Agota Kristof : Das große Heft

Das große Heft
Originalausgabe: Le grand cahier Éditions du Seuil, Paris 1986 Das große Heft Übersetzung: Eva Moldenhauer Rotbuch Verlag, Hamburg 1987 Piper Verlag, München 1990 ISBN: 978-3-492-20779-9, 163 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Zwei zu Beginn der Handlung neunjährige Jungen, Zwillinge, sind die Protagonisten des Antikriegsromans "Das große Heft". Wegen des Krieges werden sie zur verwahrlosten Großmutter gebracht, die ihre Enkel jedoch ausbeutet. Ohne Vorbild oder Anleitung entwickeln sie ihre eigenen Moralbegriffe. Um zu überleben, härten sie sich physisch und psychisch ab. Sie üben das Ertragen von Schmerzen ebenso wie das gefühllose Töten ...
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Kritik

Die Darstellung ist auf ein Minimum beschränkt. Die Sätze sind kurz, schlicht und gefühlskalt. Gerade diese Lakonie macht den Antikriegsroman "Das große Heft" von Agota Kristof zu einer erschütternden Lektüre.
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Die Mutter verlässt mit ihren neun Jahre alten Zwillingen die Große Stadt, denn dort sind sie wegen der dauernden Bombardierung nicht mehr sicher. Außerdem gibt es in der Metropole kaum noch etwas zu essen. Mit der Bahn fahren sie in die Kleine Stadt und gehen dann zu Fuß quer hindurch und noch fünf Minuten über die letzten Häuser auf der anderen Seite hinaus, bis sie das abgelegene Haus der Großmutter der Zwillinge erreichen. Die als Hexe verschriene alte Frau, von der es heißt, sie habe ihren damals 44 Jahre alten Ehemann vor 23 Jahren vergiftet, beschwert sich sogleich darüber, dass ihre Tochter seit zehn Jahren nichts mehr von sich hören ließ und erst jetzt, in der Not, zu ihr kommt. Ob sie überhaupt einen Ehemann habe, fragt die Ältere ihre Tochter. Der sei als Kriegsberichterstatter an der Front, lautet die Antwort. Die Gescholtene beteuert, sie bitte nur um Aufnahme ihrer beiden Söhne. Der Krieg wütet hier noch nicht, und die Großmutter, die nicht nur Schweine, Ziegen, Kaninchen, Enten und Hühner züchtet, sondern im Garten auch noch Obst und Gemüse angepflanzt hat, kann die Kinder ernähren. Zähneknirschend erklärt die Großmutter sich einverstanden, ihre Enkel aufzunehmen, und deren Mutter reist weinend ab.

Wasser gibt es nur aus einem Pumpbrunnen im Hof. Die Großmutter besitzt weder Seife noch Zahnpasta oder Waschpulver.

Großmutter wäscht sich nie. Sie wischt sich den Mund mit dem Zipfel ihres Kopftuchs ab, wenn sie gegessen hat oder wenn sie getrunken hat. Sie trägt keine Unterhose. Wenn sie urinieren muss, bleibt sie stehen, wo sie sich gerade befindet, macht die Beine breit und pisst auf die Erde unter ihren Röcken. Natürlich tut sie es nicht im Haus.

Jeden Morgen fährt die Großmutter mit einer Schubkarre zum Markt und verkauft Eier, Obst und Gemüse, hin und wieder auch Geflügel, eine Ziege oder ein Schwein. Die Kinder müssen hart arbeiten. Eines Tages sägen sie die Leiter an. Großmutter stürzt und steigt von da an nicht mehr in die Dachkammer hinauf. Die Kinder, die an einem Seil hinaufklettern, verbergen dort ihre Sachen und bohren Löcher in den Fußboden, um in die Räume darunter spähen zu können. Sie beobachten, dass sich die Großmutter jeden Abend betrinkt.

Weil die Schulen wegen des Krieges geschlossen sind, lernen die Zwillinge autodidaktisch. Sie lesen, rechnen und üben ihr Gedächtnis. Um Aufsätze schreiben zu können, suchen sie im Schreibwarengeschäft ein dickes Heft und Bleistifte aus. Weil sie kein Geld zur Verfügung haben, schlagen sie dem Inhaber vor, für ihn zu arbeiten oder ihm Eier zu bringen. Aber er will nichts von den Enkeln der „Hexe“, lässt sie das Gewünschte nehmen und wirft sie hinaus.

