Dörte Hansen : Mittagsstunde

Mittagsstunde
Mittagsstunde Originalausgabe Penguin Verlag, MÜnchen 2018 ISBN 978-3-328-60003-9, 320 Seiten ISBN 978-3-641-16783-7 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am Beispiel des fiktiven Geestdorfes Brinkebüll veranschaulicht Dörte Hansen in ihrem Roman "Mittagsstunde" den Wandel der Zeiten in dem halben Jahrhundert ab Mitte der Sechzigerjahre. Was sich hier in Nordfriesland abspielt, könnte ähnlich auch in anderen Gegenden geschehen sein. "Mittagsstunde" dreht sich um die Familie Feddersen, und vieles wird aus der Sicht des 1966 geborenen Enkels Ingwer erzählt, der inzwischen Ende 40 ist und in Kiel Archäologie doziert. Aber es gibt noch eine ganze Reihe farbiger Nebenfiguren ...
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Kritik

Dörte Hansen verklärt das Landleben nicht; sie entwirft keine Idylle, sondern beobachtet die Menschen während des Strukturwandels im Mikrokosmos eines nordfriesischen Dorfs sehr genau und warmherzig, ohne Pathos, Nostalgie oder Sentimentalität. "Mittagsstunde" liest sich trotz des Tiefgangs ganz leicht. Und die ebenso unterhaltsame wie bewegende Geschichte klingt lange nach.
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Sönke und Ella Feddersen

Seit seinem 15. Lebensjahr betreibt Sönke Feddersen die Gaststätte in dem nordfriesischen Geestdorf Brinkebüll. Ob er das wollte oder nicht, fragte ihn damals niemand. Sein Vater war tot, die Mutter nervenkrank, und er trug als ältestes von vier Kindern die Verantwortung. Inzwischen ist er 93 und hat  seine Geschwister überlebt. An schlechten Tagen muss er sich auf einen Rollator stützen, aber Sönke steht noch immer hinter dem Tresen des Dorfkrugs, zapft Bier und schenkt Schnaps ein. Das Vieh hat er allerdings verkauft, die Felder verpachtet und den Stall abgerissen, um einen Parkplatz anlegen zu können.

Bevor Sönke Feddersen 1939 in den Krieg musste, verlobte er sich mit der ein Jahr jüngeren Schustertochter Elisabeth („Ella“) Paulsen aus einem Nachbardorf. Für die Hochzeit bekam er 1944 acht Tage Fronturlaub. Im Dezember 1947 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft im Lager Magnitogorsk zurück. Sieben Monate später, am 11. Juli 1948, wurde Marret geboren. Obwohl er begriff, dass er nicht der Vater war und Dorfbewohner von einem Kuckuckskind munkelten, redete er nicht weiter darüber und tat einfach so, als ob.

Anders als Sönke, driftet Ella inzwischen mehr und mehr in eine Altersdemenz ab. Manchmal verwechselt sie ihn oder den Enkel Ingwer mit „Krischan“. Damit ist der ehemalige Dorfschullehrer Christian Steensen gemeint, mit dem sie sich während der Kriegsgefangenschaft ihres Ehemanns getröstet hatte.

Marret Feddersen

Marret wurde 1955 eingeschult und saß mit 40 anderen Kindern aller Altersstufen im einzigen Klassenzimmer vor dem Dorfschullehrer Christian Steensen, ohne zu ahnen, dass er ihr Vater war.

Für Hausarbeit war Marret nicht zu gebrauchen, denn sie verzierte Kartoffeln mit einem Muster statt sie zu schälen. Oft zog sie sich so in ihre eigene Welt zurück, dass sie es nicht hörte, wenn sie angesprochen wurde. Bei Wind und Wetter lief sie in ihren Klapperlatschen herum und rief: „De Welt geiht ünner!“

Im Sommer 1965 quartierten sich drei Vermessungsingenieure im Dorfkrug ein. Sie bereiteten die Flurbereinigung vor, die Zusammenlegung kleiner Felder, auf denen ein moderner Mähdrescher nicht einmal hätte wenden können, zu größeren landwirtschaftlichen Flächen. Als Thomas, Wolfgang und Andreas mit ihrer Aufgabe fertig warten, ließen sie die 17-jährige Marret schwanger zurück.

