Jessica Au : Kalt genug für Schnee

Kalt genug für Schnee
Cold Enough for Snow Giramondo Publishing, Sydney 2022 Kalt genug für Schnee Übersetzung: Brigitte Jakobeit Suhrkamp Verlag, Berlin 2022 ISBN 978-3-518-43073-6, 118 Seiten ISBN 978-3-518-77383-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Frau in Australien überredet ihre in Hongkong lebende Mutter zu einer gemeinsamen Japan-Rundreise und hofft, ihr dadurch näherzukommen. Die Mutter lässt sich auf das Vorhaben ein, teilt aber nicht die Begeisterung ihrer Tochter für Sehenswürdigkeiten. Die Tochter denkt über ihre Beziehung zur Mutter nach, erinnert sich an frühere Zeiten und versucht, sich über ihren zukünftigen Weg klar zu werden.
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Kritik

Jessica Au sorgt dafür, dass die Figuren in "Kalt genug für Schnee" schemenhaft bleiben. Sie inszeniert nicht und verzichtet auf sprachliche Eleganz. Trotzdem spürt man beim Lesen etwas poetisch Schwebendes. Dass es keine wörtlich wiedergegebene Dialoge gibt, würde Sinn machen, wenn es die Mutter nur in der Vorstellung der Ich-Erzählerin gäbe. Ist der gesamte Text ein Monolog?
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Mutter und Töchter

Die Mutter der Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, wuchs mit Kantonesisch als erster Sprache in Hongkong auf, wanderte dann nach Australien aus, wo sie Englisch lernte, und kehrte im Alter zu ihrem unverheirateten Bruder nach Hongkong zurück. Dort lebt auch eine der beiden Töchter – die Ärztin – mit ihrem Ehemann und den Kindern. Erst kürzlich zog die Mutter aus dem alten Haus in ein kleineres um, näher bei der Tochter und den Enkeln. Ob sie verwitwet ist oder nie verheiratet war, wissen wir nicht.

Die Erzählerin, die Englisch als erste Sprache gelernt hatte, studierte englische Literatur. Den Onkel lernte sie bei einem ihrer seltenen Besuche in Hongkong kennen, aber die neue Wohnung der Mutter kennt sie noch nicht. Sie und ihr Lebensgefährte Laurie kauften sich Anfang des Jahres eine Wohnung in einer „anderen Stadt“. Im April besuchten sie Lauries Vater, einen ehemaligen Mathematiklehrer, der inzwischen als Bildhauer arbeitet. Sie denken über Kinder nach, aber eine Entscheidung haben sie noch nicht getroffen.

Die Reise

Zu Beginn des Jahres schlug die Erzählerin ihrer Mutter eine gemeinsame Rundreise durch Japan vor. Sie war dort schon einmal mit Laurie. Anfangs sträubte sich die sanftmütige Mutter, dann gab sie ihren Widerstand auf.

Japan hatte ich gewählt, weil ich, im Gegensatz zu ihr, schon einmal dort gewesen war, und ich dachte, die Erkundung eines anderen asiatischen Landes könnte ihr vielleicht gefallen. Außerdem stellte ich mir vor, dass wir dort beide Fremde und somit gleichberechtigt wären.

Im Oktober reisen die beiden nach Tokio. Die Mutter kommt aus Hongkong, die Tochter aus Melbourne.

Die Tochter hat ein umfangreiches Programm von Besichtigungen zusammengestellt und hofft, ihrer Mutter dadurch näherzukommen.

Wenn ich sie vor unserer Reise gefragt hatte, was sie in Japan gern sehen würde, hatte sie stets geantwortet, sie sei mit allem zufrieden. Nur einmal hatte sie gefragt, ob es im Winter kalt genug für Schnee sei, denn sie hatte noch nie welchen gesehen.

Die in Tokio begonnene Zugreise führt zunächst hinauf nach Ibaraki und dann wieder hinunter nach Osaka.

In einer Buchhandlung blättert die Tochter begeistert in einem Bildband über einen Landschaftsmaler. Sie versucht, auch ihre Mutter für die besondere Technik des Künstlers zu interessieren.

