Leo und Claire

Leo und Claire

Leo und Claire

Originaltitel: Leo und Claire - Regie: Joseph Vilsmaier - Drehbuch: Reinhard Klooss und Klaus Richter, nach Motiven der Dokumentation "Der Jude und das Mädchen" von Christiane Kohl - Kamera: Joseph Vilsmaier - Schnitt: Hans Funk - Musik: Gert Wilden jr. - Darsteller: Michael Degen, Suzanne von Borsody, Franziska Petri, Alexandra Maria Lara, Dietmar Schönherr, Kai Wiesinger, Jochen Nickel, Axel Milberg, Jürgen Schnornagel, Jasmin Schwiers, Rüdiger Vogler, Andrea Sawatzki, Hanns Zischler u.a. - 2001; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der 49 Jahre alte Schuhgroßhändler Leo Katzenberger lernt 1932 die 22-jährige Fotografin Irene Scheffler kennen, die in das Fotoatelier in seinem Mietshaus einzieht. Er wird ihr väterlicher Freund. Den anderen Mietern entgeht nicht, wie oft der jüdische Hausherr die "arische" Fotografin besucht. Von "Rassenschande" wird getuschelt ...

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Kritik

Im Mikrokosmos der missgünstigen Hausgemeinschaft veranschaulicht Joseph Vilsmaier den Alltag unter dem NS-Regime, den Neid und die Verbitterung der Kleinbürger, die schließlich einen Menschen der Willkürjustiz eines nationalsozialistischen Richters ausliefern: "Leo und Claire".
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Leo Katzenberger (Michael Degen) wurde 1873 in Unterfranken geboren und kam im Alter von 39 Jahren nach Nürnberg. Mit seinem Bruder Max führte er einen Schuhgroßhandel und verdiente viel Geld. 1932 wurde er zunächst stellvertretender und sieben Jahre später erster Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnbergs. Die Gebrüder Katzenberger bewohnten mit ihren Familien eine Villa in der Praterstraße. Am Spittlertorgraben 19 im Rückgebäude befand sich der Hauptsitz der Firma, und die Wohnungen auf der anderen Seite des Innenhofs vermietete Leo Katzenberger.

Das seit dem Tod ihres Onkels leer stehende Fotoatelier in Leo Katzenbergers Mietshaus übernimmt 1932 die 22-jährige Fotografin Irene Scheffler (1910 – 1984; gespielt von Franziska Petri). Sie renoviert die Räume und träumt von künstlerischen Aufnahmen, doch sie muss froh sein, wenn sie hie und da ein Passfoto oder ein Hochzeitsbild knipsen kann. Zum Ausgleich macht sie mit dem Selbstauslöser Aktaufnahmen von sich selbst. Leo Katzenberger stundet ihr die Miete, setzt sich für ein Porträt in einem Sessel zurecht und kommt dabei auf die Idee, seine Filiale in Fürth von ihr fotografieren zu lassen. Sein Chauffeur fährt sie hin, und bevor sie zurückkehren, lädt der Unternehmer die Fotografin in ein teures Restaurant ein. Leo wird Irenes väterlicher Freund. Häufig besucht er sie. Als er ihr Pumps schenkt, schlüpft Irene sofort hinein und fordert ihn auf, mit ihr Walzer zu tanzen. Nach einigen Runden geraten sie außer Atem, fallen lachend auf die Couch – und Irene küsst Leo zaghaft auf den Mund.

„Der Stürmer“ veröffentlicht einen Hetzartikel gegen den „Schuhjuden Katzenberger“. Leo verklagt die Zeitung und hat damit Erfolg. Vor dem Gerichtssaal wartet Irene mit einem Blumenstrauß auf Leo, um ihm zu gratulieren. Seine Frau Claire (Suzanne von Borsody) kommt in dem Augenblick, als das Mädchen ihren Mann umarmt.

