Nino Haratischwili : Das mangelnde Licht

Das mangelnde Licht
Das mangelnde Licht Originalausgabe Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 2022 ISBN 978-3-627-00293-0, 831 Seiten ISBN 978-3-627-02303-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ende der 80er- und zu Beginn der 90er-Jahre erleben vier junge Freundinnen in Tbilissi (Tiflis) eine Zeit des Umbruchs der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und werden dabei traumatisiert. Jahrzehnte später treffen sich Keto, Ira und Nene bei einer Vernissage in Brüssel wieder – und schauen sich die von ihrer toten Freundin Dina hinterlassenen Fotografien an. Während Keto von Bild zu Bild geht, versucht sie zu rekonstruieren, was ihr und den Freundinnen damals widerfuhr. Bei manchen Fotos überwältigen sie sofort die zum Teil kaum zu ertragenden Erinnerungen.
mehr erfahren

Kritik

"Das mangelnde Licht" ist eine fulminante kritische Gesellschaftsstudie, aber zugleich auch eine Adoleszenz- bzw. Entwicklungsgeschichte und eine Tragödie. Phasenweise liest sich "Das mangelnde Licht" wie ein Politthriller oder Kriminalroman. Nino Haratischwili wechselt elegant zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Sie schreibt anschaulich und mitreißend aus Ketos Perspektive. Aufwühlende Szenen wechseln sich mit realistischen Dialogen und klugen Reflexionen ab.
mehr erfahren

Familie Kipiani

Tbilissi (Tiflis) 1987. Keto Kipiani wohnt mit ihren Eltern, dem Bruder und den beiden Großmüttern in der Wohnung, in der ihr Vater aufwuchs.

Großmutter Eters Vater, ein Seidenfabrikant, wurde von den Bolschewiken nach Astrachan deportiert und starb dort angeblich bei einem Arbeitsunfall. Im Alter von 17 Jahren heiratete Eter, aber der Mann fiel am Ende des Zweiten Weltkriegs, und die Kriegswitwe zog ihren Sohn Guram allein auf, während sie zur Leiterin der Germanistischen Fakultät der Staatlichen Iwane-Dschawachischwili-Universität in Tbilissi aufstieg.

Guram Kipiani besuchte die Komarow-Begabtenschule in Tbilissi. Während des Studiums am Institut für Physik und Technologie in Moskau verliebte er sich in Esma, die an der Lomonossow-Universität Kunstwissenschaft studierte. Seiner Ehefrau Esma zuliebe verzichtete Guram Kipiani auf eine vielversprechende akademische Karriere in Moskau und zog mit ihr nach Tbilissi. Sie bekamen zwei Kinder: den Sohn Ratuna („Rati“) und dessen fünf Jahre jüngere Schwester Keto, die noch ein Säugling war, als die Mutter bei einem Unfall in den winterlichen Bergen von Swanetien im Kaukasus umkam.

Ketos andere Großmutter heißt Olga („Oliko“). Deren Vater, der Chefarzt des Michailowski-Krankenhauses in Tbilissi, wurde von Tschekisten abgeholt und starb im Metekhi-Gefängnis. Aus Olikos dritter – nach fünf Jahren geschiedener – Ehe war die Tochter Esma hervorgegangen.

Vier Freundinnen

Im Alter von acht Jahren freundet sich Keto Kipiani mit Dina an, die kurz zuvor mit ihrer allein erziehenden Mutter Lika Pirweli und der jüngeren Schwester Anano eine benachbarte Kellerwohnung bezogen hat.

Lika, die Tochter eines Arbeiters, stammt aus Batumi. Sie träumte von einer Gesangskarriere und wollte sich für die Musikschule in Batumi bewerben, aber stattdessen wurde sie schwanger. Dinas Vater war ein Geiger, in den sich Lika verliebt hatte – ohne zu ahnen, dass er verheiratet war und zwei Kinder hatte. Sie zog mit Dina nach Tbilissi. Ein Dozent des Konservatorium umgarnte sie, und als sie sich ihm sexuell verweigerte, vergewaltigte er sie. Neun Monate später gebar sie Anano. Ein älterer Bildhauer vermittelte ihr eine Ausbildung bei dem Möbelrestaurateur Guram Ewgenidse. Als dieser Mäzen fünf Jahre später an einem Gehirntumor starb, vererbte er Lika seine Werkstatt, aber nach dem Tod seiner Ehefrau Lilja verkaufte Lika die Werkstatt und richtete sich mit den beiden Töchtern in der Kellerwohnung in der Nachbarschaft der Familie Kipiani ein.

