Beate Teresa Hanika : Vom Ende eines langen Sommers

Vom Ende eines langen Sommers
Vom Ende eines langen Sommers Originalausgabe: btb Verlag, München 2018 ISBN 978-3-442-75707-7, 320 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Marielle wurde erzählt, dass Franka Fellner sie 1964 in New York adoptiert habe. Marielles Fragen nach ihren leiblichen Eltern werden nicht beantwortet. Erst nach Frankas Tod, 2003 in der Toskana, begreift Marielle nach und nach, was ihre Mutter in den Vierziger- und Sechzigerjahren durchmachte und warum diese harte, eigenständige Frau sie so auf Distanz hielt.
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Kritik

"Vom Ende eines langen Sommers" ist ein kunstvoll gestalteter Roman. Geschickt und durchdacht wechselt Beate Teresa Hanika zwischen den Zeitebenen, Handlungssträngen und Perspektiven der Ich-Erzählerinnen. Mit Andeutungen erzeugt die Autorin Ahnungen der Leser – und so auch Spannung.
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Marielle, Amsterdam, April 2004

Es sind die Tulpen, die mich nach Amsterdam gebracht haben. Die Tulpenfelder von Haarlem, schnurgerade mit nickenden Blütenköpfen, die Märkte mit ihren Ständen, kübelweise Blumen, dicht an dicht gedrängt. Ganze Tage könnte ich dort zubringen. Mit einem Arm voller Tulpen komme ich vom Bloemenmarkt zurück. Rote und blassrosa gefüllte Tulpen. Es ist April, und ich kann den Frühling förmlich riechen. […] Mit einer Hand sperre ich die Tür zu dem roten Backsteinhaus auf, dessen Dachgeschoss ich bewohne. Die Katze zwängt sich mit einem Schnurren und steil aufgestelltem Schwanz vorbei und schießt die Treppe nach oben.

Die 40-jährige deutsche Künstlerin Marielle („Ella“) Anna Constanza Fellner wohnt im Dachgeschoss eines kleinen Hauses in Amsterdam. Befreundet ist sie mit Roos, einer Kellnerin Mitte 30, die das Erdgeschoss bewohnt. An diesem Tag im April 2004 bereitet sich Roos auf ihren ersten Auftritt als Sängerin in einer Bar vor, und weil sie keine geeignete Garderobe besitzt, leiht Marielle ihr ein schönes Kleid, das sie im Vorjahr geschenkt bekam, im August 2003 in der Toskana, als ihre Mutter dort starb.

Wer ihre leiblichen Eltern waren, weiß Marielle nicht. Franka Fellner hatte sie adoptiert und ihre Fragen nach der Herkunft nie beantwortet. In ihrer Geburtsurkunde vom 4. August 1964 steht als Geburtsort das Mount Sinai Hospital in New York. Aber die Namen der leiblichen Eltern fehlen..

Marielle, Farnocchia, August 2003

Im August 2003 flog Marielle von Amsterdam nach München, um ihre Mutter dort abzuholen und mit ihr – wie schon oft zuvor – in die Toskana zu fahren. Dort wohnten sie auf dem Landgut Castelmonioni in Farnocchia bei Lucca, das Frankas zwei Jahre jüngeren Freundin Maria di Renzi gehört. Marias Ehemann Mario war 2003 bereits tot, ebenso wie das dort wohnende Ehepaar Emilia und Silvio.

Franka Fellner war das jüngste von fünf Kindern einer Familie gewesen, die eine Handschuhfabrik in München betrieben hatte. Wegen ihres Asthmas hatte sie erstmals im Alter von zwölf Jahren einen Sommer auf dem Landgut Castelmonioni verbracht und war dann auch in den folgenden Jahren in die Toskana gereist. Marias Mutter Anna di Renzi hatte es gefallen, dass die beiden Mädchen enge Freundinnen geworden waren.

Erst während des Aufenthalts im August 2003 in der Toskana erfuhr Marielle, dass ihre Mutter an Lungenkrebs erkrankt war. Maria wusste es bereits seit Jahresanfang. Franka hatte jede medizinische Behandlung abgelehnt und war gekommen, um an dem Ort zu sterben, der für sie mit vielen Erinnerungen verbunden war. Maria vergrub ihre alte Beretta unter dem Rosmarin, weil sie befürchtete, ihre Freundin würde sich damit erschießen.

Marielle begann in diesem Sommer eine Affäre mit Rocco Mantovani, einem Mann aus der Gegend, der jahrelang zur See gefahren war. Ein paar Monate zuvor war er zurückgekommen, vermutlich, weil er bei einem Unfall einen Arm eingebüßt hatte. Niemand wusste, was geschehen war. Jedenfalls hauste Rocco nun in der halb verfallenen Hütte der alten Riccarda nahe des Landguts Castelmonioni.

An dem Tag, an dem Frankas Urne beigesetzt wurde, erfuhr Marielle, dass Rocco die Hütte verkauft und von dem Geld ein kleines Schiff gekauft hatte. Er war abgereist, ohne sich von ihr zu verabschieden, hatte sie genauso verlassen, wie vor langer Zeit ihr geliebtes Kindermädchen Martha und nun auch ihre Mutter, der sie allerdings niemals nahe gekommen war.