Die Großmutter schlägt ihre Enkel häufig, obwohl sie eifrig arbeiten. Sie härten sich gegen Schmerzen ab, indem sie sich gegenseitig ohrfeigen, die Hände über eine Flamme halten, sich in die Haut schneiden und Alkohol darauf träufeln.

Im Wald finden sie einen toten Soldaten. Das Gewehr, die Patronen und Handgranaten nehmen sie mit.

Die Frau, die mit ihrer Tochter im nähesten Haus am Stadtrand wohnt, soll verrückt sein, heißt es, weil der Vater des Kindes sie während der Schwangerschaft verließ. Das Mädchen, das ein wenig älter ist als die Zwillinge und eine Lippenspalte hat, liest nicht nur auf dem Markt verfaultes Gemüse auf, sondern bettelt und stiehlt außerdem. Auf diese Weise sorgt die Jugendliche für sich und ihre Mutter. Als sie den Zwillingen zum ersten Mal begegnet, bietet sie ihnen Sexspiele an, aber damit können die Buben nichts anfangen.

– Wir spielen nie.
– Was macht ihr dann den ganzen Tag?
– Wir arbeiten, wir lernen.
– Ich, ich bettle, ich stehle und ich spiele.
– Du kümmerst dich um deine Mutter. Du bist ein gutes Mädchen.
Sie sagt, näherkommend:
– Ihr findet mich gut? Wirklich?
– Ja. Und wenn du was brauchst für deine Mutter oder für dich, frag uns nur. Wir werden dir Obst, Gemüse, Fische, Milch geben.
Sie beginnt zu schreien:
– Ich will euer Obst, eure Fische, eure Milch nicht! Das alles kann ich stehlen. Ich will, dass ihr mich mögt. Niemand mag mich. Nicht mal meine Mutter. Aber auch ich mag niemand. Weder meine Mutter noch euch! Ich hasse euch!

Die Zwillinge gehen in der Kleinen Stadt betteln, um zu erfahren, wie das ist. Anschließend werfen sie in den Straßengraben, was sie bekommen haben.

Kurz darauf sind sie am Flussufer beim Angeln, als „Hasenscharte“ – so nennen sie das Mädchen – sich in ihrer Nähe ins Gras legt. Als sie den Rock hochzieht, sehen die Jungen, dass sie keine Unterhose trägt. Sie pfeift einen Hund herbei und masturbiert, bis dieser sie leckt und dann bespringt.

Einige Zeit tun die Zwillinge so, als sei der eine von ihnen blind und der andere taub. Der Taube führt den Blinden und erklärt ihm, was er sieht, während der Blinde seinem Bruder berichtet, was er hört. Auch das ist eine Übung, mit der die Zwillinge etwas lernen wollen. Außerdem bringen sie sich das Töten bei. Sie fangen mit Fischen an und schlachten dann Tiere fürs Essen. Aber sie töten auch Frösche und hängen einen Kater auf. Weil sie niemanden haben, der sie gegen die Größeren beschützt, basteln sie Waffen und füllen beispielswiese eine Stocke mit Sand. Bald wagt es kein Jugendlicher mehr, sich mit den Zwillingen anzulegen.

Einmal beobachten die beiden, wie Hasenscharte Wasser holt und einer der herumstehenden Jugendlichen in den gefüllten Eimer spuckt. Sie leert den Eimer und füllt ihn neu, und diesmal spuckt ein anderer Jugendlicher ins Wasser.

Der Junge öffnet seinen Hosenlatz und sagt:
– Lutsche! Wenn du ihn mir lutscht, lassen wir dich deinen Eimer füllen.
Hasenscharte hockt sich hin. Der Junge weicht zurück:
– Glaubst du, ich stecke meinen Pimmel in deinen dreckigen Mund? Schlampe!

Da helfen die Zwillinge dem Mädchen und vertreiben die anderen Jungen.

Die Großmutter, die weder schreiben noch lesen kann, verbrennt die Briefe, die sie bekommt. Die Zwillinge finden heraus, dass der Briefträger regelmäßig Geld bringt. Beim nächsten Mal passen sie ihn ab und zwingen ihn, den Brief mit dem Geld herauszugeben. Ihr Verdacht, dass er von ihrer Mutter ist, bestätigt sich. Von da an darf der Briefträger die Post nur noch den Zwillingen aushändigen.