Statt der Umstandskleidung, die ihr eine andere Mutter vorbeibrachte, trug sie lieber Sönkes Sachen. Sie wollte das Kind nicht und kreischte:

„Dat schall dor weg! Ik will dat nich mehr hem!“

Als sie drei Meter tief vom Heuboden stürzte, erlitt sie Rippenbrüche und eine Gehirnerschütterung. Aber wenig später sprang sie nachts aus einem Fenster. Am Morgen fand man sie im Nachthemd, unterkühlt und mit gebrochenen Füßen. Der Handwerker Karl („Kalli“) Martensen, der einen Kombi besaß, räumte sein Werkzeug aus, um Marret ins Krankenhaus fahren zu können.

Während Paule und Irene Bahnsen, der Bürgermeister und seine Frau, im April 1966 ihren zehnten Hochzeitstag im Dorfkrug feierten, schrie die in den Wehen liegende Marret vor Schmerzen. Nach 20 Stunden gab die Hebamme Ada Kruse auf, und Ella rannte zu Christian Steensen, dem einzigen Mann im Dorf, der in dieser Nacht nicht betrunken war. Er fuhr Marret in die Klinik, wo Mutter und Kind im letzten Augenblick durch einen Kaiserschnitt gerettet wurden.

Weil Marret sich nicht um ihren Sohn kümmerte, übernahmen Ella und Sönke die Rolle der Ersatzeltern. Selbst als Erwachsener sagt Ingwer noch „Mudder“ und „Vader“ zu ihnen.

Ingwer Feddersen

Ingwer Feddersen und Gönke, die jüngste der vier Töchter des Bäckers Erich Boysen und seiner Frau Gunda, gehörten zum letzten Jahrgang, der noch im Dorf eingeschult wurde. Der Gemeinderat hatte damals bereits entschieden, die Dorfschule in vier Jahren zu schließen, wenn Christian Steensen pensioniert werden konnte.

Der Lehrer beobachtete, wie Sönke Feddersen versuchte, Ingwer zurechtzubiegen.

Er sah die beiden miteinander, wenn er seine Runden zog, den Alten und den Jungen auf dem Feld, Ingwer auf dem Traktor, Sönke Feddersen daneben, der ihm zeigte, wie man pflügte, säte, Mist ausstreute. Sah sie auf dem Weg zur Landmaschinenwerkstatt, vor dem Gasthof beim Entladen der Getränkewagen, und er wusste ganz genau, was Sönke Feddersen da tat. Er zog sich einen Brinkebüller Gastwirt groß, einen Bauern, Blasmusiker, Dörpsmann. Einen, der so war wie er, den er behalten wollte, hier behalten, seinen Jungen.
[…] Sönke hatte nicht das Recht, sich diesen Jungen hinzubiegen, bis er in seinen Gasthof passte. Er gehörte nicht dahin.

Mit Ellas Unterstützung drängte der Lehrer den widerstrebenden Gastwirt, dem begabten Jungen den Besuch einer höheren Schule zu erlauben. Ingwer und Gönke waren schließlich die einzigen Kinder ihres Jahrgangs, die aufs Gymnasium in Husum wechselten. Kurz vor dem Abitur erfuhr Ingwer von Gönke im Schulbus, was außer ihm die meisten im Dorf wussten: dass sein Vater einer der Vermessungsingenieure war, die 1965 hier gearbeitet hatten.

Während die 18-jährige Gönke Boysen am Tag nach dem Abitur zum Entsetzen ihrer Eltern nach Berlin zog, um dort zu studieren, begann Ingwer Feddersen seinen 20 Monate dauernden Zivildienst in einem Seniorenheim, bevor er in Kiel Archäologie studierte und promovierte.

