Beate Teresa Hanika : Das Marillenmädchen

Das Marillenmädchen
Das Marillenmädchen Originalausgabe btb Verlag, München 2016 ISBN 978-3-442-75705-3, 255 Seiten btb Taschenbuch, München 2018 ISBN 978-3-442-71693-7, 255 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Ich-Erzählerin Elisabetta Shapiro, eine 1934 geborene Wiener Jüdin, erinnert sich an ihr Leben in den Jahren 1938 bis 1945 und später. Als einzige ihrer Familie überlebte sie den Holocaust. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit Neonazis konfrontiert – und nun zieht eine Deutsche als Mieterin bei ihr ein …
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Kritik

Beate Teresa Hanika wechselt zwischen drei Zeitebenen hin und her, ohne die Sprünge deutlich zu machen; sie gehen fließend ineinander über, so wie sich Erinnerungen und Einbildungen in die Gedanken der Ich-Erzählerin mischen. "Das Marillenmädchen" ist eine mitreißende, lebensbejahende und kunstvoll gestaltete Lektüre.
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Wien, 1934 bis 1961

Weil Baruch Shapiro als Arzt im Krankenhaus praktizierte, glaubte die jüdische Familie lange Zeit, von Deportation verschont zu werden. Sie wollten das Land nicht verlassen, wie die 1938 in die USA emigrierten Nachbarn Feigenbaum. Die Mutter war Opernsängerin. Hugo Borstiber hatte sie 1929 ans Konzerthaus geholt. Aber die Nationalsozialisten sorgten dafür, dass der langjährige Generalsekretär der Wiener Konzerthausgesellschaft aufhören musste. Als er sich 1938 ins Ausland absetzte, endete auch Jaris Shapiros Gesangskarriere.

Wien blieb lange Zeit von Luftangriffen verschont. Nachdem am 13. August 1943 die Neustädter Flugzeugwerke angegriffen worden waren, dauerte es noch einmal über ein halbes Jahr, bis am 17. März 1944 – einen Tag nach Elisabettas zehntem Geburtstag – die ersten Bomben auf Wien fielen. Im Luftschutzkeller wurde Elisabetta – die jüngste der drei Schwestern – während des Stromausfalls vom Nachbarjungen Franz Schlegel geküsst.

Dessen Mutter, die in einer Munitionsfabrik arbeitete, wollte nicht, dass sich Franz oder eines ihrer vier anderen Kinder mit den Shapiro-Töchtern abgaben. Sie meinte, man werde die jüdische Familie ohnehin bald abholen. Janis Shapiro, die ebenfalls damit rechnete, wies Elisabetta darauf hin, dass sie für den Notfall Arsen in ein Glas Marillenmarmelade aus dem Jahr 1944 gemischt habe („M&A 1944“). Es stehe im Keller und sei im Medikamentenschrank eingeschlossen.

Im Herbst 1944 verliebte sich Rahel – die älteste der drei Schwestern – in Karel Lier, einen 15 Jahre älteren Mann, halb Roma, halb Ungar, der offenbar anderen Untergetauchten Pässe beschaffte. Schließlich führte Rahel verbotene Kurierdienste für ihn durch. Sie lag bei ihm, als ihn die Gestapo aus dem Bett holte. Weil er behauptete, sie wisse von nichts, blieb sie ungeschoren.

Am 24. Februar 1945 trieb sich Elisabetta einige Zeit in den Ruinen herum. Als sie nach Hause kam, stand ein dunkler Wagen vor der weit geöffneten Tür. Sie sah ihre Familie und hörte, wie Rahel log, ihre jüngste Schwester Elisabetta halte sich seit einiger Zeit bei Verwandten in Polen auf.

Franz berichtete Elisabetta später, er habe beobachtet, wie ihre Familie abtransportiert wurde. Er übergab Elisabetta eine Kette, die Rahel augenscheinlich mit Absicht hatte fallen lassen.

Elisabetta, die nun allein im Elternhaus lebte, durfte trotz der Kälte nicht heizen, wenn sie vermeiden wollte, dass jemand auf sie aufmerksam wurde. Sie war noch keine elf Jahre alt.

Nach dem Krieg arbeitete sie einige Jahre in einer Strumpffabrik.

