Pedro Badrán : Der Mann mit der magischen Kamera

Der Mann mit der magischen Kamera
El hombre de la cámara mágica. Random House, Bogotá 2015 Der Mann mit der magischen Kamera Übersetzung: Peter Schultze-Kraft und Rainer Schultze-Kraft edition 8, Zürich 2019 ISBN 978-3-85990-359-3, 220 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit dem Niedergang eines Hotels in Cartagena gehen die Schicksale von Menschen einher, die in dem Hotel gearbeitet oder gewohnt haben. Sie nehmen den Verfall melancholisch hin. Ihr Leben ist nicht auf ein Ziel, einen Zweck oder gar auf einen Sinn ausgerichtet. Stattdessen warten sie schicksalsergeben darauf, was geschieht. Nur der „Instantfotograf“ Tony Lafont jagt in Cartagena einem unerfüllbaren Traum nach ...
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Kritik

Was "der Mann mit der magischen Kamera" vorhat, gilt auch für den Roman von Pedro Badrán: "[…] nämlich dieses Hotel durch visuelle Bruchstücke zu erfassen und zu dokumentieren, die ohne den Anspruch einer geordneten Abfolge und ohne jede Erzählabsicht nur einzelne Momente festhalten, zusammen genommen aber ein Universum ergeben […]"
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Glücksbringer

Ein Kolumbianer, dessen Namen wir nicht erfahren, lebt um 1980 in Cartagena de Indias auf der Straße. Er bastelt geflochtene Armbänder und Eulen aus Draht oder Dosenblech, die den Käufern Glück bringen sollen. Diese Erzeugnisse bietet er Touristen beispielsweise am Strand der Hafenstadt an.

Als er es mit seinen Eulen und Armbändern im Simón-Bolívar-Park versucht, begegnet er einer Jongleurin mit drei Reifen in verschiedenen Farben. Die beiden legen zusammen, um sich ein Bier aus dem mit Eis gefüllten Kübel eines Straßenverkäufers leisten zu können. Dann beschreibt ihm die Jongleurin den Weg zu einem Hotel und gibt ihm ein Polaroid mit. Dort solle er sich an den Mann an der Rezeption wenden und ihm das Bild geben. Charlie Lozada werde ihn dann mindestens für eine Nacht aufnehmen, ohne etwas dafür zu verlangen. Die Jongleurin beabsichtigt, in zwei Monaten nachzukommen. Vorher will sie noch Tony Lafont suchen, der das Foto gemacht hat.

Hotel

Beim Hotel Bellavista (HB) handelt es sich um ein dreistöckiges Bauwerk gegenüber dem Strand. Wenn es regnet, tropft auch in den Innenräumen das Wasser von der Decke. Im Nebengebäude befanden sich früher eine Bar und ein Restaurant. Darüber wohnte der Besitzer Gaspar Tricot. Früher wurden in der Hochsaison einige Zimmer mit Holzplatten geteilt, um mehr Leute unterbringen zu können, aber inzwischen gibt es keine Hotelgäste mehr.

Als Gaspar Tricot den Ruin des Hotels befürchtete, vermietete er Zimmer an Studenten aus Bogotá, die in Cartagena Meeresbiologie studierten, aber weder als Studentenwohnheim noch als Herberge für Backpacker und Hippies gab es für das Hotel einen Neustart. Schließlich kaufte Joe Domínguez die Immobilie. Er hatte Cartagena zur gleichen Zeit wie Tony Lafont verlassen, war allerdings nicht nach New York gegangen, wie der Fotograf, sondern nach Los Angeles. Als Millionär kam er zurück, und es wurde getuschelt, dass er sein Vermögen dem Drogenhandel verdanke. Gaspar Tricot ließ sich auf das Geschäft ein, verlangte allerdings, dass der neue Besitzer Charlie Lozada weiter an der Rezeption beschäftigte und Doktor Lácides Alandete ein Wohnrecht auf Lebenszeit einräumte. Bald darauf kam Joe Domínguez allerdings bei einer Schießerei in Medellín ums Leben.

Charlie Lozada hustet, aber er und seine Frau Nancy können sich keine Medikamente leisten.

