Abigail Dean : Girl A

Girl A
Girl A HarperCollins, London 2021 Girl A Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann HarperCollins, Hamburg 2021 ISBN 978-3-7499-0105-0, 414 Seiten ISBN 978-3-7499-5065-2 (eBook) Taschenbuch HarperCollins, Hamburg 2023 978-3-365-00081-6, 414 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Charles und Deborah Gracie isolieren sich mit ihren sieben Kindern in ihrem Haus immer konsequenter von der Außenwelt. Das bigotte Paar lässt die Kinder verwahrlosen und halb verhungern. Der Vater fesselt sie schließlich und kettet sie an. Im Alter von 15 Jahren gelingt es Alexandra, der ältesten der drei Töchter, eine Fensterscheibe zu zertrümmern, auf die Straße zu fliehen und eine Autofahrerin anzuhalten. 15 Jahre später wird "Girl A" durch den Tod der Mutter erneut mit der Vergangenheit konfrontiert.
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Kritik

Dem Roman "Girl A" liegt ein tatsächlicher Kriminalfall aus dem Jahr 2018 zugrunde (Turpin-Case). Abigail Dean interessiert sich weniger für die Beweggründe der bigotten Eltern, als für die Opferperspektive und lässt "Girl A" 15 Jahre nach der Entdeckung des Verbrechens als Ich-Erzählerin auftreten. Man kann das Buch als Kriminalroman lesen, aber auch als ein Familiendrama, das uns menschliche Abgründe hinter "normalen" Fassaden zeigt.
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Girl A

Als Kind wollte Deborah Journalistin werden. Aber nach einem schweren Unfall ihres Vaters, bei dem er ein Bein verlor, brach sie im Alter von 16 Jahren die Schule ab, damit sie sich um ihn und ihre damals achtjährige Schwester Peggy kümmern konnte.

Bis zur Geburt Ethans, ihres ersten Kindes, arbeitet Deborah am Empfang einer kleinen Firma außerhalb von Manchester, in der ihr Ehemann Charles Gracie als Wartungstechniker für die Elektronik zuständig ist. Kurz darauf wird das Ehepaar unter anderem wegen Diebstahls entlassen.

Mutter ging nie wieder arbeiten. In den folgenden siebzehn Jahren war sie nur mit Kinderkriegen beschäftigt, eine Rolle, die sie wie eine Märtyrerin auf sich nahm. Sie tat Gottes Werk […].

In meinem Alter hatte sie Ethan und mich [Alexandra] und Delilah bereits geboren, und Evie war unterwegs.

Charles Gracie erhält eine neue Anstellung als Elektriker in einem viktorianischen Hotel in Blackpool. In seiner Freizeit hilft er dem Pastor Thomas Jolly, dessen Kirche mit einer Lautsprecheranlage und einer Projektionswand auszustatten. Dafür benötigte Teile nimmt Charles Gracie heimlich aus dem Hotel mit.

Alexandra Gracie ist zehn Jahre alt, als ihre Grundschullehrerin Miss Glade die Eltern drängt, die begabte Schülerin zu einer höheren Schule wechseln zu lassen. Sie besucht sogar die Familie – und versucht, den Müll, die Schimmelgeschwüre und die vor Schmutz steifen Decken auf dem Sofa zu übersehen. Eine Woche später ziehen die Eltern mit den Kindern nach Hollowfield, in die Moor Woods Road.

Als Abschiedsgeschenk erhält Alexandra von Miss Glade ein Buch mit griechischen Sagen. Das muss sie zu Hause vor allem vor ihrem Vater verstecken, denn Geschichten über heidnische Gottheiten sind für ihn Blasphemie.

Charles Gracie kauft einer alten Frau in Thomas Jollys Gemeinde ein heruntergekommenes Bekleidungsgeschäft ab, in dem er selbst eine Gemeinde gründen will. Das „Lifehouse“ wird fertig, kurz bevor die inzwischen elfjährige Alexandra auf die Highschool wechselt. Obwohl Charles Gracie Handzettel verteilt, kommt niemand zu seinen Veranstaltungen im Lifehouse.

An Alexandras letztem Schultag wird Thomas Jolly wegen Betrugs und Geldwäsche festgenommen, während er mit seinem Freund Charles Gracie beim Frühstück sitzt. Auch der Familienvater wird den ganzen Tag über von der Polizei vernommen.