Ungefähr zur gleichen Zeit kam auch Irine („Ira“) zu Keto und Dina in die Schulklasse. Ihre Eltern Giuli und Tamas Schordania waren mit ihrer Tochter ebenfalls gerade erst zugezogen. Tamas arbeitet als Arzt am Städtischen Krankenhaus.

Keto, Dina und Ira erweitern ihre enge Freundschaft schließlich um Nestan („Nene“) Koridse, eine Nichte des „Tapora“ (die Axt) genannten Unterweltbosses, der seit der Ermordung seines Bruders dessen Witwe Manana Koridse beisteht. Während er seinen sanftmütigen Neffe Guga nicht für eine Karriere beim organisierten Verbrechen geeignet hält, sorgt Tapora dafür, dass dessen drei Jahre jüngerer Bruder Zotne Erfahrungen sammeln kann, die ihn als zukünftigen Nachfolger qualifizieren.

Schulabschluss

1990 verliebt sich Rati in Dina und schenkt ihr zum Entsetzen seines Vaters die von seiner Mutter hinterlassene Leica, weil sie begeistert fotografiert.

Am 26. Mai 1991 finden die Abschlussprüfungen der vier Freundinnen statt. Keto meldet sich in der Kunstakademie für Restaurierung und Konservierung an. Ira immatrikuliert sich an der juristischen Fakultät der Staatlichen Universität. Saba studiert bereits Architektur an der Kunstakademie, aber sein Freund Rati lehnt eine Hochschulausbildung ab, und seine Freundin Dina pflichtet ihm bei. Sie erklärt Keto:

Wenn du ehrlich bist, kann jeder Idiot in die Uni hineinmarschieren und sich einen Platz kaufen oder gleich ein Diplom. Ist doch so?! Rati will keine halben Sachen machen, genauso wenig wie ich. Vor allem will er diese scheinheilige Verlogenheit nicht mehr unterstützen. Jeder um uns herum weiß ganz genau – und sie machte eine dramatische Geste mit der Hand –, dass unser Leben und dieses ganze Land eine einzige Lüge ist. Wir wollen endlich frei und unsere eigenen Herren sein, wir wollen uns nicht länger verarschen lassen. Weder von den Koridses noch vom Staat. Und übrigens: Ich werde auch nicht studieren!
[…] Entweder zahlt man an die Miliz oder an irgendeinen Kriminellen. Und warum? Weil man Angst hat! Das ist, was unsere Gesellschaft am Laufen hält: die Angst.

Dina fängt als Assistentin des Pressefotografen Alek Posner bei einer Zeitung an.

Rati steigt ins Schutzgeld-Geschäft ein und konkurriert dabei mit Tapora bzw. dessen Neffen Zotne Koridse.

Verbotene Liebesbeziehung

Ratis Freund Saba, einer der beiden Söhne des Ehepaars Nina und Rostom Iaschwili, beginnt heimlich eine Liebesaffäre mit Nene Koridse, die keine Zukunft haben kann, weil Tapora gewiss jede Eheschließung seiner Nichte ablehnen wird, die nicht seine kriminellen Geschäftsbeziehungen fördert.

Es frustriert Ira, dass Nene nichts von einer erotischen Beziehung mit ihr wissen möchte.

Nene und Saba setzen sich nach Batumi ab, aber Zotne Kordise und Rostom Iaschwili holen sie von dort zurück. Während Saba von seinen Eltern aufs Land geschickt wird, muss Nene mit ihrer Mutter verreisen und auf Geheiß ihres Onkels dann Otto Tatischwili heiraten, den Sohn des Fabrikanten Dawit Tatischwili und dessen Frau Natela.