Als Leo merkt, dass seine Ehe durch seine Beziehung zu Irene gefährdet sein könnte, beendet er seine privaten Besuche bei ihr.

Leo und Claire Katzenberger haben zwei Töchter: Käthe (Alexandra Maria Lara) und Lilo (Jasmin Schwiers). Käthe, die ältere der beiden, heiratet und zieht mit ihrem Mann Bernhard nach Jerusalem. Leo und Lilo besuchen sie dort. Claire kann wegen einer Lungenentzündung nicht mitkommen. Während Klezmer-Musik gespielt wird und Lilo begeistert tanzt, erzählt Bernhard seinem Schwiegervater, er habe ein Schuhgeschäft eröffnet und Käthe erwarte ein Kind. Leo ist glücklich. Am Tag darauf – es ist der 10. November 1938 – erfährt er von dem Pogrom im Deutschen Reich. Leo war zunächst dagegen, dass seine Tochter Deutschland verließ, aber jetzt hält er es für die richtige Entscheidung. Lilo bleibt in Jerusalem, während er nach Nürnberg reist, um Claire zu holen.

In seiner Villa trifft er auf Möbelpacker. Die Behörden haben Max Katzenberger gezwungen, die Villa für ein Zehntel des Einheitswertes zu verkaufen und das Geld auf einem Sperrkonto „Hermann Göring“ deponiert. Die bisherigen Besitzer müssen jetzt Miete in ihrem eigenen Haus zahlen, und in die oberen Etagen zieht gerade ein parteitreuer Rechtsanwalt.

Irene – die seit 1937 Mitglied der NSDAP ist – heiratet 1939 den Autoverkäufer Seiler. Das Atelier am Spittlertorgraben behält sie zwar, aber Leo Katzenberger sucht sie nur noch in seiner Eigenschaft als Hausherr auf. Im März 1941, als er Geld für die 1938 beantragte Ausreisegenehmigung benötigt, geht er wieder hin. Irene – deren Mann an der Front ist – hat gerade Kundschaft und bittet ihn, erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückzukehren, es sei besser, wenn er nicht bei ihr gesehen werde.

Die Nachbarn haben Irene seit ihrer Ankunft belauert. Das lebenslustige Mädchen, das im leichten Sommerkleid angekommen war, sich nackt zu waschen pflegt und auch schon mal unbekleidet durch ihr Atelier tanzt, passt nicht in die Hausgemeinschaft von verbitterten Männern und Frauen, die sich darüber ärgern, dass Leo Katzenberger in einer mondänen Villa wohnt, während sie sich um die Benützung eines stinkenden Etagenklos streiten. Ständig hängen die Mieter an ihren Hinterhoffenstern. Da ist ihnen nicht entgangen, wie oft der jüdische Hausherr die „arische“ Fotografin besucht hat. Von „Rassenschande“ wird getuschelt.

Obwohl wegen des Krieges nach Einbruch der Dunkelheit Ausgehverbot herrscht, schleicht Leo Katzenberger abends noch einmal zu Irene und bittet sie, die gestundete Miete zu bezahlen. Sie verspricht ihm das Geld für den folgenden Tag. Aber noch in der Nacht wird Leo Katzenberger aus dem Bett heraus verhaftet. Einer der Mieter am Spittlertorgraben 19 hat ihn angezeigt.

Irene Seiler sagt unter Eid aus, dass außer einem Tanz und einem flüchtigen Kuss nichts zwischen ihr und dem Angeklagten gewesen sei. Bevor der Untersuchungsrichter den Haftbefehl im September 1941 wieder aufheben kann, übernimmt Landgerichtsdirektor Oswald Rothaug (Jürgen Schornagel) das Verfahren vor dem „Sondergericht für den Bezirk des Oberlandesgerichts Nürnberg bei dem Landgerichte Nürnberg-Fürth“. Der fanatische Nationalsozialist beschuldigt die Entlastungszeugin des Meineids und macht sie auf diese Weise im Prozess gegen Leo Katzenberger am 13. und 14. März 1942 zur Mitangeklagten. Rothaug verurteilt Irene Seiler zu zwei Jahren Zuchthaus ohne Bewährung. Leo Katzenberger, so der Richter, sei ein „Volksschädling“, der das „arische“ Mädchen mit Geschenken und durch die Stundung von Mietzahlungen abhängig gemacht und zum Geschlechtsverkehr verführt habe. Dafür müsse er mit dem Tod bestraft werden.