Als es Winter wird, frieren die barfuß laufenden Jungen. Die Großmutter weigert sich, ihnen Schuhe zu kaufen, und das Geld der Mutter reicht nur für ein Paar. Aber der Schuster schenkt den Zwillingen Gummistiefel, Halbschuhe, Sandalen und Pantoffel. Er brauche das alles ohnehin nicht mehr, denn man werde ihn bald abholen, meint er.

Die Zwillinge sehen nach Hasenscharte und ihrer Mutter. Die beiden sind halb verhungert und erfroren. Da stehlen die Jungen Mehl, Salz, Zucker und Wurst für die Notleidenden. Sie bringen ihnen auch Holz, damit sie heizen können. Hasenscharte erzählt ihnen, sie habe des Öfteren Geld vom Pfarrer bekommen, dafür, dass sie ihm ihr Geschlecht zeigte und zuließ, dass er einen Finger hineinsteckte.

Also suchen die Zwillinge den Pfarrer auf und erpressen ihn. Das Geld, das sie jeden Samstag bei ihm abholen, bringen sie Hasenscharte und deren Mutter.

Eines Tages kommt statt der alten Haushälterin des Pfarrers eine junge Magd, um von der Großmutter Kartoffeln und andere Nahrungsmittel zu kaufen. Es handelt sich um eine Nichte der bisherigen Haushälterin, die am Vortag starb. Großmutter lässt sich für die Sachen gut bezahlen und erlaubt es, dass die Zwillinge beim Tragen helfen. Die Magd bietet den Jungen an, deren Kleider zu waschen, denn sie sind inzwischen ebenso verdreckt wie ihre Großmutter und stinken auch so.

Im Pfarrhaus füllt sie eine Wanne mit heißem Wasser und fordert die Zwillinge auf, sich auszuziehen. Weil die beiden sich genieren, badet das Mädchen zuerst. Nachdem sie den Jungen die Haare gewaschen und die Rücken geschrubbt hat, schneidet sie ihnen die Nägel und die Haare.

Sie streichelt uns und küsst uns auf den ganzen Körper. Sie kitzelt uns mit ihrer Zunge am Hals, unter den Armen, zwischen den Arschbacken. Sie kniet sich vor die Bank und lutscht unsere Geschlechtsteile, die in ihrem Mund wachsen und hart werden.

Von da an gehen die Zwillinge jeden Samstag ins Pfarrhaus, um zu baden, ihre Sachen zum Waschen zu bringen und Geld mitzunehmen.

Im Haus der Großmutter gibt es ein Zimmer mit einem eigenen Zugang von außen. Das wurde von einem Offizier requiriert. Der kommt mit seinem Adjutanten, als die Magd gerade mit den Zwillingen Kirschen pflückt. Den Militärs fehlt es an nichts. Sie haben mehr als genug zu essen, aber auch Kaffee, Schokolade, Bier, Schnaps und Wein. Der Offizier gefällt der Magd, aber der will nichts von ihr wissen. Stattdessen holt der Adjutant sie ins Zimmer, sobald sein Vorgesetzter weg ist, und treibt es mit ihr.

Dem Offizier gefallen die Zwillinge besser als das Mädchen. Er liebkost sie, lässt sich von ihnen auspeitschen und ins Gesicht urinieren. Einmal bringt er auch einen Freund zum Schlafen mit.

Nachdem sich die Zwillinge Jonglieren, etwas Zirkusakrobatik und einige Zauberkunststücke beigebracht haben, führen sie ihr Können auf dem Marktplatz vor und sammeln dann von den Umstehenden Geld ein.

Fremde Soldaten treiben ein paar hundert Menschen durch die Stadt. Eine der Gefangenen streckt die Hand nach dem Butterbrot aus, das die Magd des Pfarrers gerade am Straßenrand isst. Das Mädchen tut so, als wolle sie der Hungernden etwas abgeben, macht sich jedoch einen Spaß daraus, das Brot im letzten Augenblick zurückzuziehen und dann hineinzubeißen. Die Großmutter lässt die Äpfel, die sie in ihrer Schürze trägt, auf die Straße rollen. Die Aufpasser schlagen mit Gewehrkolben zu, können aber nicht verhindern, dass die Gefangenen die Äpfel aufheben und essen. Auch die Großmutter kriegt einen Schlag ab.