Marielle erbte Frankas Wohnung in München, Grundstücke und Wald bei Herrsching am Ammersee und Aktienpakete, in die beim Verkauf des Familienunternehmens investiert worden war. Aber selbst in der Wohnung fand Marielle nichts Persönliches von ihrer Mutter vor.

Marielle, Amsterdam, April 2004

An dem Tag, an dem Roos sich auf ihr Debüt als Sängerin vorbereitet, erhält Marielle ein Paket von Maria di Renzi aus Farnocchia. Es enthält die Tagebücher ihrer Mutter. Maria hätte sie verbrennen sollen, aber sie brachte es nicht übers Herz, den Wunsch ihrer Freundin zu erfüllen.

Franka, Farnocchia, Mai bis August 1944

Die ältesten Tagebücher Frankas stammen aus dem Jahr 1944. Auch in diesem Sommer verbrachte sie einige Monate auf dem Landgut Castelmonioni in Farnocchia. Dort waren auch zwei deutsche Offiziere einquartiert: Kunz und Wittig. Annas Ehemann Zeno di Renzi fehlte; er war im Krieg.

Emilia Angelotti, 17 Jahre alt wie Franka, lebte mit ihrer verwitweten Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern unter ärmlichen Verhältnissen im Dorf Sant’Anna. Sie wandte sich an die gleichaltrige Deutsche und brachte sie dazu, nachts heimlich in die Berge zu reiten, um den Partisanen – zu denen auch ihr Verlobter Silvio gehörte – Lebensmittel und Medikamente zu bringen. Maria sorgte sich zwar um ihre Freundin, drängte sie jedoch ebenfalls, die Resistenza zu unterstützen, denn sie war in den Partisan Mario verliebt.

Als Franka eines Nachts aus den Bergen zurückkam, traf sie unerwartet auf einen wenige Stunden zuvor einquartierten dritten Deutschen: Bruno Nehrlich. Sie konnte nur hoffen, dass er keinen Verdacht schöpfte, denn die Besatzer erschossen nicht nur Partisanen, sondern auch deren Unterstützer.

Als sie kurz darauf erfuhr, dass die Einheimischen über ihre heimlichen Ausritte in die Berge tuschelten und ihren Mut bewunderten, vergrößerte sich ihre Sorge vor der Entdeckung.

Frankas Mutter schrieb aus München, man habe sich mit der vermögenden Familie Dollinger auf eine Eheschließung der Kinder geeinigt: Franka sei nun die Verlobte von Maximilian Dollinger. Die Hochzeit sollte nach ihrer baldigen Rückkehr stattfinden. Franka fand die Vorstellung unerträglich, Maximilian Dollinger heiraten zu müssen, zumal sie und Bruno inzwischen ein heimliches Liebespaar geworden waren. Dass Bruno verheiratet war und Kinder hatte, wusste sie, aber darüber sprachen die beiden nicht, wenn sie nackt zusammen lagen.

Wittig stellte Maria nach und küsste sie auf den Mund. Die 15-Jährige fand es abscheulich, dass sie ihren ersten Kuss nicht von Mario, sondern von dem verhassten Deutschen bekommen hatte. Eines Nachts Anfang August ertappte Franka den Offizier bei Maria im Zimmer. Sie forderte ihn auf, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Stattdessen schob er Marias Rock hoch und ließ seine Hände über die nackten Oberschenkel nach oben gleiten, obwohl Franka Annas Beretta in der Hand hielt. Wittig schlug ihr vor, ihn gewähren zu lassen, denn dann würde er auch nichts unternehmen, obwohl er längst wusste, welchen Zweck ihre nächtlichen Ausritte hatten. Er würde auch dem ahnungslosen Bruno Nehrlich nichts verraten, sagte er. Ohne lange zu überlegen, tötete ihn Franka mit einem Kopfschuss.

Annas Köchin rannte los, um Emilia zu holen. Die fuhr mit Wittigs Geländewagen in die Berge und ließ ihn in eine Schlucht stürzen, wo er Feuer fing. Währenddessen hob Franka im Kräutergarten neben dem Brunnen ein Grab für den Toten aus. Darauf pflanzten die Frauen dann Rosmarin.

Als die Deutschen das ausgebrannte Wrack fanden, nahmen sie an, Wittig sei den Partisanen zum Opfer gefallen. Bruno berichtete es Franka und fuhr mit ihr ohne weitere Erklärungen auf seinem Motorrad nach Lucca, ging mit ihr in die Kathedrale San Martino, holte einen Geistlichen aus der Sakristei und zwang ihn mit vorgehaltener Pistole, sie zu trauen.

Am 12. August kam Emilia mit ihren beiden jüngeren Geschwistern angerannt. Aus Sant’Anna waren Maschinengewehr-Salven zu hören. Die Deutschen hatten Emilias Mutter und die anderen Dorfbewohner erschossen, um Wittig zu rächen und sowohl die Partisanen als auch deren Sympathisanten einzuschüchtern. Weil Sant’Anna niedergebrannt war, blieb Emilia mit ihrem Bruder und ihrer Schwester bei Anna und Maria auf dem Landgut.

