Annika Büsing : Koller

Koller
Koller Originalausgabe Steidl Verlag, Göttingen 2023 ISBN 978-3-96999-196-1, 176 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Juli 2021 begegnen sie sich in einem Park in Leipzig: Chris und Kolja ("Koller"), zwei Schwule, die sich sofort verlieben. Während Chris abwägt und nachdenkt, handelt Koller eher spontan. Am nächsten Tag fahren sie los. Eigentlich wollen sie an die Ostsee, aber unterwegs drehen sie um und besuchen erst einmal Kollers Schwester in Ludwigsburg. Und dann müssen sie noch durchs überflutete Ahrtal ...
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Kritik

"Koller" ist eine turbulente, kurzweilige Road Novel über Liebe und Sex, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Darstellung ist flott und locker, anschaulich und lebendig, prägnant, einfallsreich und mit augenzwinkernden Formulierungen gespickt. Annika Büsing gelingt es, die Romanfiguren durch deren Sprache zu charakterisieren.
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Leipzig

Im Juli 2021 begegnen sie sich in einem Park in Leipzig: Chris und Kolja („Koller“).

[…] machst du eine Kaugummiblase. Es ist das Eindrucksvollste, was ich seit einer Weile gesehen habe. Zum Vergleich: Ich habe Häuser gesehen, die von Menschen gebaut wurden, und Kinder, die von Menschen gezeugt wurden, und Hunde, die von Menschen dressiert wurden […]. Und ich blicke diese Dinge an, eins nach dem anderen, und ich lasse sie zerplatzen. Und dann sagen sie: Wie kann man nur so streng sein! Ich bin wie Gott, nur umgekehrt. Ich negiere die Schöpfung. Nichts davon ist gut.

Chris übernachtet bei Koller, aber der hält sein Versprechen und fasst ihn nicht an. Am nächsten Tag holt Chris seine Sachen aus dem Hotel. Er war von Hannover nach Leipzig gekommen, um Daria zu heiraten. Die Iranerin war von einem Bauunternehmer mit nach Deutschland gebracht worden, aber die Beziehung scheiterte, und weil Daria eine Abschiebung befürchtet, schlug Chris ihr eine Scheinehe vor. Aber nun will Chris mit seinem neuen Freund an die Ostsee fahren – und deshalb lässt er den Hochzeitsanzug im Hotelzimmer liegen. Den benötigt er nicht mehr.

Koller erklärt, dass sein Auto bei seiner Freundin Ella sei. Chris erschrickt.

Wovor hast du auf einmal Angst?“
„Dass du meinen Schwanz in den Mund nimmst und danach wieder Mutter-Vater-Kind mit Ella spielst.“

Koller studierte Medizin und praktizierte in einem Krankenhaus, als er Ella kennenlernte. Sie war bei der polizeilichen Stürmung eines besetzten Hauses im Leipziger Stadtteil Connewitz von einem Schlagstock getroffen und deshalb in die Notaufnahme gebracht worden. Als Ella schwanger wurde, drängte Koller sie zur Abtreibung.

Ludwigsburg

Die beiden Männer fahren mit dem Polo II los. Ziel ist das Haus von Kollers verstorbener Großmutter Ulla in Klütz.

Koller erzählt von seiner drei Jahre älteren Schwester Birte, die in einer Behindertenwerkstatt in Ludwigsburg arbeitet und in einer betreuten Gruppe wohnt. Er habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen, gesteht er. Auf einem Rastplatz hinter Köselitz ändern Chris und Koller ihren Plan und beschließen, zuerst Birte in Ludwigsburg zu besuchen.

Dort treffen sie auch auf die 29-jährige Heilerziehungspflegerin Laura, die sich um Birte kümmert. Sie übernachten in einer Wohnung in Ludwigsburg, die Vera gehört, Ullas bester Freundin, die gerade in Hamburg ist.

Eifel

Ella ruft an. Sie hat von der Hochwasserkatastrophe an der Ahr gehört und sorgt sich um ihre in der Eifel lebenden Verwandten. Weil weder Telefon noch Mobilfunk funktionieren, soll Koller hinfahren und nachschauen. Erst jetzt erfährt er, dass Ella ihn damals zwar glauben ließ, sie sei bei der Abtreibung gewesen, tatsächlich jedoch vor der Klinik umgekehrt war. Koller hat eine vierjährige Tochter, Hannah, die bei ihrem Onkel Ole und ihrer Tante Anja ist.

Also fahren die beiden Männer von Ludwigsburg in die Eifel. Die A61 ist ab Bad Neuenahr wegen des Hochwassers gesperrt. In einigen Landkreisen wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Obwohl Brücken weggerissen sind, gelingt es Chris und Koller, über die Ahr zu kommen.

Chris blickt der Begegnung Kollers mit Hannah besorgt entgegen:

„Du wirst deine Tochter kennenlernen“, sagte ich. „Und dann wirst du zu mir sagen, dass du dich um sie kümmern musste. Und du wirst sagen, dass es zwischen uns nichts ändert. Und dann wirst du jedes zweite Wochenende mit deinem Kind verbringen. Und du wirst Ella sehen, jedes Mal, wenn du Hannah abholst oder wegbringst. Und sie wird dir irgendwann anbieten, dass ihr zusammen essen könnt. Und dann trinkt ihr ein Glas Wein oder zwei und ihr werdet darüber reden, was für ein tolles Mädchen eure Tochter ist. Und ihr werdet stolz sein. Und dann werdet ihr ficken, weil ihr es schon mal getan habt und weil ihr so irre stolz seid auf das, was ihr erschaffen habt. Und irgendwann lässt du eine Zahnbürste da und später ein paar Klamotten. Und dann wird der Tag kommen, an dem du sagst: Wir wollen das versuchen als Familie.“

Mit dem Polo fahren sie einen Wanderweg, und um einen aufgeweichten Acker überqueren zu können, stiehlt Koller einen Trecker, der den Polo zieht. Dem Bauern, der sie verfolgt, entkommen sie und erreichen die von Ella angegebene Adresse.

