Patrick White : Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie

Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie

Patrick White

Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie

Originaltitel: The Tree of Man, 1955 Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie Übersetzung: Annemarie und Heinrich Böll Kiepenheuer & Witsch, Köln 1957
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein junger Mann rodet ein Stück Wildnis, baut ein Haus und holt sich eine Frau, um mit ihr eine Existenz und eine Familie zu gründen. Aber es bleibt kein Paradies. Andere Paare und Familien lassen sich in der Nachbarschaft nieder. Stan und Amy werden mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert. Das Gebiet wird von einer Dürreperiode, sintflutartigem Regen, einer Überschwemmung und einer Feuersbrunst heimgesucht.
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Kritik

Patrick White macht aus seiner romantischen Abneigung gegen die Urbanisierung kein Hehl und erzählt in dem Pionierroman bzw. in der Familiensaga episch breit und undramatisch vom schlichten Alltag der Siedler, die um die Jahrhundertwende 1900 ein Stück Busch außerhalb von Sydney kultivieren.
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Australien um 1880. Obwohl Stanley Parkers Mutter Lehrerin war, heiratete sie ausgerechnet den regelmäßig betrunkenen Grobschmied von Willow Creek. Ursprünglich wollte sie ihren Sohn Ebenezer nennen, aber ihr Mann lachte sie aus, und sie gab den Gedanken wieder auf.

Stan sollte Lehrer oder Prediger werden, aber als seine Eltern bald nacheinander gestorben waren, spannte der junge Mann ein junges Pferd an und zog zu dem Land im Busch außerhalb von Sydney, das seinem Vater gehört hatte. Ein junger, namenloser Hund begleitete ihn.

Stan rodet das Land und errichtet eine Hütte.

In der Kleinstadt Yuruga an der Küste besucht er hin und wieder einen Cousin seiner Mutter, Clarence („Clarrie“) Bott, einen Schnittwarenhändler mit drei übermütigen Töchtern: Alice, Clara und Lilian. Aber er heiratet keine von ihnen, sondern eine Waise, mit der ihn Mrs. Erbey, die Frau des Pfarrers, bekannt machte: Amy Victoria Fibbens.

Einmal kommt ein Fremder auf dem Weg nach Wullunya vorbei und übernachtet bei Stan und Amy. Es handelt sich um ihren ersten Besucher. Am anderen Morgen ist er verschwunden — und die silberne Muskatreibe, die Amy von Mrs. Erbey zur Hochzeit geschenkt bekam, ebenfalls.

Viel wird nicht geredet. Stan ist wortkarg und verschlossen. Amy sehnt sich nach Abwechslung und freut sich, dass in der Nähe weitere Ehepaare und Familien siedeln, denn mit den Frauen kann sie schon mal ein Gespräch führen.

Die Nachbarn Mick und Kathy O’Dowd sind eigentlich gar nicht verheiratet, doch sie fühlen sich als ob sie es wären. Mick ist ständig betrunken. Nachdem Amy einmal erlebt hat, wie er seine Frau mit einer Axt bedrohte, beteuert er:

„Es ist meine Natur, ich bin nun einmal so. Das geht auf und ab mit mir. Ich bin nicht wirklich schlecht, wenn ich auch nicht gut bin. Ich bin ein mittelmäßiger Kerl. Nur wenn mich das Trinken packt, dann gerate ich ein bisschen außer mich. Aber auch dann würde ich keinem wirklich was antun. Da bin ich doch ziemlich sicher.“

Stan und Amy Parker legen sich Kühe und einen Stier zu, züchten Rinder und verkaufen Milch. Ein paar Monate arbeitet Stan auch für Mr. Armstrong, einen reich gewordenen Metzger, der eine Meile entfernt einen Park anlegen und ein Landhaus errichten lässt. Sein Sohn Tom macht einer jungen Dame namens Madeleine den Hof, die von Amy bewundert wird, wenn sie hochnäsig vorbeireitet, weil sie so schön und elegant gekleidet ist.

Eines Tages kommt Fritz mit seinem Bündel vorbei, ein Deutscher, der in einem Schuppen der Parkers übernachtet und sich auf dem Hof nützlich macht.

