Schlafes Bruder

Schlafes Bruder

Schlafes Bruder

Originaltitel: Schlafes Bruder - Regie: Joseph Vilsmaier - Drehbuch: Robert Schneider, nach seinem Roman "Schlafes Bruder" - Kamera: Joseph Vilsmaier - Schnitt: Alexander Berner - Musik: Winfried Grabe, Norbert Jürgen Schneider, Hubert von Goisern, Johann Sebastian Bach - Darsteller: André Eisermann, Ben Becker, Dana Vavrova, Jochen Nickel, Jürgen Schornagel, Eva Mattes, Angelika Bartsch, Herbert Knaup, Birge Schade u.a. - 1995; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Elias wächst zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts in dem Bergdorf Eschberg auf. Nicht der Ehemann seiner Mutter ist der Vater, sondern der Dorfpfarrer. Im Alter von fünf Jahren beginnt der ungewöhnlich musi­ka­lische Junge die Klänge und Geräusche des Universums zu hören – auch den Herz­schlag der noch ungeborenen Elsbeth, mit der er sich von Anfang an verbunden fühlt. Es ist die große Liebe seines Lebens, aber sie glaubt, dass für ihn nur die Musik wichtig sei ...
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Kritik

Fulminante Verfilmung des Romans "Schlafes Bruder" von Robert Schneider. Mit André Eisermann hat Joseph Vilsmaier die ideale Besetzung für die Rolle des Bergbauernsohnes Elias Alders gefunden.

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1803 bringt Agathe Alder (Michaela Rosen) in dem Bergdorf Eschberg qualvoll einen Jungen zur Welt. Die Hebamme (Regina Fritsch) befürchtet zunächst, dass es sich um eine Totgeburt handelt, aber als sie erschrocken das Te Deum anstimmt, beginnt der Neugeborene zu atmen. Der leibliche Vater des Kindes ist nicht Agathes Ehemann (Péter Franke), sondern der Dorfpfarrer Elias Benzer (Jürgen Schornagel).

Dass Johannes Elias Alder sich zu einem Außenseiter entwickelt, der mit seiner hellen Sopranstimme wunderbar singt, hält Agathe für ein Zeichen, dass er vom Teufel in Gestalt des Geistlichen gezeugt wurde. Sie hält Elias auf Distanz, und von den anderen Dorfbewohnern wird er ebenso gemieden wie der Köhler Michel (Jochen Nickel), der behauptet, Gott sei nicht in der Kirche, sondern in der Natur zu finden.

Einige Wochen bevor Elias‘ Freund Peter eine Schwester bekommt, beginnt der fünfjährige Elias die allen anderen Menschen verborgenen Klänge und Geräusche des Universums zu hören, vor allem, wenn er sich nackt auf einen bestimmten Felsen legt, den er für einen Fußabdruck Gottes hält. Er vernimmt auch den Herzschlag Elsbeths, als sie geboren wird. Mit ihr fühlt er sich von Anfang an verbunden; Peters Schwester wird die große Liebe seines Lebens.

Elsbeth wird jedoch später einem anderen versprochen. Lukas (Detlef Bothe), so heißt er, beobachtet während der Sonntagsmesse, dass Elias (ab jetzt: André Eisermann) und Elsbeth (Dana Vavrova) Blicke wechseln. Eifersüchtig ist aber auch Peter (Ben Becker), denn er fühlt sich zu Elias hingezogen und möchte ihn nicht an eine Frau verlieren.

Elias führt Elsbeth zu dem von ihm entdeckten Felsen und vertraut ihr an, dass er es für möglich hält, von dieser Stelle in den Himmel aufzufahren. Elsbeth beklagt sich über Elias Stille, doch er meint, in ihm drinnen rede es in einem fort.

Mit Peters Hilfe schnitzt Elias neue Pfeifen als Ersatz für die kaputten der Kirchenorgel, die sie dann heimlich in einer Nacht reparieren. Ohne Noten lesen zu können oder je musizieren gelernt zu haben, drückt Elias seine Gefühle für Elsbeth auf der Orgel aus. Der Lehrer und Organist Oskar Alder (Paulus Manker) hört es, begreift die Genialität des Jungen, befürchtet dessen Konkurrenz – und erhängt sich aus Verzweiflung.

Bei seiner Beerdigung glaubt der irre gewordene Kurat auf einer Taufe zu sein.

In seiner Abgehobenheit kann Elias das Dorfmädchen Elsbeth nicht so lieben, dass sie ihn versteht. Sie glaubt, die Musik sei für ihn wichtiger als sie und wendet sich wieder Lukas zu. Während Elias erstmals in der Sonntagsmesse anstelle von Oskar Alder auf der Orgel spielt, hört er mit seinen übersinnlichen Fähigkeiten, wie es Elsbeth und Lukas miteinander treiben. Das verstört ihn. Er rennt aus der Kirche und ertappt das Paar in flagranti.

Hilfe suchend wendet Elias sich an den Köhler Michel. Der sagt zu ihm: „Was redest du? Du kannst gar nicht lieben, Elias. Du bist der einsamste Mensch der Welt. Wer liebt, schläft nicht.“ Von da an weigert Elias sich, die Orgel zu spielen und zieht sich noch mehr zurück.

Um zu verhindern, dass Elias und Elsbeth erneut zusammenkommen, sperrt Peter seine Schwester ein und zündet das Haus an, während die Gemeinde die Messe besucht. Elias hört das Feuer, bevor andere es wahrnehmen. Er rettet Elsbeth. Aber die Flammen haben bereits auf andere Häuser übergegriffen. Das ganze Dorf brennt nieder.