Ole kam an die Tür. Er sah aus wie Ella, nur mit Glatze und Brille.

Koller teilt Ella mit, dass der Ort, an dem Ole, Anja und Hannah leben, vom Hochwasser verschont geblieben ist. Nach einer Übernachtung im Gästezimmer von Ole und Anja fährt er mit Chris weiter zum ursprünglichen Ziel: Klütz.

Ulla

Ulla und Vera sind Jugendfreundinnen. Getrennt werden sie, als Ullas Familie aus Ostdeutschland nach Kanada emigriert. Dort überwirft Ulla sich mit ihrem Vater, kehrt 20 Jahre nach Kriegsende nach Deutschland zurück und heiratet in Stuttgart den Maler und Lackierer Henning. Noch im selben Jahr wird ihre Tochter Barbara geboren, die Ulla einer Nachbarin anvertraut, die drei eigene Kinder hat. Mitte der Achtzigerjahre lässt Ulla sich scheiden und zieht mit Barbara nach Ludwigsburg, wo ihre aus Ulm stammende Freundin Magda mit Mann und zwei Kindern wohnt. Dorthin kommt dann auch Vera aus Berlin, nachdem ihre Ehe 1989 zerbrochen ist.

Barbara beginnt in Stuttgart zu studieren. Im zweiten Semester wird sie schwanger. Drei Jahre nach der Tochter Birte bringt Barbara den Sohn Kolja zur Welt.

Ulla und Vera richten sich schließlich in Klütz ein. Das Haus mit Garten gehört Ulla. Sie legt dort einen Teich an, und als sie im Alter von 70 stirbt, schwimmen 34 Kois im Teich.

Änne

Als die Schwestern Änne und Uta 18 bzw. 16 Jahre alt sind, gerät die Mutter unter eine Straßenbahn und stirbt noch am Unfallort. Ein Jahr später erliegt der Vater einem Herzinfarkt.

Uta wird nach dem Hauptschulabschluss Verkäuferin und heiratet früh. Nach 13 Ehejahren kommt ihr Mann Wolfgang mit dem gemeinsamen Sohn zusammen bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Änne studiert in Göttingen Medizin und spezialisiert sich auf Fortpflanzungsmedizin. Trotzdem ist sie noch Jungfrau, als sie mit 40 nach Florenz fährt und mit dem zehn Jahre jüngeren Busfahrer Philipp ins Bett geht. Bei der Defloration wird sie schwanger. Als ihr Sohn Chris drei Jahre alt ist, beginnt sie nach einem Sexualpartner zu suchen, entscheidet sich dann aber nicht für einen Mann, sondern für eine Frau, eine Prostituierte. Deren Dienste nimmt Änne jahrelang regelmäßig in Anspruch, bis Lelena, die eigentlich Gertrud heißt, in den Ruhestand geht.

Inzwischen wohnt Änne in Hannover – wie ihr Sohn Chris. Aber die beiden haben nur wenig Kontakt. Seinen in Langenhagen lebenden Vater Philipp traf Chris nur zweimal, mit 12 und mit 17.

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Unter einem Koller versteht man u. a. einen Wutausbruch oder einen anderen psychischen Ausnahmezustand (Lagerkoller). Hier ist es der Spitzname einer der beiden Hauptfiguren.

In ihrem kurzweiligen Roman „Koller“ erzählt Annika Büsing flott und locker von zwei unterschiedlichen Schwulen. Während Chris abwägt und nachdenkt, handelt Koller eher spontan.

„Ich denke, du kommst besser klar, weil du nachdenkst, bevor du etwas tust. Und du tust das auch.“
„Wenn ich immer nachdenken würde, wäre ich nicht hier.“
„Wäre vielleicht besser so.“
„Sag mir, was du jetzt vorhast!“
„Ich weiß es nicht, Chris.“
„Du weißt es nicht?“
„Nein, ich weiß es nicht. Und ich denke auch nicht darüber nach.“
„Wie kannst du nicht darüber nachdenken?“

„Koller“ ist eine mit großen Vergnügen zu lesende turbulente Road Novel.

Die Handlung spielt sich – wie die Schöpfung – an sieben aufeinander folgenden Tagen ab, und zwar zur Zeit der Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal am 14./15. Juli 2021. Obwohl die Kapitel mit „Der erste Tag“ bis „Der siebte Tag“ überschrieben sind, hält sich der Ich-Erzähler Chris, der sich zwischendurch in der 2. Person Singular an seinen Reisegefährten Koller wendet, nicht an die Chronologie, sondern springt zeitlich vor und zurück. Das ruckelt manchmal unnötig.

Eingestreut hat Annika Büsing drei kursiv gedruckte Textpassagen über Änne, Ella und Ulla – Chris‘ Mutter, Kollers Freundin und Großmutter.

„Koller“ dreht sich um Liebe und Sex, Freiheit und Selbstbestimmung.

Die Darstellung ist anschaulich und lebendig, prägnant, einfallsreich und mit augenzwinkernden Formulierungen wie der folgenden über LSBT*Q gespickt:

[Gott] hat uns zu seinem Bilde erschaffen. Als Mann und Frau übrigens. Da hat er auf jeden Fall was vergessen.

Hervorzuheben ist, dass sich Annika Büsing darauf versteht, die Romanfiguren in „Koller“ durch deren Sprache zu charakterisieren.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Steidl Verlag

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