Schlösser und Stromleitungen wurden früher von Charlies Stiefvater Terry Bolaños instand gehalten, der zuvor beim Sicherheitsdienst im Casino Pierino Gallo im noblen Stadtviertel Bocagrande beschäftigt gewesen war. Inzwischen starb er an einer Blutvergiftung.

Der Mann mit den Drahteulen bekommt ein Zimmer, das bis auf eine auf dem Boden liegende Matratze leer ist. Die Toilette befindet sich unter der Treppe bei der Rezeption. Zum Duschen dient ein Gartenschlauch.

Ich duschte mich gerade mit dem Schlauch, mit dem Charlie das Wasser von einem Hahn auf der Straße abzapft. Jeden Morgen klettert Charlie über die Mauer, führt den Schlauch hinüber und füllt den Tank im Patio mit Wasser. Das nehmen wir zum Kochen, um uns zu waschen und um das Klo unter der Treppe zu spülen.

Gern unterhält sich der Drahteulen-Bastler mit dem Kutscher Blaki, der Touristen aus Luxushotels herumfährt und ihnen etwas über die Sehenswürdigkeiten vorflunkert. Er arbeitet für den Besitzer des Pferdes Centella und der Kutsche. Von dem Einkommen kann er kaum den Lebensunterhalt für sich, seine beiden Frauen und die sechs Kinder bezahlen.

Zu den Bewohnerinnen des Hotels gehört auch Karen, eine dicke Kolumbianerin, die Touristen am Strand massiert. Sie kommt jeden Abend zu dem Glücksschmied ins Zimmer, beklagt seine Verspannung im Nacken und beginnt ihn zu massieren. Weil die Matratze zu schmal ist und Karen nicht nur schwitzt, sondern auch schnarcht, schickt er sie vor dem Schlafen weg.

Charlie sagte, wir sehen aus wie eine Zehn. Ich bin die Eins und sie ist die Null. Die perfekte Zahl, prustete Nancy los.

Tony Lafont

Abends treffen sich die Bewohner des Hotels im Patio. Auf dem Steintisch stellt Doktor Lácides Alandete, der früher eine homöopathische Praxis in der Innenstadt hatte, berühmte Schachpartien nach. Und Charlie erzählt von seinem Freund Tony Lafont.

Manchmal kommen Ausländer für eine einzige Nacht nur um zuzuhören, wenn über Tony Lafont geredet wird. Bevor ich krank wurde, wohnte hier ein Gringo namens Roger. Ein Typ mit einem weißen Pferdeschwanz, Anfang sechzig. Sein Hals war faltig, aber man sah ihm an, dass er mal Gewichte gestemmt, Leistungssport getrieben hatte. Er war ins Hotel zurückgekehrt, weil ihm in New York jemand gesagt hatte, Tony Lafont würde kommen, um seine letzten Fotos zu schießen.

Im Alter von 15 Jahren begann Tony Lafont, mit einer Polaroid-Kamera seines Vaters zu fotografieren. Schon sein Großvater war Fotograf, und der Vater führte das Studio Orión in Cartagena. Tony fing als Strandfotograf an. Dann nahm er sich vor, zehn Jahre lang jeden Tag ein Sofortbild zu machen. Bis zum 13. Oktober 1976 brachte er es auf 387 Fotos.

Er wollte als „Instant-Fotograf“ bezeichnet werden. Seine Geliebte Claudia Soraya erinnert sich an das, was er ihr dazu erklärte:

[…] das blödeste Wort ist undsoweiter, sagte er und notierte es gleich in seinem Heft, denn es ist doch klar, Claudia Soraya, ein Undsoweiter gibt es nicht auf der Welt, das ist nur ein Luftwort, und alle Philosophen und Schriftsteller, selbst die dicksten und aufgeblähtesten, sind nur normale Sterbliche und nichts gegen einen Fotografen, der weiß, dass die Wirklichkeit nur in dem Augenblick existiert, in dem sie verschwindet, ich glaube, er sagte, in dem unwiederbringlichen Augenblick oder ein ähnliches Wort, das mir gefiel und das jetzt weg ist, doch es genügt mir nicht, diesen Augenblick einzufangen, sagte er, ich bin gekommen, um mit meinen Sofortbildern die Welt zu retten, Claudia Soraya, vielleicht war er nicht der Einzige, der das glaubte […]

Bei Claudia Soraya handelte es sich um eine Touristin aus dem Landesinneren von Kolumbien. Eines Tages schwamm sie ins Meer hinaus – und kehrte nicht zurück. Die Jongleurin sucht nicht nur nach Tony Lafont, sondern möchte auch herausfinden, was mit ihrer Schwester Claudia Soraya passiert ist.