Inzwischen ist er dort Dozent. Seit 26 Jahren lebt er in derselben Wohngemeinschaft. Sein Mitbewohner Claudius scheiterte nach elf Jahren Jura-Studium zweimal beim Staatsexamen und baut nun Boote für reiche Kunden aus dem Bekanntenkreis seiner Eltern. Die ebenfalls zur WG gehörende Architektin Ragnhild Dieffenbach schläft von Zeit zu Zeit mit Ingwer ‒ und vermutlich auch mit Claudius.

2013 nimmt der inzwischen 47 Jahre alte Archäologe ein Sabbatical. Er verbrachte zwar auch schon vorher jedes Wochenende bei Ella und Sönke in Brinkebüll, putzte die Fenster und half im Dorfkrug, aber nun will er sich verstärkt um die beiden kümmern. Sönke spricht von einem „Bummel-Jahr“, lässt es sich aber schließlich gefallen, von Ingwer gewaschen zu werden. Sogar an warmes Wasser gewöhnt er sich, obwohl er sich bisher stets kalt wusch, zunächst an der Pumpe im Freien, dann am Waschbecken.

Um Ragnhild zum 50. Geburtstag zu gratulieren, fährt Ingwer – der inzwischen ohne jegliche Feier 48 Jahre alt geworden ist – für einen Abend und eine Nacht nach Kiel, nicht ohne Nils und Anna Clausen zu bitten, auf seine Großeltern aufzupassen. Das Ehepaar ist zehn Jahre jünger als die Feddersens und wohnt seit 60 Jahren im Haus gegenüber dem Dorfkrug.

Je näher der Tag der Gnadenhochzeit rückt, desto aufgeregter wird Sönke Feddersen, aber kurz vor der geplanten Feier stirbt er unvermittelt in seinem Kontor. Am 70. Hochzeitstag wird er beerdigt.

Ingwer bringt Ella, die ihn inzwischen nicht mehr erkennt, in einem Pflegeheim unter. Sein früherer Mitschüler Heiko Ketelsen – der Gründer der Band „Brinkebüll Buffalos“ – übernimmt den Dorfkrug und macht daraus einen „Farm House Saloon“.

Am Ende des Sabbaticals mietet Ingwer eine möblierte Wohnung in Kiel, statt in die WG zurückzukehren.

Er musste jetzt nur mal die Kurve kriegen und sein Leben durchsortieren.

Brinkebüll

Der Roman „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen dreht sich um die Familie Feddersen, und vieles wird aus der Sicht des 1966 geborenen Enkels Ingwer erzählt, der inzwischen Ende 40 ist. Aber es gibt noch eine ganze Reihe bemerkenswerter Nebenfiguren wie zum Beispiel den Schmied Haye Nissen und Hauke Godbersen, den „Mappenmann“ vom Lesezirkel.

Carsten Leidigs Graupenmühle stand bereits still, als Ingwer Feddersen noch zur Schule ging. Damals zog eine Familie aus Berlin in das reetgedeckte Müllerhaus. Sonja Baumann trug den kürzesten Minirock, den man bis dahin in Brinkebüll gesehen hatte und badete splitternackt in einer alten, im Garten aufgestellten Zinkwanne.

Der Bäcker Arno Rickertsen fährt nach dem Bankrott absichtlich gegen einen Brückenpfeiler an der Autobahn. Allerdings scheitert der Selbstmordversuch und er überlebt querschnittgelähmt. Anders der sechsjährige Marten Hamke, der freihändig radelt, vor einen Kieslaster gerät und totgefahren wird. Dora Koopmann, die Inhaberin des Tante-Emma-Ladens in Brinkebüll, muss es mit ansehen. Als auch Frauen Führerscheine machen und in Geschäften mit Selbstbedienung außerhalb des Dorfes einkaufen, schließt Dora Koopmann ihren Laden und fängt in der Kantine eines Flugabwehrbataillons als Köchin an. Mit 55 feiert sie in Sönke Feddersens Dorfkrug ihre Hochzeit mit einem Leutnant der Reserve.

