Bov Bjerg : Serpentinen

Serpentinen
Serpentinen Originalausgabe Claassen Verlag, Berlin 2020 ISBN 978-3-546-10003-8, 267 Seiten ISBN 978-3-8437-2287-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bov Bjerg versetzt sich in die Gefühls- und Gedankenwelt eines depressiven, grüblerischen und suizidgefährdeten Vaters, der verzweifelt versucht, nicht so zu werden wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater, die sich alle drei ohne Rücksicht auf die Hinterbliebenen das Leben nahmen. Wird er sich von der Vergangenheit befreien können? Einen direkten Weg gibt es für ihn nicht. Er muss über Serpentinen hinauf und hinunter.
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Kritik

"Serpentinen" ist eine Vater-Sohn-Geschichte über mehrere Generationen, eine Road Novel und ein gesellschaftskritischer Bildungsroman. Eine Handlung im eigentlich Sinn gibt es nicht. Bov Bjerg hat das Wort dem Protagonisten als Ich-Erzähler überlassen und korrigiert an keiner Stelle dessen subjektive Sicht. Trotz des düsteren Themas wirkt die Lektüre von "Serpentinen" nicht deprimierend. Inhaltlich und sprachlich ist "Serpentinen" anspruchsvolle Literatur.
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Reise in die Vergangenheit

Der Vater, ein seit dem Studium in Berlin lebender Soziologieprofessor, fährt mit dem siebenjährigen Sohn, den er nur „Junge“ nennt, für ein paar Tage in die Schwäbische Alb, wo er geboren wurde und aufwuchs. M., die Mutter des Jungen, eine promovierte Rechtsanwältin, ist aus beruflichen Gründen in Berlin geblieben. Immer wieder fahren die beiden die Serpentinen hinauf und hinunter.

„Um was geht es“, sagte der Junge.
Ich sagte: „Es geht um die Serpentinen.“
„Um was geht es“, sagte der Junge.
Ich sagte: „Um die Serpentinen. Es geht darum, sich in die Kurve zu legen.“
„Um was geht es“, sagte der Junge. Er lachte.
„Ser-pen-ti-nen!“, rief ich.

Für die Zugverbindung von Paris nach Bratislava bzw. von Stuttgart nach Ulm wird gerade eine Abkürzung gebaut, mit Tunnels statt Serpentinen.

Fünf Minuten, zwanzig Sekunden schneller im Osten.

Der Vater hat zwar sein Telefon mitgenommen, aber ortungssicher in eine Blechdose gelegt, denn er möchte nicht durch Anrufe gestört werden.

Urgroßvater, Großvater, Vater und Mutter

Von seinem Urgroßvater hieß es, er sei 1900 in die USA ausgewandert. Tatsächlich hatte er sich ertränkt.

Er hatte sich einfach das Leben genommen. Wie der Großvater und wie der Vater. […]
Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.

Der sechs Jahre ältere Bruder des Vaters war im Alter von 20 Jahren auf der Krim verschollen. Die beiden stammten aus Rathenow in Brandenburg.

Der Vater war ein Nazi, bis zu seinem Ende.
Keiner von denen, die den Massenmord abstritten. Er war ein richtiger Nazi. Einer, der den Mord gut fand. […]
Er hatte kein Nazi der Tat mehr sein können. Er musste ein Nazi der Meinung bleiben. Ein Mörder nur in der Fantasie und auf dem Wahlzettel.

Er soff mit Italienern, er soff mit Jugoslawen. Grappa, Sliwowitz, Obstler.
Er schimpfte nicht auf Ausländer.
Er war lediglich der Ansicht, dass Deutschland die Welt beherrschen sollte, dass Hitler ein großer Mann gewesen und dass es richtig gewesen sei, möglichst viele Juden umzubringen.

Ich sah eine Autobahn und dachte: Nazis.
Ich sah Gleise und dachte: Deportationen.

Die Mutter stammt aus Böhmen. Sie floh mit mehr als tausend anderen Menschen aus „Donaueuropa“ nach „Rheineuropa“ und traf am 1. September 1946 in Gebingen in Baden Württemberg ein. Seit ihrem 14. Lebensjahr arbeitete sie als Putzfrau, Stubenmädchen, Näherin oder Verkäuferin.

Der Vater aus Brandenburg, die Mutter aus Böhmen, ich von der Alb, M. von der Ostsee, der Junge aus Berlin.

Der alkoholkranke, in der Familie prügelnde Vater schlief mit einem Beil unter dem Kopfkissen. Als er sich 1973 erhängte, war er 44 Jahre alt.