Trotz der Eheschließung trifft sich Nene weiter heimlich mit Saba.

Konkurrenten

Zotne Kordise hält den Ehrenkodex seines Onkels nicht mehr für zeitgemäß. Tapora erpresst zwar Schutzgelder und besticht Amtsträger, um seine Geschäfte ungehindert abwickeln zu können, lehnt jedoch Drogen und Prostitution als „unrein“ ab. Sein Neffe Zotne dagegen knüpft heimlich Kontakte zu einem Russen in Rostow mit dem Spitznamen „Begemot“, der in großem Stil mit Heroin handelt.

Dass Dina Pirweli eine Affäre mit seinem Konkurrenten Rati Kipiani hat, frustriert Zotne, denn er liebt sie ernsthaft. Um Rati auszuschalten, sorgt er über korrupte Amtsträger für eine Hausdurchsuchung der Miliz bei der Familie Kipiani, bei der Rati 10 Gramm Heroin untergeschoben werden.

Der von Ratis Vater konsultierte Rechtsanwalt meint, er könne mit 5000 Dollar die entscheidenden Leute bestechen und den Jungen aus dem Gefängnis befreien. Über eine solche Summe verfügt Guram Kipiani nicht, aber Ratis Freund Lewan Iaschwili – Sabas Bruder – treibt das Geld in der Unterwelt auf. Keto und Dina wollen es dem Rechtsanwalt bringen. Unterwegs stoßen sie auf zwei Gangster, die bereits einen Mann getötet und einen weiteren schwer verletzt haben. Die Mörder halten die Mädchen für harmlos und lassen sie laufen, aber nach ein paar hundert Metern bleibt Dina stehen. Sie bringt Keto dazu, mit ihr umzukehren und den verblüfften Verbrechern die 5000 Dollar anzubieten, damit sie den Schwerverletzten am Leben lassen.

Aber wie soll nun Ketos Bruder freikommen? Dina verspricht ihrer Freundin, dafür zu sorgen.

An diesem Tag beginnt Keto, sich immer wieder in die Oberschenkel zu schneiden, manchmal so heftig, dass die Wunde genäht werden muss. Mit dem Schmerz versucht sie, das Grauen zu übertönen.

Dina sucht Zotne Koridse auf und schläft mit ihm unter der Bedingung, dass die Anklage fallengelassen wird. Wieder sind es korrupte Amtsträger, die auf Zotnes Wünsche eingehen.

Rati sollte nichts davon erfahren, aber als er dennoch herausfindet, dass seine Geliebte mit Zotne zusammen war, beschimpft er sie als Hure und trennt sich von ihr.

Tödlicher Konflikt

Saba bekommt von einem Freund den Schlüssel zu einem Sommerhaus in Zqneti und verbringt dort ein Wochenende mit Nene. Plötzlich hämmert jemand an die Tür. Es ist Otto Tatischwili! Er rammt Saba den Kolben eines Jagdgewehrs ins Gesicht. Nene versucht, das Schlimmste zu verhindern, aber als Saba sich auf Otto stürzt, erschießt dieser ihn.

Sabas Bruder Lewan und Rati, der Freund der beiden, wollen Rache, aber Otto Tatischwili taucht unter.

Nene ist schwanger und lässt die Frist für eine Abtreibung absichtlich verstreichen. Ihre Familie verlangt von ihr, das Kind als das ihres Ehemanns auszugeben, aber Nene widersetzt sich.

Neue Wege

Während Ottos Schwester Anna Tatischwili für Zotne Koridse schwärmt, ist dessen Bruder Guga in sie verliebt. Ihm zuliebe setzt Zotne Anna unter Druck:

Du wirst Guga eine Chance geben müssen, wenn du willst, dass dein Bruder nicht gefunden wird.

Tatsächlich werden Guga und Anna ein Paar.

Ira Schordania erhält 1992 ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in den USA.

