Bov Bjerg : Auerhaus

Auerhaus
Auerhaus Originalausgabe Blumenbar, Berlin 2015 ISBN 978-3-351-05023-8,, 236 Seiten ISBN 978-3-8412-0991-7 (eBook) Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2017 ISBN 978-3-7466-3238-4
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die in den 80er-Jahren spielende Handlung dreht sich um eine Wohngemeinschaft von orientierungslosen 18-Jährigen, die zwar noch keine Zukunftspläne haben, aber auf keinen Fall wie ihre Eltern werden wollen. Für sie soll das Leben mehr werden als Leitzordner mit den Etiketten Birth, School, Work, Death.
mehr erfahren

Kritik

Bov Bjerg entwickelt die tragikomische Geschichte vom Erwachsenwerden aus der Perspektive des 18-jährigen Ich-Erzählers und schreibt in einem entsprechend einfachen Duktus. Ohne diesen Sound zu konterkarieren, lässt der Gewinner des Deutschen Kabarettpreises in seinem All-Age-Roman "Auerhaus" Pointen aufblitzen.
mehr erfahren

Selbstmordversuch

Höppner lebt mit seiner Mutter Theresia und seinem Stiefvater „F2M2“ („Fieser Freund Meiner Mutter“) in einem Dorf bei Stuttgart.

Die Väter waren immer viel dümmer als die Mütter, selbst wenn sie Ingenieur waren oder so was und die Mutter bloß Hausfrau. Die klügsten und freundlichsten Frauen hatten die dümmsten Arschlöcher zum Mann.

Der 18-Jährige jobbt auf einer Hühnerfarm und besucht ein Gymnasium am Rand der nahen Kreisstadt.

Das Gymnasium für die Dörfer. Die anderen Gymnasien hießen Schiller-Gymnasium und Albert-Einstein-Gymnasium. Unseres hieß Gymnasium Am Stadtrand. Die anderen hießen danach, was die Schüler mal werden sollten. Wir hießen danach, wo wir herkamen.

Sein Klassenkamerad, der Bauernsohn Frieder Wittlinger aus demselben Dorf, schluckt im Keller des Elternhauses eine Überdosis Schlaftabletten. Bei der Suche nach einer Axt findet ihn sein Vater gerade noch rechtzeitig.

Höppner besucht ihn in der Psychiatrie, wo er auch die gleichaltrige Patientin Pauline kennenlernt, die wegen Pyromanie eingewiesen wurde.

Auerhaus

Als Frieder nach Monaten aus der Klinik entlassen wird, kehrt er auf Anraten des Psychiaters nicht zu seinen Eltern auf den Bauernhof zurück, sondern zieht in das leer stehende Haus seines im Vorjahr gestorbenen Großvaters – und Höppner schließt sich ihm an, um den Freund vor sich selbst schützen zu können, aber auch, um seinem Stiefvater zu entkommen. Seine Freundin Vera gesellt sich dazu, und um deren Eltern zu beruhigen, wird auch ihre Freundin Cäcilia Schreiner Mitglied der Wohngemeinschaft.

Weil die WG immer wieder den 1982 von der Band „Madness“ aufgenommenen Song „Our House“ abspielt, hören die Nachbarn wegen fehlender Sprachkenntnisse „Auerhaus“. Dementsprechend heißt das Refugium nun „Auerhaus“.

Cäcilia ist die einzige im Auerhaus, die einem goldenen Käfig entflieht. Sie lehnt es ab, ihre reichen Eltern um Geld zu bitten, obwohl die gemeinsamen Einnahmen der vier Kommunarden nicht zum Leben reichen. Vera und Frieder intensivieren deshalb ihre Ladendiebstähle.

Am Heiligen Abend fällt Frieder den Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz. Er wird nicht erwischt, und der Dorfpolizist Gerhard Bogatzki verdächtigt zwar den Richtigen als Täter, kann ihm aber nichts nachweisen.