Zu jedem Werk erklärte ich ihr den Kontext, die Absicht und etwas über die Umstände der Entstehung. Ich fragte sie, ob sie etwas aus dem Laden haben möchte, worauf sie meinte, das sei nicht nötig, sie könne sich für nichts entscheiden. Ich erwiderte, was auch immer sie wolle, sie müsse nur aussuchen, wovon sie sich am meisten angezogen fühle, aber sie schien Bedenken zu haben, überhaupt nach einem Buch zu greifen, zeigte stattdessen wahllos auf eines und sagte, das da, wobei ihre Stimme wie eine Frage klang. Am Ende wählte ich für sie einen schmalen Band über Kunstgeschichte von einem englischen Autor aus.

Die Mutter lässt sich von der Tochter herumführen, teilt jedoch nicht deren Begeisterung für die Sehenswürdigkeiten. Am wohlsten scheint sie sich zu fühlen, wenn sie bedachtsam Mitbringsel beispielsweise für die Enkel auswählt.

Mir wurde bewusst, dass alles, was sie auf unserer Reise gekauft hatte, ein Geschenk für jemand andern war.

Allein

Als nächste Etappe hat die Tochter eine gemeinsame Wanderung geplant. Aber die Wege sind durch den Dauerregen aufgeweicht, und die Mutter hat den Ratschlag, Wanderschuhe einzupacken, nicht befolgt. Deshalb bringt die Erzählerin ihre Mutter in einem Gasthaus unter, fährt allein ein Stück mit dem Zug weiter und will von dort am nächsten Tag zurückwandern.

Sobald der Zug den Bahnhof verließ, war ich erleichtert. Ich wollte im Wald wandern, zwischen den Bäumen. Ich wollte mit niemandem sprechen, nur sehen und hören, mich einsam fühlen.

Ich dachte an meine Mutter und dass ich irgendwann in der Zukunft mit meiner Schwester in ihre Wohnung gehen würde, die ich nicht kannte, mit dem einzigen Auftrag, ein Leben von Habseligkeiten durchzusehen und wegzupacken. […] Meine methodisch veranlagte Schwester würde mit Sicherheit vorschlagen, alles in Haufen zu sortieren: Sachen zum Aufbewahren, Sachen zum Spenden, Sachen für den Müll. Ich würde ihr zustimmen, am Ende aber nichts behalten, und ich konnte nicht sagen, ob aus zu viel oder zu wenig Sentimentalität.

Die Wanderung dauert länger als geplant. Das Ziel ist nicht bis zum Abend zu schaffen. Die Erzählerin nimmt deshalb für die letzte Etappe den Zug.

Meine Mutter war nicht in unserem Zimmer. Ich fragte den Mann an der Rezeption nach ihr, und er sagte, er habe sie nicht gesehen. Er ging sogar so weit zu behaupten, das Zimmer sei nur für eine Person gebucht worden, mich, nicht für zwei.

Sie sucht auf der Straße nach der Mutter.

Als meine Mutter schließlich auftauchte, hätte sie ebenso gut eine Erscheinung sein können. […] Sie kam ganz langsam in meine Richtung, ohne ein sichtbares Zeichen des Wiedererkennens auf ihrem Gesicht, als wäre ich der Geist, dem sie nicht begegnen wollte.

Im Zug nach Kyoto, dem letzten Reiseziel, wird der Tochter bewusst, dass sie der Mutter überhaupt nicht näher gekommen ist.

Es schien, als hätten wir uns in den vergangenen Wochen kaum etwas Wesentliches gesagt. Die Reise war fast zu Ende und hatte nicht bewirkt, was ich mir erhofft hatte.

Am letzten Morgen besuchen die beiden den Fushimi Inari-Taisha, einen Shintō-Schrein im Stadtbezirk Fushimi. Weil bis zum Abflug noch Zeit ist, schlägt die Tochter letzte Einkäufe vor.

Nachdem ich bezahlt hatte, drehte ich mich um und suchte meine Mutter, fand sie aber nirgends. Ein paar Minuten später entdeckte ich sie am Eingang, wo sie auf einer Bank sitzend auf mich wartete und aussah, als wäre sie – und vielleicht war es auch so – schon die ganze Zeit dort gewesen. […] und sie saß da wie eine Statue […]. Sie erinnerte an eine Skulptur und atmete ruhig, als wäre sie endlich zufrieden.

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Jessica Au erzählt in „Kalt genug für Schnee“ am Beispiel einer Mutter-Tochter-Beziehung von einem Generationenkonflikt und wählt als Perspektive die der Tochter, die während einer Rundreise nicht nur die Distanz zu ihrer Mutter überwinden möchte, sondern auch über sich selbst nachdenkt, sich an frühere Zeiten erinnert und versucht, ihren Weg in die Zukunft zu finden. Sie glaubt schließlich, dass es nicht entscheidend sei, alles zu verstehen oder zu bewerten, sondern die Dinge wahrzunehmen.