Daraufhin sagt er Alexandras geplanten Besuch der Five Fields Academy ab und nimmt Delilah, Evie und Gabriel von der Schule. Er mache von seinem Recht Gebrauch, erklärt er, die Kinder zu Hause zu unterrichten.

Ein in der Nähe eröffnetes Elektronikgeschäft („Bit by Bit“) erinnert ihn an sein berufliches Scheitern. Alexandra fällt das zertrümmerte Schaufenster auf.

Charles Gracie beginnt, seine inzwischen unterernährten Kinder zu fesseln. Schließlich besorgt er Ketten und Handschellen.

Alexandra beschwört die Mutter, etwas zu unternehmen.

„Evie verhungert. Sie hat so einen komischen Husten …“
„Ich glaub nicht, dass ich – dass ich irgendwas …“
„Doch, du könntest was tun“, beschwor ich sie. „Du könntest.“
„Was denn? Was könnte ich tun?“
„Du gehst einkaufen“, sagte ich. „Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Du kannst es vorbereiten. Du sprichst jemanden an – irgendwen. Fängst einfach an zu reden. Du kannst von Vater erzählen. Du kannst einfach – du kannst es erklären. Du kannst erklären, dass es außer Kontrolle geraten ist. Dass er sich verändert hat. Du kannst sagen, dass du Angst hast. Du kannst das mit Daniel erzählen.“
Ein würgendes Schluchzen stieg mir in die Kehle. Ich schluckte es herunter.
„Bitte“, sagte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Aber wer würde das denn verstehen?“, fragte sie.
„Es ist einfach außer Kontrolle geraten. Ganz einfach.“
„Ja. Es hätte nicht so enden sollen, Lex. Das verstehst du doch. Wir wollten euch beschützen. Mehr wollten wir gar nicht. Es gab keine andere Möglichkeit …“
„Ja. Ich versteh das. Vater hatte seine Ideen – seine Träume. Und als die geplatzt sind …“
„Es hat früher angefangen, Lex. Es hat viel früher angefangen.“
„Du kannst den Leuten alles erzählen“, sagte ich. „Aber bald. Es muss bald sein.“
„Vielleicht könnte ich das tun“, sagte sie. „Vielleicht könnte ich das tun.“
Sie tat es natürlich nicht.

Eines Tages öffnet Ethan die Handschellen, mit denen seine jüngeren Geschwister gefesselt sind. Sie müssen sich waschen und bereitgelegte Kleidung anziehen, um an einer „Zeremonie“ teilzunehmen. Daniel fehlt. Er schlafe, behauptet der Vater.

Er hatte sich eine seltsame Kanzel zusammengestellt: ein Kassettenspieler und die Bibel, eine Seite mit handschriftlichen Notizen und ein Strauß Heidekraut.

Die Mutter erscheint im vergilbten Hochzeitskleid. „Wir sind seit zwanzig Jahren verheiratet“, verkündet Charles Gracie.

„Wir sind so unglaublich allein“, sagte er. „Das ist unvermeidlich. Wer nicht von der Welt gemieden wird, lebt nicht nach Gottes Willen. Wer nicht in Zweifel gezogen oder isoliert oder verfolgt wird, lebt nicht nach Gottes Willen. Das ist die Bürde, die wir tragen. Aber wisst ihr, wahrlich, ich musste sie nie allein tragen.“

Einige Wochen später kommt er zu Alexandra und Evie ins Zimmer.

„Diese Familie hat so viel durchgemacht“, sagte er, und als ich ihn da am Fenster stehen sah, das Gesicht dem schwachen Licht zugewandt, wusste ich, dass er das wirklich glaubte.
Auf der anderen Zimmerseite sah ich Evie den Kopf schütteln, die Augen starr auf mein Bett gerichtet. Ihr ganzer Körper war vor Panik verkrampft.
Ich folgte ihrem Blick.
Da: Eine Ecke des Buches ragte unter meiner Matratze hervor.
Unser Sagenbuch.

Nach einer Weile entdeckt der Vater das von Alexandra versteckte Buch.