Hin und wieder kam Franz zu ihr, auch noch, als er bereits verheiratet war. 1954 kochte Elisabetta gerade Marillenmarmelade ein, als er herüberkam, während seine Frau vor dem Fernseher eingeschlafen war und Elisabetta auf dem Küchentisch nahm. Neun Monate, nachdem Franz Im Sommer 1960 mit ihr zum Schwimmen nach Bad Vöslau gefahren war, brachte Elisabetta eine Tochter zur Welt, der sie den Namen Esther gab. Später zog Franz mit seiner Familie weg und verkaufte das Haus.

Wien, Gegenwart

Elisabetta Shapiro wohnt Jahrzehnte nach dem Tod ihrer Eltern noch immer in dem Haus in Wien, in dem sie aufwuchs und kocht in jedem Frühsommer Marmelade ein, wie es schon ihre Mutter vor mehr als einem halben Jahrhundert tat. Die Früchte stammen von dem Marillenbaum im Garten, den ihr Vater Baruch vor ihrer Geburt gepflanzt hatte, also vor 1934.

Vor ein paar Jahren sind neue Nachbarn in das von Franz Schlegel verkaufte Haus eingezogen, die alles verändert haben.

Ohne es mit Elisabetta abzusprechen, überlässt ihre Mieterin, eine Russin, die Dachwohnung einer Deutschen, die ebenso wie sie beim Wiener Staatsballett tanzt.

Es begann damit, dass die Russin auszog und das andere Mädchen einzog. Die beiden dachten, ich würde es nicht bemerken. Sie dachten, meine Augen wären so schlecht, dass ich eine Russin nicht von einer Deutschen unterscheiden könnte, dass der Singsang ihrer Stimmen so ähnlich ist, hart und fordernd, dass ich durch die Bodendielen nur ihren abgehackten Akzent hören und sie für ein und dieselbe halten würde. Sie dachten, ich würde nicht mitbekommen, dass eines Tages nicht mehr die Russin nach Hause kam, sondern die andere.

Rahel protestiert aufgebracht dagegen, dass ihre Schwester eine Deutsche – eine Mörderin! – beherbergt. Obwohl Rahel und auch Judith schon lange tot sind, spricht Elisabetta mit ihnen und sieht sie im Haus herumgehen. Trotz Rahels Einspruch kommen sich die beiden Hausbewohnerinnen näher, und Elisabetta hat auch nichts dagegen, als die Deutsche ihren Bruder aufnimmt, der gerade eine sechsjährige Haftstrafe verbüßte.

München, vor sechs, sieben Jahren

Elisabetta saß im Gerichtssaal, als Adèl Kubritz verurteilt wurde. Sie erinnert sich an das, was vor sechs, sieben Jahren geschah.

Damals lebte Esther mit ihrem Mann Dov und der Tochter Rahel in München, wo sie die jüdische Gaststätte Schalom betrieben.

Auf einer Insel in einem Baggersee außerhalb der Stadt begegnete Rahel einer gleichaltrigen Deutschen, Pola Kubritz, die mit ihrem Bruder Adèl und einem Mann namens Götz gekommen, aber allein zur Insel geschwommen war.

Pola freundete sich mit Rahel an, aber sie verheimlichte es ihrem Bruder, denn bei der von Götz geführten Gruppe, der sie angehörten, handelte es sich um Neonazis. Pola war für Götz fast wie eine Tochter, und Adèl wollte er zu seinem Nachfolger machen.

Bald nach Götz‘ Geburtstagsfeier – bei der die Männer die Uniform ihrer Verbindung trugen und ihre Cerevise aufsetzten –  zogen die Geschwister bei den Eltern aus und richteten sich in dem großen Haus ein, in dem Götz residierte.

Auf Wunsch der Mutter hatte Pola mit Ballettunterricht bei Ekatherina Marinova begonnen. Inzwischen strebte sie aus eigenem Antrieb eine Karriere als Tänzerin an, und Rahel riet ihr, sich nach einer besseren Lehrerin umzusehen. Sie versprach, mit ihrer Freundin gegebenenfalls in eine andere Stadt zu ziehen. Zuerst wollte Pola aber noch bei der von Ekatherina Marinova vorbereiteten Aufführung des Balletts „Romeo und Julia“ von Sergei Prokofjew den Romeo tanzen.