Tony Lafont bat Charlie Lozada, alle Zimmer des Hotels fotografieren zu dürfen. Gaspar Tricot war einverstanden, und an zwei Nachmittagen verwirklichte Tony sein Vorhaben.

[…] Aufgabe, die ich mir gestellt habe […], nämlich dieses Hotel durch visuelle Bruchstücke zu erfassen und zu dokumentieren, die ohne den Anspruch einer geordneten Abfolge und ohne jede Erzählabsicht nur einzelne Momente festhalten, zusammen genommen aber ein Universum ergeben […]

Der Gringo Bobby Wobst, ein Künstler, Biker und Marihuana-Konsument, hielt Tony Lafont für ein Genie.

Tony war mit Lascario Valverde befreundet. Der machte sich an Touristinnen heran und schrieb ihnen später, seine Mutter sei schwer krank und er benötige Geld, um Arzneimittel kaufen zu können. Seine ältere Schwester, Yadira Valverde, war Stewardess. Sie wurde nur 23 Jahre alt; am 14. Januar 1976 stürzte sie mit einem Flugzeug ab.

Nachdem Tony aus Cartagena verschwunden war, schickte er Charlie aus New York eine Liste von 13 Hotelgästen, die er zwischen 1968 und 1971 im Hotel fotografiert hatte und bat ihn, die Namen in den Anmeldebüchern nachzuschlagen.

Tonys Schwester Susana Lafont war übrigens Klassenbeste in Mathematik. Sie studierte dann aber Jura, promovierte und wurde Rechtsanwältin. Nach dem Tod der Eltern verkaufte sie deren Haus. Daraus ist inzwischen ein Apartmenthaus mit dem Namen Condominio Kalamari geworden.

Wasserdichte Geldbörsen

Famiia, ein parfümierter muskulöser Schwarzer, dreht dem Drahteulen-Bastler für viel Geld aus der letzten Saison übrig gebliebene wasserdichte Geldbörsen an. Die soll er Touristen gegen einen Aufpreis verkaufen. Karen begleitet ihn zum Strand. Als sie sich ein paar Stunden später wieder treffen, ist sie enttäuscht über die geringe Zahl wasserdichter Geldbörsen, die er losgeworden ist. Sie stellt ihn einem Kioskbesitzer vor, der ihm Garnelen auf einem Pappteller schenkt. Auf dem Rückweg zum Hotel bekommt er Durchfall, später auch Fieber. Es ist Ruhr.

Karen und Nancy pflegen ihn.

Abriss

Joe Domínguez‘ Erben streiten sich, aber dann kommen doch Arbeiter mit einem Lieferwagen und stellen Kisten mit Werkzeug und Baumaterial ab. Als Gegenleistung dafür, dass Charlie Lozada auf die Sachen aufpasst, darf er erst einmal mit seiner Frau weiter in dem Gebäude wohnen, das abgerissen werden soll. Die Arbeiter kündigen an, dass sie als Nächstes die Armaturen holen werden – aber die hat Charlie Lozada bereits abmontiert und verhökert.

Am Ende ist nur noch der Glücksschmied da. Charlie Lozada hat ihm die Schlüssel übergeben und Tony Lafonts Logbuch liegen lassen. Die Plastik-Einkaufstüte mit den Polaroids nahm er allerdings mit. Vor der Rezeption wird der Boden aufgebohrt und untersucht, denn der Neubau soll eine Tiefgarage bekommen.

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Der Roman „Der Mann mit der magischen Kamera“ von Pedro Badrán (*1960) dreht sich um ein Hotel in Cartagena, in das der Besitzer nichts investiert und das deshalb immer mehr herunterkommt, bis er es schließlich verkaufen muss. Am Ende wird es abgerissen, um Platz für einen Neubau mit Tiefgarage zu schaffen.