Als nach sintflutartigen Regenfällen der tiefer gelegene Ort Wullunya überschwemmt wird, fahren Stan und einige andere Männer mit einem Fuhrwerk hinunter, um den Betroffenen zu helfen. Nach einigen Tagen holt Amy ihn ab und nimmt auch einen kleinen Jungen mit, der seine Eltern verloren hat. Aber das Kind läuft im Morgengrauen davon.

Ein paar Minuten von den Parkers entfernt wird ein Laden eröffnet. Ein Postamt folgt. Schließlich erhält die Siedlung einen Namen: Durilgai.

Amy wird nach zwei Fehlgeburten von einem Sohn und einige Zeit später von einer Tochter entbunden: Ray und Thelma heißen die beiden Kinder.

Bei einer gewaltigen Feuersbrunst gerät auch das Landhaus der Armstrongs in Brand. Stan rettet Madeleine aus dem brennenden Haus. Der alte Armstrong lässt es neu aufbauen.

Als Stan und die anderen Männer zu Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen werden, tuscheln die Leute über Amy. Ein Freund spricht sie darauf an:

„Der alte Hunne, den ihr da bei euch habt, Amy, ich bin doch überrascht, dass du ihn jetzt noch behältst, einen Deutschen! Ich sag‘ das nur, weil die Leute sich darüber wundern, noch dazu, wo Stan nicht da ist.“

Fritz versteht, dass er nicht bleiben kann.

Endlich kehrt Stan aus dem Krieg zurück.

Bald darauf kauft er ein Auto. Als Knecht stellt er einen jungen Griechen namens Con ein. Seinen Sohn schickt Stan nach Bangalay zu einem Sattler in die Lehre, aber Ray verschwindet und schreibt später seiner Mutter, er habe auf einem Küstendampfer angeheuert. Thelma besucht eine Handelsschule in Sydney. Sie fängt bei einer Schiffahrtsgesellschaft an, kündigt nach kurzer Zeit und nimmt eine weniger gut bezahlte Stelle bei dem Rechtsanwalt Dudley Forsdykes an, der sie schließlich heiratet.

Bei einem Pferderennen ist der Favorit offenbar durch heimlich injizierte Drogen so beeinträchtigt, dass ein Außenseiter gewinnt. Ray, der viel Geld auf den Sieger gesetzt hat, gerät in den Verdacht, an der Manipulation des Rennens maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.

Eines Tages, als Amy allein zu Hause ist, steigt ein Hausierer mit schweren Koffern aus dem Auto und führt ihr seine Waren vor. Sie findet ihn abstoßend und kauft nichts, doch unvermittelt zerrt sie ihn ins Schlafzimmer.

Nachdem er Überraschung und Angst von sich geschoben hatte, hatte er schnell den bescheidenen Gipfel erreicht, den zu erreichen er fähig war, den Gipfel einer ziemlich gewöhnlichen und keuchenden Sinnlichkeit, abgestandener Worte und körperlichen Behagens. Nun versuchte er, diese Frau zu beruhigen, deren Leidenschaft die ihm bekannten Grenzen überströmte.

Leo — so heißt der Hausierer — kommt noch ein paar Mal vorbei. Einmal entdeckt Stan, der wegfuhr, aber noch einmal umkehrte, weil er etwas vergessen hatte, das fremde Auto vor der Tür und begreift sofort, was es bedeutet. Er stellt seine Frau nicht zur Rede, sondern nimmt es hin, dass sie Geheimnisse vor ihm hat.