Nach der Schließung der Dorfschule mit ihrer kleinen Leihbibliothek nimmt die Fahrbücherei Nordfriesland den Ort in den Tourenplan auf. Ebenso kommt ein Bäckerwagen einmal pro Woche nach Brinkebüll. Die Milch wird seit der Stilllegung der Meierei von einem Milchtankwagen abgeholt. Aber seit der Flurbereinigung in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre hat sich die Zahl der Bauern ohnehin stark reduziert. Einen der letzten Höfe führt Henning („Bambi“) Bahnsen, der Sohn des früheren Bürgermeisters. Der Vorsitzende des Dorfkulturvereins hat noch 190 Kühe, verfügt allerdings über einen Melk-Roboter und eine programmgesteuerte Fütterung. Er betreibt eine Biogasanlage, und auf seinen Feldern wächst fast nur noch Mais.

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Am Beispiel des fiktiven Geestdorfes Brinkebüll veranschaulicht Dörte Hansen in ihrem Roman „Mittagsstunde“ den Wandel der Zeiten in dem halben Jahrhundert ab Mitte der Sechzigerjahre. Was sich hier in Nordfriesland abspielt, könnte ähnlich auch in anderen Gegenden geschehen sein. Dörte Hansen verklärt das Landleben nicht; sie entwirft keine Idylle, sondern beobachtet die Menschen während des Strukturwandels in diesem Mikrokosmos sehr genau und warmherzig.

„Mittagsstunde“ ist keine Satire wie Dörte Hansens Debütroman „Altes Land“, sondern eine atmosphärisch dichte Milieustudie, ein Dorf- bzw. Heimatroman ohne Pathos, Nostalgie oder Sentimentalität.

Der Titel bezieht sich übrigens auf den Mittagsschlaf der Kleinbauern vor der Flurbereinigung, den sie benötigten, weil sie bei Tagesanbruch aufstehen und die Kühe melken mussten.

Den Kontrast zum Geestdorf Brinkebüll bilden die Revierkämpfe an der Universität Kiel und eine liberale Wohngemeinschaft in derselben Stadt. Ein an dieser Hochschule lehrender, in dieser WG lebender und mitunter Haschisch konsumierender Archäologe personifiziert den Gegensatz zwischen dem Dorfleben und dem Alltag in der Stadt; er hat die Chance für einen Neubeginn.

Kurze Passagen wörtlicher Rede gibt Dörte Hansen humorvoll in Plattdeutsch wieder, macht sich aber auch lustig über die Stadtmenschen, die Mundarten drollig finden:

Früher war man noch geächtet worden, wenn man Platt sprach, Lehrer Steensen hatte es im Klassenzimmer wie ein Kammerjäger ausgerottet. Jetzt wurde man, sobald man seinen Mund aufmachte, wie ein Rote-Liste-Tier gehätschelt. Wie ein Feldhamster, der auch fast ausgestorben war, und auch so niedlich. Und so nett. So urig.

Die 22 Kapitel in „Mittagsstunde“ sind mit Schlagertexten überschrieben. Innerhalb der Kapitel springt Dörte Hansen zwischen der Gegenwart (2013/14) und der Vergangenheit (zweite Hälfte der Sechzigerjahre) hin und her. Das macht sie so unauffällig, dass es beim Lesen wie selbstverständlich und in keiner Weise desorientierend wirkt. „Mittagsstunde“ liest sich trotz des Tiefgangs ganz leicht. Und die ebenso unterhaltsame wie bewegende Geschichte klingt lange nach.

Den formal und inhaltlich überzeugenden Roman „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Hannelore Hoger (ISBN 978-3-8371-4278-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Penguin Verlag

Dörte Hansen: Altes Land

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