Barbara Honigmann : Chronik meiner Straße

Chronik meiner Straße
Chronik meiner Straße Carl Hanser Verlag, München 2015 ISBN 978-3-446-24762-8, 152 Seiten ISBN 978-3-446-24847-2 (eBook) Taschenbuch: Deutscher Taschenbuch-Verlag, dtv, München 2016 ISBN 978-3-423-14542-8, 152 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die in Berlin-Karlshorst aufgewachsene Ich-Erzählerin zieht mit ihrem Ehemann Peter und ihren beiden Söhnen nach Straßburg, in die Rue Edel, in ein Mietshaus aus den Fünfzigerjahren, das auch in der DDR stehen könnte. In der armseligen Straße wohnen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Kontinenten.
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Kritik

Barbara Honigmann reiht Anekdoten und Episoden aus dem Alltag in einer multikulturell bewohnten Straße in Straßburg aneinander. Sie beobachtet die Nachbarschaft im Alltag und schreibt darüber ebenso unaufgeregt wie schnörkellos. "Chronik meiner Straße" ist ein unspektakuläres Plädoyer für Toleranz und Mitmenschlichkeit.
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Die in Berlin-Karlshorst aufgewachsene Ich-Erzählerin zieht [1984] mit ihrem Ehemann Peter und ihren beiden Söhnen nach Straßburg, in die Rue Edel, in ein Mietshaus aus den Fünfzigerjahren, das auch in der DDR stehen könnte.

Als wir einzogen, am Anfang, vor langer Zeit, sagten wir ja auch, das Haus ist hässlich, die Straße triste, die Gegend öde, nahe dem öden Neubauviertel, wir ziehen jetzt nur schnell ein, damit wir erst einmal einen Platz für uns und die Kinder und unsere Kisten und Kartons haben und unsere Koffer auspacken können, nach Wochen, in denen wir in provisorischen Unterkünften nur aus dem Koffer gelebt haben, und danach, bald, in den nächsten Monaten, werden wir in Ruhe eine neue Wohnung in einer anderen, schöneren Gegend suchen. […] Vieles […] ließen wir in den Kisten und Kartons liegen, wo es zum Teil immer noch liegt, denn wir sind hier nie ausgezogen und wohnen heute noch in der Straße, in der man eigentlich nur „am Anfang“ wohnt.

In einer ehemaligen Kaserne am nördlichen Ende der Straße hat sich eine European Business School eingerichtet, am südlichen Ende gibt es eine École internationale. Zwischen diesen beiden Bildungseinrichtungen leben Menschen aus verschiedenen Kulturen und Kontinenten. Als ein Kurde vor seinem kleinen Laden zwei Tische und Stühle auf die Straße stellt, setzen sich dort Anwohner zusammen und reden miteinander.

[…] die Kinderkrippe und die Drogenszene existieren friedlich nebeneinander […]

Die Ich-Erzählerin hilft anderen Jüdinnen wie Frau Kertész beim Umgang mit deutschen Behörden und übersetzt für die Ungarin Formulare und Bescheide ins Französische. Frau Kertész überlebte mehrere Konzentrationslager und Auschwitz. Nach der Befreiung arbeitete sie in Budapest als Verkäuferin, heiratete einen Juden und brachte drei Söhne zur Welt. Der Ungarnaufstand veranlasste die Familie, in den Westen zu fliehen. Da waren die Fristen für Wiedergutmachungsanträge bereits abgelaufen. Deshalb muss Frau Kertész nun jahrelang kämpfen, bis ihr mit Hilfe der Claims Conference 2250 Euro zugestanden werden. Ihr jüdischer Ehemann dagegen erhält eine Pension vom deutschen Staat, denn unter Horthy musste er zwangsweise in die ungarischen Armee, und die war in die deutsche Wehrmacht integriert. Absurd.

Auch die Nachbarin Loeb gehört zu den Überlebenden des Holocaust. Einer ihrer Enkel bricht nicht nur sein Studium, sondern auch alle Beziehungen ab und zieht sich in einen Wald zurück. Eines Tages zündet er seinen Wohnwagen an und verbrennt darin.

Nadja ist hochschwanger, als sie mit ihrem Ehemann Hakim einzieht. Die Malerin stammt aus Deutschland, der Videokünstler aus Marokko. Den Sohn nennen sie Benjamin („Benny“). Als Hakim zu trinken anfängt, verlässt Nadja ihn und das Kind. Im Alter von 38 Jahren dichtet sie das von ihr bewohnte Zimmer ab, dreht den Gashahn auf und schluckt eine Überdosis Schlaftabletten. Nach ihrem Tod trinkt Hakim noch mehr. Der Sohn Benny bricht die Schule ab und „macht Mist“.

Als es ein Sonderangebot auf dem jüdischen Friedhof in Straßburg gibt, kaufen die Ich-Erzählerin und ihr Ehemann Peter eine Grabstelle.

Bei der alljährlich am 21. Juni gefeierten Fête de la musique kommen die Bewohner der Straße zusammen.

Aber es mehren sich die Zeichen einer hier als „boboïsation“ bezeichneten Gentrifizierung: Bisherige Mieter ziehen zwangsweise oder von sich aus fort, und in den renovierten Wohnungen richten sich jüngere, besser gekleidete Bewohner ein.

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„Chronik meiner Straße“ wird als Roman beworben, aber eine Handlung im landläufigen Sinn gibt es nicht. Barbara Honigmann reiht Anekdoten und Episoden aus dem Alltag in einer multikulturell bewohnten Straße in Straßburg aneinander.

Sie erzählt in „Chronik meiner Straße“ beispielsweise von Marie-Ange aus Madeira, die einen Bügelservice anbietet und sich zugleich als „Konversationskünstlerin“ erweist. Einer der Nachbarn uriniert nicht nur vom Balkon, sondern wirft auch seinen Müll hinunter und hält im Sommer splitternackt seinen Hintern in die Sonne. Häufig begegnet die Ich-Erzählerin einer Person, die einen dreibeinigen Hund ausführt und so „forsch und krachend“ mit „b’schur, Ma’m“ grüßt, dass die Angesprochene nicht sicher ist, ob es sich um eine Hundehalterin oder einen Hundehalter handelt.

Barbara Honigmann geht es nicht um Gesellschaftskritik bzw. -analyse. Stattdessen beobachtet sie die Nachbarschaft im Alltag und schreibt darüber ebenso unaufgeregt wie schnörkellos. „Chronik meiner Straße“ ist ein unspektakuläres Plädoyer für Toleranz und Mitmenschlichkeit ohne erhobenen Zeigefinger.

Tatsächlich zog Barbara Honigmann mit ihrer Familie 1984 nach Straßburg, weil sie glaubte, ihr Vorhaben, als konservative Jüdin zu leben, weder in der DDR-Gesellschaft noch in der Nähe ihrer kommunistischen Eltern in Ostberlin verwirklichen zu können. Das sei für sie ein „dreifacher Todessprung ohne Netz“ gewesen, schreibt sie in „Roman von einem Kinde“: nicht nur von der Assimilation ins Thora-Judentum, sondern auch vom Osten in den Westen und von Deutschland nach Frankreich. Auf die Familiengeschichte bezogen war es auch ein Sprung sowohl nach vorne als auch zurück.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Barbara Honigmann (kurze Biografie)
Barbara Honigmann: Bilder von A.

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