Maxim Biller : Sechs Koffer

Sechs Koffer
Sechs Koffer Originalausgabe Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018 ISBN 978-3-462-05086-8, 198 Seiten ISBN 978-3-462-31909-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Schmil Grigorewitsch Biller, der Großvater des Ich-Erzählers, wird in dessen Geburtsjahr 1960 in Moskau wegen Schwarzmarkt-Geschäften festgenommen und nach einem Schauprozess hingerichtet. Die vier Söhne emigrieren allein bzw. mit ihren Familien nach Westen, und der Enkel geht der Frage nach, wer den Großvater verraten habe ...
mehr erfahren

Kritik

Das Besondere an dem Roman "Sechs Koffer" von Maxim Biller ist die Erzählstruktur. Es gibt zwar einen Ich-Erzähler, aber in jedem der sechs Kapitel geht es um die subjektive Perspektive einer anderen Person. Und zwischen Fiktion und Fakten lässt sich ohnehin kaum unterscheiden.
mehr erfahren

Vier Brüder

Lev und Wladimir Biller – zwei von vier Brüdern – übersiedeln nach dem Zweiten Weltkrieg von Moskau nach Prag. Etwas später lässt Lev sich zur Militärmission der ČSSR in Westberlin versetzen, und Wladimir flüchtet nach dem Slánský-Prozess Ende 1952 nach Rio de Janeiro (wo er schließlich die größte Straßenbaufirma Brasiliens besitzen wird). Eine Woche nach der Hinrichtung Rudolf Slánskýs am 3. Dezember 1952 in Prag, fordert man Lev Biller auf, in die tschechische Hauptstadt zurückzukehren, aber Wladimir warnt telefonisch, dass Juden im diplomatischen Dienst wegen der angeblichen trotzkistisch-titoistisch-zionistischen Verschwörung vor Gericht gestellt werden sollen.

Levs und Wladimirs jüngerer Bruder Semjon Biller studiert an der Schdanow-Universität in Leningrad Geschichte und ist mit seiner Kommilitonin Natalia Gelernter liiert. Sie heiratet allerdings 1958 im Prager Stadtteil Smíchov seinen Bruder Dima. Semjon, der ebenfalls nach Prag gezogen ist und Bücher wie den Roman „Der brave Soldat Schwejk“ von Jaroslav Hasek übersetzt, statt als Historiker zu arbeiten, hat zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner in Baku geborenen Ehefrau Rada eine vierjährige Tochter namens Jelena. Der Sohn folgt im August 1960. Die Verhältnisse sind beengt: Die Kinder schlafen in einem Bett, und die Eltern im selben Zimmer auf einem Sofa.

Der Verrat

In einem Telefongespräch mit Honza Kvapil, einem hohen Regierungsbeamten in Prag, ereifert sich Lev Biller 1958 über seinen Vater, der in Moskau mit Geschäften auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen verdient hat. Schmil Grigorewitsch Biller wird bald darauf am Flughafen Wnukowo verhaftet, kommt allerdings rasch wieder frei. Zwei Jahre später nehmen ihn die Russen erneut fest, als er von Moskau nach Prag fliegen möchte. Verbotenerweise hat er ein paar hundert US-Dollar bei sich. Mit dem Geld wollte er Rada und Semjon anlässlich der Geburt ihres Sohnes ein Auto kaufen. Sechs Monate später wird Schmil Grigorewitsch Biller in Moskau hingerichtet.

Wer verriet ihn?

Es konnte ihn schließlich jeder verraten haben, dem der Tate alte amerikanische Nähmaschinen oder französisches Parfum besorgt hatte, jeder, der ihm noch Geld schuldete oder der einfach nur wütend war auf diesen freundlichen, stillen Juden aus Ruthenien, weil er es schaffte, für seine Familie besser zu sorgen als die meisten Russen.

Semjon Biller verdächtigt seinen fünf Jahre älteren Bruder Dima als Verräter.

