Claire Keegan : Kleine Dinge wie diese

Kleine Dinge wie diese
Small Things Like These Faber & Faber, London 2021 Kleine Dinge wie diese Übersetzung: Hans-Christian Oeser Steidl Verlag, Göttingen 2022 ISBN 978-3-96999-065-0, 112 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Es gibt Gerüchte über "gefallene" Mädchen, die in der Wäscherei des Nonnenklosters Zwangsarbeit verrichten müssen, aber die Bevölkerung will davon nichts weiter wissen. Nur ein Kohlenhändler erträgt es nicht, die Augen vor dem Verbrechen zu verschließen ...
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Kritik

"Kleine Dinge wie diese" ist ein überzeugendes Plädoyer für Humanität. Claire Keegan hat es zwar an einem irischen Beispiel festgemacht, aber es gilt ganz allgemein. Sie entwickelt die erschütternde Novelle mit außergewöhnlicher Dichte und Stringenz, verknappt und intensiv.
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Bill Forlog

William („Bill“) Forlog verdient den Lebensunterhalt für die katholische Familie als Holz- und Kohlenhändler in der Stadt New Ross am Fluss Barrow im Südosten der Republik Irland. Seine Frau Eileen und er haben fünf Töchter: Kathleen, Joan, Sheila, Grace und Loretta. Die ältesten von ihnen besuchen die Mädchenschule St. Margaret’s.

Seine Mutter arbeitete als Hausangestellte bei einer protestantischen Witwe auf einem Anwesen außerhalb der Stadt. Als sie im Alter von 16 Jahren schwanger wurde, schickte Mrs Wilson sie wider Erwarten nicht fort, sondern stand ihr bei und sorgte dann auch gemeinsam mit der Mutter und dem Knecht Ned für den am 1. April 1946 geborenen Sohn.

Als Bill 12 Jahre alt war, starb seine Mutter. Wer sein Vater war, hat er nicht herausgefunden. In der Geburtsurkunde steht „Vater unbekannt“, und als er Ned fragte, meinte dieser, es könne einer der vornehmen Gäste von Mrs Wilson aus England gewesen sein.

Bill durfte eine Berufsfachschule besuchen, und zur Verlobung schenkte ihm Mrs Wilson das Startkapital für den Betrieb. Ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit mit Eileen hatte Mrs Wilson einen Schlaganfall. Inzwischen – 1985 – ist sie längst tot.

Das Kloster der Nonnen vom Guten Hirten

Eileen hält Bill für zu weich. Sie missbilligt es beispielsweise, wenn er dem Sohn eines Alkoholkranken die Münzen aus seiner Geldbörse schenkt.

Zu Bills Kunden gehört auch das von den Nonnen vom Guten Hirten geführte Kloster mit einer Grundschule für Mädchen und einer florierenden Wäscherei, die von Pensionen und Restaurants, dem Pflegeheim und dem Krankenhaus, Geistlichen und wohlhabenden Haushalten in Anspruch genommen wird.

Einmal ist Bill bei einer Lieferung zu früh dort.

Er kam zu einer kleinen erleuchteten Kapelle, wo er mehr als ein Dutzend junger Frauen und Mädchen antraf, die auf Händen und Knien lagen, mit Lumpen und altmodischer Lavendelpolitur in kleinen Kreisen den Boden wienerten und sich dabei die Seele aus dem Leib arbeiteten. […] Und nicht eine von ihnen hatte Schuhe an […].

Eine Jugendliche mit grob geschnittenem Haar fleht ihn an, sie zum Fluss zu bringen, sie wolle sich nur noch ertränken. Aber da taucht eine Nonne auf und vergleicht den Bestell- mit dem Lieferschein.

Eileen merkt, dass Bill etwas bedrückt. Am Abend berichtet er ihr von dem Vorfall im Kloster. Seine Frau weiß offenbar mehr über die Zustände dort, aber sie meint:

„[…] wenn wir uns nur um das kümmern, was wir haben, uns mit den Leuten gut stellen und weiterkämpfen, wird keins von unseren Kindern jemals ertragen müssen, was diese Mädchen durchmachen. Die sind ins Heim gesteckt worden, weil sich in dieser Welt keine Menschenseele um sie gekümmert hat. Ihre Familien haben sie sich selbst überlassen, und als sie in Schwierigkeiten gerieten, haben sie ihnen den Rücken gekehrt.“

Bill entgegnet, dass Mrs Wilson seine Mutter damals glücklicherweise nicht weggeschickt habe.

Am 22. Dezember 1985 liefert Bill dem Kloster erneut Kohlen. Als er den vereisten Riegel am Kohlenschuppen öffnet, stößt er auf eine barfuß am Boden kauernde junge Frau. Sie wärmt sich an der Motorhaube, kann sich aber kaum auf den Beinen halten. Bill bringt sie zur Klosterpforte. Eine junge Nonne öffnet, erschrickt und schlägt die Tür sofort wieder zu.

Die Oberin persönlich kommt zum Tor und bittet den Kohlenhändler und das Mädchen herein. Dessen Fehlen habe man gerade erst bemerkt, behauptet sie und fragt die Jugendliche scheinbar besorgt, wer sie eingesperrt habe. Sie hätten nur Verstecken gespielt, lügt das Mädchen. Die Oberin beauftragt eine Nonne, für das Mädchen etwas zu kochen, damit es sich satt essen könne und ordnet an, dass es für diesen Tag von der Arbeit freigestellt wird.

