Maxim Biller : Mama Odessa

Mama Odessa
Mama Odessa Originalausgabe Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023 ISBN 978-3-462-00486-1, 235 Seiten ISBN 978-3-462-31152-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Henry Kissinger persönlich erreicht, dass Gena und Aljona Grinbaum 1971 mit ihrem achtjährigen Sohn Mischa die Sowjetunion verlassen dürfen. Aljona, die Odessa nur auf Drängen ihres Mannes verließ und sich in Hamburg noch nie wohlgefühlt hat, ist überzeugt, dass ihr Genas "zionistischen Hirngespinste" nichts als Unglück gebracht haben.
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Kritik

Ein Mischa Grinbaum genanntes Ich erzählt von sich und seiner Mutter Aljona, die ebenso wie Maxim Billers Mutter Rada Biller in Moskau Geografie studiert und im Rentneralter als Schriftstellerin debütiert. "Mama Odessa" lässt sich als Versuch des Sohns verstehen, seiner Mutter nach dem Tod nahezukommen. Und es ist eine Geschichte von Versäumnissen.
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Der Großvater

Deutsche und rumänische Soldaten greifen am 21. Oktober 1941 in Odessa um die 25.000 Juden auf und treiben sie in verlassene Baracken des ehemaligen Munitionslagers am Tolbuchin Platz. Dann verschütten sie Benzin und setzen alles in Brand. Wer zu fliehen versucht, gerät in MG-Salven. Mischas armenischer Großvater Jaakow Gaikowitsch Katschmorian ist einer der wenigen, die das Massaker überleben.

Mitte der Siebzigerjahre wird Katschmorian in Odessa verhaftet, weil er im Keller der Kunstakademie eine verbotene Ausstellung antisowjetischer Kunst organisiert hat. Im Gefängnis erleidet er einen Herzinfarkt, nach der Entlassung folgen weitere Infarkte, und bald darauf stirbt er.

Vergiftungen

Während Mischas 1938 in Odessa geborene Mutter Aljona an der Lomonossow-Universität in Moskau Geografie studiert, nimmt sie im Sommer 1957 an einer Exkursion in die kasachische Steppe teil. Plötzlich steigt am Horizont ein gewaltiger weißer Pilz in den Himmel und bleibt dort hängen. Der alte Mann, mit dem die Gruppe gerade spricht, kennt das schon. Das geschehe hier öfter, meint er.

Zehn Jahre später, im August 1967, fahren Mischas Eltern Aljona und Gena Grigorjewitsch Grinbaum von der Datscha nach Odessa zurück. Auf Bitten ihres Mannes setzt Aljona sich ans Lenkrad. Während der Fahrt kann sie plötzlich ihre Hände und Arme nicht mehr bewegen. Gena greift zu und lenkt. Die beiden vermuten einen Anschlag. Sollte Gena, der normalerweise das Auto fährt, durch ein mit den Händen vom Türgriff oder Lenkrad aufgenommenes lähmendes Nervengift die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren?

Emigration

Der Slawist und Journalist Lassik Stein, einer der ältesten Freunde Gena Grinbaums, organisiert im Oktober 1965 in Odessa eine Demonstration gegen die offizielle Sprachregelung, der zufolge verschwiegen wird, dass es sich bei den 25.000 Todesopfern des Massakers am Tolbuchin Platz fast ausschließlich um Juden handelte. Die Organisatoren werden zu jahrelanger Lagerhaft verurteilt; nur Gena Grinbaum entkommt der Festnahme.

Er gründet dann an der Universität eine zionistische Diskussionsgruppe, ist besessen von der Idee, nach Israel auszuwandern und lernt Hebräisch.

Im Winter 1970/71 besetzt Gena Grinbaum mit der Gruppe acht Stunden lang die Kantine der Kommunistischen Parteizentrale in Odessa. Erstaunlicherweise wird er nicht verhaftet. Möglicherweise hat sich die American Jewish Conference on Soviet Jewry für ihn eingesetzt.