Dina Pirweli reist mit ihrem Mentor Alek Posner in die abtrünnige Provinz Abchasien, um über den im Februar ausgebrochenen Krieg zu berichten. Dort trifft sie zufällig den Mann wieder, den sie und Keto ein Jahr zuvor gerettet haben. Er heißt Gio Dwali. Damals begleitete er einen Freund, der seine Spielschulden nicht begleichen konnte ‒ und wäre wie dieser ermordet worden, wenn ihn Dina und Keto nicht freigekauft hätten.

Keto Kipiani wird von ihrer Professorin Maia Sanikidse zur Renovierung der Fresken im ehemaligen Kloster Bobde in der georgischen Region Kachetien mitgenommen und lernt dort den 32 Jahre alten Fachmann Reso kennen, der sie dann einlädt, ihm bei der Renovierung einer orthodoxen Kirche in Istanbul zu assistieren.

Zur gleichen Zeit bringt Nene einen Sohn zur Welt. Auf Anordnung ihres Onkels muss sie zwar dessen russischen Geschäftspartner Kote Bukia heiraten und mit ihm und dem Kind in Moskau leben, aber später lässt sie den Nachnamen ihres Sohnes Lukas in Iaschwili ändern.

Eine Vergewaltigung und die Folgen

Als Keto aus Istanbul zurückgekehrt ist, ruft Guga Koridse sie mitten in der Nacht an und fleht sie an, zu ihm zu kommen. Anna Tatischwili ist bei ihm. Sie habe sich vorhin aus einer Telefonzelle gemeldet, berichtet Guga. Offenbar wurde sie von mehreren Verbrechern, die herausfinden wollten, wo sich ihr Bruder Otto versteckt, geschlagen und vergewaltigt. Anna erzählt jedoch nur von einem „lustigen Ausflug“ mit einer Gruppe von Männern und will nichts von einer Vergewaltigung wissen.

Rati beteuert seiner Schwester, er habe mit dem Gewaltakt nichts zu tun. Also war es Lewan! Gegenüber Rati und Keto muss er schließlich zugeben, die Mchedrioni beauftragt zu haben, Otto Tatischwilis Aufenthaltsort aus dessen Schwester herauszuprügeln, um seinen Bruder Saba endlich rächen zu können.

Bei den Mchedrioni handelt es sich um eine 1989 von dem kriminellen georgischen Warlord Dschaba Iosseliani gegründete paramilitärische Organisation, die 1991 den Putsch gegen Swiad Gamsachurdia organisierte, den ersten frei gewählten Präsidenten Georgiens.

Obwohl sich Rati von Dina getrennt hat, schießt er auf Zotne, als Dina sich von seinem Rivalen nach Hause fahren lässt. Rati überlebt zwar, ist jedoch nach mehreren Operationen wegen einer Verletzung des Rückgrats erst einmal auf einen Rollstuhl angewiesen.

Guram Kipiani gelingt es, seinen Sohn mit dem Gefälligkeitsgutachten eines Bekannten vor einer Verurteilung zu einer Haftstrafe zu bewahren, aber Rati muss für einige Zeit in eine psychiatrische Klinik.

Während seine Schwester Keto bei der Restaurierung der Alexanderkirche in Kiew mitwirkt, dokumentiert Dina das Massaker an der georgischen Bevölkerung von Sochumi nach der Einnahme der Hauptstadt Abchasiens am 27. September 1993 durch Freischärler.

Ihr neuer Freund Gio Dwali, der bereits Ingenieur-Wissenschaften und Informatik zu studieren angefangen hatte, will nun zu Mathematik wechseln.

Obwohl Anna Tatischwili seit der Massenvergewaltigung geistesgestört ist, hält Guga Koridse an seiner Absicht fest, sie zu heiraten und hofft, dass sie in einer Schweizer Klinik geheilt werden kann. Aber vor der geplanten Abreise kommt es zu einem Eklat: Anna, die sich Passanten mitunter nackt am Fenster präsentiert, zieht sich vor Zotne aus. Guga sieht es, rastet aus und prügelt auf seinen wehrlos im Rollstuhl sitzenden Bruder ein, der daraufhin vom Notarzt erneut ins Krankenhaus gebracht werden muss.