Als Pauline an Weihnachten aus der Psychiatrie entlassen wird, richtet sich die Brandstifterin auf dem Heuboden des Auerhauses ein.

Harald („Harry“) Calabrese schaut zunächst hin und wieder im Auerhaus vorbei. Aber nachdem er seinem Vater anvertraute, dass er schwul ist und grün und blau geschlagen wurde, schließt er sich ebenfalls der WG an. Das Gras, das der Kiffer und Dealer nicht selbst konsumiert, versteckt er im ehemaligen Hühnerstall. Weil ihm das Geld nicht reicht, das er als Elektriker-Lehrling verdient, treibt er sich am Wochenende als Stricher am Stuttgarter Bahnhof herum.

Gesetzesverstöße

Am Drei-Königs-Tag erhält Höppner seinen zweiten Musterungsbescheid – den er ebenso abheftet wie den ersten, ohne ihm Folge zu leisten. Aber dann bringt Gerhard Bogatzki ihn zwangsweise mit dem Streifenwagen zum Kreiswehrersatzamt in Stuttgart, und die Musterungskommission stuft ihn als voll verwendungsfähig ein.

Allerdings taucht plötzlich Frieder auf, der seinem Freund mit dem Fahrrad gefolgt ist, lenkt die Herren ab und klaut Höppners Akte.

Die Haustür im Auerhaus wird immer nur zugezogen, denn das Türschloss klemmt. Statt die Tür einfach zu öffnen, tritt ein Sondereinsatzkommando der Polizei sie ein und stürmt das Haus. Ein Junkie hat Harry als Dealer denunziert. Bei der Hausdurchsuchung wird zwar nur eine kleine Menge Haschisch sichergestellt, aber die Beamten stoßen auf die gestohlene Akte. Das wird ein Nachspiel haben.

Harry, der sich inzwischen einen viel Sprit schluckenden Gebrauchtwagen gekauft hat, fährt mit seinen Freunden in die Stadt und hält vor einer roten Ampel neben einem Streifenwagen. Frieder, der neben ihm sitzt, zielt mit einer täuschend echt aussehenden Atrappe einer Pistole auf den Polizisten. Der starrt ihn mit geweiteten Augen an, hat jedoch im nächsten Augenblick seine Dienstwaffe in der Hand. Harry gibt Gas und ignoriert die Warnschüsse. Das hätte tödlich enden können.

Frieder gesteht Höppner später, dass er es darauf angelegt habe, durch einen Schuss aus der Polizeiwaffe zu sterben.

Cäcilia kehrt auf Anraten des von ihrem Vater beauftragten Rechtsanwalts zu ihren Eltern zurück. Der Jurist argumentiert, die 18-Jährige sei in falsche Gesellschaft geraten und von „randständigen Jugendlichen“ verführt worden. Dadurch erreicht er die Einstellung des Verfahrens gegen Cäcilia. Vera, Pauline, Frieder und Höppner müssen in der Küche des Altersheims Sozialdienst leisten. Harry wird zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt und muss für zwei Jahre den Führerschein abgeben.

Das Ende

Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig.
Frieder sagte: „Du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht, und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloß ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon vorbei.“

Als Höppner mit dem Fahrrad zum Gymnasium fährt, sieht er, wie ein Mann in den Straßengraben kippt. Kurz nach ihm hält ein Autofahrer an, ein Berufssoldat. Die beiden bringen den Betrunkenen in die Notaufnahme des nächsten Krankenhauses – aber dort stirbt er den Erste Hilfe leistenden Sanitätern unter den Händen.

Aufgrund des Vorfalls kommt Höppner zwei Stunden zu spät zum Deutsch-Abitur – und fällt mit seiner Gesamtleistung durch. Um der Bundeswehr zu entgehen, zieht er nach Berlin.

