Ragnar Jónasson : Dunkel

Dunkel
Dimma Veröld, Reykjavik 2015 The Darkness Michael Joseph, London 2018 Dunkel Übersetzung: Kristian Lutze btb Verlag, München 2020 ISBN 978-3-442-75860-9, 380 Seiten ISBN 978-3-641-25173-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Einige Monate vor der geplanten Pensionierung soll die isländische Kommissarin Hulda Hermannsdóttir ihr Büro einem jungen Senkrechtstarter überlassen. Immerhin darf sie noch an einem Cold Case arbeiten, dem Fall einer russischen Asylbewerberin, deren Leiche vor einem Jahr am Strand gefunden wurde ...
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Kritik

Ragnar Jónasson verzichtet in dem ruhig und stringent entwickelten Kriminalroman "Dunkel" weitgehend auf Action-Szenen und lässt sich auf eine Antiheldin als Ermittlerin ein. Noch ungewöhnlicher ist das Ende des im Grunde einfachen Plots.
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Huldas Vergangenheit

Hulda Hermannsdóttir muss ihre ersten zwei Lebensjahre in einem Säuglingsheim in Island verbringen, und ihre Mutter darf sie nur zweimal pro Woche durch eine Fensterscheibe sehen. Das Kind wurde unehelich geboren, und der Vater, ein vorübergehend in Island stationierter US-Soldat, weiß nichts davon. Die Großeltern zwangen ihre bei ihnen wohnende Tochter, Hulda entweder zur Adoption freizugeben oder in ein Säuglingsheim zu bringen. Erst als die unglückliche Mutter als Zimmermädchen in einem Hotel genügend Geld gespart hat, um eine kleine Souterrain-Wohnung mieten zu können, kann sie ihre Tochter zu sich holen und während ihrer Arbeitszeiten von einer Tagesmutter betreuen lassen. Aber Hulda gewöhnt sich nur schwer an die neue Situation.

Hulda arbeitet später bei der Polizei in Reykjavik und heiratet einen zehn Jahre älteren Investmentberater namens Jón, der mit ihr in ein schönes Haus in Álftanes zieht. Als sie 40 Jahre alt ist, nimmt sich die 13-jährige Tochter Dimma das Leben. Erst nach dem Suizid wird Hulda bewusst, was sie lange Zeit nicht wahrhaben wollte: Das Kind wurde von Jón sexuell missbraucht. Um Dimma zu rächen, ersetzt sie die Medikamente des Herzkranken durch Placebos und löst nach längerer Zeit einen heftigen Streit aus, der den inzwischen 52-Jährigen so aufregt, dass er zusammenbricht. Hulda lässt den Sterbenden liegen, kehrt ein paar Stunden später nach Hause zurück und ruft den Notarzt, der feststellt, dass Jón an einem Herzinfarkt starb.

Tag 1

Die inzwischen 64 Jahre alte Kommissarin Hulda Hermannsdóttir wird zu ihrem Chef Magnús gerufen, der ihr eröffnet, dass sie nicht erst, wie geplant, zum Jahresende in Pension gehen werde, sondern ihr Büro in zwei Wochen einem jungen Senkrechtstarter überlassen müsse. Sie könne es auch sofort räumen. Davon will die entsetzte Kommissarin nichts wissen. Es gelingt ihr, Magnús zu überreden, in den letzten beiden Wochen wenigstens noch in einem Cold Case ermitteln zu dürfen.

Sie wählt den Fall der 27-jährigen russischen Asylbewerberin Elena, deren Leiche vor einem Jahr in einer Bucht bei Flekkuvík am Vatnsleysuströnd gefunden wurde. Ihr Kopf wies zwar Verletzungen auf, aber der ermittelnde Kommissar Alexander legte den Fall als Selbsttötung zu den Akten und meinte, die Frau könne von einer Welle gegen einen Felsen geschleudert worden sein.