Amy beschreibt Dudley Forsdykes, der seinen Schwager noch nicht kennt, ihren Sohn:

„Ray war ein hübscher Junge. … Einmal, damals war er noch klein, hatten wir junge Hündchen. Er nahm sie und warf sie in eine Grube hinter dem Haus. Wie hat er in dieser Nacht geweint. Er konnte sich nicht trösten. Er tat diese Dinge, weil er einfach musste. Ich weiß noch, wie vor ein paar Jahren ein Grieche hier arbeitete; Ray und der Grieche wurden Freunde. Weil er ihn liebte, konnte Ray nicht genug tun, um ihn zu kränken. Nein, ich verstehe das nicht, aber ich weiß es.“

Ray leiht sich Geld von seiner Mutter, seiner Schwester und von Bekannten. Er heiratet Elsie Tarbutt, ein streng religiöses Mädchen, die in der Ehe mit dem Taugenichts eine missionarische Aufgabe für sich sieht. Es dauert nicht lang, bis sie einen Sohn gebiert, der auf den Namen seines Vaters getauft wird. Ray verlässt sie und das Kind und zeugt mit einer Prostituierten, die sich Lola Brown, Mary Brill oder auch Joanne Valera nennt, einen zweiten Sohn. In einer Gaststätte wird er schließlich von einem anderen Ganoven erschossen.

Doll Quigley, eine Nachbarin von Stan und Amy, tötet aus Mitleid ihren geistig behinderten Bruder. Man sperrt sie ins Irrenhaus von Bangalay.

Im Unkraut am Schuppen findet Amy die Muskatreibe, die sie vor Jahrzehnten von Mrs. Erbey zur Hochzeit geschenkt bekam.

Als Stan dem jungen Nachbarn Joe Peabody dabei hilft, einen neuen Zaun zu errichten, stoßen sie auf einen Felsbrocken. Stan wuchtet ihn mit einer Brechstange aus dem Boden. Dabei erleidet er plötzlich einen Schwächeanfall, und bald darauf muss er sich mit einer Rippenfellentzündung ins Bett legen.

Er erholt sich zwar wieder, aber einige Zeit später stirbt er.

Thelma und Dudley Forsdykes bekommen keine Kinder, aber in Stans Enkel Ray wird die Familie weiterleben.

So war das Ende doch kein Ende, es war ein neuer Anfang.

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„Zur Ruhe kam der Baum des Menschen nie“. Der Titel stammt aus einer Zeile des Gedichtes „The Shroshire Lad“ von Alfred Edward Housman. Bei dem Buch handelt es sich um einen Pionierroman und eine in der Zeit von 1880 bis 1930 in Australien spielende Familiensaga.

Ein junger Mann rodet ein Stück Wildnis, baut ein Haus und holt sich eine Frau, um mit ihr eine Existenz und eine Familie zu gründen. Aber es bleibt kein Paradies. Andere Paare und Familien lassen sich in der Nachbarschaft nieder. Stan und Amy Parker werden mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert: Einsamkeit, ein betrunkener und prügelnder Ehemann, Selbstmord, geistige Behinderung, Krankheit und Tod. Sie behaupten sich in einer Dürreperiode, bei sintflutartigem Regen, einer Überschwemmung und einer Feuersbrunst. Die Urbanisierung ist nicht aufzuhalten, und schließlich erhält die Siedlung sogar einen Namen. Stan und Amys Tochter heiratet in Sydney einen Rechtsanwalt und führt mit ihm eine kinderlose Ehe. Ihr Sohn Ray, der schon als Kind dazu neigte, gerade die Menschen und Tiere quälte, die er liebte, erträgt die Liebe seiner Mutter nicht, wird kriminell und zeugt sowohl mit seiner Ehefrau als auch mit einer Prostituierten einen Sohn.

Patrick White macht aus seiner romantischen Abneigung gegen die Urbanisierung kein Hehl und erzählt episch breit und undramatisch vom schlichten Alltag der australischen Siedler. 1958 schrieb er darüber in seinem Essay „The Prodigal Son“:

… wollte ich versuchen, in diesem Buch jede nur denkbare Seite im Leben eines durchschnittlichen Mannes und einer ebensolchen Frau zu beleuchten. Aber gleichzeitig wollte ich das Ungewöhnliche hinter dem Gewöhnlichen aufspüren, das Mysterium und die Poesie, die allein das Leben solcher Menschen … erträglich gestalten konnten.

Die Landschaft dient hier nicht nur als Kulisse, sondern sie spiegelt auch symbolisch die geschilderten Vorgänge und Entwicklungen.

1973 wurde der australische Schriftsteller Patrick White (1912 – 1990) mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Kiepenheuer & Witsch

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