Dima Billers Verhaftung

Drei Monate vor der Hinrichtung des Vaters, im August 1960, verhaftete man Dima Biller am Flughafen in Prag-Ruzyné. Er hatte einen Pauschalurlaub in Albanien gebucht, plante jedoch, die Zwischenlandung in Belgrad zu nutzen, sich von der Reisegruppe abzusetzen und statt nach Tirana nach Westberlin weiterzufliegen. In zwei Orwo-Filmdosen versteckt, trug er sieben 100-Dollar-Scheine bei sich. Außerdem fand man Pläne und Formeln eines neuartigen Schmelzverfahrens bei ihm, die er im Metallurgischen Institut heimlich abfotografiert hatte, um sie sich in Berlin patentieren zu lassen. Bei seinen Vernehmungen verriet er nicht nur, dass seine Brüder Lev und Wladimir 40.000 Dollar mit ins Ausland geschmuggelt hatten, sondern auch, dass er vom Vater immer wieder mit Pfund- und Dollarnoten unterstützt worden war.

Während er verurteilt wird, ist Natalia mit der Tochter Ettie schwanger.

Aktion Bruder

Den Abend vor dem Tag, an dem Dima nach fünf Jahren Haft im Mai 1965 aus dem Gefängnis im Prager Stadtteil Pankrác entlassen wird, verbringt seine betrübte Frau Natalia mit ihrem Schwager und früheren Geliebten Semjon im Café Slavia, und Rada wartet zu Hause weinend auf ihren Mann.

Kurz nach seiner Freilassung ruft Dima seinen Bruder in Westberlin an. Er werde in zwei Wochen an der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin einen Vortrag halten, sagt er, und wolle sich bei dieser Gelegenheit mit Lev treffen. Der tschechoslowakische Staatssekretär Honza Kvapil warnt Lev Biller telefonisch: Man habe seinen Bruder Dima Ende Dezember 1964 dazu gebracht, ihn nach der Haftentlassung in eine Falle zu locken, erklärt er. Die Aktion trägt den Codenamen „Bruder“. Lev Biller soll bei einem Restaurantbesuch in Ostberlin festgenommen und dann an die ČSSR ausgeliefert werden.

Von diesem Augenblick an spricht Lev nicht mehr mit seinen drei Brüdern und deren Angehörigen.

Emigration in den Westen

Natalia Gelernter hatte den Todesmarsch von Auschwitz nach Thüringen überlebt. Inzwischen ist sie Dozentin an der Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste (FAMU) in Prag und stellvertretende Vorsitzende des Filmverbands. Sie dreht nur einen einzigen Kinofilm in der Tschechoslowakei –  „Hanka Zweigovd“ – und auch da zwingt man ihr ein anderes Ende auf. Im Januar 1969, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, erhält sie ein Berufsverbot. Daraufhin emigriert sie mit Dima und der Tochter Ettie nach Kanada.

Im Herbst 1969 beschließen auch Rada und Semjon, die Tschechoslowakei zu verlassen, und im Jahr darauf ziehen sie mit Sohn und Tochter nach Hamburg.

Besuch in Zürich

Am Tag vor seinem 15. Geburtstag im August 1975 fährt der Ich-Erzähler allein mit dem Zug von Hamburg nach Zürich, um seinen Onkel Dima zu besuchen, der dort seit seiner Rückkehr aus Montreal und der gleichzeitigen Trennung von Natalia vor knapp zwei Jahren lebt, während Natalia Genf als neuen Wohnort gewählt hat.

Natalia Gelernter – die ihren Mädchennamen auch nach der Eheschließung behalten hatte – gibt an der L’Université Populaire in Genf Russisch- und Tschechisch-Kurse.

Ettie ist bei ihrer Mutter geblieben, verbringt aber jedes zweite Wochenende mit ihrem Vater. In ihrem Zimmer in Zürich wird nun ihr Cousin für zehn Tage untergebracht.

An einem davon verabreden sich Dima und er mit Natalia und Ettie im Leukerbad in Zürich. Zufällig hört der Junge, wie seine Tante dem Onkel vorwirft, einen ihm zustehenden Geldbetrag – 10.000 US-Dollar – nicht mit mehr Nachdruck von seinen Brüdern verlangt zu haben.

Der 15-Jährige wundert sich darüber. Ihn treibt – neben pubertärem Sex – auch die Frage um, wer 1960 seinen Großvater verriet und an dessen Tod schuld ist. Als er eine Schreibtisch-Schublade durchsucht, findet er unter ein paar Pornoheften die vom Geheimdienst in Prag über seinen Onkel angelegte Akte. (Ein Beamter verkaufte sie Natalia im August 1968, und sie versuchte, ihren Ehemann damit um Geld zu erpressen.) Aber beim Durchblättern der StB-Akte erhält der Junge keine Antwort auf die Frage, wer den Großvater auf dem Gewissen hat.