Keto begegnet Guga im Frühjahr 1994 noch einmal und fragt ihn nach Anna, aber er erklärt, dass er mit der „Hure“ nichts mehr zu tun habe.

Ein paar Monate später bringt Nene in Moskau Zwillinge zur Welt.

Ira

Ira Schordania, die ein Stipendium für die Stanford University bekommt, bleibt zunächst in den USA. Dann bewirbt sie sich bei der Staatsanwaltschaft in Tbilissi, und obwohl die Amtsinhaber befürchten müssen, dass sie gegen Korruption vorgeht, stellen sie die Vorzeige-Kandidatin ein.

Man tat ja zumindest so, als wollte man einen Rechtsstaat etablieren.

In Zusammenarbeit mit einem Journalisten trägt Ira in jahrelanger Arbeit Belastungsmaterial zusammen und sorgt dafür, dass Zotne Koridse 1997 wegen Drogenhandels, räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung und illegalen Waffenbesitzes zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird.

Aufgrund von Morddrohungen verlässt sie Georgien erneut und setzt ihre juristische Karriere in einer Anwaltskanzlei in Chicago fort. Weil sich niemand vorstellen kann, dass Nene nichts von Iras Ermittlungen wusste, wird sie als Verräterin ihres Bruders beschimpft und wagt es jahrelang nicht, nach Tbilissi zurückzukehren.

Rati, Dina und Keto

Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie kommt Rati Kipiani nicht mehr ohne Heroin aus. Seine Schwester Keto findet ihn eines Tages auf einer Matratze im Atelier ihrer Freundin Dina. Die Fotografin, die gerade einige Bilder verkauft hat, will das Geld verwenden, um Rati einen Entzug in einer Klinik in Antalya zu finanzieren. Aber zwei Tage vor der Abreise verschwindet er, und im Februar 1998 stirbt er an einer Überdosis.

Gut ein Jahr später erhängt sich Dina.

Keto, die ihre tote Freundin findet, nimmt das Angebot ihres Kollegen Reso an, der inzwischen als Gastprofessor in Dresden über Wandmalerei doziert und zieht zu ihm. Sie bringt einen Jungen zur Welt, den sie nach ihrem toten Bruder Rati nennt. Aber dann wechselt sie zum Museum aan de Stroom in Antwerpen und trennt sich von Reso.

Brüssel 2019

2019 treffen sich Keto, Ira und Nene erstmals nach Jahrzehnten wieder, und zwar in Brüssel, bei der Vernissage einer Retrospektive des fotografischen Werks ihrer toten Freundin Dina Pirweli im Palast der schönen Künste, organisiert von ihrer jüngeren Schwester Anano, kuratiert von einer Kunstwissenschaftlerin und dem Leiter des Nederlands Fotomuseum in Rotterdam.

Während Keto von Bild zu Bild geht, versucht sie zu rekonstruieren, was ihr und den Freundinnen damals widerfuhr. Bei manchen Fotos braucht sie nicht nachzudenken, denn da überwältigen sie sofort die Erinnerungen, beispielsweise wenn sie sich neben ihrem Erbrochenen knien sieht und nacherlebt, wie sie damals Zeugin eines Mordes wurde. Kaum zu ertragen ist auch die Aufnahme, bei der die zahlreichen selbst zugefügten Narben auf ihrem nackten Körper zu sehen sind.

Anano ist mit einem reichen georgischen Geschäftsmann aus der Baubranche verheiratet, wohnt mit ihm auf einem Bauernhof bei Tbilissi, betreibt selbst eine Galerie und fördert junge Künstler.

Nene lädt Ira und Keto ein, zu ihrer geplanten dritten Hochzeit am 24. Juli nach Tbilissi zu kommen.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Die Haupthandlung des fulminanten Romans „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili spielt Ende der Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre in Georgien, also in einer Zeit des Umbruchs der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, in der vier befreundete junge Frauen traumatisiert werden. Von deren persönlichen Tragödien erzählt Nino Haratischwili vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte. Mit dieser Kombination bringt sie uns die Atmosphäre nah, die damals in Georgien herrschte.