Mit Ausnahme des Lebensgefährten der Ich-Erzählerin trägt keine der Romanfiguren in „Kalt genug für Schnee“ einen Namen. Wir erfahren auch sonst nur wenig über sie. Die biografischen Hintergründe und die familiären Verhältnisse deutet Jessica Au allenfalls an. Entsprechend schemenhaft bleiben die Figuren. Jessica Au entwickelt keine Erzähldynamik, sie inszeniert nicht und verzichtet konsequent auf wörtliche Rede. Das erleichtert die Lektüre nicht gerade. Und dazu kommt noch eine extrem nüchterne Sprache, der Jessica Au offenbar bewusst jede Eleganz entzieht, wie folgende Leseprobe zeigt.

Meine Mutter schaute aus dem Fenster und sagte, es würde wieder regnen. Ich schaute ebenfalls hinaus, als bemerkte ich es erst jetzt, und stimmte ihr zu. Sie sagte, obwohl es Oktober sei, sei ihr nicht kalt, das Klima hier sei offenbar milder, sie brauche nur eine leichte Jacke. Sie fragte, ob es morgen regnen würde, worauf ich erwiderte, ich wisse es nicht, holte aber mein Handy heraus und sagte, dass es morgen klar aussehe, ich mich aber später im Hotel noch mal vergewissern müsse. Dann erzählte sie, dass sie sich in der Woche zuvor seltsam gefühlt und befürchtet hatte, sie müsse die Reise krank antreten, doch sie habe sich ausgeruht und gut gegessen und jetzt fühle sie sich bestens und gar nicht mal so müde. Ich fragte sie, wie ihr der Tag heute gefallen habe, worauf sie erwiderte, es sei sehr nett gewesen.

Seltsamerweise spürt man beim Lesen von „Kalt genug für Schnee“ trotzdem etwas poetisch Schwebendes. Vielleicht meint Jessica Au folgende Überlegung zu Gemälden von Claude Monet programmatisch für ihr Buch:

[…] als ich seinerzeit mit meinem Freund in der Stadtgalerie das fahle Licht und die großen Heuhaufen auf einem Feld betrachtete, fiel mir etwas auf. Sie erschienen mir damals wie heute als Gemälde über die Zeit. Ich hatte den Eindruck, als würde der Künstler das Feld aus zwei verschiedenen Perspektiven sehen. Die erste war der Blick des jungen Mannes, der im rosafarbenen Licht der Morgendämmerung im Gras aufwachte und alles mit Zuversicht sah, die Arbeit, die er am Tag zuvor erledigt hatte, und die Arbeit, die künftig noch vor ihm lag. Der zweite Blick war der eines älteren Mannes – vielleicht älter sogar als Monet beim Malen dieser Bilder –, der dieselbe Szene sah und sich an die Gefühle von damals erinnerte und versuchte, sie noch einmal einzufangen, was ihm jedoch nicht gelang, ohne sein Wissen um das Unvermeidliche einfließen zu lassen.

Dass Jessica Au auf wörtlich wiedergegebene Dialoge verzichtet, würde Sinn machen, wenn es die Mutter nur in der Vorstellung der Ich-Erzählerin gäbe. Und tatsächlich nährt die Autorin gegen Ende zu Zweifel an der Anwesenheit der Mutter. Ist der gesamte Text ein Monolog?

Der Titel bezieht sich auf die Frage der Mutter, ob es während der geplanten Japan-Rundreise „kalt genug für Schnee“ sei.

Jessica Au studierte in Melbourne Kunstgeschichte und Jura. Sie arbeitete als Redakteurin der australischen Literaturzeitschrift Meanjin. 2011 debütierte Jessica Au mit dem Roman „Cargo“. „Kalt genug für Schnee“ ist ihr zweiter Roman.

Den Roman „Kalt genug für Schnee“ von Jessica Au gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Marie Bierstedt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Franz Kafka - Amerika
"Kafka war sich bewusst und hob es gesprächsweise öfters hervor, dass dieser Roman hoffnungsfreudiger und 'lichter' sei als alles, was er sonst geschrieben hat [...] Es gibt Szenen in diesem Buch [...], die unwiderstehlich an Chaplin-Filme erinnern [...]" (Max Brod)
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