Der Vater hatte nicht leben wollen. Ich war nicht Grund genug. Ich war nicht gut genug. Ich war wahrscheinlich zu ANSTRENGEND.

Es stimmte nicht.
Es stimmte nicht, dass er nicht leben wollte, weil ich nicht genügte.
In Wirklichkeit war es viel leichter. WIE ich war, war für ihn ohne Bedeutung. Das war meine Freiheit.
In Wirklichkeit war es viel schwerer. Bereits DASS es mich gab, war für ihn ohne Bedeutung. Das war mein Schmerz.
Ich war für den Vater: NICHTS.
Der Junge war für mich: ALLES.

Diese Scheißwut der Scheißväter, gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kindheit ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater.

Der Ich-Erzähler, der jetzt mit seinem Sohn auf Serpentinen in der Schwäbischen Alb unterwegs ist, war beim Suizid seines Vaters sieben Jahre alt, sein Bruder noch jünger. (Als er seinen 45. Geburtstag erlebte, war er froh, denn er hatte eine Etappe geschafft.)

Mit dem Stiefvater kam er besser zurecht.

Mit dem Stiefvater war alles einfach. Klares Arschloch, klares Bild, klare Erinnerung. Später mochte ich ihn dafür, dass er immer so ein klares Arschloch gewesen war.

Befreiung

Vater und Sohn besuchen die altersdemente Großmutter des Jungen im Pflegeheim. Sie erkennt die beiden nicht.

Auf dem Friedhof sucht der Erzähler vergeblich nach dem Grab des Jugendfreundes Frieder. Dessen Grab wurde bereits aufgelassen. Zufällig treffen sie Frieders jüngeren Bruder Micha, der gemeinsam mit seinem Ehemann Schorsch den Bauernhof der Eltern übernommen hat.

Der Ich-Erzähler erinnert sich an Veronika, eine frühere Mitschülerin, die von ihm und den anderen gehänselt worden war. Trotz eines hervorragenden Abiturs hatte sie nur eine Hotelfachschule besuchen können. Vor ein paar Jahren traf er sie in Kalifornien wieder, wo sie inzwischen ein eigenes Hotel betrieb.

Veronika hatte sich befreien können von ihrem Vater, von ihrem Dorf und von Arschlöchern wie mir.

Die Ehe

M. ist viel jünger als er. Der Junge war bereits geboren, als das Paar im Standesamt Pankow ohne Gäste und Trauzeugen heiratete und er ihren Nachnamen annahm.

Ich nahm also M.s Namen an. Ich beendete das Leben des Vaters noch einmal. Ich hieß jetzt wie der Junge.

Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde.
Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte.
Was war, wenn ich mich geirrt hatte?

Man entschied sich für ein Kind, wenn man glaubte, dass man weiterleben wollte. Doch was war, wenn man sich geirrt hatte?

Ein zweites Kind?

Ich war dafür, M. war skeptisch.
Dann wollte M., doch ich hatte Zweifel.
So blieb es bei einem Kind.

Depression

Er hält es für möglich, dass er sich wie der Urgroßvater, der Großvater und der Vater das Leben nehmen und seinen Sohn allein lassen wird.

Ich hätte nicht einmal sagen können, warum ich mir selbst das Leben nahm, oder nicht nahm. Es war seltsam, dass es dafür einen Grund geben sollte. Als ob ein Suizid das Ergebnis einer logischen Operation wäre.

Wegen seiner Depression wandte er sich an einen Psychotherapeuten in Berlin, aber er brach die Behandlung gleich wieder ab.

Der Soziologie-Professor muss zwar Vorträge bei Kongressen halten und an Pflichtveranstaltungen teilnehmen, aber bei solchen Anlässen fühlt er sich unwohl.

Ich gehörte nicht zur Hochschule. Als Student nicht und als Professor erst recht nicht. Ich würde nie dazugehören.
Gesellschaftliche Anlässe waren schwer zu ertragen, die Universitätsempfänge, die akademischen Feiern, die Preisverleihungen, selbst das banalste Meet and Greet hielt ich kaum aus. Herumstehen. Joviales Nicken.
Am Schreibtisch war ich allein, da gehörte ich dazu. Da gehörte ich zu mir. Sobald ich nicht mehr allein war, gehörte ich nicht mehr dazu.

Er hört die falschen Töne der Salonlöwen.

Wie sie im Geplauder ihre Sicherheit und Eloquenz ausstellten. Es gab keine offenen Fragen, nur Postulate und Gespreize. Noch der Zweifel geriet ihnen zur Pose […]. Mal ins Unreine gesprochen. Könnte man nicht formulieren, dass. Für mein Dafürhalten. Mit Verlaub.