„Was ist das?“, fragte er.
Er griff nach der Ecke des Buches und zog daran. Der schöne Einband und die goldenen Seiten kamen zum Vorschein. Er schlug es in der Mitte auf und starrte verständnislos auf die Geschichte, als wäre sie ihm unbegreiflich. Sein Gesicht veränderte sich, schwankte zwischen Schock und Triumphgefühl. Dann schien etwas Irres darauf zu verweilen, als wäre ihm eine Erleuchtung gekommen, und ich dachte an Jolly auf der Kanzel. Aber Jolly hatte immer nur so getan, als wäre er irre. Bei Vater war das anders.
„All die Schicksalsschläge unserer Familie“, sagte Vater. „Und jetzt kennen wir den Grund.“

Er verprügelt die 15-Jährige.

„Gott“, sagte Vater. „Gott, ich hab dich geliebt.“
Er schlug mich in den Bauch und irgendwas darin fiel zusammen, zerplatzte, veränderte seine Beschaffenheit. Dann kam das Gefühl, dass mein Körper geöffnet wurde, seine blöde Verwundbarkeit mit den Nerven und Öffnungen und dem weichen Inneren.
Und das war’s. Danach hörte Evie auf zu sprechen, und ich wusste, dass ich bald – sehr bald – würde fliehen müssen.

Es gelingt Alexandra, ihre Hände aus den Handschellen zu befreien.

Ich wusste, sobald ich das Fenster einschlug, würden die Sekunden – unsere wenigen Sekunden, die wir so viele Monate lang berechnet hatten – verrinnen.
„Ich komm dich holen“, versprach ich. „Evie?“
Ihre Hand flatterte in meiner.
„Ich bin bald wieder da.“

Als die 15-Jährige die Fensterscheibe zertrümmert, hört sie ihren zehn Monate alten Bruder Noah in der Küche brüllen. Schon ist jemand auf der Treppe. Sie hat keine Zeit mehr, die Scherben vom Fensterbrett zu fegen. Der Vater reißt die Tür auf. Alexandra lässt sich fallen, prallt auf die gefrorene Erde. In ihrem rechten Bein bricht ein Knochen. Die Mutter taucht in der Küchentür auf und könnte sie leicht aufhalten, tut es jedoch nicht. Alexandra schafft es auf die Moor Woods Road und stellt sich einer Autofahrerin in den Weg.

Adoptionen

Charles Gracie vergiftet sich. Als die Polizei eintrifft, sitzt Deborah Gracie mit der Leiche in den Armen in der Küche. Sie wird festgenommen und von einem Gericht zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Die Polizei traf dreizehn Minuten nach meiner Flucht am Haus ein. Der Geruch, der den ersten Einsatzkräften entgegenschlug, ließ sie von der Tür zurückschrecken. Sie fanden Vater zusammengesackt an der Hintertür, als hätte er versucht wegzulaufen und es sich dann anders überlegt. Mutter war bei seiner Leiche, natürlich, und heulte. Sie fanden Daniel, wie ein Stück Abfall in einem Plastiksack und in einen Küchenschrank gequetscht. Noah lag im Kinderbett in seinen eigenen Fäkalien.

Die Behörden entscheiden, dass Girl A bis C und Boy A bis D – soweit sie noch leben – von verschiedenen Familien adoptiert werden sollen.

Noah kam zu einem Paar, das anonym bleiben wollte, selbst uns Übrigen gegenüber […]. Noah würde keinerlei Erinnerungen an seine Zeit in der Moor Woods Road haben. Die ersten zehn Monate seines Lebens konnten restlos getilgt werden, als hätte es sie nie gegeben. Gabriel wurde von einer einheimischen Familie aufgenommen, die den Fall aufmerksam verfolgt hatte und mehrere emotionale Erklärungen abgab, in denen sie die Öffentlichkeit darum bat, ihre Privatsphäre zu respektieren. Delilah, die Fotogenste von uns allen, wurde von einem Paar in London adoptiert, das keine eigenen Kinder bekommen konnte. Und Evie zog das große Los: Sie kam zu einer Familie an der Südküste. Damals erzählte mir niemand viel darüber, außer dass sie zwei Geschwister haben würde, einen Jungen und ein Mädchen, und dass die Familie in Strandnähe wohnte.