Eine Fotoausstellung 2019 bildet die Rahmenhandlung von „Das mangelnde Licht“: Erstmals nach Jahrzehnten treffen sich Keto, Ira und Nene wieder – und schauen sich die von ihrer toten Freundin Dina hinterlassenen Bilder an. Nino Haratischwili versetzt sich in Keto, die Restauratorin geworden ist, sich also beispielsweise um den Erhalt historischer Fresken bemüht. Während sie von Bild zu Bild geht, versucht sie zu rekonstruieren, was ihr und den Freundinnen damals widerfuhr. Bei manchen Fotos braucht sie nicht nachzudenken, denn da überwältigen sie sofort die Erinnerungen, die zum Teil kaum zu ertragen sind.

Nino Haratischwili wechselt in „Das mangelnde Licht“ elegant zwischen Fotos und Rückblenden, Gegenwart und Vergangenheit. Die entscheidenden Ereignisse erfasst sie in der Rückschau aus Ketos Perspektive. „Das mangelnde Licht“ beginnt und endet damit, dass die Freundinnen aus Abenteuerlust und Freiheitsdrang nachts den Zaun eines Botanischen Gartens in Tbilissi (1987) bzw. Parks in Brüssel (2019) überklettern und sich an einem Bassin mit Wasserfall respektive Fontäne ausziehen.

Wegen der vielen Romanfiguren, der komplexen Beziehungen und assoziativen – also nicht chronologischen – Verknüpfungen ist es bei der Lektüre von „Das mangelnde Licht“ nicht immer einfach, den Überblick zu behalten, besonders für einen deutschen Leser, der von der zeitgeschichtlichen Entwicklung in Georgien nicht mehr als Stichwörter kennt.

Nino Haratischwili schreibt anschaulich und mitreißend. Aufwühlende Szenen wechseln sich mit realistischen Dialogen und klugen Reflexionen ab.

„Das mangelnde Licht“ ist eine kritische Gesellschaftsstudie, aber zugleich auch eine Adoleszenz- bzw. Entwicklungsgeschichte und eine Tragödie. Phasenweise liest sich „Das mangelnde Licht“ wie ein Politthriller oder Kriminalroman.

Den Titel erklärt Nino Haratischwili am Ende des Romans: Die Ich-Erzählerin Keto richtet ein Atelier ein. Kurz darauf wird vor dem Fenster ein Geräteschuppen hochgezogen, aber als sie sich beschwert, heißt es, dass sie kein Anrecht auf mehr Licht habe.

Als ich trotz diverser Lampen und Strahler irgendwann feststellen musste, dass mir das Arbeiten in diesem Raum unmöglich war, kündigte ich, und als wir uns für die Schlüsselübergabe trafen, konnte ich mich nicht zurückhalten und schleuderte ihm den Satz ins Gesicht, an den ich jetzt wieder denken muss: „Jeder Mensch sollte Anrecht auf genügend Licht haben!“

Den Roman „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Simone Kabst.

Die Theaterregisseurin, Dramatikerin, Schriftstellerin und Übersetzerin Nino Haratischwili wurde am 8. Juni 1983 in der georgischen Hauptstadt Tbilissi (Tiflis) geboren. Dort besuchte sie dann eine deutsche Schule. Schon in der Jugend gründete sie mit dem „Fliedertheater“ eine deutsch-georgische Theatergruppe, für die sie von 1998 bis 2003 regelmäßig Stücke schrieb und inszenierte. In ihrer Geburtsstadt studierte Nino Haratischwili an der staatlichen Schule für Film und Theater, und von 2003 bis 2007 setzte sie die Ausbildung an der Theaterakademie in Hamburg fort.

nach oben (zur Kritik bzw. Inhaltsangabe)

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Frankfurter Verlagsanstalt

Nino Haratischwili: Die Katze und der General

Kai Weyand - Applaus für Bronikowski
Kai Weyand wechselt in der leise-melancholischen Tragikomödie "Applaus für Bronikowski" zwischen Ernst und Slapstick. Skurril sind nicht nur die Romanfiguren, sondern auch die Szenen, die Kai Weyand lako­nisch-beiläufig veranschaulicht.
Applaus für Bronikowski