Laura und Rene mit ihrem Baby.

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Wie Krzysztof Kieślowski, spielt auch Tom Tykwer gern mit dem Zufall: Wenn Marco den Zündschlüssel abgezogen hätte, Rene nicht zu Fuß nach Hause gegangen wäre, Theo seine Tochter im Auto mitgenommen hätte … Durch Zufall kreuzen sich die Wege einiger Menschen.

„Winterschläfer“ handelt vom Erinnern und Vergessen, von Lebensangst und Lebensgier, der Suche nach Liebe und der Angst vor der Bindung. Es geht um einen Mann, der einen Schuldigen sucht (und irrtümlich den falschen zu Tode hetzt) und einen anderen, der von seiner Schuld nichts weiß.

Diese Themen verdichtete Tom Tykwer in einem artifiziellen Film, in dem die stilistisch-formale Komponente mindestens ebenso wichtig ist wie das erzählerische Element.

Bereits zu Beginn und auch später noch einmal lässt ein Flug über Gletscherspalten das Unheil ahnen. Rebecca trägt zinnoberrote Wäsche und Kleidung, in ihrem Zimmer herrschen Rottöne vor, und selbst ihr Auto ist rot. Laura bevorzugt grün, Marco blau, Nina gelb, Rene schwarz und der Bauer Theo indifferente Grautöne. Gefilmt wird oft aus extremen Positionen, zum Beispiel senkrecht nach unten, aus einer Kamera, die um eine vertikale Achse rotiert. Das Wasser aus dem Duschkopf sprüht nicht von oben nach unten, sondern von links nach rechts. Tom Tykwer erzählt zwar die verflochtenen Geschichten sehr langsam, aber durch die rasanten Schnitte wird ständig zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin- und hergewechselt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2003

Gedächtnisverlust, Amnesie
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