Deborah Gracies Schwester Peggy Granger, die wahrheitswidrig bestreitet, jemals in der Moor Woods Road gewesen zu sein, erklärt sich nach vielen Wochen bereit, ihren Neffen Ethan bis zum Ende seiner Schulzeit aufzunehmen. Sie und ihr Ehemann Tony, ein Immobilienmakler in Manchester, haben zwei ältere Söhne: Benjamin und Michael.

Alexandra muss mehrmals operiert werden und wird im Krankenhaus von der Kinderpsychologin Dr. Kay („Dr. K.“) betreut.

Der die Ermittlungen leitende 50 Jahre alte Detective Superintendent Greg Jameson und seine Frau Alice adoptieren „Girl A“, Alexandra. Neun Jahre lang kümmert sich auch Dr. Kay weiter um sie, dann, eine Woche nach Alexandras Abschluss des Jurastudiums mit Auszeichnung, hält sie den Zeitpunkt für die Beendigung der Therapie für gekommen.

Testamentsvollstreckerin

15 Jahre nach ihrer Flucht fliegt die Rechtsanwältin Alexandra Gracie, die inzwischen in einem Loft in Manhattan wohnt, nach Manchester. Alexandra hat ihre Mutter nie im Gefängnis besucht und ihre Briefe ungelesen verbrannt. Nun ist Deborah Gracie im Gefängnis Northwood gestorben. Das Erbe – 20.000 Pfund und die Immobilie in der Moor Woods Road in Hollowfield – soll zu gleichen Teilen unter den noch lebenden Geschwistern aufgeteilt werden. Bill, ein jüngerer Anwalt, erwartet Alexandra und eröffnet ihr, dass sie im Testament ihrer Mutter als Vollstreckerin vorgesehen ist. Notgedrungen verschiebt Alexandra ihren Rückflug und bittet ihre Mentorin Julia Devlin, die sie sofort nach dem Studium in ihrer Kanzlei eingestellt hat, eine Weile von London aus arbeiten zu dürfen.

Die einzige Person, mit der ich Kontakt hielt, war Evie. Unsere Pläne für die Moor Woods Road wurden konkreter: eine Begegnungsstätte mit lauter Dingen, die Mutter und Vater missbilligt hätten. Wir stellten uns eine Kinderbibliothek vor, Lesezirkel für Senioren, Vorträge über Empfängnisverhütung.

Unsere Vorschläge wurden ambitionierter.
„Eine Rollschuhdisco“, rief Evie.
„Ein All-you-can-eat-Büfett.“
„Die erste Adresse im Lande für schwule Hochzeiten.“

Alexandra besucht ihren Bruder Ethan Charles Gracie und dessen Braut Ana Islip in Oxford. Die Hochzeit des Direktors der Wesley School und der mit einer griechischen Reederdynastie verwandten Künstlerin ist in drei Monaten auf der griechischen Insel Paros geplant.

Ethan beschwört seine Schwester, über die Vorgänge in der Moor Woods Road in Hollowfield zu schweigen.

„Ich hab Ana längst nicht alles erzählt. Das verstehst du doch. Ich will sie nicht aufregen. Es gibt Dinge – gewisse Dinge –, die sie nicht wissen muss.“
[…]
„Dass du der Anwärter auf den Thron warst? Wirklich und wahrhaftig Vaters Sohn?“
„Das ist unfair.“
„Weißt du, ich hab immer geglaubt, du würdest derjenige sein, der uns rettet“, sagte ich. „Ich hab gewartet. Ich hab mir gedacht – er wird nicht mal gefesselt. Bald ist es so weit. Wenn er achtzehn wird. Wenn er einfach gehen kann.“

Am Ende erklärt sich Ethan mit Alexandras Plan einverstanden, aus dem Elternhaus in Hollowfield einen Ort für Begegnungen zu machen.

„Ich unterschreibe alles. Aber wenn wir es auf deine Art machen, kümmerst du dich drum. Umbau, Finanzierung, egal. Ich will nichts davon hören.“

Noah, ihren jüngsten noch lebenden Bruder, spürt Alexandra in Cragforth auf. Er heißt jetzt mit Familiennamen Kirby und ist der Adoptivsohn eines lesbischen Paares. Alexandra wendet sich an Noahs Adoptivmutter und erreicht, dass Mrs Kirby eine Einverständniserklärung für die Pläne in Hollowfield unterschreibt.