Leo Katzenberger wurde am 3. Juni 1942 in München-Stadelheim mit dem Fallbeil geköpft. Claire, Max und dessen Frau hatte man schon vorher nach Polen deportiert. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Das Mietshaus am Spittlertorgraben wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört und nicht wieder aufgebaut. Ein Gericht verurteilte Oswald Rothaug 1947 zu lebenslanger Haft, doch er wurde 1956 begnadigt. Irene Seiler starb 1984 in Apolda.

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Über den Justizmord und seine Vorgeschichte berichtete die Journalistin Christiane Kohl 1997 in dem sorgfältig recherchierten Buch „Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene Freundschaft in Nazideutschland“.

Auf dieses Material stützt sich Joseph Vilsmaier. Der Titel „Leo und Claire“ lässt zunächst vermuten, dass es im Film vor allem um Leo Katzenberger und seine Ehefrau Claire geht. Aber das ist nicht der Fall. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die missgünstigen Bewohner des Mietshauses am Spittlertorgraben 19, die eine lebenslustige junge Frau belauern und ihren Hausherrn verdächtigen, ein Verhältnis mit ihr zu haben. Im Mikrokosmos der Hausgemeinschaft veranschaulicht Joseph Vilsmaier den Alltag unter dem NS-Regime, den Neid und die Verbitterung der Kleinbürger, die schließlich einen Menschen der Willkürjustiz eines nationalsozialistischen Richters ausliefern.

Joseph Vilsmaier bettet das in eine kleine, nicht besonders originelle Rahmenhandlung: Eine Journalistin trifft sich in Nürnberg mit einer eigens aus Israel angereisten Tochter Leo Katzenbergers, und die alte Frau hängt ihren Erinnerungen nach.

Es wäre nicht nötig gewesen, Leo Katzenbergers Hinrichtung in quälend langen Einstellungen zu zeigen, zumal Joseph Vilsmaier das genauso klischeehaft inszenierte, wie die meisten anderen Szenen: Da sind die Mieter, die ständig hinter ihren Fenstern lauern, die böse Kleinbürgerin, die ihren phlegmatischen Mann anstachelt, endlich etwas gegen die neue Mitbewohnerin zu unternehmen, die alte Frau, die ihren erwachsenen Sohn noch vom Sterbebett aus kontrolliert. Das wirkt nicht pointiert, sondern einfallslos und stereotyp. Die meisten Nacktszenen mit Franziska Petri sind zwar wegen des schönen Anblicks sehenswert aber für die Handlung überflüssig.

„Leo und Claire“ ist nicht Joseph Vilsmaiers bester Film, aber ungeachtet der Kritikpunkte halte ich den Film für wichtig, schon weil er am Beispiel eines Justizmordes die menschenverachtende Willkür des NS-Regimes veranschaulicht und die Mitschuld der Bevölkerung thematisiert. Millionen Menschen sind damals ermordet worden; wenn ihre Qual am Beispiel eines Einzelschicksals gezeigt wird, spricht es nicht nur unseren Verstand, sondern auch unsere Emotionen an. Der Film geht unter die Haut – vor allem das Verhalten des von Jürgen Schornagel gespielten Richters. Bis in die Nebenrollen ist „Leo und Claire“ hervorragend besetzt; das hilft auch über einige Schwächen der Inszenierung hinweg.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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