Kurz darauf kommt ein Polizist in ihr Haus. Er verdächtigt die Zwillinge, Waffen und Munition eines toten Soldaten im Wald an sich genommen und damit einen Anschlag aufs Pfarrhaus verübt zu haben. Als nämlich die Magd den Ofen anheizte, explodierte eine im Holz versteckte Patrone und verletzte sie schwer. Sie liegt jetzt im Krankenhaus. Der Polizist durchsucht das Haus der Großmutter, findet jedoch nichts. Die Zwillinge nimmt er mit aufs Revier.

Der Polizist beginnt zu schreien:
– Spielt hier nicht die Schlaumeier. Ihr habt Holz ins Pfarrhaus geliefert! Ihr treibt euch den ganzen Tag im Wald rum! Ihr plündert Leichen aus! Ihr seid zu allem fähig! Ihr habt das im Blut! Auch eure Großmutter hat einen Mord auf dem Gewissen. Sie hat ihren Mann vergiftet. Bei ihr ist es Gift, bei euch Sprengstoff! Gesteht, kleine Dreckskerle! Gesteht! Ihr seid’s gewesen.

Die Jungen kommen erst frei, als der Offizier und sein Adjutant einschreiten.

Ein älterer Herr bringt ein Mädchen zur Großmutter, das fünf Jahre älter ist als die Zwillinge. Die Eltern der Jugendlichen habe man deportiert, erklärt er, und bei ihm sei die verwaiste Jugendliche nicht sicher. Bei einer alten Frau, in deren Haus ein Offizier sein Quartier hat, werde man nicht nach ihr suchen. Die Großmutter, die dafür das gesamte von den Eltern hinterlassene Geld und den Familienschmuck erhält, soll das Mädchen als Cousine ihrer Enkel ausgeben.

Den Zwillingen entgeht nicht ein Selbstgespräch der Großmutter, die befürchtet, das Mädchen könne ihr das Geld und den Schmuck nach dem Krieg streitig machen. Sie plant deshalb, die Schutzbefohlene zu ermorden. Am nächsten Tag erklären die Zwillinge ihrer Großmutter, sie hätten alles aufgeschrieben und dem Pfarrer übergeben. Sobald ihnen oder ihrer „Cousine“ etwas zustoße, werde dieser den Brief öffnen.

Der Pfarrer fragt die Zwillinge, warum sie nicht mehr zu Baden kämen. Aber sie besitzen inzwischen selbst eine Wanne, die sie von dem Geld gekauft haben, das sie durch Musizieren in Kneipen verdienen. Sie haben schon lange kein Geld mehr für Hasenscharte und deren Mutter abgeholt. Der Geistliche hat es aufgespart und will es ihnen geben, aber sie benötigen es nicht, denn sie haben Hasenscharte geholfen, den Garten umzugraben und Gemüse anzupflanzen, ihr außerdem Küken und Kaninchen überlassen.

Eines Tages hält ein Militärjeep vor dem Haus der Großmutter. Ein Offizier und die Mutter der Zwillinge steigen aus. Sie sind auf der Flucht ins andere Land, und die Mutter, die ein Baby bei sich hat, will auch ihre Söhne mitnehmen. Aber die Zwillinge klettern am Seil hinauf in die Dachkammer. Sie wollen bei der Großmutter bleiben. Der Offizier drängt zum Aufbruch und setzt sich wieder hinters Steuer. Die Mutter fleht die Zwillinge an, zu ihr zu kommen. Da wird sie von einer Granate zerfetzt. Der Offizier rast los. Die Zwillinge begraben ihre tote Mutter und ihre kleine tote Halbschwester im Garten.

Ein Fremder kommt in Begleitung zweier Soldaten. Die Großmutter umarmt sie, denn sie sprechen ihre Muttersprache. Die Männer wollen das Mädchen in die Große Stadt bringen. Dort wird man nach ihren Eltern forschen.