Alexandra besucht Gabriel, der schwer krank in einer Klinik lebt.

Damals wurde er von einem Paar adoptiert, das bereits eine leibliche Tochter hatte. Mrs. Coulson-Browne tat alles, um mit dem Jungen in die Öffentlichkeit zu kommen, und als er älter wurde, drängte sie ihn, eine Autobiografie zu schreiben.

„Aber seine Geschichte!“, sagte Mrs. Coulson-Browne. „Das ist eine Geschichte, die erzählt werden muss.“

An seinem 19. Geburtstag – zehn Jahre nach der Befreiung aus dem Elternhaus in Hollowfield ‒ wandte sich Gabriel dann tatsächlich an den Agenten Oliver Alvin in London, der ihm Auftritte bei True-Crime-Veranstaltungen vermittelte. Gabriel verliebte sich in Oliver, verließ die Familie Coulson-Browne, zog nach London – und wurde drogensüchtig wie sein neuer Lebensgefährte. Inzwischen ist er nur noch ein menschliches Wrack.

Das Haus in Hollowfield findet Alexandra als Ruine vor. Die Haustür ist mit Brettern vernagelt, das Unkraut im Vorgarten hüfthoch.

Der Gemeinderat von Hollowfield stimmt dem Plan zu, daraus einen Ort für Begegnungen zu machen und übernimmt auch die Finanzierung.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Hochzeit (Spoiler)

Obwohl ihr alle davon abraten, reist Alexandra mit ihrer Freundin Olivia nach Griechenland, um an der Hochzeit ihres älteren Bruders Ethan teilzunehmen.

Aus diesem Anlass sehen sich Alexandra und Delilah nach langer Zeit erstmals wieder.

Delilah weiß, dass ihre Schwestern Evie und Alexandra als Kinder einmal nachts Geräusche hörten und annahmen, dass sie und Gabriel bei einem Fluchtversuch erwischt worden seien. Nun klärt sie Alexandra darüber auf, was tatsächlich geschah. Delilah dachte sich damals immer wieder etwas aus, um sich und ihren Bruder abzulenken. Einmal tat sie, als habe sie Geburtstag und erwarte ein Geschenk von Gabriel. Daraufhin gelang es ihm, sich von den Fesseln zu befreien. Er schlich sich in die Küche hinunter und holte zwei Stücke Zitronenkuchen.

„Und auf der vorletzten Stufe – weil er natürlich so gut wie nix sehen kann – stolpert er. Überall Zitronenkuchen. Gabe platt auf dem Boden. Und wessen Tür geht da auf?“
Sie blickte nach hinten zu Ethan, der Ana demonstrativ verliebt ansah, genau wie der Fotograf verlangt hatte.
„Ich hab gedacht, er würde uns helfen“, sagte sie.

Der Vater prügelte Gabriel damals halb tot.

„Danach war Gabe anders. Die Anfälle fingen an. Er war so ein lieber kleiner Junge, und das war sein Ende.“
[…] Im hellen Sonnenschein rief Ethan Anas Familie für ein Foto zusammen. Die Blumenmädchen drängelten sich um ihn, wollten auf den Arm genommen werden. Er hob eines vom Boden und hielt das quietschende Kind hoch über seinen Kopf.
„Und war er dabei?“, fragte ich. „Die ganze Zeit?“
„Ich bitte dich, Lex“, sagte Delilah, und ich sah sie einen Moment lang nicht an, weil ich wusste, dass die Antwort schon da sein würde, in ihrem Gesicht. „Was glaubst du denn, wer ihn festgehalten hat?“

Evie (Spoiler)

Zurück in England, sucht Alexandra nach ihrer Schwester Evie, mit der sie sich damals das Zimmer teilte. Den Weg vom Hotel zu der Ruine in der Moor Woods Road geht sie zu Fuß.

Sie war da, wartete auf mich.
„Evie“, sagte ich.
„Ach, Lex“, sagte sie. „Denkst du wirklich, ich hätte dieses Zimmer je verlassen?“

Alexandra kommt in einem Krankenhaus zu sich.