Als er sich bei Dima nach Lev erkundigt, erfährt er, dass dieser seit Ende der Sechzigerjahre ebenfalls in Zürich lebt, und Dima rät seinem Neffen, ihn einfach anzurufen. Vielleicht werde er mit ihm reden, obwohl er nach wie jeden Kontakt mit seinen Brüdern ablehnt. Der Junge behauptet am Telefon, er befinde sich am Bahnhof in Zürich und sei soeben ausgeraubt worden. Aber Lev durchschaut die Lüge sofort und fragt ihn, ob Dima neben ihm stehe.

Drei oder vier Jahre später nimmt Natalia Gelernter sich in Genf das Leben, indem sie vor einen Lastwagen springt.

1986

Ihr Ex-Mann Dima stirbt im November 1986. Semjon benachrichtigt Lev telefonisch über den Tod des Bruders, und bei der Beerdigung sehen sie sich nach 20 Jahren erstmals wieder.

Lev sagt zu seinem Neffen, er habe ihn kürzlich bei einer Talkshow im Fernsehen gesehen. Daraufhin dreht dieser sich um und lässt ihn stehen.

Eine reine Familiensache

An Weihnachten 1999 besucht der seit 1980 in München lebende Ich-Erzähler seine Eltern ein letztes Mal in Prag, wo sie sich kürzlich eine Wohnung neben der in Hamburg gekauft haben.

Der Vater stirbt in Prag, während die Mutter in Hamburg, der Sohn in München und die Tochter in London sind.

Jelena schreibt in ihrer Wahlheimat England einen Roman. Als sie vom NDR zu einem Radiointerview eingeladen wird, will sie die Gelegenheit nutzen, um auch ihre Mutter Rada in Hamburg zu besuchen, die noch Klavierunterricht gibt, obwohl sie weit über 70 ist. Als die Redakteurin fragt, wer am Tod des Großvaters schuld sei, verweigert Jelena zunächst die Antwort.

„Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“
„Nein, das verstehe ich eigentlich nicht“, sagte die Moderatorin höflich und plötzlich sehr streng, und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen war.

Mit diesen Zeilen endet der Roman „Sechs Koffer“ von Maxim Biller.

nach oben

In dem Familienroman „Sechs Koffer“ von Maxim Biller geht es um Totalitarismus, Antisemitismus, Verlust der Heimat, Migration, Missgunst und Misstrauen, Verrat und Vertrauen. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, wer den Großvater des Ich-Erzählers in dessen Geburtsjahr 1960 verriet und schuld an seinem Tod ist. Die jüdische Intellektuellen-Familie, um die es geht, heißt Biller und weist Übereinstimmungen mit der des Autors auf, aber es lässt sich nicht zwischen Fiktion und Fakten unterscheiden. In „Sechs Koffer“ wird Schmil Grigorewitsch Biller 1960 nach einem Schauprozess in Moskau hingerichtet. Maxim Billers Schwester Elena Lappin schreibt in ihrem 2012 in englischer Sprache veröffentlichten, 2017 von Hans-Christian Oeser ins Deutsche übertragenen Roman „In welcher Sprache träume ich? Geschichte meiner Familie“, der Großvater sei in einem sowjetischen Arbeitslager umgekommen. (Übrigens veröffentlichte auch die Mutter Rada Biller 2003 einen von der Familiengeschichte inspirierten Roman: „Melonenschale. Lebensgeschichte der Lea T.“)

Der in Prag und Hamburg mit Russisch, Tschechisch und Deutsch aufgewachsene Ich-Erzähler – den wir mit dem Autor Maxim Biller assoziieren – entwickelt die Geschichte der von Ost nach West migrierten Familie nicht chronologisch oder auch nur zusammenhängend, sondern episodisch in sechs Kapiteln. Jedes davon folgt dem Blickwinkel einer anderen Person (und das eine Ich wird dabei zum auktorialen Erzähler):

  1. Vor der Flucht: Semjon Biller
  2. Prager Depressionen: Rada Biller
  3. Kronenhalle: Dima Biller
  4. Der späte Tod von Hanka Zweigovd: Natalia Gelernter
  5. Aktion Bruder: Lev Biller
  6. Eine reine Familiensache: Jelena

 

Maxim Billers Alter Ego gibt zwar verschiedene Spekulationen über den Verräter des Großvaters wider, aber das Familiengeheimnis wird zum MacGuffin, denn das Buch endet in dem Augenblick, in dem Jelena zu erzählen beginnt, was damals geschah. Wir erfahren es also nicht.