Als die Zwillinge wieder einmal nach Hasenscharte und deren Mutter schauen, liegt die Leiche des Mädchens nackt auf dem Bett, getrocknetes Blut und Sperma zwischen den Beinen. Die Mutter hängt halb tot über den Küchentisch. Ihre Tochter habe ein Dutzend oder mehr Soldaten hereingerufen und sich von ihnen totficken lassen, berichtet sie und fordert die Jungen auf, das Haus anzuzünden, denn sie möchte nicht weiterleben. Die Zwillinge schneiden ihr also mit einem Rasiermesser die Kehle durch, verschütten Sprit aus einem Armeefahrzeug und setzten das Haus in Brand.

Die Befreier übernehmen die Herrschaft im Land.

Später haben wir wieder eine eigene Armee und eine eigene Regierung, aber unsere Befreier lenken unsere Armee und unsere Regierung. Ihre Fahne weht auf allen öffentlichen Gebäuden. Das Foto ihres Führers hängt überall. Sie bringen uns ihre Lieder, ihre Tänze bei, sie zeigen uns ihre Filme in unseren Kinos. In den Schulen ist die Sprache unserer Befreier Pflichtfach, die anderen Fremdsprachen sind verboten.
Gegen unsere Befreier oder gegen unsere neue Regierung ist keine Kritik, kein Scherz erlaubt. Auf eine bloße Denunziation hin wirft man jeden ins Gefängnis, ohne Prozess, ohne Urteil.

Geld ist nichts mehr wert. Aber der Großmutter und den Zwillingen fehlt es an nichts. Die Jungen, die rasch die Sprache der Befreier gelernt haben, tauschen auf dem Schwarzmarkt alles ein, was sie benötigen.

Die Grenze ist mit Stacheldraht gesichert, und die Armee will den Weinberg der Großmutter kaufen, um dort einen Posten zu errichten. Als die Großmutter zögert, auf das Angebot des Offiziers einzugehen, droht dieser, das Land mit Gewalt zu nehmen. Da überlässt sie die Verhandlung den Zwillingen, und die schlagen statt einer Bezahlung mit wertlosem Geld außer einer Strom- und Wasserversorgung des Hauses den Einbau eines Badezimmers heraus.

Eines Tages erleidet die Großmutter einen Gehirnschlag. Der Arzt rechnet damit, dass sie für immer gelähmt bleibt. Die Zwillinge kümmern sich um sie, flößen ihr Nahrung ein und besorgen Windeln. Aber plötzlich fängt sie wieder zu schimpfen an und steht auf:

Hundesöhne! Kocht ein Huhn! Wie soll ich wieder zu Kräften kommen mit eurem Grünzeug und eurem Brei? Ich will auch Ziegenmilch!

Sie will den Zwillingen verraten, wo sie ihre Wertsachen versteckt hat. Aber die beiden haben sie bei der Pflege des Grabes des Großvaters beobachtet und wissen längst, dass dort das Versteck ist. Die Großmutter gibt ihnen ein Fläschchen und verlangt von ihnen, ihr die darin aufbewahrte Flüssigkeit beim nächsten Schlaganfall einzuflößen.

Der Vater der Zwillinge kommt aus der Kriegsgefangenschaft und fragt nach seiner Frau. Sie zeigen ihm die Stelle im Garten, wo sie begraben ist. Er will sie auf dem Friedhof beerdigen und lässt sich deshalb eine Schaufel geben. Als er jedoch sieht, dass auf dem Skelett seiner Frau das Skelett eines Säuglings liegt und die Zwillinge ihm erklären, das sei ihre kleine Schwester, steigt er aus dem Loch und geht wortlos fort. Die Zwillinge tragen die Knochen in die Dachkammer, trocknen und polieren sie, setzen die Skelette mit Draht zusammen und hängen sie auf.

Als die Großmutter erneut mit einem Gehirnschlag zusammenbricht, töten die Zwillinge sie mit dem Gift, das sie von ihr bekamen und bergen die versteckten Wertsachen, bevor die Tote ins Grab ihres seit einem Vierteljahrhundert toten Mannes gelegt wird.

Jahre später taucht der Vater erneut auf. Aus politischen Gründen wurde er gefoltert und eingesperrt. Nun will er das abgeriegelte Land verlassen. Die Zwillinge erklären ihm die Grenzanlagen. Als der Vater erfährt, dass das Gelände zwischen der inneren und der äußeren Barriere vermint ist, hält er seinen Plan für undurchführbar.