Hulda befragt Dóra, die Leiterin der Asylbewerberunterkunft in der Kleinstadt Njarðvik nahe des Flughafens Keflavík, in der Elena gewohnt hatte, den Rechtsanwalt Albert Albertsson, der Elena geholfen hatte und den von ihm beigezogenen Dolmetscher Bjartur Hartmannsson. Dabei findet Hulda heraus, dass Elena am letzten Tag ihres Lebens von der Asyl-Gewährung erfuhr. Das passt nicht zu Alexanders Suizid-Theorie. Bjartur hält es für möglich, dass die Russin als Prostituierte tätig war. Vielleicht hatte man sie mit falschen Versprechungen nach Island gelockt.

Tag 2

Diesem Verdacht geht Hulda am nächsten Tag nach. Die Befragung þandurs, eines Kollegen von der Sitte, verläuft unergiebig, aber die Karrieristin Karen erwähnt, dass der Großhändler Áki Ákason im Verdacht stehe, einen Prostituierten-Ring zu leiten. Hulda sucht ihn auf, und Áki beantwortet höflich ihre Fragen. Obwohl sie ihn bewusst provoziert, gibt er sich keine Blöße.

In einem Telefongespräch mit Dóra erfährt Hulda, dass Elena einmal von einem Unbekannten mit einem SUV vom Asylantenheim abgeholt wurde und Amena, eine Syrerin, die mit Elena befreundet war, abgeschoben werden soll.

Als Hulda Schriftstücke von Elena abholt, die der Anwalt Albert Albertsson inzwischen fand, trifft sie nur seinen zehn Jahre älteren arbeitslosen Bruder Baldur Albertsson an. Hulda knipst unbemerkt ein Foto von ihm, denn sein Aussehen stimmt mit der Beschreibung des Mannes überein, den Dóra mit Elena sah.

Magnús fordert Hulda auf, sofort zu ihm zu kommen. Zornig fragt er sie, warum sie bei Áki Ákason gewesen sei. Kollegen, die dessen Villa seit Monaten observieren, hätten sie gesehen. Mit ihrem Alleingang habe sie den Verdächtigen gewarnt und eine aufwändig vorbereitete Aktion zu dessen Überführung gefährdet.

Tag 3

Die Syrerin Amena befindet sich in Abschiebehaft. Hulda spricht mit ihr. Amena ist überzeugt, dass Elena sich nicht prostituierte. Und sie erwähnt, dass Elenas russische Freundin Katja, die ebenfalls in der Asylbewerberunterkunft in Njarðvik untergebracht war, ein paar Wochen vor Elenas Tod spurlos verschwand.

Dóra identifiziert auf dem heimlich geknipsten Handyfoto Baldur Albertsson als den Mann, in dessen SUV Elena eingestiegen war. Auf Nachfrage gibt Baldur an, er habe Elena zwei-, dreimal anstelle seines vielbeschäftigten Bruders abgeholt und zu Behördenterminen chauffiert.

Erneut wird Hulda zu ihrem Chef gerufen. Dieses Mal geht es um Emma Margeirsdóttir. Die Frau soll mit ihrem Auto absichtlich einen Pädophilen angefahren haben, der ihren Sohn missbraucht hatte. Vor zwei Tagen vernahm Hulda die Tatverdächtige und brachte sie zu einem Geständnis. Weil Hulda jedoch nicht möchte, dass die allein erziehende Mutter ins Gefängnis muss und der Sohn im Heim aufwächst, sagte sie ihr, sie werde das Geständnis ignorieren und in ihrem Bericht offiziell einen Verkehrsunfall annehmen.

Am letzten Abend versuchte Emma, die Kommissarin telefonisch zu erreichen, aber Hulda war bei Pétur, einem verwitweten ehemaligen Arzt Anfang 70, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann, und wollte sich nicht stören lassen.
Jetzt erfährt sie von Magnús, dass sie vielleicht den Tod eines Mannes hätte verhindern können, wenn sie ans Telefon gegangen wäre. Emma Margeirsdóttir fuhr nach dem vergeblichen Versuch, mit ihr zu reden, ins Krankenhaus und erstickte den verletzten Pädophilen mit einem Kopfkissen. Dann stellte sie sich der Polizei und legte ein umfassendes Geständnis ab.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Spoiler

Zerknirscht fährt Hulda zu Bjatur, um sich Elenas russisch-sprachige Papiere übersetzen zu lassen. Er überfliegt die Texte und sagt, da stehe etwas von einem Ausflug, den Elena mit einer Frau und einem Mann gemacht habe, deren Namen mit K bzw. A abgekürzt seien. Bjatur erklärt sich bereit, Hulda in das genannte Tal zu fahren.