Die Romanfiguren bleiben blass; Maxim Biller hat nicht versucht, die Charaktere auszuleuchten. Das passt zu der nebulösen und fragmentarischen Darstellung, in der vieles offen bleibt und es keinen festen Boden unter den Füßen gibt.

Und dann fiel mir plötzlich ein, keine Ahnung wieso, dass ich früher als Kind in Prag immer Angst gehabt hatte, mein ganzes Leben sei eine Geschichte, die Spejbl seinem Sohn Hurvínek [Marionetten des tschechischen Puppenspielers Josef Skupa] zum Einschlafen vorlas, und dass Spejbl eines Tages das Buch mit meiner Geschichte zumachen und mein Leben dadurch zu Ende gehen würde.

Es ist wohl kein Zufall, dass der 15-jährige Ich-Erzähler während seines Besuchs bei seinem Onkel Dima Biller in Zürich einen Schulaufsatz über Bertolt Brechts „Flüchtlingsgespräche“ schreiben muss. Ein Zitat daraus hat Maxim Biller als Motto des Romans „Sechs Koffer“ gewählt:

Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen.

In den Text eingestreut sind noch weitere Zitate aus den „Flüchtlingsgesprächen“:

In großen Zeiten stören Leute wie ich das harmonische Bild.

So haben sie einen Verräter aufgezogen, ihn unterrichtet in ihren Künsten, und er verrät sie dem Feind.

Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich habe mich noch selten getäuscht.

Es gibt schlechten und es gibt guten Verrat.

Sprachlich ist „Sechs Koffer“ nicht überzeugend. Kleinigkeiten wie der Begriff „Backen“ anstelle von „Wangen“ stören nicht weiter, aber man stolpert zum Beispiel über eine Subjekt-Objekt-Vertauschung oder einen Satz mit „sie, die“ und „also als“:

Sie alle kannten Jelena und ich aber nur aus Mamas […] Erzählungen.

Seitdem musste sie, die inzwischen weit über siebzig war, also als Klavierlehrerin arbeiten.

Provokant sind Formulierungen wie „deutsches Vogelscheuchen-Gesicht“. Susanne Klingenstein schreibt dazu unter dem Titel „Verhüllt in einer Wehmutswolke“ in der FAZ:

Das wirkliche Problem des Romans ist die zu einfache, stereotype Sprache. Sie trägt entscheidend dazu bei, dass man die Figuren nur als Klischees wahrnimmt. Es ist hier nur Platz, um eine sprachliche Manie darzustellen, nämlich die klotzige Reihung einfachster Adjektive, in die sich immer eine Wertung einschleicht: […] „böser, linker, bärtiger Deutschlehrer“ […], „unverschämte, freche, osteuropäische Art“, […], „böser, verklemmter Antisemitenblick“ […], „unfreundliches, kleines Osteuropäergesicht“ […] und so fort.

Mit seinem Roman „Sechs Koffer“ schaffte es Maxim Biller auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018.

Den Roman „Sechs Koffer“ von Maxim Biller gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Christian Brückner (ISBN 978-3-8398-7113-3).

Maxim Biller wurde am 25. August 1960 in Prag als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren. Die Eltern emigrierten 1970 mit ihm und seiner sechs Jahre älteren Schwester – der späteren Journalistin Elena Lappin – nach Hamburg. Dort und in München studierte Maxim Biller Literatur. Danach besuchte er noch die Deutsche Journalistenschule in München, bevor er anfing, für mehrere Zeitschriften zu arbeiten. 1990 erschien sein erster Band mit Erzählungen: „Wenn ich einmal reich und tot bin“. Von Oktober 2015 bis Ende 2016 gehörte er zur festen Besetzung des Literarischen Quartetts im ZDF.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Maxim Biller: Die Tochter

Barbara Leisner - "Ich mache keine Kompromisse". Camille Claudel
"Ich mache keine Kompromisse" lautet der Titel der spannend und einfühlsam geschriebenen Biografie über Camille Claudel. Am Beispiel dieses tragischen Lebens beleuchtet Barbara Leisner auch die gesellschaftliche Situation am Ende des 19. Jahrhunderts.
„Ich mache keine Kompromisse“. Camille Claudel

 

 

 

Deutscher Buchpreis 2018
(Vorstellung des Romans der Preisträgerin und zehn weiterer Bücher der Finalisten)


Literaturagenturen