– Dann ist es unmöglich.
– Nein. Eine Glücksfrage. Die Minen sind im Zickzack gelegt, wie ein W. Wenn man einer geraden Linie folgt, riskiert man nur, auf eine einzige Mine zu treten. Wenn man große Schritte macht, stehen die Chancen sieben zu eins, ihr zu entgehen.

Der Vater lässt sich von seinen beiden Söhnen zur Grenze bringen. Vorher haben sie noch alles verbrannt, womit man ihn im Fall des Scheiterns identifizieren könnte. Er klettert über die innere Barriere.

Wir legen uns bäuchlings hinter den großen Baum, wir halten uns mit den Händen die Ohren zu, wir machen den Mund auf.
Es gibt eine Explosion. […]
Unser Vater liegt an der zweiten Barriere.
Ja, es gibt eine Möglichkeit, über die Grenze zu gehen: Wenn man jemand vor sich hergehen lässt.

Einer der Zwillinge nimmt den Stoffbeutel mit den Wertsachen und überquert die Grenze. Der andere kehrt ins Haus der Großmutter zurück.

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Zwei zu Beginn der Handlung neunjährige Jungen, Zwillinge, sind die Protagonisten des Antikriegsromans „Das große Heft“. Wegen des Krieges werden sie zur verwahrlosten Großmutter gebracht, die ihre Enkel jedoch ausbeutet. Ohne Vorbild oder Anleitung entwickeln sie ihre eigenen Moralbegriffe. Um zu überleben, härten sie sich physisch und psychisch ab. Dazu gehört auch, dass sie keine Gefühle zulassen. Als letzte Übung trennen sie sich. Agota Kristof veranschaulicht in „Das große Heft“ am Beispiel einer pervertierten Kindheit die Auswirkungen, die der Krieg auf die Zivilbevölkerung hat. Es geht um Entwurzelung und Einsamkeit, Gewalt und Grausamkeit.

Zur autodidaktischen Bildung der Zwillinge gehört das Schreiben kurzer Aufsätze. Wenn sie einen davon für gelungen halten, weil er wahr ist und nur Beobachtbares enthält, übertragen sie den Text in „das große Heft“. Aus dieser Sammlung besteht gewissermaßen das vorliegende Buch, das dementsprechend in etwa 50 kurze Kapitel eingeteilt ist. Wir erfahren weder die Namen der Figuren, noch in welchem Land die Ereignisse stattfinden. Die Darstellung ist auf ein Minimum beschränkt. Da gibt es keine Schnörkel; die Sätze sind kurz, schlicht und gefühlskalt. So werden auch Brutalitäten ohne Anteilnahme protokolliert. Gerade diese Lakonie macht „Das große Heft“ zu einer erschütternden Lektüre.

Möglicherweise dachte Agota Kristof bei der Kleinen Stadt in der Nähe der Grenze an die zwei Kilometer östlich der ungarisch-österreichischen Grenze gelegene Kleinstadt Köszeg. Dorthin zog die Familie 1944, als Agota neun Jahre alt war, also so alt wie die Zwillinge. Offensichtlich spielt die Handlung im Zweiten Weltkrieg, bei den Deportierten handelt es sich um Juden und mit den „Befreiern“, die eine Diktatur errichten, sind die Sowjets gemeint.

Unter den Titeln „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ schrieb Agota Kristof zwei Fortsetzungen, die mit „Das große Heft“ zusammen eine Trilogie bilden.

Garleff Zacharias-Langhans hat aus dem Roman „Das große Heft“ von Agota Kristof ein Hörspiel gemacht (Regie: Heinz Hostnig, Sprecher: Matthias von Stegmann, Wolfgang Mondon, Cornelia Froboess, Maria Singer, Katja Riemann u.a., München 2011, ISBN 3-89584-871-9).

János Szász verfilmte den Roman „Das große Heft“ von Agota Kristof:

Das große Heft – Originaltitel: A nagy füzet – Regie: János Szász – Drehbuch: András Szekér, Tom Abrams und János Szász nach dem Roman „Das große Heft“ von Agota Kristof – Kamera: Christian Berger – Schnitt: Szilvia Ruszev – Darsteller: András Gyémánt, László Gyémánt, Ulrich Thomsen, Ulrich Matthes u.a. – 2013; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Rotbuch Verlag

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