Mit dem Niedergang des Gebäudes gehen die Schicksale von Menschen einher, die in dem Hotel gearbeitet oder gewohnt haben. Ihr Motto lautet: „Ohne Hoffnung leben, aber ohne zu verzweifeln.“ Die Menschen nehmen den Verfall melancholisch hin. Ihr Leben ist nicht auf ein Ziel, einen Zweck oder gar auf einen Sinn ausgerichtet. Stattdessen warten sie schicksalsergeben darauf, was geschieht. Nur der „Instantfotograf“ Tony Lafont jagt in Cartagena einem unerfüllbaren Traum nach. Was er über sein Projekt schreibt, gilt auch für den Roman „Der Mann mit der magischen Kamera“:

[…] Aufgabe, die ich mir gestellt habe […], nämlich dieses Hotel durch visuelle Bruchstücke zu erfassen und zu dokumentieren, die ohne den Anspruch einer geordneten Abfolge und ohne jede Erzählabsicht nur einzelne Momente festhalten, zusammen genommen aber ein Universum ergeben […]

Als ein Strandverkäufer von angeblich Glück bringenden Drahteulen ins Hotel kommt, ist Tony Lafont längst fort, aber jeden Tag wird im Patio von ihm erzählt, und Charlie Lozada, der Mann von der Rezeption, liest aus dem „Logbuch“ vor, das der Künstler neben einer mit Polaroids gefüllten Plastik-Einkaufstüte zurückgelassen hat.

Schließlich kündigt eine Jongleurin an, dass Tony Lafont wieder ins Hotel kommen werde. Aber die Gesellschaft im Patio mit ihr, Tony Lafont, Doktor Lácides Alandete und anderen Bewohnern des Hotels findet wohl nur in der Fantasie des „Glücksschmiedes“ statt.

Pedro Badrán tritt in „Der Mann mit der magischen Kamera“ nicht als auktorialer Erzähler auf, sondern lässt abwechselnd drei der Romanfiguren auf verschiedenen Zeitebenen zu Wort kommen: den Bastler von Drahteulen, dessen Namen wir nicht erfahren, Charlie Lozada und Claudia Soraya, eine kolumbianische Touristin, die inzwischen tot ist. An mehreren Stellen zitiert Pedro Badrán aus dem Logbuch von Tony Lafont, einmal eine fünf Druckseiten lange Aufzählung von Gegenständen und Körperteilen, die dem „Instantfotografen“ in seiner Sammlung von Polaroids noch fehlen.

[…] Teller, Tassen, Löffel, Schöpflöffel, Kochkessel, Töpfe, Gasbrenner […], lebende Hühner, Hähnchenschlegel […], Zimt und Pfeffer, Oregano, Minze […] Bierdosen, Whiskyflaschen, Knoblauchzöpfe […], kandierte Kokosstückchen, Orangen, Wassermeldonen und Papaya-Scheiben […], Rotz, Ohrenschmalz, Dünnschiss, Mareol Tabletten […], Halsketten, Schmuckringe, Armbänder, Anhänger, Wochenzeitschriften, Handschuhe, Bretter, Schlüssel […], benutzte und frische Kondome, Damenbinden Marke Kotex […], ein abgebrochener Stöckelschuhabsatz, eine Tabakpfeife ohne Tabak, ein seidener Damenstrumpf neben einer grünen Herrensocke […], drei Aufnahmen vom Schatten der Mandelbäume (um vier, fünf und sechs Uhr nachmittags) […], Angelhaken, Fischköder, Angelruten, Hämmer, Schraubenzieher, verschlissene Autoreifen, Steckdosen […], ein Bristol Kalender für das Jahr 1973 […], Dreiräder, Rollschuhe, Kinderwagen, Windeln, Nagelknipser, Dosenöffner […], Muttermale, Warzen, Mitesser und Pickel […]

Von einer auf einen Höhepunkt zusteuernden Romanhandlung kann man hier nicht sprechen. Stattdessen besticht „Der Mann mit der magischen Kamera“ durch eine dichte Atmosphäre, die wohl für die Armenviertel in der Karibik charakteristisch ist.

Ins Deutsche übersetzt wurde Pedro Badráns Roman „El hombre de la cámara mágica“ von Peter Schultze-Kraft und seinem jüngeren Bruder Rainer Schultze-Kraft.

Für den Umschlag des schön gebundenen Buches wurden zwei von Peter Schultze-Kraft 1968 erworbene Aufnahmen des kolumbianischen Fotografen Hernán Díaz (1931 – 2009) verwendet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © edition 8

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