Als sie bei der Premiere ins Publikum sah, fehlte Rahel. Das brachte Pola völlig durcheinander. Sie tanzte unkonzentriert und fehlerhaft. Am Ende rannte sie los. Das Schalom brannte. Rahel, Esther und Dov waren tot.

Die Brandstifter wurden zu Haftstrafen verurteilt. Der Haupttäter Götz wird noch einige weitere Jahre im Gefängnis verbringen müssen.

Wien, Gegenwart

Elisabetta fährt mit Pola und Adèl zur Premiere des Balletts „Romeo und Julia“ im Wiener Konzerthaus. Diesmal tanzt Pola nicht den Romeo, sondern die Julia.

Pola und Adèl helfen Elisabetta beim Einkochen von Marillenmarmelade. Im nächsten Jahr wird es keine neue Marillenmarmelade mehr geben, denn während des jüdischen Abschiedsfestes Schawut verlässt Elisabetta mit dem Geschwisterpaar das Haus. Rahel und Judith bleiben zurück. Unterwegs besucht Elisabetta den Witwer Franz im Pflegeheim und lässt ihm ein Glas Marillenmarmelade da („M&A 1944“).

Trotz ihres Alters schwimmt Elisabetta mit Pola noch einmal zur Insel im Baggersee bei München. Dort finden sie die Kette, die Rahel bei der ersten Begegnung mit Pola verlor und die ihrer gleichnamigen Großmutter gehörte.

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Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.

Mit diesem Satz beginnt Beate Teresa Hanika ihren Roman „Das Marillenmädchen“. Die Ich-Erzählerin Elisabetta Shapiro, eine 1934 geborene Wiener Jüdin, erinnert sich an ihr Leben in den Jahren 1938 bis 1945 und später. So wie es ihre Mutter damals zu tun pflegte, kocht sie jedes Jahr Marmelade ein. Das Obst stammt von dem Marillenbaum in ihrem Garten, den der Vater vor ihrer Geburt gepflanzt hatte. Elisabetta überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie mit Neonazis konfrontiert. Als eine Deutsche bei ihr als Mieterin einzieht, denkt sie trotzdem:

Irgendwer muss vergeben. Irgendwer muss seine Hand hinstrecken.

Das Besondere an dem Roman „Das Marillenmädchen“ ist die Form. Beate Teresa Hanika wechselt nämlich zwischen drei Zeitebenen hin und her, ohne die Sprünge deutlich zu machen; sie gehen fließend ineinander über, so wie sich Erinnerungen und Einbildungen in die Gedanken der Ich-Erzählerin mischen. Dabei verknüpfen sich drei Handlungsstränge: Elisabettas Erlebnisse in den Jahren 1938 bis 1961, die Gegenwart und Ereignisse vor sechs, sieben Jahren. Allmählich wird klar, welche Rolle die neue Mieterin in dieser Geschichte spielt.

Ein wenig verwirrend ist zunächst, dass Elisabetta sich einbildet, ihre beiden 1945 in Dachau ermordeten Schwestern Rahel und Judith seien noch bei ihr. Dazu kommt die Namensgleichheit ihrer Schwester Rahel mit der Enkelin.

Fragwürdig ist der Gag, eine Schildkröte „Hitler“ zu nennen.

Abgesehen davon, handelt es sich bei „Das Marillenmädchen“ um einen mitreißenden, lebensbejahenden und kunstvoll gestalteten Roman.

Den Roman „Das Marillenmädchen“ von Beate Teresa Hanika gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Hemma Michel (ISBN 978-3-95639-170-5).

Beate Teresa Hanika wurde 1976 in Regensburg geboren. Von 1997 bis 2001 war sie als Model tätig. Dann begann sie zu fotografieren. Sie veröffentlichte zwei Jugendbücher –  „Rotkäppchen muss weinen“ (2009) und „Erzähl mir von der Liebe“ (2010) – bevor sie 2016 mit ihrem ersten Roman für Erwachsene debütierte: „Das Marillenmädchen“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © btb Verlag

Beate Teresa Hanika: Vom Ende eines langen Sommers

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