Bruno Nehrlich ließ nichts mehr von sich hören. Franka reiste ab und heiratete 1946 in München Maximilian Dollinger. Die Ehe hielt nur ein Jahr.

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überspringen</a> Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler
Franka, München, Ende 1963

An einem Regentag im November 1963 trank Franka, die inzwischen das Familienunternehmen in München führte, ein Glas Sekt im Hotel Vier Jahreszeiten, als sie nach fast zwei Jahrzehnten erstmals wieder Bruno Nehrlichs Stimme hörte. Sie drehte sich um und sah, wie er mit seiner Frau Platz nahm. Als er sie bemerkte, begrüßte er sie und stellte die Damen einander vor. Franka Fellner habe er während des Krieges kennengelernt, als er in der Toskana einquartiert gewesen sei, erklärte er seiner Frau. Das Ehepaar hatte die an der LMU Jura studierende Tochter besucht. Marlene Nehrlich reiste noch am selben Tag nach Hause, aber Bruno schob geschäftliche Termine vor und blieb noch drei weitere Tage in München.

Die verbrachte er mit Franka, und sie verließen kaum das Bett in seiner Pension. Er wolle sich scheiden lassen und mit Franka in Italien ein neues Leben anfangen, sagte er. Als sie wissen wollte, warum er sie im August 1944 verlassen hatte, ohne sich auch nur zu verabschieden, erklärte er, dass alle an den Ereignissen in Sant’Anna Beteiligten sicherheitshalber sofort nach Deutschland zurückbeordert worden waren. Da erst begriff Franka, dass er einer der Mörder war, die Frauen und Kinder erschossen hatten. Aufgewühlt verließ sie ihn.

Im Dezember stellte sie fest, dass sie schwanger war. Ihre Mutter schickte sie nach New York und gab ihr die Schlüssel zu dem Apartment, über das sie dort verfügte. Sie riet ihr, das Kind im Mount Sinai Hospital zu gebären und zur Adoption freizugeben. Auf diese Weise brauche niemand in München von der Schwangerschaft zu erfahren.

Anfang 1964 reiste die 37-Jährige nach New York und blieb dort längere Zeit. Als sie nach München zurückkam, brachte sie ein vier Monate altes Mädchen namens Marielle mit, das sie in New York adoptiert hatte. Dass es sich um ihre eigene Tochter handelte, verheimlichte sie.

Marielle, Amsterdam, April 2004

Marielle ist schwanger, möchte jedoch nicht, dass Rocco davon erfährt.

Während Roos mit ihrem Debüt als Sängerin in der Bar beginnt, platzt die Fruchtblase. Marielle fährt hin, um Roos um Hilfe zu bitten. Die Wehen setzen ein. Roos bricht ihren Auftritt ab und bringt sie in einem Taxi in die Klinik. Marielle bekommt eine Tochter.

Bald darauf ruft Roos ihre Freundin in der Klinik an, um ihr mitzuteilen, dass in der Dachwohnung ein Einarmiger dabei sei, die Katze zu füttern.

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Den Roman „Vom Ende eines langen Sommers“ hat Beate Teresa Hanika aus einer bestürzenden Mutter-Tochter-Beziehung und zwei sich spiegelnden Liebesgeschichten komponiert. Marielle wurde erzählt, dass Franka Fellner sie 1964 in New York adoptiert habe. Ihre Fragen nach ihren leiblichen Eltern sind nie beantwortet worden. Erst nach Frankas Tod, 2003 in der Toskana, begreift Marielle nach und nach, was ihre Mutter durchmachte und warum diese harte, eigenständige Frau sie so auf Distanz hielt.

Die Handlung des Romans „Vom Ende eines langen Sommers“ findet auf mehreren Zeitebenen statt: Toskana 1944, München 1963, New York 1964, Toskana 2003 und – übrigens im Präsens – Amsterdam 2004. Geschickt und gut durchdacht zwischen diesen Handlungssträngen und den Perspektiven der Ich-Erzählerinnen wechselnd, entwickelt Beate Teresa Hanika das Geschehen. Dabei wird zunehmend klar, wie ähnlich sich Franka und Marielle sind. Mit Andeutungen erzeugt die Autorin Ahnungen der Leser – und so auch Spannung.

Am Schluss deutet sich die Möglichkeit eines Happy Ends an, aber der Ausgang bleibt offen.

Beate Teresa Hanika hat „Vom Ende eines langen Sommers“ kunstvoll gestaltet und sorgt durch eine elegant fließende Sprache dafür, dass sich bei der Lektüre von Anfang an ein Sog entwickelt.

Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema, das zur Handlung von „Vom Ende eines langen Sommers“ gehört, hat am 12. August 1944 tatsächlich stattgefunden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © btb Verlag

Massaker von Sant’Anna di Stazzema
Beate Teresa Hanika: Das Marillenmädchen

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