„Sind wir noch in Hollowfield?“
„Nicht weit davon.“
„Wo hat man mich gefunden?“«
„Zwischen der Stadt und dem alten Haus. Ein Fabrikarbeiter auf dem Heimweg von seiner Nachtschicht. Nicht weit von der Stelle, wo du das erste Mal gerettet wurdest, glaube ich. […] Der Mann, der dich gefunden hat – du hast ihm erzählt, dass du nach deiner Schwester gesucht hast.“

Die zehnjährige Evie war bewusstlos, als die Polizei kam. „Girl C“ starb am Tag darauf im Krankenhaus. Anfangs hatte es niemand gewagt, der traumatisierten Schwester die Wahrheit zu sagen, und als Dr. K. es dann tat, wollte Alexandra es nicht wahrhaben. Sie verdrängte es.

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Dem Debütroman der Engländerin Abigail Dean liegt ein tatsächlicher Kriminalfall zugrunde.

Am 14. Januar 2018 klettert ein 17-jähriges Mädchen aus dem Fenster des Elternhauses in der Muir Woods Road in Perris bei Los Angeles und wählt den Notruf. Als die Polizei eintrifft, findet sie im Haus der Familie 13 abgemagerte, verdreckte und zum Teil gefesselte Kinder vor. Die zehn Töchter und drei Söhne von David Allen und Louise Ann Turpin sind zwischen zwei und 29 Jahre alt. Der Vater ist 57, die Mutter 49.

David Allen und Louise Ann Turpin lebten zurückgezogen und nach ihren Vorstellungen streng religiös. Als die Familie 2010 nach Kalifornien kam, ließ sich David Turpin die Einrichtung einer Heimschule in seinem Haus in der Muir Woods Road genehmigen („Sandcastle Day School“). Deshalb fielen die ausgemergelten und verwahrlosten Kinder auch keinem Schullehrer auf.

Vor Gericht verstanden David und Louise Turpin kaum, weshalb sie angeklagt waren. Sie hätten doch nur das Beste für ihre Kinder gewollt, meinten sie. Im April 2018 wurden beide zu lebenslanger Haft mit der Möglichkeit der Bewährung nach 25 Jahren verurteilt.

Abigail Dean interessiert sich in ihrem Roman „Girl A“ weniger für die Beweggründe der bigotten Eltern, sondern fragt sich vor allem, wie das Verbrechen das Leben der Kinder verändert hat. Es geht also nicht um die Täter-, sondern um die Opferperspektive. Alexandra („Girl A“), das älteste Mädchen der Gracie-Geschwister, erzählt 15 Jahre nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus, was damals und seither geschah, aber auch, was sie in der Gegenwart erlebt. Dabei springt sie zwischen den zeitlichen Ebenen hin und her. Die Kapitel sind mit den anonymisierten Bezeichnungen für ihre Geschwister überschrieben, aber auch wenn es beispielsweise um „Boy B“ (Gabriel) geht, geschieht es aus dem Blickwinkel der Ich-Erzählerin „Girl A“.

Abigail Dean beginnt den Roman „Girl A“ in der Gegenwart. Dadurch baut sie Spannung auf, weil rasch erkennbar wird, dass in der Vergangenheit Schreckliches geschehen ist und man als Leserin bzw. Leser mehr darüber erfahren möchte. Allerdings wechselt Abigail Dean mitunter so abrupt zwischen den Zeiten und Handlungssträngen, dass erst nach einigen Zeilen deutlich wird, um wen und was es geht.

„Girl A“ lässt sich als Kriminalroman lesen, aber es ist auch ein Familiendrama, das uns menschliche Abgründe hinter „normalen“ Fassaden zeigt. Die Darstellung wirkt unaufgeregt, nüchtern und realistisch. Abigail Dean hätte zumindest die Charaktere der Geschwister intensiver ausleuchten können.

Pressemeldungen zufolge plant der schwedische Regisseur Bo Johan Renck (Stakka Bo), den Roman „Girl A“ von Abigail Dean als Mini-Serie zu verfilmen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © HarperCollins

John Updike - Terrorist
Der Roman "Terrorist" wirkt konstruiert, und es ist John Updike nicht gelungen, die Frage zu beantworten, warum ein in den USA aufgewachsener hervorragender Schüler sich von seinem Koranlehrer zu einem Selbstmordanschlag überreden lässt.
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