In der einsamen Gegend steht eine Hütte neben einer Baugrube. Dort stellt Bjatur den Wagen ab. Gerade als Hulda Verdacht schöpft, schlägt Bjatur sie von hinten nieder.

Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie gefesselt in der Baugrube, und Bjatur schaufelt Erdreich auf sie. Das Grundstück gehöre einem Freund, dem er beim Bau eines Ferienhauses helfe, erklärt er.

Er habe Katja geliebt und mit ihr einen Wochenend-Ausflug in die Berge gemacht. Als er bei der Übernachtung in einer Hütte versuchte, sich an sie heranzumachen, wehrte sie sich mit einem Eispickel. Am Ende des Kampfes war sie tot. Die Leiche warf er in eine Gletscherspalte. Elena fragte immer wieder nach ihrer verschwundenen Freundin, und Bjatur musste befürchten, dass sie zur Polizei gehen würde. Deshalb täuschte er ihr vor, sie zu Elena bringen zu wollen, schlug sie am Vatnsleysuströnd mit einem Felsbrocken nieder und legte die Bewusstlose so hin, dass sie im Meerwasser ertrinken musste.
Bjatur gibt zu, die Kommissarin durch den Hinweis auf eine mögliche Prostituierten-Tätigkeit absichtlich auf eine falsche Spur gelenkt zu haben.

Dann schaufelt er weiter. Ein paar Tage später wird die Bodenplatte des Ferienhauses gegossen. Von der Leiche darunter ahnt niemand außer dem dreifachen Mörder etwas.

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Die Handlung des Kriminalromans „Dunkel“ von Ragnar Jónasson spielt sich an drei aufeinander folgenden Tagen in Island ab. Eingeschoben sind Rückblenden, also andere Zeitebenen. Da geht es um die Kindheit und die Ehe der vor der Pensionierung stehenden Ermittlerin Hulda Hermannsdóttir und um einen Wochenend-Ausflug von einer Frau und einem Mann, deren Identität erst einmal verborgen bleibt.

Trotz dieser Verschachtelung sind die Zusammenhänge leicht überschaubar.

Wer Action-Szenen erwartet, wird von „Dunkel“ enttäuscht sein, denn Ragnar Jónasson verzichtet auf spektakuläre Verfolgungsjagden und Gewaltexzesse. Bei der Ermittlerin – der Protagonistin – handelt es sich um eine Antiheldin. Trotz ihrer Erfolge gehört sie zu den Verliererinnen. Schuldgefühle und Selbstzweifel, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit prägen sie. Während Ragnar Jónasson die Hauptfigur lebendig und widersprüchlich charakterisiert, bleiben alle anderen Figuren schablonenhaft.

Zu den Pluspunkten von „Dunkel“ gehören die ruhige, eher düstere Atmosphäre und die stringente Entwicklung der Handlung.

Nicht nur mit der Protagonistin weicht Ragnar Jónasson vom Mainstream ab, sondern vor allem mit einem ungewöhnlichen Ende. Allerdings hat man beim Lesen das Gefühl, dass die Auflösung etwas komplizierter hätte sein dürfen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Plot im Grunde recht einfach ist und die Anzahl der Mordverdächtigen klein bleibt.

Der Titel „Dunkel“ entspricht übrigens dem Vornamen von Huldas Tochter Dimma.

„The Times“ zählte „Dimma“ / „Dunkel“ von Ragnar Jónasson zu den besten Krimis der Nachkriegszeit.

Mit dem 2015 veröffentlichten Buch begann Ragnar Jónasson eine Trilogie. Dabei erzählt er rückwärts: Die Vorgeschichte zu „Dunkel“ erfahren wir im zweiten und dritten Band der Reihe.

Die btb-Ausgabe der Trilogie – „Dunkel“, „Insel“, „Nebel“ – wurde nicht aus dem Isländischen, sondern aus der englischen Übersetzung ins Deutsche übertragen.

Den Roman „Dunkel“ von Ragnar Jónasson gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Katja Bürkle.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © btb Verlag

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