Vater und Sohn

Als der Junge in seinem Bett in der Pension schläft, spielt der Vater mit dem Gedanken, ihn zu töten.

Ich hielt das Kissen in den Händen. […] Das Kissen war frisch bezogen.
Es war so weit.
Bald hatten wir es hinter uns.
Ich würde ihm alles ersparen.
Ich legte das Kissen auf das Gesicht des Jungen.

Ich blickte auf das Kissen, unter dem der Kopf des Jungen lag.
Ich heulte aus Mitleid mit mir selbst. Und ich heulte aus Mitleid mit dem Jungen, der dieses Monster zum Vater hatte. Ich heulte, weil das ein und derselbe Grund war.

Bei einer Wanderung hat er vergessen, Wasser, Bier und Proviant mitzunehmen. Zum Glück hat der Junge daran gedacht und nicht nur Brötchen vom Frühstückstisch in seinen Rucksack gepackt, sondern auch eine Flasche Wasser für sich und drei Dosen Bier für den Vater.

Statt den Jungen dafür zu loben, überfordert der Vater ihn mit Rechenaufgaben, bis der Siebenjährige schluchzend auf eine Buche klettert und sich mit einem Seil um den Hals auf einen Ast stellt. Er rutscht ab. Zum Glück löst sich das Seil. Aber der Junge liegt bewusstlos auf dem Boden und hat sich einen Arm gebrochen.

Der Vater holt sein Telefon aus der Blechdose und wählt die Nummer des Notdienstes.

32 Nachrichten befinden sich in seiner Mailbox. M. machte sich Sorgen, weil er sich nicht meldete.

Sie wisse doch nicht, wie ich drauf sei. Sie wisse doch nicht, was ich vorhätte.

Sie beabsichtigt, den nächsten Flug von Berlin nach Stuttgart zu nehmen, aber ihr Mann hält sie davon ab und verspricht, am nächsten Tag mit dem Jungen zurückzukommen.

Mit dem Leihwagen fahren sie nach Stuttgart, und von dort nehmen sie den Zug nach Berlin.

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In seinem Roman „Serpentinen“ versetzt sich Bov Bjerg in die Gefühls- und Gedankenwelt eines depressiven, grüblerischen und suizidgefährdeten Vaters, der verzweifelt versucht, nicht so zu werden wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater, die sich alle drei ohne Rücksicht auf die Hinterbliebenen das Leben nahmen. Er hat es zwar geschafft, die Provinz zu verlassen und in Berlin nicht nur zu studieren, sondern auch eine Familie zu gründen und sich als Soziologe zu habilitieren, aber er quält sich mit Selbstzweifeln, trinkt zu viel Alkohol und spielt mit dem Gedanken, den Jungen und dann sich selbst zu töten. Wird er sich von der Herkunft und den Erlebnissen in der Kindheit befreien können wie zum Beispiel seine frühere Mitschülerin Veronika?

Einen direkten Weg gibt es für ihn nicht. Er muss über Serpentinen hinauf und hinunter.

„Serpentinen“ ist eine Vater-Sohn-Geschichte über mehrere Generationen, ein Road Novel und ein Bildungsroman. Zugleich wirft Bov Bjerg einen kritischen Blick auf die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Eine Handlung im eigentlich Sinn gibt es in „Serpentinen“ nicht. Bov Bjerg hat das Wort dem Protagonisten als Ich-Erzähler überlassen und korrigiert an keiner Stelle dessen subjektive Sicht.

Trotz des düsteren Themas wirkt die Lektüre von „Serpentinen“ nicht deprimierend.

Inhaltlich und sprachlich ist „Serpentinen“ anspruchsvolle Literatur.

Die Figur Frieder kam übrigens bereits in dem Roman „Auerhaus“ von Bov Bjerg vor.

Den Roman „Serpentinen“ von Bov Bjerg gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Robert Stadlober (ISBN 978-3-95713-199-7).

Der durch einen Leuchtturm bekannte Ort Bovbjerg bei Ferring im Westen Jütlands stand Pate, als Rolf Böttcher das Pseudonym Bov Bjerg wählte. Er wurde 1965 in Heiningen am Fuße der Schwäbischen Alb im baden-württembergischen Landkreis Göppingen geboren und wuchs dort auf. In Berlin und Amsterdam studierte er Linguistik, Politik- und Literaturwissenschaften. Außerdem absolvierte er das Deutsche Literaturinstitut Leipzig. 2015 erschien sein später auch verfilmter Roman „Auerhaus“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

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