Als Frieder bei einem zweiten Selbstmordversuch stirbt, kehrt Höppner zur Beerdigung seines Freundes ins Heimatdorf zurück.

Dort erfährt er, dass Pauline wegen Brandstiftung mit Todesfolge zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

nach oben

Die eineinhalb Jahre dauernde Handlung des All-Age-Romans „Auerhaus“ von Bov Bjerg spielt in den Achtzigerjahren in der Provinz nahe Stuttgart. Sie dreht sich um eine Wohngemeinschaft von orientierungslosen 18-Jährigen, die zwar noch keine Zukunftspläne haben, aber auf keinen Fall wie ihre Eltern werden wollen. Für sie soll das Leben mehr werden als Leitzordner mit den Etiketten Birth, School, Work, Death.

Bov Bjerg entwickelt eine zeitlose Geschichte vom Erwachsenwerden aus der Retroperspektive des Ich-Erzählers Höppner und schreibt in einem diesem Protagonisten entsprechenden einfachen Duktus. Ohne diesen Sound zu konterkarieren, lässt der Gewinner des Deutschen Kabarettpreises Pointen aufblitzen.

Bei zwei, drei Szenen übertreibt Bov Bjerg in „Auerhaus“, zum Beispiel, wenn sich die Musterungskommission von Frieder übertölpeln lässt.

Bemerkenswert ist, dass Bov Bjerg in dem tragikomischen Roman darauf verzichtet, Gründe für Frieders Lebensmüdigkeit anzugeben. Eine psychologische Analyse hätte auch nicht zum Ich-Erzähler Höppner gepasst. Es wird lediglich angedeutet, dass der Bauernsohn dem Rollenverständnis seiner Angehörigen nicht entspricht und sich deshalb ausgegrenzt fühlt. Auch ohne Erläuterungen verstehen wir, dass sich Frieder durch das Fällen des Weihnachtsbaums an der dörflichen  Gemeinschaft rächt, von der er sich nicht aufgenommen fühlt.

Bedenklich ist der unkritische Umgang mit den zahlreichen Gesetzesverstößen.

Ein ungewöhnlicher, besonders schöner stilistischer Einfall ist das eingeschobene Happy End, das der Autor nach zwei Seiten als Wunschdenken enttarnt.

Im richtigen Leben waren die Landungen härter.

Dann folgen noch einmal 50 Seiten.

Übrigens: Eine nach dem Song „Our House“ benannte Schüler-WG „Auerhaus“ soll es in Göppingen tatsächlich gegeben haben.

Den Roman „Auerhaus“ von Bov Bjerg gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Robert Stadlober, als Hörspiel und in Bühnenfassungen von Ekat Cordes und Robert Koall. Neele Vollmar verfilmte den Roman „Auerhaus“ von Bov Bjerg.

Originaltitel: Auerhaus – Regie: Neele Vollmar – Drehbuch: Neele Vollmar, Lars Hubrich – Kamera: Frank Lamm – Schnitt: Ana de Mier y Ortuño, Hansjörg Weißbrich – Musik: Oliver Thiede – Darsteller: Piet Fuchs, Damian Hardung, Sabine Holzloehner, Greta Hubert, Oliver Michael Jaksch, Devrim Lingnau, Hans Löw, Milan Peschel, Jürgen Rißmann, Sven Schelker, Anja Schneider, Christian Skibinski, Ada Philine Stappenbeck , Max von der Groeben, Hendrik Voß, Luna Wedler u.a. – 105 Minuten; 2019

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Aufbau Verlag

Bov Bjerg: Serpentinen

Patrick McGinley - Bogmail
"Bogmail" ist mehr eine Dorfkomödie als ein Kriminalroman. Zynisch ent­larvt Patrick McGinley die nordirische Dorfidylle als Trugbild. Wie anderswo auch, herrschen in dem Mikrokosmos Frustration und Verzweiflung, Miss­gunst und Verschlagenheit.
Bogmail