Eine Gruppe von Männern hält den gotteslästerlichen Köhler Michel für den Brandstifter. Mit Äxten und Stöcken bewaffnet, suchen sie ihn auf. Er blickt Peter an und weiß offenbar, wer das Feuer legte, wehrt sich jedoch nicht, als Lukas ihn anzündet. Ohne einen Laut von sich zu geben, verbrennt Michel bei lebendigem Leib.

Die Obdachlosen – darunter auch die schwangere Elsbeth – verlassen das Dorf. Elias und Peter gehören zu den wenigen, die bleiben.

Ein halbes Jahr später reist der Kantor Fürchtegott Goller (Herbert Knaup) mit einem Kutscher (Robert Schneider) nach Eschberg. Er hat den kaiserlich-königlichen Auftrag, sämtliche Orgeln des Landes zu begutachten und zu registrieren. Der vornehme Kantor wundert sich über das wohlklingende Musikinstrument in dem abgelegenen, verwüsteten Dorf. Von Peter dazu gedrängt, setzt Elias sich nach langer Zeit erstmals wieder an die Orgel und spielt. Daraufhin nimmt Goller das Naturgenie mit in die Stadt Feldberg und sorgt dafür, dass Elias am jährlichen Orgelwettbewerb in der Kathedrale teilnimmt.


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Elsbeth, die mit ihrer kleinen Tochter in Feldberg unterwegs ist, vernimmt die Ankündigung der Veranstaltung durch einen Ausrufer. Um Medikamente für ihren schwerkranken Mann Lukas kaufen zu können, prostituiert sie sich. Man verwehrt der Sünderin den Zugang zur Kirche, aber schließlich bezahlt einer ihrer Freier für sie und überredet den Türsteher, sie durchzulassen.

Beim Wettbewerb erhält Elias die Aufgabe, die Bach-Kantate „Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder“ zu spielen. Er kennt das Stück nicht, und Noten kann er nach wie vor keine lesen. Goller rät ihm, drauflos zu spielen, und Elias improvisiert ein gewaltiges Orgelkonzert, das die dicht gedrängten Zuhörer im Kirchenschiff begeistert.

Danach zerren ihn Goller und Peter durch die jubelnde Menschenmenge zu einer Kutsche und fahren mit ihm los. Vergeblich versuchte Elsbeth, zu ihm zu kommen. Elias hat allerdings gehört, wie sie nach ihm rief.

Er wandert mit Peter zu dem mythischen Stein. Dort lässt er sich nieder. „Wer liebt, schläft nicht“, meinte der Köhler. Das befolgt der 22 Jahre alte Elias nun und hält sich mit Fliegenpilzen wach. Er verweigert die Nahrungsaufnahme und redet kein Wort mehr. Peter ist verzweifelt, kann ihn aber nicht umstimmen. Er küsst den Sterbenden und begräbt ihn nach seinem Tod unter ausgerissenem Gras.

Einige Jahre später kommt Elsbeth mit ihrer Tochter und wundert sich darüber, dass der Stein verschwunden ist.

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„Die Beschreibung seines Lebens ist nichts als die traurige Aufzählung der Unterlassungen und Versäumnisse all derer, welche vielleicht das große Talent dieses Menschen erahnt haben, es aber aus Teilnahmslosigkeit, schlichter Dummheit, oder […] aus purem Neid verkommen ließen“, schreibt Robert Schneider, der Autor des Romans „Schlafes Bruder“. „Es ist eine Anklage wider Gott, dem es in seiner Verschwenderlaune gefallen hatte, die so wertvolle Gabe der Musik ausgerechnet über ein Eschberger Bauernkind auszugießen, wo er doch hätte absehen müssen, dass es sich und seine Anlage in dieser musiknotständigen Gegend niemals würde nutzen und vollenden können. […] Welch prachtvolle Menschen, Philosophen, Denker, Dichter, Bildner und Musiker muss die Welt verloren haben, nur weil es ihnen nicht gegönnt war, ihr genuines Handwerk zu erlernen. […] Da trauerten wir um diese unbekannten, diese geborenen und doch zeitlebens ungeborenen Menschen. Johannes Elias Alder war einer von diesen.“

Robert Schneider verfasste dann auch das Drehbuch für die Verfilmung seines Romans „Schlafes Bruder“ unter der Regie von Joseph Vilsmaier. Der Akzent ist in dem archaisch-alpenländischen Neo-Heimatfilm ein wenig vom Thema der nicht nutzbaren Genialität zur tragischen Liebesgeschichte verschoben.

Mit André Eisermann hat Joseph Vilsmaier die ideale Besetzung für die Rolle des Bergbauernsohnes Elias Alders gefunden. Dieser sensible Schauspieler verkörpert die Figur des in der Liebe und am Leben scheiternden Genies ebenso eindrucksvoll wie überzeugend.

Robert Schneider spielt in „Schlafes Bruder“ eine kleine Rolle als Kutscher.

Die Dreharbeiten fanden 1994 in Gaschurn in Vorarlberg, St. Anton am Arlberg und in der mittelböhmischen Stadt Kutná Hora (Kuttenberg) statt. Das fiktive Bergdorf Eschberg wurde südlich von Gaschurn errichtet.

Die Orgelklänge stammen aus der Kirche St. Johann in Erding und dem Alten Dom in Linz. Als Spieltisch in Eschberg sehen wir den einer 1881 für die Kirche St. Laurentius in Ziethen von Friedrich Albert Mehmel (1827 – 1888) aus Stralsund gebauten Orgel.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2017

Robert Schneider: Schlafes Bruder

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