Henry Kissinger persönlich erreicht, dass Gena und Aljona Grinbaum 1971 mit ihrem achtjährigen Sohn Mischa die Sowjetunion verlassen dürfen.

In Hamburg, wo der Dissident Lassik Stein seit 1970 lebt, bekommt die Familie 1972 eine Wohnung, und zwar im Grindelviertel, dem früheren Zentrum der jüdischen Gemeinden.

Aljona Grinbaum

Mischa zieht während des Studiums nach München. Seine Mutter ruft in den Neunzigerjahren aus Hamburg an und teilt ihm mit, dass sein Vater bei einem Mathematiker-Kongress in Israel eine junge deutsche Kibbuz-Voluntärin kennengelernt habe – und diese nun seine neue Lebensgefährtin geworden sei. Er wohne mit seiner „Nazihure“ in einem Reihenhaus im Stadtteil Othmarschen.

Aljona, die Odessa nur auf Drängen ihres Mannes verließ und sich in Hamburg noch nie wohlgefühlt hat, ist überzeugt, dass ihr Genas „zionistischen Hirngespinste“ nichts als Unglück gebracht haben. Und sie beendet ihre fast 20 Jahre lange Tätigkeit als wissenschaftliche Assistentin an der Universität.

„Wir hätten in Odessa bleiben sollen“, sagte meine Mutter, bevor wie auflegten, „dort ginge es dir wirklich viel besser.“
„Meinst du?“
„Ja, natürlich“, sagte sie, „und mir auch. Mir sowieso. Ich bin sicher.“
Der Rabe sprang vom Dach eines kleinen gelben Sportwagens auf die Straße, aber bevor ihn ein riesiger weißer LKW überrollen konnte, machte er einen Satz zur Seite und flog in den abendlich roten Berliner Frühlingshimmel.

Aljona schickt ihrem Sohn eine autobiografische Geschichte, die sie geschrieben hat: „Der Kompass“. Und nachdem Mischa noch einige weitere kurze Erzählungen von ihr gelesen hat, ruft er zu Beginn des neuen Jahrtausends eine Lektorin bei Rowohlt an, von der er weiß, dass sie russisch versteht. Ein halbes Jahr später erhält Aljona Grinbaum einen Vertragsvertrag. 2003 erscheint ihr erstes Buch.

Ende 2006 kommt die inzwischen 68-Jährige zu ihrer ersten Lesung nach Berlin, wo Mischa inzwischen lebt.

Martha Neustadt

Unter Aljonas Nachbarn sind Martha und Erik.

Marthas Mutter Jeanette Neustadt wurde als elternloses jüdisches Mädchen von einem schwäbischen NSDAP-Beamten versteckt. Um sich aufzugeilen, schlug er sie fast jede Nacht mit einem Stück Gartenschlauch. Nur während ihrer Schwangerschaft ließ er sie in Ruhe. Als er im Mai 1945 ein paar Stunden zu früh eine weiße Fahne für die anrückenden Amerikaner vor dem Rathaus hisste, erschoss ihn sein Vorgesetzter.

Jeanette Neustadt schlug ihre Tochter Martha mit einem Stück Wäscheleine. Sie zog mit ihr nach Hamburg. Während Martha dann dort studierte, wurde ihre Mutter auf einem Gehsteig im Stadtteil Eppendorf von einem verwirrten Greis mit dem Auto totgefahren.

Martha Neustadt dreht Filme für die Kulturredaktion des NDR und schlägt vor, mit Aljona und Mischa nach Odessa zu fahren, um sie dort zu filmen. Mischa lehnt sofort ab, und am Ende wird auch nichts aus dem Projekt.

[…] sie war wahrscheinlich der falscheste, böseste Mensch, den ich in meinem Leben getroffen habe.
Aber das begriff ich erst, als Mama schon tot war.