Im Small Talk mit Bill äußert die Oberin ihr Bedauern darüber, dass er seinen Namen nicht weitergeben könne, weil er nur Töchter habe. Bill antwortet:

„Hab ich nicht den Namen meiner Mutter angenommen, Ehrwürdige Mutter? Und geschadet hat es mir nicht.“

Niedergeschlagen kehrt Bill zurück. Er durchschaut, dass die Oberin ihm etwas vormachte. Sarah Redmond ‒ so heißt die aus der Gegend nördlich von Clonegal bzw. Kildavin stammende junge Frau ‒ war augenscheinlich mehrere Tage lang im Kohlenschuppen eingesperrt, und er macht sich Vorwürfe, weil er die Oberin nicht nach Sarahs 14 Monate altem Säugling fragte.

Was ihn quälte, war nicht so sehr, dass sie im Kohlenschuppen eingesperrt worden war, auch nicht die Haltung der Mutter Oberin; schlimmer war, wie das Mädchen in seiner Gegenwart behandelt worden war, dass er es zugelassen und sich nicht nach ihrem Baby erkundigt hatte – das Einzige, worum sie ihn gebeten hatte –, dass er das Geld genommen und sie dort am Tisch zurückgelassen hatte, ohne dass ihr etwas Essbares vorgesetzt worden wäre, dass unter der kleinen Strickjacke die Muttermilch ausgelaufen war und ihre Bluse befleckt hatte und dass er danach wie ein Heuchler zur Messe gegangen war.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Weihnachten

Am Heiligen Abend will Bill kurz bei Ned vorbeischauen. Aber eine Unbekannte öffnet und erklärt ihm, Ned erhole sich in einem Pflegeheim von einer Lungenentzündung. Und sie fügt hinzu:

„Leicht zu erraten, dass Sie miteinander verwandt sind.“
„Was?“
„Ich kann die Ähnlichkeit sehen“, sagte sie. „Ist Ned ein Onkel von Ihnen?“
Furlog, dem keine Antwort einfiel, schüttelte den Kopf […].

Endlich begreift Bill, warum der Tod seiner Mutter Ned so nahe ging.

Die Wirtin Mrs Kehoe, die Gerüchte darüber gehört hat, dass Bill ein im Kohlenschuppen des Klosters eingesperrtes Mädchen befreite, warnt ihn davor, sich mit der Kirche oder den Nonnen anzulegen. Das sei zu gefährlich.

Aber Bill erträgt es nicht, untätig zu bleiben. Er fährt zum Kloster, und wie befürchtet, findet er Sarah erneut im Kohlenschuppen. Obwohl er weiß, dass er einen Preis zu bezahlen und auch mit Eileen Ärger haben wird, nimmt er die junge Mutter mit nach Hause.

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Am konkreten Beispiel veranschaulicht Claire Keegan in ihrer Novelle „Kleine Dinge wie diese“, wie eine Gesellschaft schlimmes Unrecht ignoriert. In diesem Fall dreht es sich um die von der katholischen Kirche in Komplizenschaft mit dem irischen Staat betriebenen „Magdalenen“-Wäschereien, in denen „gefallene“ Mädchen und Frauen unter dem Vorwand der Rehabilitation Zwangsarbeit verrichten mussten.

In einer Nachbemerkung zu „Kleine Dinge wie diese“ schreibt Claire Keegan:

Es ist nicht bekannt, wie viele Mädchen und Frauen in diesen Einrichtungen versteckt, eingekerkert und zur Arbeit gezwungen wurden. Zehntausend ist eine vorsichtige Schätzung, dreißigtausend trifft es wahrscheinlich eher. […] Viele von ihnen verloren ihre Babys. Manche verloren ihr Leben. […] die meisten verloren das Leben, das sie hätten führen können.

Erst als 1993 ein Nonnenorden in Dublin einen Teil des Klosters verkaufte und auf dem Gelände 155 anonym begrabene Leichen entdeckt wurden, konnte man nicht mehr über die Verbrechen in den „Magdalenen“-Wäschereien hinwegsehen. 1996 wurde die letzte der Einrichtungen geschlossen. 2021 konstatierte die 2015 von der irischen Regierung etablierte Mother and Baby Homes Commission of Investigation, dass 1922 bis 1998 in 18 untersuchten Einrichtungen 9000 Kinder umgekommen waren, anteilig doppelt so viele wie in der Bevölkerung.

Vor diesem Hintergrund erzählt Claire Keegan in „Kleine Dinge wie diese“ von einem Holz- und Kohlenhändler, der trotz Warnung durch eine ihm wohlgesonnene Wirtin und gegen den Willen seiner Ehefrau nicht länger untätig bleibt, sondern mitmenschlich handelt. Dabei weiß er, dass ihm das sehr viel Ärger einbringen wird und er einen Preis dafür zu zahlen hat. Aber er erträgt es nicht, wie die anderen in der Stadt die Augen vor dem Unrecht zu verschließen.

„Kleine Dinge wie diese“ ist ein überzeugendes Plädoyer für Humanität. Claire Keegan hat es zwar an einem irischen Beispiel festgemacht, aber es gilt ganz allgemein. Wir könnten auch an die Verbrechen im „Dritten Reich“ oder an die Strukturen der Kirche im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Kindern durch Geistliche denken.

Claire Keegan entwickelt die Novelle mit außergewöhnlicher Dichte und Stringenz, verknappt und intensiv. Kein Detail ist überflüssig. Trotz der nüchternen Darstellung wirkt die Lektüre von „Kleine Dinge wie diese“ erschütternd.

Bemerkenswert ist außerdem die Ausstattung des Buches mit Leineneinband, Fadenheftung und Lesebändchen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Steidl Verlag

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