Mischa erhält von seiner Mutter ein Buchmanuskript von Martha mit der Bitte, es zu prüfen und einen Verlag dafür zu finden. Er liest es – und wirft es in den Papierkorb. Mit den Worten, er habe vom Verlag noch keine Antwort erhalten, hält er Martha und seine Mutter hin.

Aljona wird schwer lungenkrank. Der Hausarzt Dr. Felosof hält das für eine Folge der atomaren Explosion während ihrer Exkursion in die kasachische Steppe, aber sie selbst führt es auf den Giftanschlag auf der Fahrt von der Datscha nach Odessa zurück, der ihrem Mann galt.

Einige Monate nach dem Tod seiner Mutter erscheint Martha Neustadts Roman über den Wunderheiler Bruno Gröning (Bruno Grönkowski, 1906 – 1959) bei Suhrkamp.

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Im Mai 1987 – ich war erst sechsundzwanzig Jahre alt – schrieb mir meine Mutter auf einer alten russischen Schreibmaschine einen Brief, den sie nie abschickte. Es ging gleich damit los, wie faul sie gerade sei […].
Danach kamen ein paar kurze, böse Gedanken über die Menschen im Westen, die immer so tun mussten, als ob sie sehr beschäftigt wären. […] Und dann überfiel sie mich, der diesen Brief erst dreißig Jahre später, erst nach ihrem scheußlichen, einsamen Tod lesen sollte, mit ihrer Wut und ihrer Traurigkeit, von der ich nie etwas gewusst habe. Oder vielleicht doch?

So beginnt der autofiktionale Roman „Mama Odessa“ von Max Biller.

Ein Mischa Grinbaum genanntes Ich erzählt von sich und seiner Mutter Aljona, die ebenso wie Maxim Billers Mutter Rada Biller Geografie studiert und im Rentneralter als Schriftstellerin debütiert. „Mama Odessa“ lässt sich als Versuch des Sohns verstehen, seiner Mutter nach dem Tod nahezukommen. Und es ist eine Geschichte von Versäumnissen. Zwischen Fiktion und Tatsachen lässt sich kaum unterscheiden.

Maxim Biller entwickelt die Geschichte nicht chronologisch-linear, sondern assoziativ-verschachtelt und fügt autobiografische Kurzgeschichten von Aljona Grinbaum ein, in denen sie sich Ela, ihren Mann David und ihren Sohn Sascha nennt. (Es handelt sich also keineswegs um Texte von Rada Biller.)

Rada Biller wurde 1930 oder 1931 als Raissa Tschachmachtschewa in Baku geboren. 1937 zogen ihre jüdische Mutter und ihr armenischer Vater mit ihr nach Moskau. Im Zweiten Weltkrieg lebte die Familie in Baschkirien und Stalingrad. Nach dem Krieg studierte Raissa an der Lomonossow-Universität in Moskau Wirtschaftsgeografie und arbeitete dann als Geografin und Volkswirtschaftlerin.

Ende 1954 gebar sie eine Tochter, Elena, und 1960 brachte sie in Prag den Sohn Maxim zur Welt.

Im April 1971 emigrierten Raissa und Semjon-Jevsej Biller (1931 – 2017) mit den Kindern nach Hamburg. Dort wohnten sie im Grindelviertel. Semjon-Jevsej Biller arbeitete als Übersetzer und Dolmetscher, seine Ehefrau am Institut für Außenhandel und Überseewirtschaft der Universität Hamburg. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte sie unter dem Namen Raissa Tchakhmakhtcheva.

Der Sohn Maxim Biller studierte in Hamburg und München Literaturwissenschaft.

Mit dem 2003 im Berlin Verlag erschienenen autobiografischen Roman „Melonenschale“ debütierte Raissa unter dem Namen Rada Biller als Schriftstellerin. 2007 folgte „Lina und die anderen“, 2011 „Meine sieben Namen und ich“.

Rada Biller starb 2019.

Den Roman „Mama Odessa“ von Maxim Biller gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Jens Harzer.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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